14.08.2005 - 16:12 Uhr

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Füße heben, Rotz hochziehen

Text: emosozialprodukt

Er sagt, dies sei eine Zeit, die schon längst in Stücke fällt. Und drückt dabei den Arm noch fester an den Körper, dazwischen eine Mappe, ich frage mich, ob er da all seine gefalteten Gesichter mit sich herumträgt. „Nur Skizzen“, sagt er. „Nur Skizzen“.

Eigentlich hat er mich festgehalten, mit einem entschlossenen Griff, manchmal spüre ich seinen Daumen noch im Nacken, die weißen Stellen auf der sonnengeröteten Haut im Ansatz noch erkennbar. Manchmal weiß Jonas, was er will. Ich hätte nicht stehen bleiben müssen, ich hätte weitersummen können, wie immer, wenn er früher meinen Namen sprach. Er hätte ein paar Haare in seiner Faust zurückbehalten und die Wut im Gesicht. Ich hätte einfach weitergehen können, mit den Armen schlenkernd. Den Beutel mit der Milch hätte ich trotzdem erst zu Hause lockergelassen und da wären auch weiße Stellen auf der roten Haut gewesen. Von den eigenen Nägeln, von der Angst. Ich hätte gepfiffen und das laut und immer und immer wieder dieselbe Melodie, mehr kann man nicht in erzwungener Leichtigkeit, in gespielter Ignoranz. Aber er hat mich festgehalten und ich bin stehen geblieben. Jonas sagt, wir seien zwei, die sich noch ewig kennen werden. Und scharrt dabei mit der Fußspitze im Sand am Rand des Fußweges, nicht nervös, nicht unruhig. Vielleicht hat er sich die Sätze vorher zurechtgelegt, vielleicht ist er aber auch einer der Menschen, die nicht wie ich erst ewig überlegen müssen, bevor sie am Ende sowieso die falschen Worte wählen. Jedes Mal wieder. „Nicht einmal Freunde“, sagt er. „Nicht einmal Freunde“. Wir in Fragmenten schneiden uns am Fleisch des anderen. Meine Handflächen sind wund von diesen Wangen, sein Mund ist rot von Kieselstein und Lüge. „Zählst du die Schrammen noch, Emma?“, hat er gefragt am Morgen nach einer schlaflosen Nacht. „Machst du dir noch was aus all diesen Stellen?“, murmelte er und drückte mir einen nassen Waschlappen auf meine heiße Stirn. Ich sagte nichts, ich schlief nur ein dann, mein Fieber blieb noch vier Tage. Und hinterher ist es immer, als sei es nicht da gewesen. Man braucht ein zwei Tage, um sich zu regenerieren, dann fließt es wieder, alles geht weiter, die Tabletten landen im Schrank, man passt nicht mehr auf, man trinkt wieder viel und schläft wieder wenig. Und jetzt ist Sommer ein Jahr weiter und Jonas hat mich festgehalten da an der Straßenecke, die Bahn fährt an uns vorbei und klingelt laut, ein Presslufthammer macht sich Platz, ich warte nur. Das mit der Aktion habe ich abgestellt, seit Jonas weg ist. Ich übte reagieren und jetzt, jetzt kann ich nicht mehr anders. Ich habe das Fragezeichen verloren und die W-Worte. Es gibt kein Wie und Warum, es gibt kein Wann und Wieso mehr. Diese Fragen sind nur vorgeschobene Ausreden, verrückte Verantwortung. Die Verbände wickle ich mittlerweile nebenbei, ich muss da nicht mehr hinsehen. Ich weiß jetzt Antworten, die Fragen habe ich abgelegt. Und dies ist eine Zeit, die schon längst in Stücke fällt. Aber beim Licht im Kühlschrank weiß man auch nie zu hundert Prozent, ob es wirklich ausgeht, wenn man die Tür zumacht.


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