24.07.2005 - 19:21 Uhr

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Scotland Yard in Echtzeit

Text: emosozialprodukt

Jonas ist zurück und das einzige, was wir voneinander sehen, sind Rockzipfel und Hosenbeine.

Ich weiß, dass er es ist, wenn es abends klingelt und niemand die Treppen hinaufkommt. Ich gehe nicht einmal zum Öffner, ich weiß ja, dass er es ist. Ich höre keine Schritte im Hausflur, vor einem Jahr habe ich nie geöffnet, dann hat er immer bei den Nachbarn geklingelt, kam trotzdem hoch, er hat das Licht gesehen. Wenn er geklopft hat, hab ich ihn reingelassen. Natürlich hab ich ihn reingelassen. Unbeeindruckt dann meine Arbeit fortgesetzt. Arbeit oder Beschäftigung, vielleicht habe ich gerade gekocht, er hat nie die Deckel von den Töpfen genommen, ihn hat das nicht interessiert, abends aß er selten. Für Jonas ist der Morgen die beste Zeit des Tages, morgens darf gestritten, gewütet, geliebt und geträumt werden, morgens hat man die Nacht überstanden, alles wacht auf, alles ist noch klar und morgens ist für ihn nicht zehn Uhr, sondern fünf oder sechs. Der Abend ist für Jonas Restzeit. Abspann. Das Stück, dass man noch schaffen muss, bevor man schlafen darf. Abends soll man sich nicht um große Worte scheren, da will er nur den Kopf ablegen. Die Mückenstiche habe ich ihm geküsst am Abend. Wir atmeten ruhig. Und nun sehen wir nur noch Fetzen. Haare oder mal einen Hinterkopf. Geräusche vielleicht, denn die sind mit Jonas zurückgekommen. Ich erkenne seinen Gang auf der Straße, wenn ich oben im Zimmer sitze. Ich weiß, wie er atmet an den verschiedenen Zeiten des Tages. Und ich glaube mittlerweile zu wissen, wer er war in meinem Stundenplan, in meiner Ordnung. Und ich habe beschlossen, dass Jonas im richtigen Augenblick gegangen ist. Früher hätte er nicht gehen dürfen, ich hätte ihn vergessen. Später hätte er nicht gehen dürfen, ich hätte ihn verloren. Und nun ist März und wir spielen Scotland Yard in Echtzeit. Manchmal schickt er mir Nachrichten mit dem Namen von U-Bahn-Stationen. Und wenn es passt und ich in der Nähe bin, fahre ich hin. Nur manchmal. Nur ab und zu. Mittlerweile glaube ich, seine Spuren zu erkennen. Zu wissen, was er denkt, wenn er mich dorthin bestellt. Vor ein paar Tagen bin ich zum Kottbusser Tor gefahren, nachdem es in meiner Tasche piepte. Ich hatte Sarah besucht, war sowieso auf dem Weg nach Hause. Jemand hatte dort einen riesigen Strauß Blumen entzwei gepflückt, die Blüten lagen in bunten Farben verstreut vor dem Eingang zur U-Bahn. Jonas war das nicht, aber er hat sie gesehen. Wir haben sie beide gesehen. Und heute Vormittag stand ich in der Boxhagener Straße und es piepte und ich lief und lief ein paar Straßen weiter, ich sah seine Jacke noch und hielt dann an. Wir können uns nicht begegnen. Das wäre wie schwarzfahren und am Ziel das Ticket stempeln. Wir dürfen uns nicht sehen. Es ist nicht meine Kunst, Besonderheiten auszumachen. Jonas kann sowas. Und er ist auch der einzige, der meinen Namen so ausspricht, dass er nicht nach einer Kuh klingt. Ich kann ihm nur folgen. Ich kann seine Zeichen nehmen und sie in meinen Kopf kleben. Ich kann hoffen, ihn nicht unglücklich zu machen, indem ich bleibe und warte, wo ich bin. Es ist nicht meine Art, ihm entgegenzulaufen. Aber niemals würde ich mich umdrehen und gehen. Ich würde keine Tür schlagen und diesen Ort nicht verlassen. Ich werde bleiben und ich glaube, das weiß er. Ich jage ihn nicht, er versteckt sich trotzdem. Man bekommt einen Wink, wenn man Glück hat, wenn es ein guter Tag ist. Und die Wochen vergehen, auch wenn mal nichts passiert. Jonas rechnet in Begegnungen, ich zähle nicht so. Armbanduhren als Maß der Dinge machen es einem leichter. Jonas weiß das, aber er will es nicht. Ihn beruhigt dieses Ticken nicht, ihn macht das nervös. Und er läuft und läuft und hin und wieder schreibt er mir eine Karte oder es piept in meiner Tasche. Dann weiß ich, dass er noch da ist. Und er, dass ich ihn nicht vergessen kann.


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4 Kommentare

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pinch
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Mag ich Mag ich nicht

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24.07.2005 - 21:23 Uhr
pinch

*

selinaaa
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Mag ich Mag ich nicht

0

25.07.2005 - 12:15 Uhr
selinaaa

+ großartiger text +

(und darf ich fragen, wie du heißt, weil das mit der kuh hat mich dann doch neugierig gemacht ;)

emosozialprodukt
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Mag ich Mag ich nicht

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25.07.2005 - 12:35 Uhr
emosozialprodukt

ich bin das nicht.
die figur heißt emma.

lichtstille
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Mag ich Mag ich nicht

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28.07.2005 - 20:41 Uhr
lichtstille

schöner -

text..


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ist jetzt-Userin und hat diesen Beitrag verfasst.

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