unter´m fenster
Es ist schön, das Licht in deinem Fenster zu sehen. Ich könnte klingeln, aber man würde mich wohl mit ungläubigen Blicken anschauen,wenn ich vor der Tür stünde. Einmal war ich kurz davor, einen Schneeball an dein Fenster zu werfen, nur um zu gucken, wer öffnet und ob es überhaupt jemanden interessiert. Ich hab mit Absicht nicht getroffen. Und bin wieder gegangen. Aber es war schön, das Licht in deinem Fenster zu sehen. Manchmal flackert es in deinem Zimmer und die Wände sind dann plötzlich grün und rot und blau und nicht einfach nur weiß. Und auch die Palme im rechten Fensterflügel ist neu. Letzten Frühling haben wir auf dem Fensterbrett gesessen und unsere Füße über den Leuten baumeln lassen. Und wir haben Seifenblasen hinaus gepustet, bis dir das Seifenwasser über einer älteren Dame mit Sturmfrisur ausgekippt ist. Wir haben uns rückwärts auf dein Bett fallen lassen. Da waren die Wände einfach nur weiß. Manchmal laufen Leute durch dein Zimmer, die ich nicht kenne und ich hab sie oft lachen sehen. Dann sind es immer viele und sie trinken und hören laute Tanzmusik und fühlen sich frei. Das haben sie einmal auf ein Laken geschrieben und aus deinem Fenster gehängt. Wir wollten uns mal eine Brieftaube kaufen und ihr eine Schatzkarte ans Bein hängen. Nur um zu sehen, ob die Menschen noch Wagnisse wagen. An der Suche nach einem Vogelgeschäft sind wir gescheitert und haben uns Malkreide gekauft und unsere Füße in blauem Staub gebadet. Unseren Weg hat man bis zum nächsten Regen gesehen. Manchmal sind deine Scheiben beschlagen und irgendwann kommen Arme und reißen die Fensterflügel auf. Einmal hab ich eine Frau da stehen sehen. Ein bisschen älter als wir, aber noch jung. Vielleicht eine Studentin. Sie stand einfach nur in deinem Fenster und rieb sich ihre Arme, als wäre ihr kalt. Im letzten Winter beschlugen die Scheiben auch. Und wir haben nackt noch Gesichter gemalt und das Fenster erst geöffnet, als auch die Gesichter wieder unsichtbar waren. Du hast hinter mir gestanden, als wir Ufos im Himmel gesucht haben. Und obwohl du mich nicht berührt hast, bekam ich eine Gänsehaut. Du hast sie später naiv wegküssen wollen. Nicht verstanden, dass du all diese Härchen auf meinen Armen hast auferstehen lassen. Die weiße Farbe platzt schon von deinem Fensterrahmen und ich würde gerne klingeln und fragen, ob ich beim Streichen helfen kann. Du wolltest immer blaue Fensterrahmen, aber der Hausbesitzer hat sich gesträubt. Wir haben trotzdem im Baumarkt das schönste Meerblau ausgesucht und damit den Blumenkasten angemalt, den ich dir geschenkt hab. Das passte gut zu den Vergißmeinnicht. Ich komme oft noch vorbei. Und es ist immer wieder schön, Licht in deinem Fenster zu sehen. Dann kann ich mir einbilden, der letzte Sommer wäre nie gewesen. Und die Vorstellung, ich könnte einfach zu dir hinaufgehen und klingeln, beruhigt die ständige Sehnsucht für einen Moment. Vielleicht klingel ich wirklich einmal und frage, ob sie nicht noch ein bisschen blaue Farbe für die Fensterrahmen haben wollen. Es ist noch ein bisschen davon übrig, womit ich den Stein auf deinem Grab angemalt habe. Es passt gut zu den Vergißmeinnicht.
- 26. November 2011, ca. 18 Uhr 11.05.2012
- samstagabend. 06.05.2012
- Das Spiel mit den Klischees. 11.04.2012
- Kommen. Gehen. Bleiben. // Under the tree. 04.04.2012
- Der letzte Gang.//Visit on the cemetery. 27.03.2012
nur gänsehaut.








0
18.01.2003 - 19:36 Uhr
fl1x