Ich möchte jemanden erschießen
Im Zug ist fast kein Platz mehr. Mehrere Schulklassen machen einen Ausflug ins Mathematikmuseum in Gießen. Ich erkämpfe mir einen Platz in einer Vierergruppe.Zwei Studenten, die zum Demonstrieren unterwegs sind und eine schlimme aufgedrehte dicke Frau mit einer Brille mit innovativ asymmetrisch gestaltetem Nasenbügel. Ungefragt fängt sie an zu erzählen: Wie interessant Mathematik doch ist („sehr“), was sie von Quantenphysik hält („langweilig. Da schlafen einem dieselben bei ein, hahaha“), was man nach einem Mathestudium machen kann („nichts“), daß sie in der „Herr der Ringe“-Nacht war, wie der Film so war („Die einen sagen so, die anderen so, ich aber denke: eher so“), wie voll das Kino war („erst leer, dann voller, dann rappelvoll“). Die zwei Studenten stehen ihrer Begeisterung für den „Herrn der Ringe“ eher ablehnend gegenüber („Schon ziemlich rassistisch, diese blonden Elben und die bösen Südländer“), auch, weil „die Frauen darin nur zum Lieben und Geliebtwerden da sind“ (Sind wir das nicht alle? Männer und Frauen?) und nicht richtig kämpfen dürfen. Das kann die asymmetrische Brillenfrau nicht verstehen. Buch lesen und Schlaf vortäuschen ist zwecklos. Ich gebe auf, öffne meine Augen und versuche, mich destruktiv am Gespräch zu beteiligen. Daß die Studenten streiken, dafür hat sie Verständnis. Koch, der hat sie doch nicht alle. Der Typ von der Bahn auch nicht, der Mehdorn. Alles Luschen, nichtsnutzige, die, „wenn sie eine Fliege verschlucken, auf einmal doppelt so viel Hirn haben“. 5 Sekunden Pause. Dann etwas völlig neues, ein Themenwechsel wie von Sdaam Hussein zum Skispringen. „Ich muß ja gestehen: ich freu mich echt, wenn die Bayern im Fußball verlieren.“ Erster Student, zweiter Student und ich (lustlos) „Schön.“ „Nee, also wirklich. Ich mag ja Fußball, so wenn da immer 10 gegen 10 spielen.“ Erster Student: „Na, eigentlich sind das... 11.“ Ich: „Und ich hab es am liebsten, wenn es zum 12 Meter Schießen kommt.“ „Pah! Frauenfußball ist eh viel schöner. Da wird wenigstens nicht so viel getreten und gefoult. Und wir sind Weltmeister geworden!“ Erster Student: „Ich hab das Finale zwar auch gesehen, aber es tut mit Leid, ich bin dabei so richtig müde geworden, ohne es zu wollen.“ Ich: „Seit wann redet Ihr denn mit Frauen über Fußball?“ „Fertig studiert sein und dann so daher reden, ts ts ts.“ Weiter erfahre ich auf dieser einstündigen Bahnreise folgendes. Sie ist Chemielaborantin („aber da hat man nur wenig mit Chemie zu tun“), ihr Vater hatte ein Geschäft, bevor er Pharmareferent wurde („da warn auch wieviele studierte Chemiker, die das gar nicht konnten, den Leuten was verkaufen und aufschwätzen.“); sie weiß, was man als Pharmareferent verdienen kann („Schon ziemlich gut, aber eigentlich jetzt nicht sooo viel“), teilt mit, daß sie in Frankfurt gern mal in Demonstrationen gerät („bei denen ich nie weiß, wofür oder wogegen die sind, aber ich geh immer erst einmal mit.“), daß sie schon 24-stündige „Star Trek“-Nächte mitgemacht hat (Kopfschütteln bei den Studenten, weil... „der 5. Teil war doch ziemlich schlecht.“), also die knapp 10 Stunden „Herr der Ringe“ gar nix dagegen gewesen sind; sie weist darauf hin, daß George W. Bush ersticken solle, daß der im Fernsehen gezeigte Saddam Hussein nicht der echte sein könne, daß es im Wagen hier ja ganz schön heiß sei und voll, daß der Kollege von ihrem Vater mal im Frankfurter Hauptbahnhof aus dem Zug gestiegen ist, ihm dann eine Pistole an den Kopf gehalten wurde und man von ihm verlangte, daß er doch bitte sein Portemonnaie abgebe, dieser Kollege (wahrscheinlich ein Pharmareferent) aber Mitglied in einem Schützenverein gewesen sei (ob er noch lebt, das wollte ich gar nicht erst fragen) und deswegen erkannt habe, daß die Waffe noch gesichert gewesen sei, weswegen er dann die Waffe selbst in die Hand genommen habe und zu dem ausländisch aussehenden Typ (Eine Vermutung, die schon fast so rassistisch wie „Der Herr der Sonnenkreuze“ oder „Der Kleine Nazihobbit“ von J. R. R. Tolkien ist) gesagt habe, daß die Waffe noch gesichert sei, dieselbe dann entsichert und dem Ausländer zurückgegeben habe, der daraufhin verschüchtert von dannen gerannt sei. Der Zug rollt im Frankfurter Hauptbahnhof ein. Wenn gleich die Türe aufgeht und die Frau mit der asymmetrischen Brille nicht sofort von einem dort herumlungernden Verbrecher erschossen wird, liegt es an mir, sie umzubringen. Immer bleibt alles an mir hängen.
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18.12.2003 - 11:08 Uhr
kameliendame