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    <title>andreas-glas.jetzt.de</title>
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    <description>Alle Texte von andreas-glas auf jetzt.de</description>
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      <title>andreas-glas.jetzt.de</title>
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    <item>
      <title>Kommt la Revolución?</title>
      <description>Seit dem Wo&amp;#173;chenende bela&amp;#173;gern zehntausende Demonstranten die Pl&amp;#228;t&amp;#173;ze in allen gro&amp;#223;en St&amp;#228;dten Spaniens. Worum geht es da eigentlich? Ein Lagebericht&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Kein Jahr ist es her, da schwebte Spaniens Jugend auf Wolken. Hun&amp;shy;derttausende zogen auf die Stra&amp;szlig;en und feierten den Sieg bei der Fu&amp;szlig;ball-WM. Es war ein Sommerm&amp;auml;rchen, ein Traum. Die Wirklichkeit sah anders aus. &lt;br /&gt;Schon damals war mehr als jeder Dritte junge Spa&amp;shy;nier arbeitslos. Von der Nacht des WM-Triumphs blieb vielen nur ein &amp;uuml;bler Kater, der bis heute wirkt. In die&amp;shy;sen Tagen ziehen Spa&amp;shy;niens Jugendliche wieder auf die Stra&amp;shy;&amp;szlig;en. Zu Tausenden. Doch statt Euphorie treibt sie nun die Wut. Es ist die lange unterdr&amp;uuml;ckte Wut einer Generation, die sich von der Politik im Stich ge&amp;shy;lassen f&amp;uuml;hlt. Zweieinhalb Jahre nach Beginn der Finanzkrise hat die Jugendarbeitslosigkeit ein Rekordhoch von fast 45 Prozent er&amp;shy;reicht. Jetzt scheint die Geduld der Jugend am Ende zu sein. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Seit dem Wo&amp;shy;chenende bela&amp;shy;gern zehntausende Demonstranten die Pl&amp;auml;t&amp;shy;ze in allen gro&amp;szlig;en St&amp;auml;dten des Landes. Weil keine Besse&amp;shy;rung in Sicht ist, k&amp;ouml;nnten die Auf&amp;shy;st&amp;auml;nde der An&amp;shy;fang einer breiten Protest&amp;shy;welle sein. Es herrscht Endzeit&amp;shy;stimmung im Welt&amp;shy;meister-Land.  &amp;bdquo;Wir haben lange still gehalten, aber inzwischen hat auch der Letzte verstanden, dass wir nur etwas erreichen k&amp;ouml;nnen, wenn wir uns verb&amp;uuml;nden und auf die Stra&amp;szlig;e gehen&amp;ldquo;, sagt Pablo Padilla von der Protestbe&amp;shy;wegung &amp;bdquo;Juventud Sin Futuro&amp;ldquo; (&amp;bdquo;Jugend ohne Zukunft&amp;ldquo;). &amp;Uuml;ber Facebook und Twitter organisieren sich inzwischen rund 200 Gruppierungen, an deren Spitze das Pro&amp;shy;jekt &amp;bdquo;Democracia Real Ya!&amp;ldquo; (&amp;bdquo;Echte Demokratie, jetzt!&amp;ldquo;) steht.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;F&amp;uuml;r Iv&amp;aacute;n Miguel h&amp;auml;tte der Sturz von der Euphorie in die Depres&amp;shy;sion kaum heftiger sein k&amp;ouml;nnen. Am Morgen nach dem WM-Finale bekam der 23-j&amp;auml;hrige Kellner einen Anruf seines Chefs. Er wurde entlas&amp;shy;sen. Nach nur vier Wochen war er wieder arbeitslos, die Su&amp;shy;che nach ei&amp;shy;ner Perspektive begann von vorne. &amp;bdquo;F&amp;uuml;r mich ist eine Welt zusam&amp;shy;mengebrochen&amp;ldquo;, sagt Iv&amp;aacute;n, der eigentlich Elek&amp;shy;triker ist. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Iv&amp;aacute;ns Schicksal ist kein Einzelfall: Viele junge Spanier haben sich l&amp;auml;ngst vom Gedanken verabschiedet, einen Job zu bekommen, der ih&amp;shy;ren Qualifikationen entspricht. Auch wer einen Universit&amp;auml;tsab&amp;shy;schluss hat, muss sich bisweilen gl&amp;uuml;cklich sch&amp;auml;tzen, wenn er einen Gelegenheitsjob als Schuhverk&amp;auml;ufer oder Barmann bekommt. Selbst unbezahlte Praktika sind kaum mehr zu kriegen, ohne Chan&amp;shy;ce auf einen Job beginnen viele ein Zweitstudium oder promovieren. &lt;br /&gt;Doch was ist ein Doktortitel noch wert, wenn irgendwann jeder einen hat? Ohne Ein&amp;shy;kommen bleibt Tausen&amp;shy;den nur eine Alternative: zur&amp;uuml;ck ins Eltern&amp;shy;haus. Auch Iv&amp;aacute;n lebt wieder bei seinen Eltern: &amp;bdquo;Ich bin kein 14-J&amp;auml;hriger mehr, der sei&amp;shy;nen Vater um 20 Euro bet&amp;shy;telt, da&amp;shy;mit er abends weggehen kann. Jetzt tue ich das manchmal wieder. Du willst dein Leben le&amp;shy;ben, aber du kannst nicht. Ich brau&amp;shy;che Ar&amp;shy;beit, sonst ersti&amp;shy;cke ich.&amp;ldquo;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://jetzt.sueddeutsche.de/upl/images/user/ph/philipp-mattheis/text/regular/845171.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt; Wird das die &quot;spanische Revolution&quot;?&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Kaum ein europ&amp;auml;isches Land hat die Wirtschafts- und Finanzkrise h&amp;auml;rter getroffen als Spanien. Der Boom der Baubranche garantierte &amp;uuml;ber Jahre hinweg genug Jobs f&amp;uuml;r junge, h&amp;auml;ufig ungelernte Arbeits&amp;shy;kr&amp;auml;fte. Doch als die Finanzkrise die Immobilienblase platz&amp;shy;ten lie&amp;szlig;, ging die Mehrzahl dieser Stellen verloren. Der Einbruch im Bausektor zog eine Lawine nach sich, die fast alle Wirtschaftsbe&amp;shy;reiche erfasste. Die Folge war eine Kettenreaktion, die nach VWL-Lehrbuch klingt: Weil Auftr&amp;auml;ge ausbleiben werden Jobs ab&amp;shy;gebaut, weil Arbeitslose weniger Geld zur Verf&amp;uuml;gung haben sinkt die Kauf&amp;shy;kraft und die Steuereinnahmen des Staates. Die gesamte Wirtschaft kollabiert. Und weil die meisten Jugendlichen nur be&amp;shy;fristete Ar&amp;shy;beitsvertr&amp;auml;ge besitzen, sind sie diejenigen, die Ent&amp;shy;lassungen als Erste treffen. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;F&amp;uuml;r Pablo Padilla gibt es kei&amp;shy;nen Zweifel, wer verantwortlich ist f&amp;uuml;r die Job-Misere und den Frust einer gan&amp;shy;zen Generation: &amp;bdquo;Schuld tragen nat&amp;uuml;r&amp;shy;lich die Banken und Wirtschaftskonzerne, aber eben auch die politische Klasse, die sich zu deren Komplizin gemacht hat&amp;ldquo;. Spa&amp;shy;niens Jugend, glaubt Pablo, zahlt die Zeche f&amp;uuml;r die gro&amp;szlig;e Party der Spekulanten vor der Finanzkrise: &amp;bdquo;Dabei sind wir diejenigen, die am wenigsten daf&amp;uuml;r k&amp;ouml;nnen.&amp;ldquo;  Spaniens Regierung ist in Alarmbereitschaft. Der Grund: Am Sonn&amp;shy;tag finden Kommunalwahlen statt, die Demonstranten rufen dazu auf, f&amp;uuml;r keine der beiden gro&amp;szlig;en Volksparteien zu stimmen. Weder f&amp;uuml;r die regierenden Sozialisten der PSOE, noch f&amp;uuml;r die gr&amp;ouml;&amp;szlig;te Opposi&amp;shy;tionspartei, die konservative PP. Um ein Zeichen des Protests zu setzen, will man ausschlie&amp;szlig;lich die kleineren Parteien w&amp;auml;hlen. &amp;bdquo;Aber im Grunde&amp;ldquo;, sagt Pablo, &amp;bdquo;interessiert uns gar nicht so sehr der Wahltag am 22. Mai. F&amp;uuml;r die jungen Leute geht es schlicht darum, wie es am 23., 24. und 25. Mai weitergeht.&amp;ldquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Welche Auswirkungen die Demos auf die Kommunalwahl haben, werden aus der Ferne auch jene Jugendlichen beobachten, die ihr Gl&amp;uuml;ck in&amp;shy;zwischen im Ausland suchen. Dass immer mehr hochqualifizierte jun&amp;shy;ge Spanier das Land verlassen, ist der vielleicht gef&amp;auml;hrlichste Dominoeffekt der Krise. Denn Spanien verliert mit ihnen ausgerech&amp;shy;net jenes wertvolle Humankapital, das gerade in Zeiten der Krise und des demografischen Wandels f&amp;uuml;r die Moderni&amp;shy;sierung des Landes notwendig w&amp;auml;re. Auch Pablo ist deswegen be&amp;shy;sorgt: &amp;bdquo;Wenn ich die Einzelschicksale betrachte, kann ich es ver&amp;shy;stehen, wenn jemand nach Frankreich, Deutschland oder in die Schweiz geht. In Spanien gibt es nun mal keine Arbeit. Aber ich w&amp;uuml;rde mir w&amp;uuml;nschen, dass jeder Einzelne begreift, dass es ein kol&amp;shy;lektives Problem ist, das wir nur gemeinsam l&amp;ouml;sen k&amp;ouml;nnen. Wenn je&amp;shy;der seinen eigenen Weg geht, bringt uns das nicht weiter.&amp;ldquo;  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wie der gemeinsame Weg aussehen k&amp;ouml;nnte, ist derzeit an der Puer&amp;shy;ta del Sol zu sehen. Seit Tagen belagern Demonstranten den Platz im Zentrum Madrids, manche haben Zelte aufgeschlagen und verbrin&amp;shy;gen auch die N&amp;auml;chte dort. Ihr Motto: &amp;bdquo;Yes, we camp!&amp;ldquo; Die britische BBC vergleicht die Proteste gar mit den j&amp;uuml;ngsten Ereignissen auf dem Tahrir-Platz in &amp;Auml;gypten. Nicht zuletzt deshalb, weil die Jugendli&amp;shy;chen sich auch in Spanien &amp;uuml;ber das Internet organisieren und bis&amp;shy;lang eine friedliche Strategie verfolgen. F&amp;uuml;r Pablo und seine Gruppe steht fest: Die aktuellen Demonstrationen sind nur der Be&amp;shy;ginn einer langen Protestwelle. &amp;bdquo;Wir wollen zeigen, dass die Demos nicht die Idee einzelner Romantiker ist, sondern Ausdruck der Un&amp;shy;zufriedenheit eines ganzen Volkes mit den unsozialen Ma&amp;szlig;nah&amp;shy;men des Staates.&amp;ldquo; &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Bisher scheint der Plan zu funktionieren. Waren die Demonstran&amp;shy;ten anfangs vor allem Studenten, ziehen nun immer mehr Menschen aus allen Alters- und Gesellschaftsschichten zur Puerta del Sol. Dort&amp;shy;hin, wo w&amp;auml;hrend der Fu&amp;szlig;ball-WM das riesige Werbeplakat eines Sportartikelherstellers hing. Es zeigte Andr&amp;eacute;s Iniesta, den Sieg&amp;shy;torsch&amp;uuml;tzen des WM-Finales. Der Slogan: &amp;bdquo;Es ist unser Jahr. Es wird unsere &amp;Auml;ra sein.&amp;ldquo; Ein Jahr nach den Fu&amp;szlig;ballern will auch Spa&amp;shy;niens Jugend eine neue Zeitrechnung einleiten. Die Proteste k&amp;ouml;nn&amp;shy;ten der Anfang sein.&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/img&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;</description>
      <link>http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/524962</link>
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      <pubDate>Thu, 19 May 2011 18:30:00 +0200</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Seitenwechsel</title>
      <description>Um einmal auf der Gewinnerseite zu stehen, geht ein L&amp;#246;wen-Fan mit dem Erzrivalen Bayern M&amp;#252;nchen auf Ausw&amp;#228;rtsfahrt. Protokoll eines Verr&amp;#228;ters&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;In der 77. Minute ist Svens Geduld am Ende. Es ist eng, es ist kalt und der FC Bayern trifft nicht. Sven schl&amp;#228;gt beide H&amp;#228;nde vor den Kopf, br&amp;#252;llt wie ein Stier: &amp;#8222;Aus zwei Metern macht der Altintop den Ball nicht rein! Wahnsinn!&amp;#8220; Ich nicke ihm verst&amp;#228;ndnisvoll zu. Svens Leid ist auch mein Leid. Er ist Bayern-Fan, ich bin Bayern-Fan. Jedenfalls glaubt Sven das. Er wei&amp;#223; nicht, dass mein Herz f&amp;#252;r den Feind schl&amp;#228;gt, f&amp;#252;r den TSV 1860 M&amp;#252;nchen. 16 Jahre war ich meinen L&amp;#246;wen treu, nun begehe ich eine Tods&amp;#252;nde. Ich stehe in der Fankurve des FC Bayern. Ich f&amp;#252;hle mich mies. Ich bin ein Verr&amp;#228;ter.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Samstag, fr&amp;#252;h um halb acht, Hauptbahnhof M&amp;#252;nchen. Ich stehe an Gleis 16, schaue mich kurz um, wickle den rot-wei&amp;#223;en Fanschal um meinen Hals. In der Scheibe des Zugfensters sehe ich mein Spiegelbild. Es ist erb&amp;#228;rmlich. Ich atme tief durch, dann steige ich ein. Drinnen werde ich empfangen, als h&amp;#228;tte man auf mich gewartet. &amp;#8222;Setz dich her&amp;#8220;, ruft ein Zwei-Meter-Mann, dessen Bauch sich bedrohlich unter einem zu engen XXL-Trikot w&amp;#246;lbt. Er hei&amp;#223;t Thomas, ihm gegen&amp;#252;ber sitzt Frank, ein lichtblonder Mitdrei&amp;#223;iger mit Designerbrille und speckiger FC-Bayern-Trainingsjacke. Ich setze mich dazu. In der Reihe nebenan: Hans, Udo und ein Kasten Bier. Proviant f&amp;#252;r sieben Stunden Fahrt bis Freiburg. Kaum ist der Zug losgefahren, werden die ersten Flaschen ge&amp;#246;ffnet. Die Heizungsluft mischt sich jetzt mit s&amp;#252;&amp;#223;lichem Biergeruch. So riecht er also, der Erfolg. Ich bin jetzt auf der Gewinnerseite.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://jetzt.sueddeutsche.de/upl/images/user/an/anna-kistner/text/regular/837862.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ich war zehn, als mein Opa mich das erste Mal ins Gr&amp;#252;nwalder Stadion mitnahm, die L&amp;#246;wen spielten damals in der zweiten Liga. Wir haben gewonnen. Fr&amp;#246;hliche Musik dr&amp;#246;hnte aus den Lautsprechern, um mich herum jubelten M&amp;#228;nner, die Vokuhilafrisuren trugen und mit bunten Aufn&amp;#228;hern &amp;#252;bers&amp;#228;te Jeanswesten. M&amp;#228;nner, die stolz waren, gl&amp;#252;cklich oder einfach nur betrunken. Ich wusste sofort: Das ist mein Verein. Was ich nicht wusste: An diesem Tag habe ich mich gegen das Gl&amp;#252;ck entschieden. Gegen den Erfolg der Anderen. Seither haben die Anderen zehnmal die Meisterschaft geholt, siebenmal den DFB-Pokal, einmal die Champions-League. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Wir haben nichts gewonnen. Im Gegenteil: Seit sieben Jahren klebt der TSV 1860 im grauen Mittelfeld der zweiten Liga, spielt in einem fremden, viel zu gro&amp;#223;en Stadion vor viel zu wenigen Fans. Und jetzt steht mein Verein vor der Insolvenz, vor dem Aus. Es ist, als liebte ich ein Arschloch. Ein Arschloch, das mich betr&amp;#252;gt, verpr&amp;#252;gelt und jede Woche aufs Neue entt&amp;#228;uscht. Ich habe die Schnauze voll. Ich wage den Seitenwechsel.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Elf Uhr, der Zug hat Ulm passiert. Drau&amp;#223;en ist es kalt, drinnen gl&amp;#252;ht Thomas&amp;#8217; Kopf. Er trinkt das f&amp;#252;nfte Bier, rei&amp;#223;t Witze &amp;#252;ber die Finanznot der L&amp;#246;wen. &amp;#8222;Wir k&amp;#246;nnen ja eine Kollekte durch die Bayernkurve wandern lassen und Almosen sammeln&amp;#8220;, sagt Thomas und lacht dar&amp;#252;ber so sehr, dass er heftig husten muss. Ich ziehe die Mundwinkel gequ&amp;#228;lt nach oben. Innerlich koche ich vor Wut. Ich muss mich erst daran gew&amp;#246;hnen, zu den Anderen zu geh&amp;#246;ren. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Kurz vor eins h&amp;#228;lt der Zug in Donaueschingen. Drei Typen mit klebrig-langen Haaren und Rockerkluft steigen zu. Es folgt eine Begr&amp;#252;&amp;#223;ung unter Siegern: Shake hands, ein lautes Schalalalala. Man kennt sich von gemeinsamen Ausw&amp;#228;rtsfahrten, versteht sich trotz verschiedener Dialekte. Die Rocker schw&amp;#228;beln, Frank fr&amp;#228;nkelt, Udo s&amp;#228;chselt. Nur Thomas lallt auf bairisch. Ihre gemeinsame Sprache ist der Erfolg. Thomas genie&amp;#223;t das Siegergef&amp;#252;hl: Er &amp;#246;ffnet das achte Bier, nimmt einen Schluck, r&amp;#252;lpst laut und animiert mich zum Mitsingen: &amp;#8222;Wir sind aus M&amp;#252;nchen, wir sind die Bayern, wir sind diejenigen, die immer wieder feiern! Ole ole!&amp;#8220; Eine Frau, die am Ende des Abteils sitzt, blickt mich b&amp;#246;se an, sch&amp;#252;ttelt den Kopf. Ich sch&amp;#228;me mich. Ich bin noch nicht in Feierlaune.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Im Stadion. Eine halbe Stunde ist gespielt, es steht eins zu eins. Kopfsch&amp;#252;tteln in der Bayern-Kurve, die Mannschaft spielt schlecht. Ich sch&amp;#252;ttle auch den Kopf, doch ich sp&amp;#252;re noch immer nichts. Kein Fiebern, kein Herzklopfen, kein Siegergef&amp;#252;hl. Ich denke an meinen Opa und bekomme Bauchschmerzen.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;88. Minute. Es ist wie immer: Bayern trifft doch noch, Ribery schie&amp;#223;t das zwei zu eins. Die Kurve kocht. Mir wird kalt, jetzt kriege ich Herzklopfen. Ich muss hier raus. Ich schiebe mich durch die jubelnde Menge, laufe die Treppe hoch und verlasse das Stadion. Ich haste durch eine Wohnsiedlung in Richtung Bahnhof. In einem Vorgarten pflanzt ein Rentner Blumen, fragt mich, wie das Spiel ausgegangen sei. &amp;#8222;Zwei zu eins&amp;#8220;, sage ich. &amp;#8222;F&amp;#252;r wen?&amp;#8220;, fragt der Rentner nach. &amp;#8222;F&amp;#252;r die Anderen&amp;#8220;, antworte ich, wickle mir den rot-wei&amp;#223;en Fanschal vom Hals und werfe ihn in den n&amp;#228;chsten M&amp;#252;lleimer.</description>
      <link>http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/522404</link>
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      <pubDate>Wed, 30 Mar 2011 18:30:00 +0200</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Regensburgs neuer Domspatz</title>
      <description>Der leibhaftige Pete Doherty gastiert seit einiger Zeit in Regensburg und mischt die Stadt auf. Jetzt soll er sogar eine Gitarre geklaut haben. Unser Reporter hat die Stadt im Rockstar-Fieber besucht.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Endlich, ein kurzer Moment Ruhe. Rupert G&amp;#246;tzler steht in der schmalen Gasse vor dem Plattenladen, raucht eine Zigarette in der Mittagssonne. Drin&amp;#173;nen klingelt das Telefon, pausenlos. Drau&amp;#223;en ist das gut zu h&amp;#246;ren, durch die gebrochene Fensterscheibe. Dutzende Interviews habe er heute gegeben, f&amp;#252;r Hunderte Fotos posiert. Sat 1, ARD, die Lokal&amp;#173;presse, alle waren heute da, die Bild-Zeitung kommt sp&amp;#228;ter noch. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://jetzt.sueddeutsche.de/upl/images/user/ma/max-scharnigg/text/regular/834644.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Rupert G&amp;#246;tzler gibt Interviews am laufenden Band.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Aber eigentlich, sagt Plattenverk&amp;#228;ufer G&amp;#246;tzler, verstehe er die ganze Aufregung nicht.  Aus der Wohnung nebenan kommt jetzt Lucia. &amp;#8222;Voll der Hype&amp;#8220;, sagt sie und grinst. Dann erz&amp;#228;hlt sie, ein wenig stolz, von der Nacht auf Dienstag. Von dem Moment, als es drau&amp;#223;en laut geklirrt hat. Als Pete Doherty mit zwei Kumpels die Fensterscheibe des Regens&amp;#173;burger Plattenladens eingeschlagen und eine Gitarre geklaut haben soll. Noch am Nachmittag zuvor habe sie in der Stadt nach Doherty Ausschau gehalten, auf Facebook in Erfahrung gebracht, wo er sich so rumtreibt. Und dann, klirr, steht er auf einmal vor ihrer Haus&amp;#173;t&amp;#252;r. Er, &amp;#8222;der Pete&amp;#8220;, wie Lucia sagt. So, als kenne sie ihn von der letzten Wohnheimparty. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Pete, der Leibhaftige.  In diesen Tagen schauen sich die Regensburger genauer um, wenn sie durch die Gassen der Altstadt gehen. Das Fotohandy griffbereit, Pete Doherty k&amp;#246;nnte ja jederzeit um die Ecke kommen. Seit zwei Wo&amp;#173;chen steht er mit August Diehl f&amp;#252;r einen Filmdreh vor der Kamera, Kulisse ist das eigentlich etwas verschlafene Regensburg. Doch sp&amp;#228;testens nach dem n&amp;#228;chtlichen Einbruch liegt ein wenig Hysterie &amp;#252;ber der Stadt, nur zugeben will das kaum je&amp;#173;mand. Man will ja nicht provinziell wirken, gibt sich lieber be&amp;#173;tont unaufgeregt. Da&amp;#173;bei wurde schon vor Wochen unruhig spekuliert: Wo wird er wohnen, wo wird er schlafen, in welche Kneipen wird er gehen? Was sich die Leute eben so fragen, wenn endlich mal ein gro&amp;#223;er Star in ihre kleine Stadt kommt.  Ein bisschen ist es so, als habe Pete Doherty die Stadt aufge&amp;#173;weckt. Dabei tut er nur das, was er immer getan hat: Er zieht nachts durch die Kneipen und randa&amp;#173;liert ein bisschen. Immer sturz&amp;#173;betrunken, versteht sich. Oder wie Toni, der Barmann in der &amp;#8222;Bana&amp;#173;ne&amp;#8220;, es nennt: &amp;#8222;Brutal beinander war der.&amp;#8220;  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die &amp;#8222;Banane&amp;#8220; ist eine etwas muffige Heavy-Metal-Kneipe, in der Hirschgeweihe und deko&amp;#173;rierte Kruzifixe an den W&amp;#228;nden h&amp;#228;n&amp;#173;gen. Kein Szenetreff, der Laden wirkt eher wie aus der Zeit gefallen. Hier hat Pete Doherty k&amp;#252;rz&amp;#173;lich Billard gespielt, Barmann Toni hat ihm die Getr&amp;#228;nke gemischt. Angesprochen auf den mutma&amp;#223;lichen Ein&amp;#173;bruch in den Plattenladen muss er nur lachen. Er k&amp;#246;nne sich das nicht vorstellen. &amp;#8222;Der Pete&amp;#8220;, wie auch Toni liebevoll sagt, sei doch eine Seele von einem Menschen. Der habe sich ja sogar an das Rauchverbot gehalten und sei &amp;#252;berhaupt total freundlich gewesen. Nur eben brutal beinan&amp;#173;der. Typisch Pete halt, findet Toni.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Am Mittwochnachmittag sitzt Isabelle mit Freunden in einem Stra&amp;#223;en&amp;#173;caf&amp;#233; und zeigt ein Handyfoto in die Runde. Zu sehen ist die l&amp;#228;&amp;#173;chelnde Isabell im Arm eines abwesend wirkenden Pete Doher&amp;#173;ty. Es ist das immer gleiche Bild, das in diesen Tagen durch Hun&amp;#173;derte Re&amp;#173;gensburger H&amp;#228;nde geht, nur die Person neben Doherty ist immer eine andere. Isabelles Foto entstand vor ein paar Tagen in der &amp;#8222;Oscar-Bar&amp;#8220;, wo Benny hinter der Theke steht. &amp;#8222;Ein Riesenrummel ist das&amp;#8220;, sagt Benny. Die Freunde, die G&amp;#228;ste, der lokale Radiosender &amp;#8211; seit Tagen will jeder seine Geschichte h&amp;#246;ren. Und immer wieder erz&amp;#228;hlt er davon, dass Doherty seinen Long-Island-Ice-Tea nach drei Minu&amp;#173;ten ausgetrunken, dass er f&amp;#252;nf Euro Trinkgeld gegeben hat, dass er ein wenig mitgenommen gewirkt habe. &amp;#8222;Jeder will ein St&amp;#252;ck von Pete Doherty haben und klammert sich an den Strohhalm, solange er noch in der Stadt ist&amp;#8220;, sagt Benny. &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://jetzt.sueddeutsche.de/upl/images/user/ma/max-scharnigg/text/regular/834645.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Barmann Benny&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Er meint den Strohhalm der Sehnsucht nach einem kleinen St&amp;#252;ck Weltstadt.  Tina kann dar&amp;#252;ber nur den Kopf sch&amp;#252;tteln. Sie sitzt im Stra&amp;#223;encaf&amp;#233; neben Isabelle und auch sie soll jetzt ihre Geschichte erz&amp;#228;hlen. Die Erbsensup&amp;#173;pen-Geschichte. Schon wieder. &amp;#8222;Wen interessiert das? Das ist doch nicht wichtig&amp;#8220;, sagt sie, und f&amp;#228;ngt dann doch an zu reden: Total betrun&amp;#173;ken sei Doherty aus einer Bar gestolpert, di&amp;#173;rekt in ihre Arme. We&amp;#173;nig sp&amp;#228;ter sei sie mit ihm dann im Caf&amp;#233; Lila gesessen, Erbsensuppe essen. Die beste Erbsensuppe seines Lebens, habe Doherty gesagt. Und dass ihm die Stadt gut gefalle, nur eben ein bisschen langwei&amp;#173;lig finde er es hier. Dann habe er ihr einen Kuss auf die Wange ge&amp;#173;dr&amp;#252;ckt, sei Zigaretten holen gegangen und pl&amp;#246;tz&amp;#173;lich verschwunden. &amp;#8222;Das war's, total unspektakul&amp;#228;r&amp;#8220;, sagt Tina.  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://jetzt.sueddeutsche.de/upl/images/user/ma/max-scharnigg/text/regular/834646.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;em&gt;Isabelle hat mit Pete Erbsensuppe gegessen.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Gegen Abend ist es vor dem Plattenladen stiller geworden, die letzten Kamera-Teams haben ihrer Stative abgebaut, das neue Fens&amp;#173;terglas ist schon bestellt. Pete Doherty soll in&amp;#173;zwischen von der Polizei vernommen worden sein, erz&amp;#228;hlt ein &amp;#228;lte&amp;#173;rer Herr im Trach&amp;#173;tenjanker, der gerade einen neugierigen Blick in den Laden wirft. Ob er denn &amp;#252;berhaupt wisse, wer Pete Doherty sei? &amp;#8222;Nicht so genau&amp;#8220;, sagt er, &amp;#8222;in der Zeitung habe ich halt gelesen, dass der weltber&amp;#252;hmt ist. Mehr interessiert mich von dem sowieso nicht.&amp;#8220;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ein paar Tage noch werden die Regensburger nach ihrem ber&amp;#252;hmten Gast Ausschau halten, ihre Handyfotos kreisen lassen, auf Facebook ihre ganz pers&amp;#246;nliche Pete-Doherty-Story posten. Dann zieht das Filmteam ab und Regensburg wird ohne den Weltstar wieder das sein, was es vorher war: Eine h&amp;#252;bsche kleine Studentenstadt mit vielen Kirchen und noch mehr Kneipen. Eine liebenswerte Stadt. Nur eben ein bisschen langweilig, wie Pete Doherty sagt.  &amp;#160;&amp;#160;  &lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/img&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/img&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/img&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;</description>
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      <pubDate>Wed, 09 Mar 2011 18:30:00 +0100</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Vier Füße fliegen raus</title>
      <description>Clubgänger lieben und fürchten sie: Seit 15 Jahren arbeitet Pelka Kostic als Klofrau in Münchner Diskotheken. Ein Besuch im Harry Klein&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Es ist bald Mitternacht, sie hat den ganzen Tag geschlafen und es pocht in ihrem Kopf. Aus einer Abstellkammer fischt sie einen weißen Kittel, geht zum Ende des Kellerflurs, setzt sich breitbeinig auf ihren Stuhl, legt den rechten Arm auf den Tisch und sagt: &quot;Immer dieses Bumm Bumm. Das hat meine Nerven, meinen Kopf kaputt gemacht.&quot;&lt;br /&gt;  Pelka Kostic hasst das Wummern der Bässe. Doch es ist die Tonspur ihres Berufs: Die 61-Jährige ist Toilettenfrau im Harry Klein, Münchens bekanntestem Technoclub. Sie greift nach ihrer Thermoskanne, die sie vor jeder Schicht mit Kaffee füllt und beginnt sie zu erzählen. Wie vor fünfzehn Jahren alles begann, wie sie in einer Diskothek im früheren Kunstpark Ost als Putzfrau jobbte, wie sie sonntags erst zum Dienst kam, als die Abflüsse längst verstopft waren und das Erbrochene verkrustet. &quot;Das war eine Katastrophe! Da habe ich gesagt: Chef, so geht das nicht weiter.&quot; Pelka überzeugte den Clubbesitzer von ihrer Idee und machte sich praktisch selbst von der Putzfrau zur Toilettenfrau. &quot;Ich war die Erste, sagt sie, dann haben das alle nachgemacht. Und heute? Findest du in München keine Diskothek mehr ohne Klofrau.&quot;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://jetzt.sueddeutsche.de/upl/images/user/ph/philipp-mattheis/text/regular/820656.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;  Ihr Tischchen hat Pelka dort platziert, wo es am engsten ist. Am Fuße der Treppe, die vom Tanzraum in den Keller hinab führt. Sie sitzt auf dem schwarzen Stuhl wie ein Jäger auf dem Hochstand und überschaut ihr Revier. Vor ihr steht das Schälchen mit den Münzen. Nur Ein- und Zwei-Euro-Stücke liegen darin, das Kleingeld lässt Pelka direkt in ihre schwarze Gürteltasche wandern.&lt;br /&gt;  Um kurz nach Eins ist das Harry Klein gut gefüllt. Wer aufs Klo muss, kommt durch die Tür oberhalb der Kellertreppe. Jedes Mal wenn sich die Tür öffnet, werden die Toilettenräume vom Bass geflutet. Ein Anfang-Zwanziger mit Spiderman-T-Shirt kommt aus der Herrentoilette, versucht sich an Pelka vorbei zu schleichen, den Blick fest auf den Boden geheftet. Doch sie hat ihn längst bemerkt: &quot;Hey, junger Mann&quot;, ruft Pelka kaugummikauend, greift ihm kurz an den Arm und deutet mit der anderen Hand auf ein DIN-A-4-Blatt, das an der Wand über ihrem Tischchen klebt. Trinkgeld macht die Pelka glücklich steht darauf in gedruckten Großbuchstaben. Etwas rot wird er schon, der junge Mann, dann aber gibt er bereitwillig 50 Cent. Als er über die Treppe zurück nach oben steigt, wirft ihm Pelka eine Kusshand hinterher.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;  Pelka gehört zu jenen Menschen, die gerne übersehen werden. Sie weiß das. Und sie weiß zu verhindern, dass sich jemand vor dem Bezahlen drückt. &quot;Ich hab leider nur 'n Zehner&quot;, sagt ein Mädchen mit sehr hohen Schuhen und sehr großer Tasche, das bedauernd mit den nackten Schultern zuckt. &quot;Kein Problem, sagt Pelka mit barmherziger Stimme, ich kann schon wechseln.&quot; Dann greift sie mit der offenen Hand in ihre Gürteltasche und schaufelt ein paar Münzen heraus. Das Mädchen hat schon verstanden und findet irgendwo in der großen Tasche doch noch Kleingeld. &quot;Ich hab genau gesehen, dass sie noch was hat&quot;, sagt Pelka hinterher, zieht mit der Fingerspitze ihr Augenlid nach unten und zeigt ein Siegerlächeln.&lt;br /&gt;  Seit 40 Jahren ist Pelka in Deutschland, doch ihr Akzent ist noch immer da. Geboren ist sie in Bosnien, in den Sechzigern lebt sie ein paar Jahre in Serbien. Die Schule darf sie nicht besuchen, sie schuftet schon als Kleinkind auf dem Bauernhof der Eltern: Schweine füttern, Kühe melken, Mais hacken. Mit 21 Jahren bricht sie aus der Trostlosigkeit aus, sucht ihr Glück in Niedersachsen. Dort arbeitet sie viele Jahre an Fließbändern, hat Hilfsarbeiterjobs. Als ihr Mann sie für eine Andere verlässt, beginnt Pelka in Tegernsee ein neues Leben. Die ersten Jobs: Putzen und Müll sortieren. Dann folgen jene 15 Jahre als Toilettenfrau im Ultraschall und im Nachfolge-Club Harry Klein. Zwischendurch lernt sie ihren zweiten Mann kennen, wird mit Fünfzig endlich Mutter. &quot;Ich liebe die Kinder. Eine Arbeit mit Kindern hätte mir gut gefallen&quot;, sagt Pelka, lässt ihren Blick durch den Toilettenflur wandern und grinst: &quot;Aber irgendwie ist das hier ja auch wie im Kindergarten.&quot;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;  Zwei Uhr morgens. Kontrollgang. Pelka steht im Türrahmen zur Herrentoilette, hat die Handgelenke abgeknickt und in die Hüften gestemmt, beugt ihren Oberkörper nach vorn und späht durch den Spalt unter den Kabinentüren. &quot;Wenn ich vier Füße sehe, dann fliegen die auf der Stelle raus.&quot;&lt;br /&gt;  Pelka ist keine Frau, die bei Männern den Instinkt des Beschützers weckt. Eher schon ein Kumpeltyp, mit dem man Bier aus der Flasche trinkt und derbe Witze reißt. &quot;Viele denken, das ist keine richtige Arbeit und sagen: Du, Obdachlose! Oder: Geh arbeiten!&quot;, erzählt Pelka, während sie mit den Fingern eine Kugel aus ihrem Kaugummi formt. Früher habe sie schon mal zugelangt, wenn sie beleidigt wurde. Erst mit den Jahren sei sie ruhiger geworden, habe gelernt, mit den Bosheiten gelassen umzugehen.&lt;br /&gt;  Dass sie nach 15 Jahren noch immer als Toilettenfrau arbeitet, überrascht Pelka manchmal selbst. Doch sie kann nicht anders. Sechs Wochen war sie zuletzt im Urlaub in Serbien. Sechs Wochen ohne Bosheiten, ohne Pfützen neben den Pissoirs, ohne das Wummern der Bässe. Trotzdem sagt sie: &quot;Das war zu lang. Mir fehlen irgendwann die Leute.&quot; Auch umgekehrt sei das so: &quot;Wenn ich nicht da bin, fragen alle: Wann kommt die Pelka wieder? Obwohl ich so viel schimpfe.&quot;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;  &quot;Sie ist ein fester Bestandteil unseres Teams&quot;, sagt ihr Chef. Aktuell ziert ihr Foto gar ein Plattencover des hauseigenen Labels. Die Plattenhülle hat Pelka wie eine Trophäe auf ihrem Tischchen platziert. Auch im Internet hat sie eine Fangemeinde, etwa 2 000 Freunde bei den Lokalisten. Wer das Profil angelegt hat, weiß sie nicht.&lt;br /&gt;  Halb vier. Es ist jetzt laut und voll. Neben Pelkas Tisch lehnt ein Pärchen knutschend an der Wand, blockiert den Weg zur Toilette. Ohne aufzustehen beugt sich Pelka vorn über, schiebt die Knutschenden beherzt zur Seite. Der Kuss endet mit einem theatralischen &quot;Aua!&quot; des Mädchens, ihr Freund dreht sich um und brüllt: &quot;Ich muss mich von einer Klofrau nicht anfassen lassen, klar?&quot; Dann schiebt er seine Freundin an Pelkas Tisch vorbei, die Treppe hoch, und hört erst auf zu fluchen, als er oben angekommen ist. Auch Pelka sendet dem Pärchen ein paar Worte hinterher, auf serbisch. &lt;br /&gt;  Wie viel Pelka an einem Abend verdient, will sie nicht verraten. &quot;Nicht viel&quot;, sagt sie, während es im Minutentakt klimpert und Münze auf Münze ins Schälchen fällt. &quot;Heute läuft es schon gut, aber ich muss das Geld sowieso teilen&quot;, sagt Pelka und deutet auf eine Frau am anderen Ende des Flurs. Dort sitzt im gleichen weißen Kittel ihre Schwester. Sie hält heute die Stellung, wenn Pelka kurz verschwindet und vor der Tür eine Zigarette raucht. In ihrer Familie ist Pelka eine Art Pionierin: Schwester, Bruder, Schwägerin, Cousine alle arbeiten inzwischen als Toilettenkraft in Münchner Clubs und Diskotheken.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;  Die Welt, der Pelka am Arbeitsplatz begegnet, war ihr lange fremd. Eine Diskothek hat sie in ihrer Jugend nie von innen gesehen: &quot;Als ich jung war, wäre ich nie ohne Kopftuch aus dem Haus gegangen. Da hat mein großer Bruder schon aufgepasst.&quot; Ob sie ihrer elfjährigen Tochter später mehr Freiheiten geben werde? &quot;Nein, sagt sie entschieden, schau dir doch die Mädchen hier an: Die trinken zu viel und gehen mit fremden Männern auf die Toilette.&quot; Die Sorge um die Tochter ist vielleicht auch der Grund, weshalb Pelka sich besonders fürsorglich um die weiblichen Gäste des Clubs kümmert: &quot;Manchmal kommt ein Mädchen und weint, weil sie sich mit ihrem Freund gestritten hat. Eine wollte schon mal bei mir schlafen, weil sie so traurig war.&quot;&lt;br /&gt;  Um halb fünf scheppert es auf der Tanzfläche. Bierflaschen sind zu Bruch gegangen, Pelkas Chef ruft sie nach oben, um die Scherben zu kehren und den Boden zu wischen. Während Pelka wieder in der winzigen Kammer verschwindet und nach dem Putzzeug fischt, verrät sie, bald kürzer treten zu wollen. Warum sie nicht ganz aufhöre? &quot;Mein Mann ist letztes Jahr gestorben und die Rente reicht nicht für mich und meine Tochter. Ich muss arbeiten.&quot; Sie klemmt den Wischmop unter die Arme und steigt die Treppe nach oben. Die Tür fällt ins Schloss und Pelka verschwindet im Partygetümmel, verschluckt vom Wummern der Bässe.</description>
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      <pubDate>Wed, 08 Dec 2010 18:30:00 +0100</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>„Wer sich nicht meldet, wird trotzdem aufgerufen“</title>
      <description>Die 29-jährige Andrea Daßing hat den Deutschen Lehrerpreis 2010 gewonnen. Im Interview spricht sie über die Stärken der jungen Lehrergeneration, gelangweilte Schüler und das schlechte Image ihres Berufs.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;strong&gt;&lt;/strong&gt;&lt;strong&gt;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
&lt;p&gt;Informativer und unterhaltsamer Unterricht, großes Wissen, Spaß, Leidenschaft, Verantwortung und Vertrauen: All das bescheinigten die Realschüler aus Niederstetten in Baden-Württemberg ihrer Lehrerin Andrea Daßing  und schlugen die 29-Jährige für den &lt;a href=&quot;http://www.lehrerpreis.de/&quot;&gt;Deutschen Lehrerpreis&lt;/a&gt; 2010 vor. Der Deutsche Philologen-Verband hat sie als jüngste von 17 Preisträgern ausgezeichnet. jetzt.de hat Andrea in Slowenien angerufen, wo sie derzeit im Auslandsschuldienst unterrichtet.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;jetzt.de: Andrea, du hast dich beim Deutschen Lehrerpreis als 29-Jährige gegen viele ältere Kollegen durchgesetzt. Ist das ein Armutszeugnis für Deutschlands etablierte Lehrer? &lt;br /&gt;Andrea Daßing:&lt;/strong&gt; Nein, auf keinen Fall. Meine persönliche Erfahrung ist, dass ein Lehrerkollegium eine Mischung aus Jungen und Älteren braucht. Ich war jedenfalls immer sehr froh, wenn ich mir Rat von älteren Kollegen holen konnte. Und dass ausgerechnet eine junge Lehrerin wie ich ausgezeichnet wurde, hat mit dem großen Glück zu tun, dass meine Schüler in mir eine so engagierte Lehrerin gesehen und mich für den Preis vorgeschlagen haben.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Warum, glaubst du, haben dich die Schüler vorgeschlagen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich glaube, es hat ihnen gefallen, dass ich auch abseits des Unterrichts mit den Schülern gesprochen habe. Außerdem habe ich immer versucht, nicht nur Dinge zu vermitteln, die in den Lehrbüchern stehen. Denn trotz der Vorgaben durch den Lehrplan gibt es ja Möglichkeiten, aktiv und kreativ zu sein.&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Warum bist du Lehrerin geworden?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nach dem Abitur wusste ich eigentlich gar nicht so richtig, was ich studieren soll. Wegen meiner Begeisterung für das Fach Deutsch bin ich letztlich beim Lehramtsstudium gelandet.&lt;strong&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Es gibt Zahlen, wonach sich jeder vierte Lehramtsstudent aus bloßer Verlegenheit für diesen Beruf entscheidet. Es klingt ein bisschen so, als gehörst du auch dazu.&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Nein, Verlegenheit war es bei mir nicht. Denn ich habe schon lange vor meinem Studium Kinder- und Jugendarbeit gemacht. Nur gehöre ich einfach nicht zu denjenigen, die schon mit Fünfzehn wussten, dass sie mal Lehrer werden wollen.&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Hast du im Rückblick auf deine eigene Schulzeit eher von den Fehlern oder den Qualitäten deiner Lehrer gelernt?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Eindeutig mehr von den Qualitäten. Aber klar hatte ich auch weniger gute Lehrer, denen im Unterricht eine klare Struktur gefehlt hat. Wie wichtig diese Struktur ist, habe ich als Schülerin selbst gemerkt: In der Oberstufe war da plötzlich ein Mathelehrer, der unheimlich systematisch vorgegangen ist - und prompt war Mathe für mich kein Problem mehr.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;
&lt;p&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://jetzt.sueddeutsche.de/upl/images/user/pe/peter-wagner/text/regular/819704.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;
&lt;p&gt;&lt;span class=&quot;txtbildcredit&quot;&gt;Andrea unterrichtet in den Fächern Deutsch, Religion und EWG (kurz für Erdkunde, Wirtschaft und Gemeinschaftskunde)  &lt;strong&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/span&gt;&lt;strong&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;An welche Negativbeispiele erinnerst du dich?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich fand es als Schülerin abschreckend, wenn ein Lehrer die ganze Stunde lang geredet hat und der Unterricht nur mit drei Schülern stattfand, die sich tatsächlich für das Thema interessiert haben. Der Rest der Klasse saß währenddessen gelangweilt da oder hat sich anderweitig beschäftigt, um die Stunde rumzukriegen.&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Aber ist es denn überhaupt möglich, alle Schüler gleichermaßen zu begeistern?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Es ist natürlich schwierig, weil jeder Einzelne andere Interessen und Lieblingsfächer hat. Aber wenn Schüler die Möglichkeit haben, aktiv und selbständig mitzuarbeiten, anstatt immer nur dem Lehrer zuzuhören, dann kann sich durchaus Begeisterung entwickeln. Trotzdem ist mir natürlich klar, dass es immer Schüler gibt, die sich dem Unterricht entziehen, weil sie einfach keine Lust haben. Manchmal verstehe ich das ja auch, denn die Interessen sind eben verschieden. Ich hätte zum Beispiel auch meine Schwierigkeiten, mich für Atomphysik zu begeistern.&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Bist du eine strenge Lehrerin?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich würde es nicht streng nennen, sondern konsequent. Denn manche Dinge muss ich einfach von den Schülern einfordern. Wer sich also nicht von sich aus meldet, der wird von mir trotzdem aufgerufen.&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;In Deutschland wird oft beklagt, dass viele Lehrer früher nur durchschnittliche Schüler waren. Darf ich nach deiner Abiturnote fragen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;2,0.&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Findest du es bedenklich, dass die Jahrgangsbesten heute nur selten Lehrer werden möchten?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich finde nicht, dass es auf die Note ankommt. Wenn jemand das Abitur mit 1,0 abschließt, bedeutet das ja nicht, dass er gut mit Kindern und Jugendlichen arbeiten kann. Viel entscheidender ist es doch, dass man gegenüber den Schülern Respekt empfinden kann.&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Warum haben Lehrer in Deutschland kein besonders gutes Image?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Vielleicht liegt es daran, dass die Medien eher über negative Einzelbeispiele berichten als über diejenigen Lehrer, die tagtäglich gute Arbeit leisten. Ich habe einige Kollegen, die unglaublich engagiert und innovativ sind  und die den Deutschen Lehrerpreis eher verdient hätten als ich.&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Wo liegen die Qualitäten der Lehrer deiner Generation?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Viele von uns sind mit den neuen Medien groß geworden und haben deshalb mehr Bezug zu den Schülern. Das ist sicher eine Stärke meiner Generation. Andererseits frage auch ich inzwischen schon die Schüler um Rat, wenn ich ein neues Handy brauche.&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Derzeit bist du in Slowenien tätig. Was machst du dort?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich hatte mich für den Auslandsschuldienst in Osteuropa beworben, weil in diesen Ländern gerade eine ganz besondere Aufbruchstimmung herrscht. Letztlich bin ich in Slowenien gelandet und unterrichte hier Deutsch an einem Gymnasium in Maribor.&lt;strong&gt;&lt;br /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Du hast bis vor kurzem an einer eher ländlichen Realschule unterrichtet. Würde dich auch eine Brennpunktschule in der Großstadt reizen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;Ich bin ein Mensch, der sich in ländlichen Gegenden sehr wohl fühlt. Aber vielleicht ändert sich das ja in ein paar Jahren. Im Moment brauche ich aber keine Großstadt um mich herum.&lt;/p&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/img&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;</description>
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      <pubDate>Thu, 02 Dec 2010 18:30:00 +0100</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Nebenjob Dauerfernsehen</title>
      <description>Sandra und Nils suchen täglich fünf Stunden nach Sendematerial für die &lt;i&gt;heute show&lt;/i&gt;. Ein Gespräch über Polittalk-Runden, Hartz-IV-Programm und &quot;Pipikaka-Witze&quot;.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Sandra Baumann, 24, studiert Media- und Entertainment-Management. Nils Rieger, 20, bereitet gerade seine Bewerbung an der Kunsthochschule für visuelle Media vor. Dazwischen sitzen die beiden täglich fünf Stunden vor einem Bildschirm in der &lt;i&gt;heute show&lt;/i&gt;-Redaktion und sichten witziges Material für die nächste Sendung. Im jetzt.de-Interview erzählen die beiden von ermüdenden Parlamentsdebatten und erheiternden Politikerkommentaren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://jetzt.sueddeutsche.de/upl/images/user/an/andreas-glas/text/regular/788565.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;jetzt.de: Fürs Fernsehen bezahlt werden - Manche Menschen stellen sich genau so ihren Traumjob vor.&lt;br /&gt;
Nils:&lt;/b&gt; Naja, wir gucken hier jeden Tag fünf Stunden am Stück, das ist schon eine ganze Menge. Vor allem bei den Bundestagsdebatten auf Phoenix musst du schon hochkonzentriert sein, wenn du alles Wichtige mitkriegen willst. Mit gemütlichem Fernsehen hat das nicht viel zu tun.&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Sandra:&lt;/b&gt; Ich würde schon sagen, dass es ein lockerer Job ist. Aber es kann eben auch sehr enttäuschend sein, wenn du fünf Stunden guckst und irgendwie nichts Verwertbares dabei ist. Andererseits sind die Erfolgserlebnisse umso größer, wenn dann mal ein echter Brüller mit dabei ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Wie sieht euer Joballtag bei der &lt;i&gt;heute show&lt;/i&gt; aus?&lt;br /&gt;
Sandra:&lt;/b&gt; Am Anfang der Woche bespricht die Redaktion, welche Themen in die nächste Sendung einfließen sollen. Wir Sichter gucken dann, ob wir im Fernsehen etwas dazu finden.&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Nils:&lt;/b&gt; Es gibt zwei Schichten: Von 9 bis 14 Uhr und von 14 bis 19 Uhr. Da sitzen dann zwei bis vier Leute vor ihrem Bildschirm, jeder hat seinen eigenen Kopfhörer und los geht es.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Welche Sendungen schaut ihr während der Arbeitszeit?&lt;br /&gt;
Sandra:&lt;/b&gt; Da die heute show eine Nachrichten-Satire ist, gucken wir – logisch - vor allem Nachrichtensendungen. Und die laufen meistens im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, eher selten auf RTL. &lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Nils:&lt;/b&gt; Bei Phoenix findet man eigentlich immer was. Ansonsten schaue ich in erster Linie Nachrichten auf ARD, ZDF, ntv und N 24.&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Sandra:&lt;/b&gt; Aber auch mal Sendungen wie Brisant und Explosiv, die nicht so politisch sind. Das ist zwischendurch sehr entspannend. In der Regel sind das übrigens aufgezeichnete Sendungen vom Vortag, die wir dann in doppelter Geschwindigkeit schauen. Das spart Zeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Und welche Sendungen sind euch die liebsten?&lt;br /&gt;
Nils:&lt;/b&gt; „Kerner“ oder „Markus Lanz“. Solche Sendungen sind relativ leicht zu gucken. Da kann ich geradezu relaxen im Vergleich zu manchen Polittalk-Runden, die ja meistens komplett trocken sind. Das geht manchmal schon ganz schön an die Konzentration.&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Sandra:&lt;/b&gt; Außerdem wird in Politikerrunden sehr schnell gesprochen. Jeder will etwas sagen, jeder unterbricht den anderen – da ist es echt schwer, die wirklich interessanten Passagen raus zu filtern. Auch bei der Tagesschau ist das oft schwierig, weil da kaum O-Töne drin sind und die Schlagzahl der Informationen so hoch ist, dass meistens nicht viel Inhalt für mich rüber kommt. Viel lieber schaue ich „Der Tag“ auf Phoenix. Da werden in einer Stunde alle relevanten Themen behandelt und die wichtigsten Politikerstimmen zusammengefasst.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Wonach sucht ihr dabei konkret?&lt;br /&gt;
Nils:&lt;/b&gt; Der Bestfall ist, wenn sich ein Politiker zu einem aktuellen Thema verhaspelt oder eine völlig bescheuerte Aussage macht, über die er vorher nicht nachgedacht hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Gibt es ein aktuelles Beispiel?&lt;br /&gt;
Sandra:&lt;/b&gt; Horst Seehofer hat sich neulich ein bisschen ungünstig zum Thema Integration geäußert.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Als er sagte, Deutschland brauche keine Zuwanderer aus anderen Kulturkreisen?&lt;br /&gt;
Sandra:&lt;/b&gt; Genau. An so eine Aussage kann man satirisch wunderbar anknüpfen. Als Sichter gucke ich dann, welche Für- und Gegenstimmen ich von anderen Politikern finde und suche nach Kommentaren der Leute von der Straße. Denn die sprechen die Dinge ja meistens viel direkter an, als die Politiker. Zum Integrationsthema hatte ich gerade erst einen Straßenkommentar von wegen: „Bei mir in der Umgebung gibt es schon sehr viele Sozialschmarotzer.“ Das sind leicht verständliche Aussagen, über die man schmunzeln kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Worüber könnt ihr selbst am meisten lachen?&lt;br /&gt;
Nils:&lt;/b&gt; Über dunklen, trockenen Humor mit ganz viel Ironie.&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Sandra:&lt;/b&gt; Ich lache am liebsten über Satire, die eine gewisse Intelligenz erfordert, um sie zu verstehen. Was ich nicht mag, sind „Pipikaka-Witze“, wie wir hier gerne sagen, also Humor ohne jeden Anspruch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Dürft ihr auch Ideen für eigene Gags vorschlagen?&lt;br /&gt;
Sandra:&lt;/b&gt; Ja, es ist ausdrücklich erwünscht, eigene Vorschläge bei den Autoren einzubringen. Ich habe Anfang des Jahres zum Beispiel mal einen Ausschnitt entdeckt, in dem Angela Merkels Stimme geklungen hat, wie die einer Astrologin, die über einer Kristallkugel sitzt und die Zukunft heraufbeschwört. Die Redaktion hat meinen Vorschlag dann übernommen und in den Merkel-Beitrag den Hintergrund einer Astrologie-Sendung rein geschnitten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Wie seid ihr überhaupt TV-Sichter geworden?&lt;br /&gt;
Sandra:&lt;/b&gt; Ich bin durch eine Freundin drauf gekommen, die hier Produktionsassistentin ist.&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Nils:&lt;/b&gt; Bei mir war es eine Bekannte, die hier gearbeitet hat.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Schaut ihr daheim überhaupt noch fern?&lt;br /&gt;
Nils:&lt;/b&gt; Nachrichten jedenfalls eher selten, denn da bin ich durch den Job schon auf dem neuesten Stand. Wenn ich gucke, dann gezielt etwas Leichtes wie TV Total oder irgendeinen Spielfilm.&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Sandra:&lt;/b&gt; Bei mir ist es ähnlich: Lieber leichte Unterhaltung wie „Exclusiv“ auf RTL. Aber im Grunde habe in nach 25 Stunden pro Woche genug gesehen. Außerdem fallen ja auch Dinge im Haushalt an und ich schreibe gerade an meiner Bachelorarbeit.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Welche Qualifikationen braucht man als TV-Sichter?&lt;br /&gt;
Sandra:&lt;/b&gt; Man muss konzentriert arbeiten können und Interesse an Politik haben. Denn man sollte ja schon wissen, wonach man sucht.&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Nils:&lt;/b&gt; Ja, politische Grundkenntnisse sollte man auf jeden Fall mitbringen. Alles andere lernt man mit der Zeit automatisch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Macht Dauerfernsehen blöd?&lt;br /&gt;
Nils:&lt;/b&gt; Das kommt ganz darauf an, ob man den ganzen Tag Phoenix guckt oder RTL. In letzterem Fall würde ich auf deine Frage ganz klar mit Ja antworten.&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Sandra:&lt;/b&gt; Das kann ich so unterschreiben. Die Privaten haben schon viel Schwachsinn im Programm. Das so genannte „Hartz-IV-Programm, das nachmittags läuft, ist teilweise schon krass. Aber ich habe durch das viele Fernsehen eben auch sehr viel gelernt, gerade was Politik betrifft. Ich kann jetzt an Gesprächen teilnehmen, bei denen ich früher nur stumm daneben gesessen bin. Ob Fernsehen dumm macht, entscheidet sich also bei der Wahl des Programms.&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/img&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;</description>
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      <pubDate>Fri, 15 Oct 2010 18:30:02 +0200</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>"Wer will schon die Quotenfrau sein?"</title>
      <description>Katrin Poleschner, 26, Vize-Chefin der Jungen Union in Bayern, erklärt im Interview, warum ausgerechnet die weibliche Jugend in der Partei eine Frauenquote ablehnt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Die CSU will für Frauen attraktiver werden, deshalb unterstützt Parteichef Horst Seehofer die Idee einer Frauenquote. Demnach sollen künftig mindestens 40 Prozent aller Parteigremien mit Frauen besetzt werden. Der heftigste Widerstand gegen die Quote kommt ausgerechnet von den jüngsten Frauen in der CSU. jetzt.de hat nachgefragt -  bei Katrin Poleschner, Vize-Chefin der Jungen Union in Bayern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;jetzt.de: Nicht mal jedes fünfte CSU-Mitglied ist eine Frau. Parteichef Horst Seehofer findet das erbärmlich. Du nicht?&lt;br /&gt;
Katrin Poleschner:&lt;/b&gt; Ich würde es nicht erbärmlich nennen, aber traurig ist es schon. Es gibt nämlich so viele tolle Frauen, die ich mir als aktives Mitglied für die CSU wünschen würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Trotzdem lehnt die Junge Union (JU) eine Frauenquote von 40 Prozent in allen Gremien ab. Es entsteht der Eindruck, als sei die JU dagegen, dass die CSU weiblicher wird.&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Das ist definitiv falsch. Wir betonen ja seit Jahren, dass wir weiblicher werden wollen – das ist ein gemeinsames Ziel aller CSU-Mitglieder. Aber der Weg dorthin kann in meinen Augen nicht über eine Quote führen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Warum nicht?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Weil es all den engagierten Frauen nicht gerecht wird, die es aus eigener Kraft in die Gremien schaffen wollen. Durch eine Quote wäre eine erfolgreiche Frau immer dem Vorwurf ausgesetzt, es nur wegen der Quote geschafft zu haben. Und wer will schon nur die „Quotenfrau“ sein?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Viele deiner älteren Parteikolleginnen halten es für naiv, wenn junge Frauen glauben, dass sie in der CSU gleiche Chancen auf einen Spitzenposten haben wie ein Mann. Die Alten müssen es doch eigentlich am besten wissen, oder?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Ich höre diese Aussagen in der Tat sehr oft. Und natürlich ist das ein Totschlag-Argument, weil man mir damit wegen meines Alters die Urteilsfähigkeit abspricht. Aber mal ehrlich: Ich bin doch nicht gegen die Quote, weil ich ein unbedarftes Huhn bin, das meint, jetzt auch mal aufstehen zu müssen. Ich habe schon auch meine Erfahrungen als Frau in der CSU gemacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://jetzt.sueddeutsche.de/upl/images/user/an/andreas-glas/text/regular/785998.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;span class=&quot;txtbildcredit&quot;&gt;&quot;Ich bin kein Huhn, das meint, auch mal aufstehen zu müssen.&quot; Katrin Poleschner, Quotengegnerin und Vize-Chefin der Jungen Union in Bayern.&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Und du hast es mit 26 Jahren zur JU-Vize-Chefin gebracht.&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Ja, auch deshalb wehre mich gegen die Aussage, dass jede Frau irgendwann an eine gläserne Decke stößt. Natürlich kann das passieren, aber das geht doch den Männern genauso: Niederlagen und Rückschläge erlebt jeder mal. Politik ist eben eine Konkurrenzsituation und kein Rumgekuschel, es geht um Macht und auch um Stolz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Du bist ein gutes Beispiel dafür, dass sich eine Frau in der CSU auch ohne Quote durchsetzen kann. Die Realität zeigt aber auch: Du bist eine der wenigen Ausnahmen. Kann es sein, dass du die Probleme anderer Frauen unterschätzt, weil bei dir persönlich alles glatt gelaufen ist?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Natürlich gehe ich auch von meinem Fall aus, aber erstens habe ich weder Großes erreicht, noch war mein Weg frei von Rückschlägen. Und zweitens habe ich die Erfahrung gemacht, dass jede Frau, die sich in der CSU engagieren möchte, in unseren Verbänden willkommen ist. Wenn jemand gute Arbeit macht, wird er auch gewählt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Wie beurteilen eigentlich die Jungs in der JU die Frauenquote?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Die Jungs haben von Anfang an zu uns gesagt: Bei diesem Thema sollt ihr Frauen selbst entscheiden, was gut für euch ist. Die Männer haben uns freie Hand gelassen, sind aber bei allen Argumenten auf unserer Seite – darauf bin ich sehr stolz.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Die älteren Frauen in der CSU plädieren überwiegend für die Quote, die JU vertritt dagegen eine konservativere Position. Man könnte es auch andersherum erwarten. Findest du das gar nicht paradox?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Es ist in der CSU tatsächlich so, dass die älteren Frauen mehrheitlich für die Quote sind und die jüngeren eher dagegen. Aber ich würde das jetzt nicht als Generationenkonflikt bewerten, denn es gibt in meinem Umfeld auch einige ältere Frauen, die gegen die Quote sind. So dramatisch, wie du das jetzt darstellst, ist es in der Realität nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Hat die Ablehnung der Quote auch damit zu tun, dass sich die JU seit einiger Zeit als konservativer Parteiflügel profiliert und deshalb am traditionellen Rollenmuster festhalten will?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Ich halte es absolut nicht für falsch, wenn sich eine Frau dafür entscheidet, sich um ihre Kinder und ihren Mann zu kümmern - ich finde das toll. Aber mit Blick auf die Frauenquote ist die JU eher diejenige Gruppe, die den jugendlichen Idealismus in der Partei hochhält. Wir jungen Frauen wollen nicht zurück an den Herd, uns geht es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das hat nichts mit traditionellen Rollenmustern zu tun.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;In anderen Parteien funktioniert die Frauenquote übrigens gut.&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Natürlich funktioniert es irgendwie, aber ich glaube nicht, dass die Quote in der CSU etwas bringt. Ein Beispiel: Ich war letztens in einem Kreisverband in Niederbayern, wo – wenn überhaupt – drei Frauen für den Vorstand zur Wahl stehen. Da ist eine Quote von 40 Prozent ja schon theoretisch gar nicht möglich. Außerdem widerspricht es meinem Begriff von Demokratie, wenn es vor einer Abstimmung heißt: Jetzt wählt mal bitte 40 Prozent Frauen! Ich bin überzeugte Demokratin, die es für ein Unding hält, dass in einer eigentlich innerparteilich freien, demokratischen Wahl Vorgaben und Einschränkungen gemacht werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Was sind die alternativen Vorschläge der JU, um die CSU für Frauen attraktiver zu machen?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Wir fänden es toll, wenn es Berichtspflichten gäbe. Das heißt: Die Mitglieder eines CSU-Orts- oder Kreisverbandes sollen darüber Rechenschaft ablegen, was sie für die Frauenförderung getan haben. Andere Maßnahmen, um Anreize für Frauen zu schaffen, wären zum Beispiel eine eigene Landeskommission zum Thema Frauenförderung, eine Auszeichnung für den frauenfreundlichsten CSU-Ortsverband oder auch ein Preis für besonders verdiente Frauen in der CSU.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Freust du dich eigentlich darüber, dass sich die CSU nun endlich mit dem Thema Frauen in der Partei auseinandersetzt?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Natürlich freue ich mich, dass endlich ein Bewusstsein für dieses Thema entsteht. Das war ja nicht immer so.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Warum hat die CSU solange gebraucht, um sich mit dem Thema auseinanderzusetzen?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Lange Zeit lief alles gut, wir hatten tolle Wahlergebnisse. Erfolg blockiert halt manchmal den Fortschritt einer Partei, täuscht über Mängel hinweg. In der jetzigen Situation sind wir gezwungen, uns auch mal wieder von Außen zu betrachten. Und dann stellt man schnell fest, dass manche Dinge eben doch im Argen liegen.&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/img&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;</description>
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      <pubDate>Thu, 30 Sep 2010 18:30:03 +0200</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Die Vergangenheit lässt ihn nicht los</title>
      <description>Vor gut zwölf Jahren verwiesen Münchner Behörden den Straftäter „Mehmet“ des Landes. Heute lebt Muhlis als Unternehmer in der Türkei. Ein Besuch&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Über die Moschee-Lautsprecher bittet ein Mullah zum Gebet, der Mittagsverkehr schiebt sich lärmend durch die Stadt. Ein junger Mann löst sich aus der Menschenmenge, hastet vom sonnigen Gehsteig in den Schatten der Café-Terrasse. „Servus. Ich bin Muhlis“, sagt er etwas schüchtern. Im islamischen Sufismus darf sich Muhlis nennen, wer sich vom Unheil der Vergangenheit gelöst hat. Auch der junge Mann will das Vergangene hinter sich lassen. Doch es lässt ihn nicht los.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
  Muhlis hieß nie Mehmet. Und doch kennt ihn ganz Deutschland unter diesem Namen. Das Pseudonym sollte ihn schützen. Doch was als Schutz gedacht war, wird für den heute 25-Jährigen zum Fluch. Der Name Mehmet wird auf Jahre hinaus verbunden bleiben mit dem Prototyp des kriminellen Jugendlichen. Als Muhlis 13 Jahre alt ist, stehen 61 Einträge in seiner Münchner Polizeiakte. Er klaut Geld, knackt Cabrios, erpresst Mitschüler. Manchmal schlägt er zu.&lt;br /&gt;
  „Wir geben Mehmet nicht auf. Kinder, und Mehmet ist ein Kind, haben Recht auf Hilfe“, sagt Hubertus Schröer, damals Leiter des Münchner Jugendamtes. „Dem traue ich einen Mord zu“, sagt hingegen CSU-Politiker Hans-Peter Uhl. Und beantragt im Mai 1998 seine Abschiebung in die Türkei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://jetzt.sueddeutsche.de/upl/images/user/ph/philipp-mattheis/text/regular/766526.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;span class=&quot;txtbildcredit&quot;&gt;Muhlis, damals&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
  Muhlis ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Die Türkei ist das Heimatland seiner Eltern. Ein Land, das Muhlis damals nur aus dem Urlaub kennt. Dessen Sprache er kaum spricht, dessen Kultur ihm fern ist. Muhlis steckt in der Pubertät, ist ein Junge auf der Suche nach sich selbst. Er trägt die Baseball-Mütze verkehrt herum, der Hosenbund hängt in der Kniekehle. Muhlis will sein wie die Stars aus der New Yorker Gangster-Rap-Szene. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;„Am meisten vermisse ich München“&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
  An diesem Samstagmittag in Istanbul trägt Muhlis weiße Krawatte zu schwarzem Hemd. Die Hitze hat Schweißperlen auf seine Stirn gezeichnet, sein Job als Unternehmer kostet ihn Anstrengung. In wenigen Tagen wird Muhlis einen Sportpark eröffnen. Manager und Anwälte sind bereits angemeldet, wollen die ersten auf seiner neuen Paintball-Anlage sein. Wollen sich mit Farbe bespritzen, um spielerisch den Burn-out zu bekämpfen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
  Die Paintball-Anlage ist ein Zukunftsprojekt, das beinahe an der Vergangenheit gescheitert wäre. Sponsoren wurden misstrauisch, als Muhlis von den früheren Straftaten erzählte: „Ich kann das ja nicht verheimlichen. Wer meinen Namen im Internet eintippt, kriegt das sowieso raus.“ Als Geschäftsmann macht ihn die Vergangenheit angreifbar, doch sei Offenheit der einzige Weg, um Vertrauen bei Sponsoren zu gewinnen, sagt Muhlis mit breitem Münchner Akzent.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
  Das Wort Vertrauen fällt oft. Auch als Muhlis von seinen Neuperlacher Jugendfreunden erzählt: „Ich war der Jüngste und als Einziger nicht straffähig. Also habe ich den Ärger der Anderen auf mich genommen. Ich wollte meine Freunde beschützen und meine Polizeiakte ist so immer dicker geworden.“ &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
  Als der Fall Mehmet öffentlich wird, wenden sich die Freunde von Muhlis ab, wollen nicht hineingezogen werden in die Debatten um Jugendgewalt und kriminelle Ausländer. Sehr einsam sei er plötzlich gewesen, sagt Muhlis. Sein Blick versinkt jetzt im Teeglas, das vor ihm auf dem Tisch steht. „Meinen Freunden war es egal, dass Muhlis nicht mehr da war. Es gab ja immer noch die Anderen. Den Hassan, den Christian und den Josef.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
  Wenn Muhlis von seiner Zeit in München erzählt, spricht er von sich in der dritten Person. Als sei der Straftäter Mehmet ein Medienphänomen, mit dem er nichts zu tun hat. Er sucht jetzt nach den richtigen Worten, die ihm auf Deutsch nicht mehr einfallen wollen. Er spricht von einer Wahlkampagne der CSU, dass Ex-Innenminister Günther Beckstein einen Sündenbock gebraucht habe. „Ich war ja nicht der einzige kriminelle Jugendliche in Bayern. Aber ich hatte einen türkischen Pass“, sagt Muhlis und erinnert sich:&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
16. November 1998. Knapp vier Monate war Muhlis wegen Körperverletzung in Untersuchungshaft, nun steht die Abschiebung bevor. Mittags hebt am Münchner Flughafen die Maschine Richtung Istanbul ab. Mit an Bord: Drei Beamte des Bundesgrenzschutz und Muhlis damalige Freundin Jasmin. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
  Am Flughafen von Istanbul warten viele Menschen auf Muhlis: die Flughafenpolizei, Vertreter des deutschen Generalkonsulats, Scharen von Reportern und Fotografen. Doch es warten keine Verwandten, keine Freunde. Muhlis und Jasmin verbringen die ersten Nächte in einem Kinderheim für Waisen, Obdachlose und Kriminelle. Zur gleichen Zeit beherrscht sein Fall die türkische Presse, Muhlis wird zum Medienstar. Und zum Vermarktungsopfer: Ein Musiksender bietet ihm sofort einen Job als Moderator, lockt ihn mit Versprechen von Geld und Ruhm. „Ich kam gerade aus dem Knast und die sind mir zu Füßen gelegen. Ich hatte keine Ahnung, was die mit mir vorhaben, aber als 14-Jähriger hat mich das natürlich fasziniert.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
  Heute sagt er, das sei ein großer Fehler gewesen. Der Sender habe nie die Absicht gehabt, ihn zu fördern. Ausgenutzt hätten sie ihn. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
  Muhlis verhilft dem Musiksender zum Quotenanstieg. Er bekommt eine Limousine mit Chauffeur, feiert mit Fotomodellen und trennt sich von Freundin Jasmin. Wenige Monate später sinkt seine Popularität, der Sender entlässt Muhlis fristlos, weil er einen Computer geklaut haben soll. „Ich konnte das nicht glauben. Die haben das alles nur erfunden, um mich loszuwerden“, sagt Muhlis und lässt die Hände wild durch die Luft fahren, als müsse er sich noch einmal vor Gericht rechtfertigen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
  Dann erzählt er von weiteren drei Tagen hinter Gittern, diesmal auf einem türkischen Polizeirevier. Am vierten Tag ist Muhlis frei, der Richter kann die Vorwürfe des Musiksenders nicht bestätigen. In den folgenden Wochen wird er von Kinderheim zu Kinderheim geschoben. Dann kommt er bei einer türkischen Journalistin unter, hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
 Wenn Muhlis heute an seinem Schreibtisch sitzt, blickt er direkt auf einen großen Flachbild-Fernseher, der an der Wand gegenüber hängt. Bunte Musikvideos flimmern über den Bildschirm. Es läuft MTV, nicht etwa der Musiksender, für den Muhlis einst arbeitete. Sein Büro liegt in einer Kleinstadt nahe der griechischen Grenze. Mit einem Partner betreibt er von hier aus ein Transportunternehmen, das auch Busse und Autos vermietet. Draußen weht die türkische Flagge, über dem Schreibtisch prangt in Gold die Silhouette Atatürks, des Begründers der Türkei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
  „Ich vermisse Deutschland. Aber am meisten vermisse ich München“, sagt Muhlis. Ob er denn keine Wut hege, gegen das Land, das ihn nicht mehr haben wollte? „Ich kenne keinen Hass, denn ich habe ja auch Fehler gemacht. Genau wie meine Eltern. Aber der größte Fehler ist den deutschen Behörden passiert. Die haben es nicht geschafft mit einem 13-Jährigen fertig zu werden. Ich war doch kein Schwerverbrecher. Ich war ein Kind, das Unterstützung gebraucht hätte.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;„Verschone uns bitte, Mehmet!“, titelt die Bild-Zeitung&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
  Unterstützung bekommt Muhlis damals von seinem Anwalt, der von Deutschland aus für seine Rückkehr kämpft. Im Juli 2002 gelingt ein Justiz-Coup: Das Bundesverwaltungsgericht hebt die Ausweisung auf, nach vier Jahren darf Muhlis wieder nach München. Die Botschaft des Richters ist eindeutig: Muhlis ist in Deutschland geboren und straffällig geworden, er muss dort auch resozialisiert werden. Weniger eindeutig äußert sich die bayerische Politik: Der SPD-Abgeordnete Klaus Hahnzog lobt die „strikte Anwendung rechtsstaatlicher Grundsätze“, für Günter Beckstein indes „bleibt Mehmet ein Ausländer“. Ein Ausländer, den man fortschaffen sollte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
  Am 1. August 2002 ist Muhlis wieder am Münchner Flughafen. Diesmal in der Ankunftshalle. Die Bild-Zeitung titelt: „Verschone uns bitte, Mehmet!“ Ein Jahr später hat er den Hauptschulabschluss gemacht. Straffällig geworden ist er in dieser Zeit nicht, die Jugendhilfe der Münchner Diakonie kümmert sich um ihn, die Jugendstrafe wird zur Bewährung ausgesetzt. Muhlis hat eine Wohnung in Fürstenried, doch eine Lehrstelle kriegt er nicht. Trotz Abschluss mit Note 1,5. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
  „Ich hatte fünf Jahre keinen Stift in der Hand und habe in einem Jahr meinen Abschluss nachgeholt. Wenn ich mich da nicht bewiesen habe, dann weiß ich es auch nicht.“ Als Muhlis das sagt, schüttelt er den Kopf, presst die Lippen fest aufeinander. „Ich war auf einem guten Weg“, findet er noch heute. Doch dieser Weg nimmt ein jähes Ende. Am 2. März 2005 wird Muhlis spät abends festgenommen. Er soll seine Eltern verprügelt haben. „Ich habe meinen Eltern gegenüber noch heute ein schlechtes Gewissen. Aber ich habe sie nie geschlagen“, beteuert er. Trotzdem sei er weder Vater noch Mutter böse, dass sie damals zur Polizei gegangen sind: „Meine Eltern waren sehr, sehr überfordert mit mir. Aber wir haben uns immer geliebt. Ich war eben ihr kleiner Prinz.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://jetzt.sueddeutsche.de/upl/images/user/ph/philipp-mattheis/text/regular/766527.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;span class=&quot;txtbildcredit&quot;&gt;Muhlis, heute&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
  Nach zwei Monaten Untersuchungshaft wird Muhlis im Mai 2005 zu anderthalb Jahren Haft verurteilt. Zunächst auf Bewährung, er soll 100 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten: Rasen mähen auf einem Münchner Friedhof. „Heute denke ich mir: Wieso hat man mich nur schikaniert, wieso hat man mich nicht gefördert? Rasen mähen ist doch keine Integrationsmaßnahme.“ &lt;br /&gt;
  Nach wenigen Tagen hat er genug. Um dem Gefängnis zu entgehen, flieht er letztlich in die Türkei. Die Stadt München reagiert und spricht eine Ausweisungsverfügung aus. Damit steht endgültig fest: Muhlis darf nie wieder nach Deutschland zurückkehren.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
  Zwei Kilometer von Muhlis’ Büro entfernt liegt die Paintball-Anlage. Muhlis fingert an einem Holzverschlag herum, bis sich das Eingangstor öffnen lässt. Er geht hinein, breitet mitten auf dem Rasen die Arme aus und ruft: „Das ist mein Baby!“ Dann marschiert er weiter über das Grundstück, zeigt die Umkleidekabinen, die Toiletten, den kleinen Kiosk. An der Fassade muss noch gearbeitet werden, hier und da fehlen noch ein paar Fließen, einige Möbel sind im Lieferverzug. „Aber ich schaffe das, ich bin ehrgeizig“, sagt Muhlis und lächelt zufrieden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
  Als er vor knapp fünf Jahren in die Türkei flüchtet, steht Muhlis noch vor einer ungewissen Zukunft. In einer Phase der Orientierungslosigkeit wird er vom türkischen Militär einberufen. Als sein Wehrdienst endet, findet er einen Geschäftspartner, gründet das Transportunternehmen. Er fasst Fuß im einst so fremden Land und schließt Frieden mit seiner neuen Heimat: „In Deutschland gibt es Menschenrechte, daran müssen wir hier noch arbeiten. Aber in der Türkei habe ich Menschlichkeit erfahren, die ich in Deutschland vermisst habe. Ich habe mich früher geprügelt, ja. Das bereue ich. Aber ich bin kein Mörder.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
  Was er mit dem Geld anstellen werde, das die Paintball-Anlage abwirft? „Ich will hier ein Jugendzentrum aufbauen, wo Kinder und Jugendliche gefördert werden“, sagt er. Mit dem Gouverneur der Provinz habe er das bereits besprochen. Auch deutsche Jugendliche seien im Rahmen von Auslandsprojekten willkommen, um ihre Aggressionen an seiner Paintball-Anlage loszuwerden. „Ich weiß ja selber wie das ist: Wir hatten damals in Neuperlach keine Beschäftigung. Immer nur dieses Rumsitzen. Da kommst du auf blöde Gedanken“, sagt Muhlis. Die Vergangenheit lässt ihn nicht los.&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/img&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/img&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;</description>
      <link>http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/503459</link>
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      <pubDate>Mon, 10 May 2010 18:30:00 +0200</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>"Ich kenne die 'Miss Bundestag' nicht"</title>
      <description>Was hat Erotik mit Macht zu tun? Ein Gespräch mit der 33-jährigen Agnes Krumwiede, die für die Grünen im Bundestag ist&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://jetzt.sueddeutsche.de/upl/images/user/pe/peter-wagner/text/regular/763875.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Agnes Krumwiede ist die kulturpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Bundestag. Nach ihrer ersten Rede verpasste ihr eine Zeitung den Titel &quot;Miss Bundestag&quot;. Und den wird sie nun nicht mehr so recht los.&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;  jetzt.de: Agnes, findest du Macht erotisch?&lt;br /&gt;
  Agnes Krumwiede:&lt;/b&gt; Ich finde Macht nur an denjenigen erotisch, denen es nicht in erster Linie um Macht geht, sondern um Inhalte. Wenn jemand die Fähigkeit hat, durch sein Können und durch Einfühlungsvermögen Menschen zu berühren, das finde ich erotisch - in Kunst und Musik!&lt;br /&gt;
  &lt;br /&gt;
&lt;b&gt;  jetzt.de: Dabei gibt es doch gerade in der Politik zahlreiche Beispiele für das Klischee, dass Macht sexy mache. Man muss ja nur an Berlusconi denken.&lt;br /&gt;
  Agnes:&lt;/b&gt; Der Zusammenhang zwischen Politik, männlicher Macht und Erotik wird durch die Medien transportiert. Ich glaube, dass Macht bei Männern auch deshalb positiver besetzt ist als bei Frauen. In den Medien werden Frauen in erster Linie als erotisch dargestellt, wenn sie neben der Macht stehen. Also eine Carla Bruni eher als eine Angela Merkel.&lt;br /&gt;
  &lt;br /&gt;
&lt;b&gt;  jetzt.de: Die Erotisierung der Macht gibt es aber auch bei männlichen Politikern. Bei Karl-Theodor zu Guttenberg heißt es doch auch ständig, wie attraktiv er denn sei.&lt;br /&gt;
  Agnes:&lt;/b&gt; Klar, Herr zu Guttenberg ist ein Paradebeispiel. Bei ihm ist Macht in der öffentlichen Wahrnehmung positiv besetzt, dann trägt er auch noch einen Adelstitel undsoweiter. Bei Frauen dagegen kommt sofort: ,Die ist jung und hübsch, also muss sie inkompetent sein.‘ Frauen an der Macht wie Angela Merkel bedienen sich meistens männlicher Machtsymbolik und tragen Anzüge.&lt;br /&gt;
  &lt;br /&gt;
&lt;b&gt;  jetzt.de: Findest du zu Guttenberg erotisch?&lt;br /&gt;
  Agnes:&lt;/b&gt; Gegenfrage: Käme irgendjemand auf die Idee, Herrn zu Guttenberg zu fragen, wen er erotisch findet?&lt;br /&gt;
  &lt;br /&gt;
&lt;b&gt;  jetzt.de: Dabei ist er doch so eine Art männlicher Gegenpart zu deiner Person: Die Bild-Zeitung hat dich schließlich zur „Miss Bundestag“ ernannt.&lt;br /&gt;
  Agnes:&lt;/b&gt; Ich kenne die „Miss Bundestag“ nicht. Das ist eine Projektionsfläche für Medien und Gesellschaft. Und es ist kein Bild, das ich selbst entworfen habe.&lt;br /&gt;
  &lt;br /&gt;
&lt;b&gt;  jetzt.de: Was ist schlimm daran, gleichzeitig jung, klug und hübsch zu sein?&lt;br /&gt;
  Agnes:&lt;/b&gt; Gar nichts. Ich hatte auch kein Problem damit, dass die Bild-Zeitung mich zur „Miss Bundestag“ ernannt hat. Mein Problem war eher, was danach passiert ist: Ich habe einige Interviews geführt, in denen ich stundenlang über Afghanistan und Biokraftstoffe gesprochen habe und am Ende stand davon gar nichts in der Zeitung.&lt;br /&gt;
  &lt;br /&gt;
&lt;b&gt;  jetzt.de: Du warst wieder nur „Miss Bundestag“?&lt;br /&gt;
  Agnes:&lt;/b&gt; Ja, aber ich weiß für mich selbst, dass ich nicht darauf reduzierbar bin. Ich kämpfe dafür, dieses Schubladendenken abzubauen. Eigentlich ist es ja nur wünschenswert, dass mehr junge Menschen die Politik mitgestalten, schließlich geht es um unsere Zukunft. &lt;br /&gt;
  &lt;br /&gt;
&lt;b&gt;  jetzt.de: Warst du gegenüber den Medien anfangs zu naiv?&lt;br /&gt;
  Agnes:&lt;/b&gt; Die Medien inszenieren und beeinflussen oft das, was wir wahrnehmen sollen. Wenn man dann nur noch mit dieser Projektion kokettiert, hat man auf Dauer ein Problem. Aber ich habe das selbst in der Hand und kann das steuern. &lt;br /&gt;
Grundsätzlich ist es gut, als Grüne in der Opposition von den Medien wahrgenommen zu werden.&lt;br /&gt;
  &lt;br /&gt;
&lt;b&gt;  jetzt.de: Trotzdem hast du dich in den Medien sehr offenherzig präsentiert.&lt;br /&gt;
  Agnes:&lt;/b&gt; Offenherzig habe ich mich nie präsentiert. Aber: Vor meiner Zeit im Bundestag war ich Pianistin. Das ist ein Beruf, in dem man sehr viel von sich her gibt. Und zwar auf sehr persönliche Art. Mit diesem Ansatz bin ich auch in die Politik gegangen. Mit meinen Aussagen bin ich vorsichtiger geworden. Weil ich einfach keine Lust habe, mich mit Klischees und Oberflächlichkeiten auseinander zu setzen.&lt;br /&gt;
  &lt;br /&gt;
&lt;b&gt;  jetzt.de: Strahlt ein Musiker mehr Erotik aus als ein Politiker?&lt;br /&gt;
  Agnes:&lt;/b&gt; Natürlich, weil ein Musiker im Optimalfall auf der Bühne seine Eitelkeit überwindet, ein Politiker kann die Selbstinszenierung in der Regel nicht abstellen. Wenn es einem Musiker gelingt, seine musikalischen Intentionen und Gefühle auf das Publikum zu übertragen, dann entsteht eine Stimmung im Konzertsaal, die unbeschreiblich ist. Dann geht es nur noch um die Musik, nur um die Sache. Musik schärft die Empathie bei den Menschen. Empathie ist etwas, das mir in der Politik oft fehlt. Zum Beispiel bei der Debatte um „spätrömische Dekadenz“ im Zusammenhang mit Hartz-IV.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;  jetzt.de: Du wünschst dir also mehr Gänsehaut-Atmosphäre im Bundestag? Ist das nicht ein übertriebener Wunsch?&lt;br /&gt;
  Agnes:&lt;/b&gt; Die Fähigkeit, sich in Lebenssituationen von Menschen hineinzuversetzen hat nichts mit einem „Showeffekt Gänsehaut“ zu tun. Nehmen wir zum Beispiel Claudia Roth. Ihr geht es nicht um Eitelkeit, ihr geht es um die Sache und die Darstellung ihrer Inhalte füllt sie mit Emotionen. Das ist ihr Markenzeichen. Und das ist es, was ich meinte. Wenn es gelingt, die Eitelkeit zu überwinden und nur die Sache zu transportieren, erst dann entsteht für mich so etwas wie Macht im positiven Sinne.&lt;br /&gt;
  &lt;br /&gt;
&lt;b&gt;  jetzt.de: Warum gelten Politiker trotzdem meist als langweilig?&lt;br /&gt;
  Agnes:&lt;/b&gt; Das hat ganz viel mit Macht zu tun. Jeder verbale Ausrutscher kann gegen einen Politiker verwendet werden, kann seine Macht gefährden. Das führt dazu, dass Politiker eine Sprache sprechen, die keiner begreift, weil sie völlig verklausuliert ist. Das ist extrem langweilig und trägt zur Politikverdrossenheit bei, weil die Sprache der Politik so unverständlich und unverbindlich wirkt. &lt;br /&gt;
  &lt;br /&gt;
&lt;b&gt;  jetzt.de: Insofern muss dir dein „Miss Bundestag“-Titel ja auch neue Chancen eröffnet haben.&lt;br /&gt;
  Agnes:&lt;/b&gt; Auf unfreiwillige Art hat sich zumindest die Chance ergeben, dass sich viele Menschen meine Reden im Bundestag angehört haben, um hinter die Fassade zu schauen. Unter anderen Umständen hätte ich es vielleicht nicht geschafft, so viele Menschen mit meinen Inhalten zu erreichen. Das ist ein Vorteil, den man nutzen muss.&lt;br /&gt;
  &lt;br /&gt;
&lt;b&gt;  jetzt.de: Deine erste Bundestagsrede hat aber auch deshalb Aufmerksamkeit erregt, weil sich Jürgen Trittin danach fast den Hals verrenkt hat, um dir hinterher zu schauen.&lt;br /&gt;
  Agnes:&lt;/b&gt; Es gab genug Menschen, die sich meine Rede ganz angehört und nicht nur auf die letzten Sekunden geachtet haben. Eigentlich will ich über dieses Thema nicht reden. Wenn aber ständig Leute danach fragen, muss man eben auch mal erklären, wie die Treppenstufen im Bundestag so geartet sind und dass Jürgen Trittin bei meiner Körpergröße gar nichts anderes übrig geblieben ist, als seinen Kopf in diesem Winkel zu drehen, um mir zu meiner ersten Rede zu gratulieren. Die Medien wollten eben dieses Bild. Aus dem Zusammenhang gerissen gibt es bei vielen Bildern unbeabsichtigte Interpretationsspielräume. Außerdem kann ich mittlerweile über den Hype um diese Szene nur noch lachen. In der Politik wird sowieso viel zu wenig gelacht. &lt;br /&gt;
  &lt;br /&gt;
&lt;b&gt;  jetzt.de: Man hört in Berlin immer wieder von außerehelichen Liebesaffären der Politiker. Anscheinend hat die Macht doch eine erotische Anziehungskraft.&lt;br /&gt;
  Agnes:&lt;/b&gt; Ich glaube nicht, dass Affären auf den Kosmos Bundestag beschränkt sind.&lt;br /&gt;
  &lt;br /&gt;
&lt;b&gt;  jetzt.de: Warum finden manche Menschen Macht sexy?&lt;br /&gt;
  Agnes:&lt;/b&gt; Ich glaube, dass es viel mit dem Visuellen zu tun hat. Es mag für manche Menschen etwas besonderes sein, wenn sie zum ersten Mal einen Politiker live sehen, den man eigentlich nur aus dem Fernsehen kennt. Dann entsteht vielleicht eine Form von Fan-Kult. Das ist ja bei Filmstars genauso: Was mit Bildern transportiert wird, gewinnt oft einen erotischen Effekt.&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/img&gt;&lt;/br&gt;</description>
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      <pubDate>Sun, 25 Apr 2010 18:30:00 +0200</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>"Ich bin kein typischer Casting-Fuzzi"</title>
      <description>Christian Durstewitz, 20, spricht im jetzt.de-Interview über sein Scheitern bei &quot;Unser Star für Oslo&quot;, über Siegerin Lena Meyer-Landrut und über seine Zukunftspläne.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&lt;b&gt;jetzt.de: Christian, hast du das offizielle Musikvideo von Lena Meyer-Landrut schon gesehen?&lt;br /&gt;
Christian Durstewitz:&lt;/b&gt; Nein, bis jetzt hatte ich noch nicht mal die Zeit, im Internet danach zu suchen. Aber ich werde mir das Video auf jeden Fall angucken.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Hast du dir das Video  bewusst nicht angesehen, weil die Enttäuschung groß ist nach deinem Scheitern?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Nein, auf keinen Fall. Außerdem bin ich ja mit Lena inzwischen gut befreundet und könnte mir ernsthaft vorstellen, dass sie in Oslo was reißt. Ich drücke Lena die Daumen und freue mich selbst einfach darüber, dabei gewesen zu sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Du betrachtest dich also nicht als gescheitert?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Doch, klar. Das gebe ich auch zu. Ich habe nicht gewonnen, also bin ich gescheitert. Aber es hat sich am Ende gar nicht schlimm angefühlt. Im Gegenteil: Ich war vor der Halbfinal-Sendung sehr, sehr unsicher mit der Auswahl meines erstens Songs. Da hatte ich tierisch Schiss, dass ich schon in der ersten Ausscheidungsrunde gehen muss. Wenn das passiert wäre, dann wäre ich echt sauer gewesen. Definitiv. Aber nachdem ich weitergekommen bin und dann noch Charlie Winston mit der Mundharmonika machen durfte, war ich so dankbar, dass mir alles scheißegal war.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Kennst du das Gefühl des Scheiterns?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Natürlich kenne ich Rückschläge aus meinem bisherigen Leben. Ich habe ja schon vorher viel Musik gemacht und man hat mich nicht immer mit offenen Armen empfangen. Meine Musik ist ja auch nicht unbedingt Mainstream. Da bin ich Kritik schon gewohnt. Deshalb habe ich damit jetzt auch kein großes Problem.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Nach dem Prinzip: Besser Verlierer sein als Mainstream?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Wenn man ein paar Anrufe weniger kriegt als diejenigen, die richtig schöne Mainstream-Mucke machen, dann muss man das so akzeptieren und darf nicht meckern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://jetzt.sueddeutsche.de/upl/images/user/an/andreas-glas/text/regular/758718.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;span class=&quot;txtbildcredit&quot;&gt;Christian Durstewitz, 20, kommt aus Altenlotheim in Hessen. Er spielt sechs Instrumente, die er sich allesamt selbst beigebracht hat. Nach &quot;Unster Star für Oslo&quot; geht er mit Stefanie Heinzmann auf Tour.&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Du gibst dich nach deinem Ausscheiden sehr gelassen. Gibt es etwas, das dich so richtig beunruhigen könnte?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Wirklich schlimm wäre es für mich, wenn ich keine Musik mehr machen könnte. Wenn ich durch einen Unfall meine Hände verlieren würde und keine Instrumente mehr spielen könnte. Oder wenn ich taub werden würde. Dann wäre alles vorbei.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Hattest du keine Angst vor dem Castingshow-Stempel?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Nein, weil ich ja weiß, dass ich nicht so ein typischer Casting-Fuzzi bin. Und genau deshalb habe ich auch nicht gewonnen. Ich konnte diejenigen Leute ansprechen, die meine Musik mögen. Ich habe gezeigt, wie ich drauf bin und welche Musik ich mache. Und ich bin dankbar dafür, dass wir in Deutschland noch eine Casting-Show haben, in der man sich noch selbst darstellen kann und nicht zu einer Kunstfigur gemacht wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;So wie DSDS?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Zum Beispiel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Wo du dich allerdings auch schon mal beworben hattest.&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Das wird mir jetzt natürlich unter die Nase gerieben, klar. Aber ich stehe dazu. Und ich bin ja auch deshalb sofort rausgeflogen, weil ich eben nicht in diese typischen Castingshows passe. Ich habe bei Bohlen ein eigenes Lied gespielt und wurde sofort rausgekickt. Die wollten nichts Individuelles, sondern jemanden, den sie formen können.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Du hast gesagt, dass du nur bei DSDS gewesen bist, weil du eine Wette verloren hast. Das klingt nach Ausrede.&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;(lacht)&lt;/i&gt; Ich weiß, aber es war tatsächlich so. Aber du musst auch nicht schreiben, dass ich eine Wette verloren habe. Ich würde auch so dazu stehen, einfach mal hingegangen zu sein. Weit gebracht habe ich es ja sowieso nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Dein Vater ist Operntenor. Eiferst du ihm nach?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Nein, gar nicht. Das würde ja musikalisch gar nicht passen: Ich habe die kräftige, kratzige Bruststimme und er hat diese feine, edle Tenor-Kopfstimme. Das ist ja wie Tag und Nacht, das kann man nicht miteinander vergleichen. Es ist nicht so, dass mein Vater für mich auf einem hohen Treppchen steht. Er ist eine wichtige Person in meinem Leben, aber musikalisch stehe ich auf eigenen Beinen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Du willst dich also eher von ihm abgrenzen?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Ja, da gehe ich auch davon aus. Es ist eben so, dass ich immer mit meinem Vater verglichen werde, obwohl ich mit seiner Musik nichts zu tun habe. Meine musikalische Entwicklung hat außerdem zu einer Zeit begonnen, als ich wegen der Scheidung meiner Eltern gar nichts mit meinem Vater zu tun hatte.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Wer ist das Vorbild für deine Frisur?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;(lacht)&lt;/i&gt; Niemand, die ist letztes Jahr nach dem Abi entstanden. Ich hatte vorher immer so einen Milchbubi-Kurzhaarschnitt. Da hat man nicht unbedingt gesehen, dass ich ein Musiker bin. Und nachdem ich mit der Schule fertig war, wollte ich endlich zeigen, dass ich mehr so der Künstler bin. Darum habe ich die Haare einfach so drauflos wachsen lassen. Und ich fühle mich wohl so.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Lena Meyer-Landrut galt von Anfang an als wahrscheinliche Siegerin. War sie auch deine Favoritin?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Ich hatte jede Sendung einen anderen Favoriten. Je nachdem, bei welchem Auftritt ich Gänsehaut gekriegt habe. Sehr oft war das bei der Kerstin der Fall. Weil ich ihre Stimmfarbe sehr gerne mag.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Wie geht es jetzt bei dir weiter?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Ich will auf jeden Fall eine Platte machen. Das könnte aber noch ein bisschen dauern, weil das ja viel Arbeit ist. Außerdem will ich jetzt Lena den Vortritt lassen – sie hat gewonnen und hat dadurch natürlich ein Sonderrecht ...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Das klingt eher nach Marketing-Strategie.&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Ja, auf jeden Fall auch. Es geht natürlich darum, dass die Lena jetzt ein bisschen gepusht wird. Für mich ist vor allem wichtig, dass ich irgendwann von meiner Musik leben kann. Und das kann ich jetzt hoffentlich. Nichts anderes war mein Ziel.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
+++ PS: Mehr zu Lena im &lt;a title=&quot;Lena Meyer-Landrut Spezial&quot; href=&quot;/lena&quot;&gt;Lena Meyer-Landrut Spezial&lt;/a&gt; +++&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/img&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;</description>
      <link>http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/500284</link>
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      <pubDate>Tue, 23 Mar 2010 18:30:00 +0100</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>"Zwang ist der falsche Weg"</title>
      <description>Marco, 20, hat eine Petition an den Bundestag gerichtet. Er will die Politik vom Unsinn der Wehrpflicht überzeugen. Im Interview erklärt er, warum für ihn der Wegfall von 70.000 Zivis kein Problem ist.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;&quot;Wehrpflicht aussetzen, Freiwilligendienste fördern&quot; lautet die Forderung von Marco Penz. Der 20-jährige Jurastudent hat eine entsprechende Petition an den Bundestag gerichtet. Damit möchte er die Bundespolitik von der Sinnlosigkeit der Wehrpflicht überzeugen. Im jetzt.de-Interview spricht Marco über seine eigenen Erfahrungen als Zivildenstleistender, über die Willkür bei der Musterung und er erklärt, warum der Wegfall von 70.000 Zivildienstleistenden kein Problem darstellt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;jetzt.de: Marco, du warst selbst Zivi, oder?&lt;br /&gt;
Marco Penz:&lt;/b&gt; Ja, in einem Alten- und Pflegeheim. Ich war im Fahrdienst und habe die Bewohner zu Ärzten oder auf Feste begleitet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;War diese Zeit eine wertvolle Erfahrung?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Generell ist die Arbeit im sozialen Bereich schon eine wertvolle Erfahrung. Das habe ich auch persönlich so empfunden, weil ich neue Einblicke gekriegt habe. Allerdings ist es sehr fraglich, ob man zu solchen Erfahrungen gezwungen werden muss.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Hast du den Zivildienst persönlich als Zwang empfunden?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Ich gehöre zwar zu denjenigen Menschen, die auch ohne Wehrpflicht darüber nachgedacht hätten, einen Freiwilligendienst zu leisten. Letztendlich hatte ich aber gar keine andere Wahl: Die Wehrpflicht hat mich ja dazu gezwungen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Und deshalb hast du die Petition ins Leben gerufen?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Meine eigene Erfahrung und die meiner Freunde hat da natürlich eine große Rolle gespielt. Ich habe dann angefangen, mich näher mit dem Thema Wehrpflicht zu befassen und so ist dann dieses Projekt entstanden. Ich habe schnell festgestellt, dass es keinen vernünftigen Grund gibt, um an der Wehrpflicht festzuhalten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://jetzt.sueddeutsche.de/upl/images/user/an/andreas-glas/text/regular/755432.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;span class=&quot;txtbildcredit&quot;&gt;Marco Penz&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Warum lehnst du den Wehrdienst ab, wenn es die Pflicht dazu seit Einführung des Zivildienstes gar nicht mehr gibt?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Die Tatsache, dass man sich zwischen Wehr- und Zivildienst entscheiden kann, sehe ich eher als Problem denn als Vorteil. Denn die Wahlmöglichkeit führt letztlich nur zur Verharmlosung der Diskussion um die Wehrpflicht. Unsere Verfassung sieht den Grund des Pflichtdienstes ja in der Verteidigung des Volkes, gleichzeitig entscheiden sich die meisten Wehrdienstpflichtigen aber für den Zivildienst. Allein aufgrund der Tatsache, dass der Wehrdienst inzwischen zur Ausnahme geworden ist, muss man sich doch fragen, ob unser System noch zeitgemäß ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Angenommen es gäbe statt der Wehrpflicht nur noch die Pflicht zum Zivildienst: Würdest du dann auch für eine Abschaffung eintreten?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Selbstverständlich. Pflichtdienst kann nie der richtige Weg sein. Allein durch Zwang kann man die Defizite in unserem Sozialsystem nicht ausgleichen. Dafür braucht man vielmehr Arbeitskräfte, die tatsächlich für die Arbeit in sozialen Berufen qualifiziert sind. Außerdem glaube ich, dass Demokratie nur dann funktioniert, wenn man aktiv und freiwillig an der Weiterentwicklung der Gesellschaft mitarbeitet, statt gezwungen zu werden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Du kritisierst die Wehrpflicht auch deshalb, weil sie häufig die Arbeitsmarktperspektiven junger Männer behindert. Andererseits schafft der Zivildienst auch Arbeitsmarktperspektiven: Für viele Zivis ist es anfangs lästige Pflicht, dann entdecken sie die Lust an ihrer Aufgabe und am Ende bleiben viele sogar aus Überzeugung im sozialen Bereich.&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Natürlich gibt es solche Fälle. Aber das größere Problem besteht doch darin, dass viele junge Menschen aus unbefristeten Arbeitsverhältnissen gerissen werden, nur um ihren Wehrdienst abzuleisten. Wenn man sich stärker darauf konzentrieren würde, den Dienst an der Gesellschaft attraktiver zu machen, könnte man genauso viele junge Menschen dazu bewegen. Und zwar ganz ohne Zwang. Da sehe ich den richtigen Weg.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Deine Petition umfasst 117 Seiten Text. Auf 105 Seiten findet man Argumente gegen die Wehrpflicht. Auf lediglich zwölf Seiten widmest du dich der Frage, wie es nach der Abschaffung weitergehen soll. Unterschätzt du die Probleme, die sich ergeben, wenn plötzlich 70.000 Zivis wegfallen?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Nein. Vielmehr glaube ich, dass das Problem vom Wegfall der Zivis allgemein überschätzt wird. Es wird ja gerne so dargestellt, als sei der Zivi für unser Sozialsystem unverzichtbar. Das ist aber definitiv nicht so. Selbst die Caritas sagt, dass sie auf den Zivildienst verzichten könnte. Das Rote Kreuz ist zwar etwas zurückhaltender, hat mir aber bestätigt, dass das Sozialsystem nicht zerbrechen würde, nur weil man den Zivildienst abschafft. Im Gegenteil: Man könnte dann gezielt um Arbeitskräfte werben, die tatsächlich auch für den sozialen Dienst qualifiziert sind. Für unser Sozialsystem wäre das ein Gewinn, kein Verlust.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Für den Freiwilligendienst könnte es trotzdem ein Verlust sein. Manche Arbeitgeber betrachten ja ein soziales Jahr als verlorenes Jahr auf dem Karriereweg. Ob das stimmt, ist zweifelhaft. Aber nicht jeder junge Mensch nimmt diesen Wettbewerbsnachteil am Arbeitsmarkt freiwillig in Kauf.&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Ein Nachteil darf für den Freiwilligen natürlich nicht entstehen. Vielmehr sollte er Vorzüge bekommen. Zum Beispiel durch die Anerkennung eines Freiwilligen Sozialen Jahres bei der Studienplatzvergabe. Allerdings sehe ich keine Gefahr, dass es nach einem Wegfall der Wehrpflicht nicht mehr genügend Freiwillige geben würde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Die Zahlen lassen eine andere Vermutung zu: Im Jahr 2007 haben sich nur 5.740 junge Männer, die ausgemustert wurden, trotzdem für ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) entschieden. Diese Zahl würde wohl nicht einmal reichen, um den Ausfall der Zivildienstleistenden in Berlin auszugleichen.&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Man darf aber nicht vergessen, dass zwei von drei Bewerbern um ein Freiwilliges Soziales Jahr abgelehnt werden, weil es gar nicht genug Plätze gibt. Durch den Wegfall des Zivildienstes würden hier neue Plätze frei werden. Außerdem gibt es ja nicht nur die FSJ-Absolventen, sondern jährlich etwa 34.000 Menschen, die irgendeine Art von Freiwilligendienst leisten. Und die Zahlen steigen weiter. Das zeigt doch, dass die Bereitschaft zum Freiwilligendienst da ist. Und zu den Chancen am Arbeitsmarkt: Es wird immer junge Menschen geben, die den freiwilligen Dienst nicht als Nachteil sehen, sondern als Gewinn an sozialen Kompetenzen und als Entscheidungshilfe bei der Berufswahl.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Was hältst du vom SPD-Vorschlag einer „Freiwilligen Wehrpflicht“? Dieses Modell wäre zumindest ein Kompromiss zwischen Abschaffung der Wehrpflicht und dem Zwangsprinzip.&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Die SPD fordert ja die Beibehaltung der Wehrpflicht. Es gäbe demnach zwar weiterhin Musterungen, doch wird nur noch einberufen, wenn nicht genug Freiwillige zur Verfügung stehen. Diesen Vorschlag kann ich schon deshalb nicht unterstützen, weil ich es für verfassungsmäßig fragwürdig halte, wenn quasi das Los entscheidet, wer den Wehrdienst leisten muss und wer nicht. Mit Wehrgerechtigkeit hat das nichts mehr zu tun.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Ist es denn nicht ebenso ungerecht, all jenen den Wehrdienst zu verweigern, die aus Überzeugung ihre Grundausbildung bei der Bundeswehr absolvieren möchten. Statt über eine Abschaffung zu diskutieren, könnte man doch versuchen, die Willkür bei der Musterung in den Griff zu bekommen?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Natürlich ist die Musterungspraxis weder gerecht noch nachvollziehbar. Aber allein aus Kostengründen ist es doch schon sinnlos, den riesigen Musterungsapparat überhaupt am Leben zu erhalten. Bei einer Aussetzung der Wehrpflicht wäre die Sache viel einfacher: Es geht niemand mehr zur Musterung, also fallen auch keine Kosten an...&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;… und kein junger Mann muss mehr bei der Musterung die Hosen runterlassen.&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Auch das ist ein tiefer Eingriff in die Privatsphäre eines Menschen, ja. Genauso wie der gesamte Wehrdienst die Freiheitsrechte eines jeden Menschen verletzt. Besonders in einer Zeit, in der es gar keine sicherheitspolitische Bedrohungslage mehr gibt, die den Wehrdienst rechtfertigt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Befürworter der Wehrpflicht sehen im internationalen Terrorismus durchaus ein Argument, um an der aktuellen Praxis festzuhalten.&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Das finde ich sehr abwegig. Der Terrorismus ist schließlich keine Bedrohung, die ich mit Hilfe von Wehrpflichtigen bewältigen kann. Selbst wenn man Terroristen mit Hilfe der Bundeswehr bekämpfen wollte, bräuchte es dafür professionelle Kräfte statt solcher, die nur über eine Grundausbildung verfügen. Außerdem sieht das Grundgesetz den Grund für die Wehrpflicht ja in der möglichen Bedrohung der Bundesrepublik durch andere Staaten. Und dass die Gefahr eines Angriffskrieges nicht allzu groß ist, zeigt doch allein die Tatsache, dass inzwischen 23 von 28 NATO-Staaten auf die Wehrpflicht verzichten. Es wird Zeit, dass Deutschland diesem Trend folgt. Mit meiner Petition will ich eine Diskussion im Bundestag anregen und diesen Prozess beschleunigen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Wie siehst du deine Chancen?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Im Petitionsausschuss wird es letztendlich stark auf die FDP ankommen. Im Grunde ist mein Anliegen zwar nah am Programm der FDP dran, allerdings hat sich die Partei ja gegen ihre eigene Politik ausgesprochen, als im Koalitionsvertrag mit der Union vereinbart wurde, den Wehrdienst auf sechs Monate zu kürzen. Man muss also abwarten, wie sich die FDP hier entscheidet.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;***&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;a href=&quot;http://www.petition-wehrpflicht.de/&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;Hier&lt;/a&gt;  der Link zur Petition, die online unterzeichnet werden kann.&lt;/i&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/img&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;</description>
      <link>http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/498719</link>
      <guid>http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/498719</guid>
      <pubDate>Fri, 12 Mar 2010 18:30:00 +0100</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Kopieren in der nächsten Dimension: PaperC im Interview</title>
      <description>Das Ende der Uni-Bibliotheken? Martin, Felix und Lukas stellen für Studenten komplette Fachbücher kostenlos ins Internet. Jetzt wurde ihr Unternehmen zum Start-up des Jahres gewählt.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Drei junge Männer aus Leipzig und Berlin erhielten vor kurzem die begehrte Auszeichnung Start-up des Jahres 2009. Mit ihrem Unternehmen wollen Martin Fröhlich, 26, Felix Hofmann, 26, und Lukas Rieder, 22, das Studium revolutionieren: PaperC stellt den kompletten Inhalt von Fachbüchern digital und kostenlos zur Verfügung. Wenn ein Student ein Fachbuch nicht nur lesen, sondern bearbeiten oder drucken möchte, muss er dafür bezahlen. Das Ende der Uni-Bibliotheken? jetzt.de hat mit Martin Fröhlich über das Projekt PaperC gesprochen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;jetzt.de: Für PaperC wurdet ihr mit dem Titel „Start-up des Jahres“ ausgezeichnet. Was ist neu an eurem Modell?&lt;br /&gt;
Martin Fröhlich:&lt;/b&gt; Ganz einfach: Es ist kostenlos. Es gibt weltweit keine Plattform, auf der man alle Bücher komplett und kostenfrei online lesen kann. Und nirgendwo kann ich einfach mal zehn Seiten downloaden, abspeichern und bearbeiten. Wir haben nicht einfach ein amerikanisches Geschäftsmodell kopiert, sondern endlich mal etwas Neues gemacht. Unsere Idee ist einzigartig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://jetzt.sueddeutsche.de/upl/images/user/di/dirk-vongehlen/text/regular/742023.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;span class=&quot;txtbildcredit&quot;&gt;Die drei Gründer von PaperC - Martin ganz rechts&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Bisher tun sich neue Medien schwer, das gedruckte Buch zu verdrängen. Warum sollte ausgerechnet euer Plan funktionieren?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Weil es um Fachbücher geht, nicht um Romane. Kaum ein Fachbuch wird komplett gelesen. Wer wissenschaftlich mit einem Fachbuch  arbeitet, liest meist einzelne Seiten oder Kapitel. So gesehen ersetzt unser Modell nicht das Buch, sondern das Kopiergerät, mit dem man sich einzelne Seiten aus dem Buch zieht. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt; Stimmt es, dass PaperC aus einem persönlichen Ärgernis während eurer Studentenzeit heraus entstanden ist?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Ja, das stimmt. Mit meinem Partner Felix habe ich BWL an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin studiert. Für sein Masterstudium ist Felix dann an die Universität St. Gallen in die Schweiz gewechselt. Weil er aber zur selben Zeit noch an seiner Diplomarbeit schrieb, musste er ständig zwischen Berlin und St. Gallen pendeln und hatte kiloweise Fachbücher im Gepäck, musste am Flughafen fürs Übergepäck bezahlen. Das hat viel Geld gekostet. Und Geld hat ein Student meistens nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Welche Erfahrungen hast du selbst als Student gemacht?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Ich habe meine Diplomarbeit in Dänemark geschrieben und musste immer mit dem Auto zur Uni nach Hamburg fahren, um Fachbücher zu kriegen. Und innerhalb der Leihfrist musste ich dann noch mal hin, um das Buch zurückzugeben. Das war erstens mühsam und zweitens habe ich Unmengen von Abgasen in die Luft geblasen. Zwischendurch war ich auch in China, da war es praktisch unmöglich auf Fachbücher zuzugreifen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Inwiefern können auch jene Studenten von eurem Modell profitieren, die nicht zwischen zwei Ländern pendeln?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Jeder Student gibt im Jahr durchschnittlich 40 bis 60 Euro allein für Kopien aus. Bei insgesamt 2,2 Millionen deutschsprachigen Studenten werden also jedes Jahr Fachbücher für über 100 Millionen Euro durch den Kopierer gezogen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Dieses Geld muss ein Student aber auch bei PaperC bezahlen. Er darf zwar online kostenlos lesen, aber wenn er einzelne Seiten herunterladen und bearbeiten möchte, kostet es fünf bis zehn Cent.&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Mit PaperC spart sich ein Student vor allem wertvolle Zeit, weil er nicht mehr zwischen Bücherregalen herumlaufen, nicht mehr am Uni-Kopierer Schlange stehen muss. Ich kenne das ja: Dann bist du endlich an der Reihe und merkst, dass die Kopierkarte leer ist und musst nachladen – das ist ja nur Hektik. Und dann sind da noch die Schließzeiten der Bibliotheken und die schlechte Verfügbarkeit von Büchern. Oft steht in einer Bibliothek ja nur eine einzige Ausgabe eines bestimmten Buches – und das ist dann meistens vergriffen. Da stehst du als Student da und denkst: Das darf nicht wahr sein!&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Für den Studenten ergibt sich ein Nutzen, aber die Verlage wollen doch sicher verhindern, dass ihr deren Buchinhalte kostenlos im Internet verfügbar macht.&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Die Verlage haben uns anfangs den Vogel gezeigt, uns gar nicht für voll genommen(&lt;i&gt;lacht&lt;/i&gt;). Die dachten, dass wir ihnen etwas wegnehmen wollen. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Wie konntet ihr das Vertrauen der Verlage gewinnen?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Es gab einen Verlag, dessen Geschäftsführer selbst Universitätsprofessor ist, und der uns von Anfang an unterstützt hat. Über ihn kam der Kontakt mit den ersten Fachbuchverlagen in der Schweiz zustande. Erst wurden wir abgewimmelt, dann hat man uns eine halbe Stunde für ein Gespräch gegeben und am Ende saßen wir nach zwei Stunden immer noch in den Verlagshäusern, weil die unser Projekt so spannend fanden.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Dass der Börsenverein des Deutschen Buchhandels euch im Frühjahr mit einem Innovationspreis auszeichnete, hat euch bestimmt in die Karten gespielt.&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
 Klar, danach ging es Schlag auf Schlag. Plötzlich wollte jeder dabei sein. Die Auszeichnung kam ja aus der Buchbranche selbst und war daher eine Art Stempel, der angezeigt hat, dass wir ernst zunehmen sind. Das Beispiel der Musikindustrie hat ja gezeigt, dass es besser ist, mit der Entwicklung im Internet zu gehen. Die Verlage merken inzwischen, dass unser Modell keine Bedrohung, sondern eine Marketing-Chance ist. Denn: Niemand wird 200 Seiten eines Fachbuchs am Bildschirm lesen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Ein Student kopiert einzelne Seiten eines Buches auch deshalb, um beispielsweise Textstellen auf dem Papier zu markieren. Wie löst ihr dieses Problem, ohne dass man selbst drucken muss?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Indem jeder Student die entsprechenden Textstellen direkt am Bildschirm mit Notizen und Markierungen versehen und online ablegen kann. Jede Seite die du erwirbst, bleibt gespeichert. So gehe ich auch dem illegalen File-sharing aus dem Weg: Warum soll ich mir ein Buch noch illegal runterladen, wenn ich es bei PaperC legal und umsonst kriegen kann und dazu noch Funktionen wie eine automatische Fußnotenerkennung bekomme.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Trotzdem wird es doch Jahre dauern, bis ihr eine so großes Zahl an Fachbüchern bieten könnt, um mit Uni-Bibliotheken zu konkurrieren.&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Das wird sehr schnell gehen. Wir spüren schon jetzt das große Interesse der Verlage und durch die Auszeichnung „Start-up des Jahres“ wird es auch über deutsche Grenzen hinaus noch größer werden. Von Januar an wird schon der erste internationale Verlag mit seinem kompletten Programm auf PaperC zu finden sein. Wir wollen irgendwann das zitierfähige Wikipedia sein.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Der bisherige Erfolg gibt euch freilich Recht, aber habt ihr selbst nie an der Idee gezweifelt?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Wir hatten nie Zweifel, weil wir ja genau wussten, was in der Musikindustrie passiert ist. Man muss dem heutigen Internetnutzer die Wahl lassen, ob er sich ein Buch nur im Netz ansehen, oder ob er es kaufen möchte. Der Musikkonsument kann sich ja auch entscheiden, ob er sich ein Lied bei Youtube kostenlos anhört oder ob er es sich bei iTunes für 99 Cent herunterlädt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Verdient ihr mit eurer Geschäftsidee bereits Geld?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Wir sind auf dem besten Weg, dieses Ziel zu erreichen. Wenn alles weiter nach Plan läuft, werden wir irgendwann im nächsten Jahr schwarze Zahlen schreiben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Was kannst du all jenen jungen Menschen raten, die trotz Krise ebenfalls ein erfolgreiches Unternehmen gründen möchten?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Man sollte lernbereit sein und nicht sofort nach dem ganz großen Erfolg streben. Es ist besser, wenn man sich Zwischenziele setzt und diese nach und nach verwirklicht. Aber das Wichtigste ist natürlich das Team, wir ergänzen uns einfach perfekt. Wenn bei uns einer im Tief steckt, holen die anderen ihn da wieder raus. Nur wenn man im Team Klartext redet, übersteht man auch Rückschläge.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Welche Rolle spielen finanzielle Fördermittel? Allein die Vision hätte euch wohl kaum so weit gebracht.&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Durch das EXIST Gründerstipendium des Bundes waren wir natürlich erstmal entlastet. Es gehört schon viel Glück dazu, klar. Aber eben auch die richtigen Leute, die alle das gleiche Ziel verfolgen. PaperC ist unser gemeinsames Baby. Und unser Baby ist gerade dabei laufen zu lernen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;***&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;a href=&quot;http://paperc.de/&quot;&gt;Hier&lt;/a&gt; der Link zu PaperC.&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/img&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;</description>
      <link>http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/493404</link>
      <guid>http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/493404</guid>
      <pubDate>Sun, 03 Jan 2010 18:30:00 +0100</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Die Frau mit den 100 000 Freunden</title>
      <description>Die junge Münchnerin Jana Wall versucht, sich über Social-Network-Plattformen als Sängerin zu vermarkten.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;Ein nasskalter Dienstagabend in München. Es hat gerade aufgehört zu regnen, da betritt Jana Wall auf hohen Stiefeln ein Schwabinger Café. Wenn sie läuft, fliegt ihr langes, strohblondes Haar umher, als würde sie tanzen. Mit großen Schritten stöckelt Jana zielstrebig auf einen Holztisch zu, an dem man wie in einem Schaufenster zur Straße sitzt. Immer munter vorwärts, mit großen Schritten ins Rampenlicht. Dorthin, wo sie jeder sehen kann: Das ist Jana Walls Lebenstraum.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Im Schaufenster des Internets ist die 24-jährige Sängerin bereits eine kleine Attraktion. Unter dem Pseudonym „Charisma“ hat sie im Online-Netzwerk „Lokalisten“ über 100 000 Freunde gesammelt, so viele wie niemand sonst. Doch Jana Wall will mehr: „Mein Ziel ist es, in Deutschland Nummer eins zu werden“, sagt sie mit einem weißen Lächeln im Gesicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://jetzt.sueddeutsche.de/upl/images/user/ph/philipp-mattheis/text/regular/740322.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;span class=&quot;txtbildcredit&quot;&gt;Jana Wall (links) und Marianna Kazachenko&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
  Die Musikindustrie leidet unter Internetpiraterie und sinkenden CD-Verkäufen. Und mit ihr leiden all jene Talente, die, wie Jana, von einer großen Karriere träumen. Früher klebten Bands Plakate, um Aufmerksamkeit zu gewinnen. Heute ist selbst ein MTV-Auftritt keine Erfolgsgarantie mehr. Daher setzen Solokünstler und Bands seit ein paar Jahren auf Eigenvermarktung im Web 2.0. Denn: Wer Musik in kostenlosen Online-Netzwerken veröffentlicht, dem ist eine hohe Reichweite garantiert. Der Rest funktioniert über ein Schneeballsystem: Finden die Netzwerk-Freunde des Künstlers Gefallen an dessen Musik, tritt eine Lawine virtueller Mundpropaganda los. Die Musik wird weiterempfohlen, der Künstler gewinnt Netzwerk-Freunde hinzu, wird international bekannt.&lt;br /&gt;
  &lt;br /&gt;
Soweit die Theorie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
  In der Realität funktioniert diese Strategie selten. Auch die Münchnerin Jana Wall weiß das inzwischen. Trotz 100 000 Freundschaften bei Lokalisten, trotz ebenso vieler Klicks auf der Website des Online-Netzwerks „MySpace“, hat sich ihr Traum vom Nummer-Eins-Hit bisher nicht erfüllt. Im Gegenteil: Ihre im Sommer veröffentlichte Single verpasste gar den Sprung in die Charts.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
  Hat Jana Wall die Chancen des Internet-Marketings überschätzt?&lt;br /&gt;
  „Nein“, antwortet ihre Freundin und Managerin Marianna Kazachenko, die Jana am Tisch gegenüber sitzt. „Die Single-Veröffentlichung fand in erster Linie für Lokalisten statt. Jana wollte einfach zeigen: Ich singe.“ Jana Wall nickt zustimmend, trippelt mit ihren langen, rot lackierten Fingernägeln auf dem Holztisch. Wieder zeigt sie ihr weißes Lächeln, doch diesmal will es nicht recht gelingen. Man kann nur vermuten, dass ihr Lächeln die Enttäuschung überdeckt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
  Jana Wall war oft nah dran am Durchbruch. Vor acht Jahren hat sie ihren ersten Fernsehauftritt bei „Deutschland sucht den Superstar“, schafft es unter die letzten 30 Kandidaten. Dann ist Schluss. Drei Jahre später bekommt sie über Castings eine Rolle in der Pro-Sieben-Serie „Abschlussklasse 2005“. Ein Jahr lang genießt Jana die Aufmerksamkeit, wird auf der Straße erkannt, schreibt Autogramme. Als die Serie endet, widmet sie sich erneut der Musik. Mit der Girlband „Las Chicas International“ gelingt eine Platzierung in den Charts, es folgt eine Clubtour durch Deutschland, Österreich und die Schweiz, Auftritte am Ballermann. Nach wenigen Monaten steigt Jana aus, will als Solokünstlerin eigene Wege gehen.&lt;br /&gt;
  &lt;br /&gt;
Zur selben Zeit schafft die britische Band „Arctic Monkeys“ ihren kommerziellen Durchbruch via MySpace, erweckt bei vielen Musikern eine Art Tellerwäscher-Mythos zum Leben. Ihre Erfolgsgeschichte zeigt: Wer die Möglichkeiten von Online-Netzwerken zu nutzen weiß, kann die Hierarchien der Musikindustrie sprengen, kann es auf eigenem Weg bis an die Spitze schaffen. Zwar ist der Erfolg der „Arctic Monkeys“ bis heute ein seltener Einzelfall geblieben, doch hat er die Träume vieler Musiker befeuert, hält jenen Mythos weiterhin aufrecht.&lt;br /&gt;
  &lt;br /&gt;
Dass Jana Wall inzwischen das meistbesuchte Lokalisten-Profil hat, bezeichnet sie als „Zufall“: „Ich war ein Jahr lang in New York und als ich zurück nach München kam, hatte ich plötzlich 4 000 Freunde“. Daraufhin begannen Jana und Marianna damit, die Netzwerk-Freundschaften zu pflegen, sie antworteten auf jede Nachricht, stellten Foto- und Videomaterial online. Mit Erfolg: Täglich kamen Freunde hinzu. Im Sommer 2009 sind es bereits mehr als 80 000 - und Jana veröffentlicht auf Lokalisten ihre Single „As I stand“. Mit den Worten eines Betriebswirtschaftlers gesprochen: Die emotionale Bindung der Netzwerk-Freunde an Janas Person wird zur kommerziellen Bindung an ihre Musik. Das Lokalisten-Team unterstützt die Vermarktung, wirbt bei den Nutzern für Janas Single, verlinkt ihr Profil auf kostenpflichtige Download-Portale und auf Onlineshops, wo man ihre CD kaufen kann.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Von Marketing-Kalkül wollen Jana und Marianna dennoch nichts wissen: „Mir war es eben wichtig, dass meine Freunde bei Lokalisten meine Musik beurteilen und mir sagen, was sie davon halten. Aber Promotion haben wir explizit nicht gemacht“, sagt Jana Wall. In ihren Worten mag ein Kern Wahrheit stecken, doch lässt sich ihre verquere Logik leicht erklären: Erfolgreiches Marketing in sozialen Netzwerken ist nur möglich, solange der einzelne Netzwerk-Freund nicht glaubt, Teil einer Vermarktungsstrategie zu sein. Ein schwieriger Spagat, denn Online-Communities sind längst zu Orten digitaler Vermarktung geworden, die Nutzer zum eigentlichen Kapital der Netzwerke. Ihre Zahl bestimmt die Attraktivität für potentielle Werbekunden und somit den Unternehmenswert. Nicht ohne Grund zahlt Google jährlich rund 300 Millionen US-Dollar, um auf MySpace zu werben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://jetzt.sueddeutsche.de/upl/images/user/ph/philipp-mattheis/text/regular/740363.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;span class=&quot;txtbildcredit&quot;&gt;Jana Wall&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
  Jana Wall möchte indes den Eindruck verwischen, dass hinter ihrem Lokalisten-Profil allein der Wunsch nach Erfolg und Aufmerksamkeit steht: „Es stimmt nicht, dass ich um um jeden Preis berühmt werden möchte. Ich mache einfach Dinge, die mir Spaß machen“, sagt Jana und streicht ihr langes Haar nach hinten. Freundin Marianna räumt immerhin ein: „Wir leben in einer virtuellen Welt. Da ist es natürlich von Vorteil, dass Jana schon eine Fanbase hat, die so großes Interesse an ihrer Person zeigt“. Doch können mehr als 100 000 Netzwerk-Freunde lediglich eine willkommene Starthilfe für die Musikkarriere sein?&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
  Man kann die Worte der Freundinnen deuten, wie man möchte, doch klar ist eines: Selbst eine starke Fanbase konnte Jana Walls Traum vom Ruhm bisher nicht erfüllen. „Nichts passiert ohne Grund“, tröstet sich Marianna Kazachenko, schmiedet längst neue Pläne: „Jana arbeitet weiterhin an ihrem Projekt, da wird in absehbarer Zeit definitiv noch einiges geschehen“. Der Traum von der Musikkarriere wird weitergehen, Aufgeben ist nicht Janas Sache: „Die Musik ist ja mein Leben“, sagt sie. Einen Plan B kennt Jana nicht, zu keiner Zeit habe sie daran gedacht, das Abitur nachzumachen, studieren zu gehen. „Obwohl: Damals in der Abschlussklasse habe ich ja mein Abitur gemacht“, sagt sie und lacht laut auf. Sie meint die TV-Serie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
  Vorerst wird Jana also weiter im Studio arbeiten, Gesangsunterricht nehmen und ihr Lokalisten-Profil pflegen. Dass es mit dem Nummer-Eins-Hit irgendwann doch noch klappen wird, daran zweifelt sie nicht: „Man muss sich im Leben hohe Ziele setzen, sonst erreicht man nicht einmal Mittelmaß. Reden wir doch in einem Jahr nochmal, dann wird man sehen, warum ich mir so sicher war.“&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
  Jana Wall verabschiedet sich mit einem festen Händedruck, einem tiefen Blick aus ihren eisblauen Augen. Dann stöckelt sie hinüber zum Nebentisch, wo ihre Freundinnen bereits auf sie warten. Zwischen all den jungen Frauen sitzt ein älterer Herr, Anfang Sechzig. Während er einem der Mädchen den Rücken streichelt, erzählt er vom neuesten Plan der Freundinnen: Mit seiner Hilfe möchten sie eine gemeinsame Kneipe in Schwabing eröffnen. Es könnte eine erfolgversprechende Geschäftsidee sein: Freunde, die man zur Eröffnung einladen könnte, hat Jana Wall jedenfalls genug.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;***&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;a href=&quot;http://www.myspace.com/janawallmusic&quot; target=&quot;_blank&quot;&gt;Hier&lt;/a&gt; geht es zur MySpace-Seite von Jana Wall.&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/img&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/img&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;</description>
      <link>http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/492642</link>
      <guid>http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/492642</guid>
      <pubDate>Mon, 07 Dec 2009 18:30:00 +0100</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>"Das Schlimmste sind Leute, die nicht ins Kino gehen"</title>
      <description>Welche Schlüsselqualifikationen sind im Beruf wirklich wichtig? Schauspieler Matthias Schweighöfer über Vielseitigkeit.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;In Stellenanzeigen wird von Bewerbern einiges verlangt: Teamfähig sollen sie sein, flexibel und zuverlässig. Doch wie wichtig sind Schlüsselqualifikationen im Job wirklich? Wir fragen bekannte Persönlichkeiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Folge 25: &lt;b&gt;Matthias Schweighöfer&lt;/b&gt; über &lt;b&gt;Vielseitigkeit&lt;/b&gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;jetzt.de: Matthias, die Öffentlichkeit nimmt dich in erster Linie als Schauspieler wahr. Dabei zeigst du abseits des Sets Vielseitigkeit, produzierst zum Beispiel selbst. Wie viel Prozent Schauspieler und wie viel Prozent Filmemacher stecken in dir?&lt;br /&gt;
Matthias Schweighöfer:&lt;/b&gt; Auch wenn sowohl das eine als auch das andere sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, kriegen natürlich beide Seiten jeweils 100 Prozent meiner Aufmerksamkeit. Ich habe ja kürzlich mit einem Partner eine eigene Produktionsfirma gegründet und es sind schon ein paar Stoffe in der Entwicklung. Das freut mich sehr und ich bin wahnsinnig gespannt, was da noch alles auf uns zukommt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Werden wir dich in Zukunft also nicht mehr so häufig auf der Leinwand sehen?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Nein, das wird sich weiterhin die Waage halten. Ich würde es viel zu sehr vermissen, wenn ich nicht mehr selbst spielen würde. Aber das Filmemachen hat insofern einen großen Reiz, als ich meine eigenen Sachen kreieren kann; dass ich nicht nur einen Teil zu einem Film beitrage, sondern ihn als Ganzes erfunden habe.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Dein Talent zur Vielseitigkeit brauchst du gewiss auch als Vater deiner Tochter Greta. Hast du in dieser neuen Rolle neue Seiten an dir kennengelernt?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Na ja, in erster Linie bedeutet das natürlich Verantwortung. Aber vor allem habe ich auch gemerkt, wie kindisch ich plötzlich wieder sein kann. Und ich habe gelernt, wie relativ manche Sachen plötzlich sind, wenn meine Tochter mal krank ist.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://jetzt.sueddeutsche.de/upl/images/user/an/andreas-glas/text/regular/739595.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;span class=&quot;txtbildcredit&quot;&gt;Matthias Schweighöfer, 28, ist Sohn eines Schauspielerehepaares und sammelte früh Theatererfahrung. Das Studium an der Ernst-Busch-Schauspielschule brach er nach einem Jahr ab. Trotzdem trat Schweighöfer danach in vielen nationalen und internationalen Produktionen auf, er spielte unter anderen Rainer Langhans, Marcel Reich-Ranicki und Friedrich Schiller. Er lebt mit seiner Freundin auf einem Bauernhof bei Berlin und ist seit 2009 Vater einer kleinen Tochter. Derzeit ist er in &quot;Zweiohrküken&quot; zu sehen, ab Donnerstag läuft &quot;Zwölf Meter ohne Kopf&quot; im Kino, am 14. Januar 2010 ist Start von &quot;Friendship&quot;.&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Deine schauspielerischen Fähigkeiten machen deiner Tochter bestimmt großen Spaß.&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Klar machen wir viel Quatsch miteinander, albern rum und geben lustige Töne von uns. Aber das tun viele andere Väter in diesem Land doch auch. Für mich ist es vor allem wichtig, dass ich mir viel Zeit für meine Tochter nehme.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Die wahre Vielseitigkeit eines Menschen zeigt sich ohnehin oft abseits des Berufs. Was würde von deinem Leben übrig bleiben, wenn du morgen all deine Jobs verlieren würdest?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Freunde. Und unser kleiner Bauernhof, auf dem ich mit meiner Familie lebe. Und all die Menschen, die dort mit uns leben, uns unterstützen. Das ist schon sehr viel, finde ich.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Wie sieht dein Leben auf dem Bauernhof aus?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Na ja, es gibt eben viele Bäume dort. Da machen wir dann schon mal Saft oder Marmelade.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Das klingt nach einem sehr inspirierenden Leben. Schreibst du eigentlich noch immer eigene Gedichte?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Die Zeit ist vorbei. Als ich Gedichte geschrieben habe, war ich noch sehr jung, musste mich noch finden, mich selbst erörtern.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Deinen Überschuss an Kreativität scheinst du inzwischen eher für das Label &quot;German Garment&quot; einzusetzen, das du mit Freunden gegründet hast. Warum ausgerechnet Mode?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Bei &quot;German Garment&quot; bin ich ja nur für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Es war zwar eine gemeinsame Idee von mir und meinen Freunden, aber die kreative Arbeit mache ich dort nicht. Das Projekt ist weniger Ausdruck meiner Vielseitigkeit, es steckt eher der Wunsch dahinter, etwas gemeinsam mit meinen Freunden zu machen. Ich wollte ihnen Starthilfe geben, damit das Ding auf die Füße kommt. Mehr Zeit hätte ich auch gar nicht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Hast du einen Terminkalender oder führst du To-Do-Listen?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Ja, klar. Seit ein paar Jahren geht das nicht mehr anders. Sonst wird man unprofessionell und lässt andere ständig warten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Wie kommst du mit all den Terminen und den hohen Erwartungen klar?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Ich versuche bescheiden zu sein, die Normalität an mich heranzulassen. Ohne diese Normalität hätte ich ja im Leben gar nichts mehr zu erzählen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Wie sieht deine Normalität aus?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Ganz normal eben: Knoblauchbrot, Chips, Bier, Kino, ins Museum gehen, Fußball, Freunde treffen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Auch &quot;Friendship&quot;, einer deiner neuen Filme, dreht sich um Freundschaft. Es scheint ein Thema zu sein, das dich sehr bewegt. Dabei lassen deine vielseitigen Verpflichtungen doch kaum Raum für Freunde, oder?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Doch, doch. Das lasse ich mir nicht nehmen. Ich habe schon früh für meine Freundschaften gekämpft und das wird sich auch nie ändern. Meine Freunde sind einfach großartig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Es heißt immer, dich verbinde eine besondere Männerfreundschaft mit Til Schweiger. Ist das tatsächlich so?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Ja, das stimmt. Wir sind beide vielbeschäftigt, aber wenn wir uns sehen, dann nehmen wir uns Zeit füreinander.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Manche sagen, dass es im Job gar keine echten Freundschaften geben könne.&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Das finde ich albern. Friedrich Mücke zum Beispiel, mit dem ich in &quot;Friendship&quot; spiele, ist ein sehr guter Freund geworden. Manchmal gibt es solche Zufälle im Leben und es entsteht gerade deshalb eine tolle Freundschaft, weil man sich im Beruf sehr nahe kommt und viel Zeit miteinander verbringt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Über deinen Freund Til Schweiger heißt es häufig, er spiele den immergleichen Charakter und könne gar nichts anderes spielen. Ist es für einen Schauspieler nicht das Schlimmste, wenn ihm jemand seine Vielseitigkeit abspricht?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Das Schlimmste, das einem Schauspieler passieren kann, sind Leute, die nicht ins Kino gehen. Und Til ist derjenige, der in Deutschland die meisten Leute ins Kino zieht. Das kann er. Til kann aber auch viele Rollen spielen, was er zum Beispiel gerade in &quot;Zweiohrküken&quot; zeigt, ist einfach super. Ich habe mir immer ein Beispiel an ihm genommen, weil er an seine Ideen und Visionen glaubt. Das finde ich großartig.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Achtest du bei deiner eigenen Rollenauswahl darauf, möglichst unterschiedliche Typen zu spielen, um nicht selbst irgendwann auf eine Rolle abgestempelt zu werden?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Ich suche mir jedenfalls bewusst diejenigen Charaktere aus, die mich selbst interessieren. Ob man tatsächlich typisiert wird, wenn man häufig ähnliche Rollen spielt? Ich weiß es nicht. Für mich persönlich ist es einfach wichtig, immer wieder andere Charaktere zu spielen, damit es nicht langweilig wird.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Haben dir deine Eltern stets die Freiheit gelassen, verschiedene Seiten an dir auszuprobieren?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Meine Eltern haben da eigentlich gar nicht so viel damit zu tun. Im Gegenteil: Sie sind ja selbst Schauspieler und haben manchmal versucht, mich vor diesem Beruf zu schützen. So gesehen war es schon immer mein ganz eigenes Interesse, mich auszuprobieren, all meine Energie ins Schauspiel reinzuhauen und meine Sache gut zu machen. Meine Eltern waren immer für mich da, aber heute führt jeder sein eigenes Leben.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Abgesehen von der Vielseitigkeit: Was ist wichtig, um im Job erfolgreich und zufrieden zu sein?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Man muss Ziele haben und bescheiden sein. Und man sollte immer etwas zu erzählen haben. Wenn man irgendwann mal nichts mehr zu erzählen hat, dann wird es albern. &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;***&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Alle bisher veröffentlichten Folgen der Jobkolumne findest du &lt;a href=&quot;http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/liste/l/18535&quot;&gt;&lt;i&gt;hier&lt;/i&gt;&lt;/a&gt;.&lt;/i&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/img&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;</description>
      <link>http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/492341</link>
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      <pubDate>Sun, 06 Dec 2009 18:30:00 +0100</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title>Drehbuchautor Bora Dagtekin: "Meine Serien sind wie eine Tütensuppe"</title>
      <description>Welche Schlüsselqualifikationen sind im Beruf wirklich wichtig? Heute: &quot;Doctor's Diary&quot;-Schöpfer Bora Dagtekin über Idealismus.&lt;br /&gt;&lt;br /&gt;In Stellenanzeigen wird von Bewerbern einiges verlangt: Teamfähig sollen sie sein, flexibel und zuverlässig. Doch wie wichtig sind Schlüsselqualifikationen im Job wirklich? Wir fragen bekannte Persönlichkeiten.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
Folge 24: Drehbuchautor &lt;b&gt;Bora Dagtekin&lt;/b&gt; über &lt;b&gt;Idealismus&lt;/b&gt;.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;jetzt.de: Bora, du gibst zu, manchmal in den Drehbüchern amerikanischer Erfolgsserien nach Inspiration zu suchen. Sehr idealistisch klingt das nicht.&lt;br /&gt;
Bora Dagtekin:&lt;/b&gt; Ich schaue mir US-Serien in erster Linie wegen des Handwerks der Drehbuchautoren an, nicht wegen des Inhalts. In Deutschland gibt es ja nicht so viele Vorbilder. Die TV-Serie gilt aus Sicht der Zuschauer als brachliegendes Genre, in der Idealismus nicht unbedingt die treibende Kraft der Macher ist. In amerikanischen und britischen Serien erkennt man sehr viel stärker eine Handschrift des Autors - für mich ist das eine gute Orientierung, um herauszufinden, was ich will.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Und um herauszufinden, was der Zuschauer will, oder?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Ja, auch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Widerspricht es nicht deiner Vorstellung von Idealismus, unter Quotendruck zu arbeiten?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Leider herrscht in Deutschland das Vorurteil, dass anspruchsvolle Arbeit tendenziell eher nicht massentauglich sein darf. Wer die Masse bedient, kriegt hier selten künstlerische Anerkennung oder wird als Intellektueller wahrgenommen. Die amerikanische Idee ist es dagegen, Anspruch und Massentauglichkeit zu vereinen. Diese Idee gefällt mir. Für mich ist die Quote also keine Einschränkung, sondern eine Bewertung, der ich mich gerne stelle.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Wie viel darf man von anderen Serien kopieren, um später noch von einer kreativen Eigenleistung sprechen zu dürfen?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Es ist ein bisschen wie beim Kochen: Man kann die Kartoffel und das Fleisch nicht neu erfinden, man kann den Dingen aber Gewürze hinzufügen, um ihnen eine neue Geschmacksnote zu geben. In meinem Job habe ich die Erfahrung gemacht, dass es sinnvoll ist, mit einer Grundidee zu arbeiten, die vielen Leuten zugänglich ist - bei &quot;Doctor's Diary&quot; lautet diese Grundidee &quot;Bridget Jones als Ärztin&quot;. Das klingt zwar erstmal so, als wäre es schon oft da gewesen, wenn man diese Grundidee nun aber mit Originalität anreichert, dann kann es ein Erfolgsrezept werden. &quot;Stromberg&quot; ist ein sehr gutes Beispiel dafür.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Dabei war die erste &quot;Stromberg&quot;-Staffel doch ein Quotenflop.&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Genau deswegen ist die Serie ja ein so gutes Beispiel: &quot;Stromberg&quot; war anfangs eine Adaption von &quot;The Office&quot;, dem britischen Vorbild. Im Laufe der Zeit hat sich &quot;Stromberg&quot; dann von diesem Vorbild befreit und hat inzwischen richtig gute Quoten. Für die deutsche Serie ist das ein gutes Zeichen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Ist es nicht eher ein Armutszeugnis für die deutsche Serie, dass es außer &quot;Stromberg&quot; und deinen Formaten kaum Serien gibt, die gute Kritiken ernten?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Das ist schade, klar. Angesichts der guten &quot;Stromberg&quot;-Quote würde ich in einem anderen Land womöglich eher den Konkurrenzkampf schüren, als mich zu freuen. In Deutschland ist es fast so, dass man als Drehbuchautor über den Erfolg der Konkurrenz froh sein muss, damit die eigene Arbeit gesichert ist &lt;i&gt;(lacht)&lt;/i&gt;. Ein bisschen armselig ist das irgendwie schon, ja.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://jetzt.sueddeutsche.de/upl/images/user/an/andreas-glas/text/regular/733556.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;span class=&quot;txtbildcredit&quot;&gt;Bora Dagtekin, 31, studierte Drehbuch an der Filmakademie Baden-Württemberg, wo er seinen Abschluss mit einer Action-Version des Schiller-Klassikers &quot;Die Räuber&quot; machte. Internationale Bekanntheit erreichte er als Drehbuchautor der TV-Serien &quot;Türkisch für Anfänger&quot; (ARD) und &quot;Doctor's Diary&quot; (RTL), die mehrere nationale und internationale Fernsehpreise erhielten. Im Jahr 2006 erschien sein erster Kinofilm &quot;Wo ist Fred?&quot; - mit Jürgen Vogel und Til Schweiger in den Hauptrollen.&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Du hast deine Ausbildung als Werbetexter begonnen. Die Werbebranche ist nicht gerade ein Symbol für Idealismus und Freigeist. Was hast du in dieser Zeit gelernt?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Ich habe gelernt, wie man gute Ideen entwickelt und verkauft. Wenn ich heute ein Serienkonzept für einen Fernsehsender schreibe, benutze ich immer noch die Stilmittel, die ich damals gelernt habe. Es ist mit einer Serie ja nicht anders wie mit einer Tütensuppe: Du musst erstmal dafür sorgen, dass der Konsument die Suppe aus dem Regal des Supermarkts nimmt, das ist die Basis. Wenn es dir dann noch gelingt, dass der Käufer die Suppe zuhause heiß macht und sagt: &quot;Scheiße, die schmeckt ja noch viel besser, als es auf der Verpackung aussah&quot;, dann hast du einen guten Job gemacht. Gerade was den Inhalt meiner Drehbücher angeht, habe ich also sehr wohl hohe Ansprüche daran, dass er originell und einzigartig ist. Da bin ich sehr idealistisch.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Vor der Uni hast du unter anderem an den Drehbüchern zu &quot;Gute Zeiten, schlechte Zeiten&quot; mitgewirkt. Auch das klingt nicht unbedingt nach Selbstverwirklichung.&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
GZSZ ist in der Öffentlichkeit verhasst und verpönt, aber von allen Serien, die im deutschen Fernsehen laufen, ist es eines der wenigen Formate, in dem man einen gewissen Mut der Drehbuchautoren entdecken kann. Erst kürzlich hat meine Produzentin festgestellt, dass eine GZSZ-Geschichte eins zu eins aus einem Lars-von-Trier-Film abgeleitet wurde. Kaum jemand weiß, dass RTL dafür hochintellektuelle Leute beschäftigt: Mathematiker, Germanisten, Theaterwissenschaftler. Diese bunte Mischung ist ein super Ansatz, um zeitgemäße Themen zu entwickeln. Davor habe ich Respekt, aber ein echtes Vorbild ist GZSZ für mich nicht, das sind vor allem die amerikanischen Serien.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Hat es dich überrascht, dass ein quotenabhängiger Sender wie RTL auf dein Drehbuch zu &quot;Doctor's Diary&quot; gesetzt hat? Immerhin hat dein Seriendebüt &quot;Türkisch für Anfänger&quot; (ARD) zwar viele Preise, aber nur mäßige Quoten eingefahren.&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Nein, es hat mich nicht überrascht, denn die Quote für &quot;Türkisch für Anfänger&quot; war durchaus erfolgreich. Wir hatten in der Zielgruppe so acht bis zehn Prozent, alles was danach auf unserem Sendeplatz lief, hatte deutlich weniger Quote.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Das waren aber auch eher peinliche TV-Formate wie Bruce Darnells Coaching-Show &quot;Bruce&quot;.&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Trotzdem war unsere Quote in Ordnung. Auch wenn wir im Nachhinein an den DVD-Verkäufen gemerkt haben, dass die Serie viele Fans in der arbeitenden Bevölkerung hatte, die um 18:50 Uhr noch nicht zuhause waren, um die Serie im Fernsehen zu sehen. So gesehen war es nicht unbedingt das optimale Produkt, das nach &quot;Marienhof&quot; und &quot;Verbotene Liebe&quot; läuft. &quot;Doctor's Diary&quot; läuft um 20:15 Uhr, da ist das natürlich ganz anders.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Ist es eigentlich auch der Quotenorientierung geschuldet, dass die Hauptfiguren deiner Serien bisher immer weiblich waren?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Das ist unter anderem vom Sender abhängig. Bei &quot;Türkisch für Anfänger&quot; war es ja mein Ursprungskonzept, dass Cem die Hauptfigur ist. Weil die ARD ihren letzten großen Serienerfolg aber mit &quot;Berlin, Berlin&quot; und Lolle als weiblicher Hauptrolle hatte, haben wir in Absprache mit dem Sender Lena zur Hauptfigur gemacht.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Du hast dich also angepasst.&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Quatsch, ich breche mir doch keinen Ast ab, wenn ich auch mal ein paar Wünsche des Senders erfülle. Außerdem fällt mir die Arbeit viel leichter, wenn man mir ein paar Parameter vorgibt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Muss man manchmal Zugeständnisse machen, um beim nächsten Drehbuch idealistischer sein zu dürfen?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Natürlich war es erst einmal wichtig, dass ich durch meine bisherige Arbeit zeigen konnte, dass ich ein Serienprojekt nicht völlig versaue. Wenn ich jetzt zu RTL gehen würde, um dem Sender das Drehbuch für ein Kriegsdrama vorzulegen, würden sie es zumindest lesen. Man wird mir nur dann mehr Freiheiten einräumen, wenn ich schon mal erfolgreich bewiesen habe, dass ich die Basics beherrsche. Ich merke inzwischen, dass ich im Gegensatz zu früher viel eher das machen darf, was ich will.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Du planst also ein Kriegsdrama.&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;(lacht)&lt;/i&gt; Es steht so einiges auf meiner Projektliste, aber nicht das Kriegsdrama. Wobei, wenn Frau Schäferkordt &lt;i&gt;(RTL-Geschäftsführerin, Anm. d. Red.)&lt;/i&gt; einen Slot für &quot;Band of Brothers&quot; meets &quot;Alarm für Cobra 11&quot; freiräumen würde... &lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Wie wäre es mit einer Familienserie, die trotz männlichem Protagonisten erfolgreich ist?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Ich habe schon vor, ein Buch mit männlichem Hauptdarsteller zu schreiben. Das wird aber sicher keine Familienserie sein, sondern eher was im Bereich Action, Comedy oder Genre-Mix. Aber es ist auch hier so: Es sind die Sender, die nach Drehbüchern zu einem bestimmten Genre suchen. Und das typisch deutsche Genre ist nun mal der Krimi, den ich persönlich eher langweilig finde.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Du findest den &quot;Tatort&quot; langweilig?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Nein, aber ich finde den immer gleichen Aufbau von Krimis öde: In Minute X gibt es den ersten Toten, in Minute Y taucht der erste Verdächtige auf und so weiter - das ist auch im &quot;Tatort&quot; so. Ich finde, menschliche Abgründe und Milieu-Beobachtungen muss es auch in Familienserien oder Komödien geben dürfen.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Du hast mal gesagt, dass es in Deutschland nicht zu wenig gute Drehbuchautoren gebe, sondern zu wenige Macher unter ihnen. Was zeichnet denn einen Macher aus?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Einen Macher zeichnet aus, dass er seine Visionen auch umsetzen und gegen Widerstände verteidigen kann. Es ist ja nicht damit getan, ein Drehbuch nur zu schreiben. Um die Idee hinter dem Drehbuch umsetzen zu können, muss ich mich als Autor auch in der Vorbereitung, im Schnitt und beim Casting beteiligen. Ich möchte dabei sein, wenn am Ende das letzte Wort darüber gesprochen wird, welcher Schauspieler die Rolle in meiner Geschichte spielt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://jetzt.sueddeutsche.de/upl/images/user/an/andreas-glas/text/regular/738183.jpg&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;span class=&quot;txtbildcredit&quot;&gt;Für &quot;Türkisch für Anfänger&quot; hatte Bora eigentlich eine männliche Hauptrolle im Kopf. Doch der Sender wollte eine Frau.&lt;/span&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Als Drehbuchautor braucht man also möglichst alle Macht in der eigenen Hand?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Nicht alle. Und nicht jeder. Aber Entscheidungsmacht in kreativen Angelegenheiten ist mir wichtig und Teil meiner Verträge, ja.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Das klingt sehr autoritär. Wie steht es denn um deine Teamplayer-Qualitäten?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Die Seele eines Produktes wird immer im Team mit Produktion und Redaktion entschieden. Deshalb habe ich ja auch nicht gesagt, dass ich allein das letzte Wort haben will, sondern die endgültigen Entscheidungen mitbestimmen möchte. Wenn am Ende drei von vier Leuten sagen, dass ein Handlungsstrang für den Arsch ist, dann beuge ich mich und schreibe neu. Das Casting will ich aber mitbestimmen, da geht es um das Gesicht der Serie.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Inwiefern bestätigen dich jene Preise, die du für deine Serien abgeräumt hast: Bayerischer Fernsehpreis, Deutscher Fernsehpreis, Adolf-Grimme-Preis.&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Einige Preise bedeuten mir sehr viel. Dabei wusste ich früher gar nicht, dass es Jurys gibt, die diese Preise vergeben. Ich dachte immer, dass das Zuschauerabstimmungen sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Was bedeutet dir denn mehr: Das Urteil einer Fachjury oder das Urteil des Zuschauers?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Ich finde, dass die Preise einen immer wieder daran erinnern, dass man gegenüber dem Zuschauer die Verantwortung hat, keinen Müll zu produzieren und das Fernsehen besser machen zu wollen. Sonst kommt irgendwann die Grimme-Jury und sagt: “Gib die Preise wieder her, du angepasstes Kommerzschwein!”.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Demnächst wirst du dein Glück in den USA versuchen. Ist dein Idealismus in Deutschland an eine Grenze gestoßen?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Manche Genres funktionieren in Deutschland eben nicht. Wir haben gute Ideen und werden versuchen, in den USA Konzepte zu verkaufen, die hier nicht funktionieren oder zu teuer sind.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;b&gt;Abgesehen vom Idealismus: Welche Eigenschaften braucht man, um im Job erfolgreich zu sein?&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
Ich werde jetzt bestimmt nicht sagen: &quot;Man sollte seinen Job lieben, dann wird man auch erfolgreich sein&quot;. Daran glaube ich nicht. Im Gegenteil: 80 Prozent meines Jobs hasse ich, auch wenn ich das schnell vergesse, wenn die Arbeit erst mal vorbei ist. Ich würde also eher sagen, dass es wichtig ist, an sich zu glauben. Dass man nicht verzweifelt, wenn man mal eine Blockade hat. Und dass man Deadlines nicht so ernst nimmt. Überhaupt: Dass man den ganzen Job nicht zu Ernst nimmt. Außer man ist Arzt.&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;***&lt;/i&gt;&lt;br /&gt;
&lt;br /&gt;
&lt;i&gt;Alle bisher veröffentlichten Folgen der Jobkolumne findest du &lt;a href=&quot;http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/liste/l/18535&quot;&gt;&lt;i&gt;hier&lt;/i&gt;&lt;/a&gt;.&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/img&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/img&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/i&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;&lt;/br&gt;</description>
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      <pubDate>Fri, 27 Nov 2009 18:30:00 +0100</pubDate>
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