ja, guter artikel, unaufgeregt, sorgfältig....
Schade, dass sowas nicht als Printartikel erscheint!
Ich finde es immer wieder erstaunlich, in wie vielen Facetten Menschen versuchen, ihre Realität auszuhalten, indem sie sich eine eigene Welt schaffen.
Der buddhistische Versuch, dies innerhalb der Welt zu tun, ist schon deswegen interessant, weil er als Grunderfahrung die Demut - auch gegenüber der Realität - befördert, die ja bekanntlich die höchste Form von Mut ist.
Warum allerdings das Aufgeben des Ich (des Egos), immerhin ein konstitutiver Bestandteil menschlich ambivalenter Existenz, einen zielführenden Weg beschreiben sollte, erschließt sich mir nicht wirklich.
Und auch der Idealvorstellung der Leere würde ich gern das prallvolle menschliche Dasein entgegensetzen.
Jeder erschafft seine eigene Welt, auch du. DENN: Es gibt einen riesen Unterschied zwischen dem was jeder von uns für wahr hält und der Wirklichkeit, also der Beschaffenheit der Dinge, wie sie wirklich ausserhalb unseres Kopfes geschehen.
Wir sind in der Lage die Welt da draussen mit 5 Sinnen zu erfahren. Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten. Jeder Sinn erfasst ein gewisses Spektrum der Welt und auch da meist nur einen Teil. Bei Licht bspw.: Ultraviolett können wir nicht mehr sehen. Beim Hören verpassen wir einen Teil, der oberhalb einer gewissen Frequenz liegt, etc...
So entsteht unsere innere Welt, die begrenzt auf unserer Wahrnehmung beruht. Was wäre, wenn wir bspw. noch andere, physikalisch vollkommen bewiesene Dinge wahrnehmen könnten. Würde sich unser Weltbild nicht ändern? Was wäre, wenn wir bspw. Wärmestrahlung sehen könnten? Unsere Häuser wären wahrscheinlich viel besser isoliert und vieles andere mehr :) Das Ego aufzugeben, zumindest in der Meditation für eine Zeit kann also hilfreich sein, denn so schaut man über seinen eigenen Rand hinaus und sieht erstaunliche Dinge.
Dazu kommt die Komponente der Zeit. Wir sehen immer nur die Gegenwart, also den Bruchteil einer Sekunde, den wir JETZT nennen. Darüber vergessen wir, dass alles was jetzt ist aus einer Unzahl von Vorbedingungen entstanden ist (Bedingte Entstehung im Buddhismus). Schau dir einen Becher an oder ein Handy oder was auch immer. Ein Becher existiert nur, weil der Ton vor Millionen von Jahren entstand, weil ihn dann jemand aus der Natur entnahm, ihn formte, mit Holz oder Gas Feuer machte, ihn brannte etc. Auch Holz oder Gas entstanden, weil ein biologischer Prozess dazu führte und der war nur möglich, weil es Atome und Moleküle gab, die wiederrum nur existieren, weil es Elektronen und Quarks gibt. Um den Becher zu dir zu bringen braucht es einen Markt, ein Wirtschaftssystem, Geld, etc. Ohne all das gäbe es diesen Becher nicht genau zu dieser Zeit an diesem Ort.
Der Becher ist also nicht nur dieses Ding, welches auf deinem Tisch steht, sondern er ist auch die zahllosen Vorbedingungen, angefangen vor Milliarden von Jahren.
Und in absehbarer Zeit wird der Becher im Müll landen oder wo auch immer. Der BEGRIFF des Bechers ist also "leer", weil er nur einen momentanen Zustand ausdrückt, der nur im Moment eine Bedeutung hat, sie vorher nicht hatte und bald auch nicht mehr haben wird. Der Begriff Becher ist nur eine Schublade für unser Denken, eine Vereinfachung, die es dem Hirn erlaubt in seiner Begrenztheit Entscheidungen zu treffen.
Wer konsequent so die Welt bedenkt, wird entweder wahnsinnig oder erkennt fundamentale Wahrheiten der Welt oder um es in moderner Sprache auszudrücken: Er isoliert die Hauptvariablen der Weltformel. Dinge wie Liebe, Demut, Mitgefühl, etc sind Variablen, die die Buddhisten als sehr elementar und wichtig nehmen, da sie in der Leerheit immer wieder spürbar werden, vor allem wenn man nicht ein materielles Ding betrachtet, sondern die Gesellschaft und den Geist der Menschen selbst.
Der Begriff der Leerheit steht deshalb keinesfalls im Gegensatz zum Dasein des Menschen, im Gegenteil, die Leerheit ist das woraus alles hervorgeht und das wohin sich alles wieder auflösen wird.
Anders ausgedrückt: Wir erschaffen uns die Welt nach unseren begrenzten Sinnen. Der Buddhismus ist eine Wissenschaft des Geistes, weniger eine Religion, da es keinen Gott gibt im Buddhismus. Er versucht eben die Welt zu verstehen, aufgrund von innerer Einsicht. Seine Sprache ist wie in allen Religionen die Philosophie, aber auch die empirische Evidenz. Er steht damit der Wissenschaft sehr nahe, aber auch der Religion, weil ein gewisser Glaube an ein Nirvana, einen Zustand der Erleuchtung die Menschen treibt.
Ich hoffe das war verständlich. Es ist sehr schwierig über so ein komplexes Thema zu reden, vor allem in einem Kommentar ;)
LG
Marc
jurette_ sagte:
Das ist ein ganz toller Artikel, vielen Dank dafür.Schade, dass sowas nicht als Printartikel erscheint!
Tut er doch auch. (Zumindest bilde ich mir ein, dass alles was hier unter dem Label "jetztgedruckt" läuft, auch auf der jetzt-Seite der SZ auftaucht.)
klinsmaus sagte:
jurette_ sagte:
Das ist ein ganz toller Artikel, vielen Dank dafür.Schade, dass sowas nicht als Printartikel erscheint!
Tut er doch auch. (Zumindest bilde ich mir ein, dass alles was hier unter dem Label "jetztgedruckt" läuft, auch auf der jetzt-Seite der SZ auftaucht.)
O, das habe ich übersehen.







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28.03.2010 - 20:56 Uhr
rune