Und keiner zockt Dir mehr Bifis ab
Wir sitzen zusammen in einer Bank, der Pfarrer vorne erzählt etwas und reißt die Messe routinemäßig runter. Die Kirche ist brechend voll, als eine kleine alte, weiß gekleidete Frau nach vorne ans Mikrophon kommt und in greiser, immer wieder versagender Stimme das Halleluja im Wechselchor mit den Leuten in der Kirche singt. Später wird sie auch die Fürbitten vorlesen und ich denke, dass Du dabei gleich in Dein typisches Lachen ausbrechen wirst.
Es ist ein bisschen wie damals in der Schule, als Du und T. im Geschichtsunterricht gegenüber von C. saßt und ihr miteinander gewettet habt, wer von Euch beiden sie länger angucken kann, ohne lachen zu müssen. T. hat Dich damals um drei Bifis abgezockt, ehe Du von Lehrer G. ermahnt wurdest, doch endlich mit „dem Quatsch“ aufzuhören.
Die alte gebrechliche Frau singt weiter in Ratzingerstimme christliches Liedgut und liest Sachen aus dem Gebetsbuch vor. Gleich fällt ihr das Gebiss raus und Du platzt neben mir vor Lachen. Ich sollte Dir noch schnell eine Wette um einen Haufen Bifis oder ein Schnitzel bei der Schnitzeloma in Gießen anbieten und dann ganz groß abstauben, wenn Du Dein Lachen nicht mehr zurückhalten kannst, aber ich lass es sein, denn dazu hab ich ja später noch Zeit, denk ich.
Später dann auf dem Friedhof soll noch einmal das Vaterunser gebetet werden. Genau nach dem „Vater unser, geheiligt …“ rammt irgendwo in Deinem Heimatort ein Auto ein anderes beim Ausparken an und die Alarmanlage hupt durch bis „In Ewigkeit. Amen.“
Mir frieren die Füße ein, als ich dann vor dem Grab stehe, in das gerade der Sarg reingesenkt wurde. Ich ziehe die Handschuhe aus, greife nach der Schaufel, die im Sandeimer liegt, nehme eine ordentliche Schüppe voll und schmeiße einen Haufen Sand runter auf den Sarg mit dem Blumengedeck drauf. Und dann warte ich.
Ich warte darauf, dass der Deckel aufgeht, dass die Blumen seitlich neben den Sarg gegen die ausgebaggerte Lehmwand rutschen, dass es kurz rumpelt und Du auf einmal da stehst in Deinen Lieblingsklamotten, mich angrinst, lachst und mir ins Gesicht rufst: „Hey, L.! Wer hat Dir erlaubt, mich mit Dreck zu beschmeißen!?“, dass ich mitlache, dass die ganzen Leute drumherum in ihren schwarzen Klamotten keine Trauertränen in den Augen haben, sondern Lachtränen, dass der ganze Friedhof losbrüllt vor Lachen, wir uns umarmen und uns wiedersehen.
Aber dann gibt es doch nur Wurst und Käsebrötchen und Frankfurter Kranz. Und Kaffee, Früchtetee oder Schwarzen Tee. Und keiner zockt Dir mehr Bifis ab.
- 26. November 2011, ca. 18 Uhr 11.05.2012
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