10.05.2013 - 12:15 Uhr

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Eine kurze Geschichte der Gentrifizierung.

Text: synthie_und_roma in JETZTpartei (491)

Im modernen Leben ist eines immer gewisser: die Ungewissheit. Nichts bleibt, wie es ist. Alles kommt anders, noch bevor man es denken kann. Vielleicht wird die Welt mal so schnell, dass sie schon fast wieder stillzustehen scheint. Manches davon wird mit dem Modewort Gentrifizierung bezeichnet: Stadtteile ändern sich rasant. Wo gestern noch ein kleiner Buchladen war, macht heute eine internationale Modekette ihre Geschäfte. Eckkneipen-Wirte weichen Franchisenehmern. Eingeborene, Zugezogenen. So ist der Lauf der Dinge. Unaufhaltsam wie ein Tsunami in Superzeitlupe.


Ich bin das gewohnt, lebe ich doch seit zehn Jahren in Berlin-Mitte. Ein stetes Kommen und Gehen. Eine steingewordene Luxusloftisierung eines Kiezes. Ich mittendrin im Auge des Orkans. So weit so gut. Seit kurzem arbeite ich am Ostkreuz. Das ist das östliche Ende von Friedrichshain, hinter den S-Bahngleisen beginnt Lichtenberg. Letztens las ich in einem Stadtmagazin, dass Lichtenberg der neue In-Kiez werden soll, weil sich da Studenten und Kreative die Mieten noch leisten können. Ich war geschockt. In den 90er war Lichtenberg der Vorhof zur Hölle: Fest in der Hand von Neo-Nazis und Ossis, die sich im Schatten der ehemaligen Stasi-Zentrale in der Normannenstraße sichtlich wohl fühlten. Man landete da nur, wenn man sich verfahren hatte oder Richtung Polen nach Osten hindurchfuhr. Und jetzt: Das neue Neukölln. Unglaublich.


Auch die Gegend, in der ich jetzt meine Arbeitstage verbringe, hat sich richtig gemacht: Läden mit skandinavischen Süßigkeiten, Jung-Designer und kleine Hausbrauereien. Alteingesessene und neue Bewohner in bunter Mischung. Ein angenehmes Lebensgefühl – und die Vorboten auf kommende Bauschilder, die den Menschen „Eigentumswohnungen für jeden Geschmack ab 500.000 Euro versprechen.“ Früher waren Baulücken in Berlin Möglichkeiten, jetzt werden sie Unmöglichkeiten. Sie gaben einem Platz, Raum für eigene Gedanken. Damals machten sie Spaß, heute eher Angst. Und jeder geht mit dieser Angst anders um.


Manche gehen in die innere Emigration, andere schreien ihre Wut raus. Und wieder andere greifen zu noch drastischeren Mitteln. In den letzten Wochen kündigte sich die Eröffnung eines aufwendig sanierten Cafes an. Unbekannte beschmierten daraufhin die Wände und Fenster. Sie klecksten wie einst der große Künstler Jackson Pollock in wilden Schwüngen Farbe über das Haus. Es ergab sich aber kein Bild daraus. Oder nichts, was den Betrachter faszinieren konnte. Es kam wie es kommen musste: Ein Anti-Graffiti Team säuberte das Haus und die neuen Besitzer räumten Tische, Stühle und anderes Mobiliar ein. Auch einen Namen bekam der Gastronomiebetrieb: „Cafe Smyrna.“ Smyrna ist der alte Name von Izmir – ein türkisches Cafe.


Kurze Zeit später, hatte sich wieder ein Hobby-Pollock auf der Wand verewigt. Wobei auch Ewigkeit sehr endlich sein kann, wenn „Dr. Graffiti“ und sein Putztrupp anrücken. Die Wand war wieder sauber und das Cafe Smyrna feierte Eröffnung. Draußen wirbelten Luftballons im ersten lauen Frühlingswind. Manchmal fragt man sich, ob Luftballons in Wahrheit nur für Eröffnungszwecke erfunden wurden. Sie sind ein Symbol für den Neuanfang, für dessen Zauber, aber auch für seine Vergänglichkeit: Schnell kann die Luft raus sein und man macht schlapp. Oder man schafft es und schwebt davon.


Einen Tag nach der Eröffnung hatte jemand an die Fenster des Cafes „Fuck“ geschrieben. Wie gesagt, wir reden hier von einem türkischen Laden, der Kaffee verkauft, und diverse Nüsse anbietet. Wir reden nicht von McDonalds, Subway oder anderen Weltkonzernen mit Herz. Die Besitzer wischten den Willkommensgruß der Nachbarn weg. Nachbarn eher im räumlichen, als geistigen Sinne. Wie sie da wischten und sich wohl fragten, wo sie hier gelandet sind, taten die Neu-Gastronomen mir wirklich leid.


Ein bisschen mehr sogar noch, weil zur gleichen Zeit einmal um die Ecke der Onlineversandhändler Zalando ein neues Büro mit mehreren hundert neuen Mitarbeitern eröffnete. Mittags schwärmen jetzt viele trendige Twentysomethings durch den Kiez, auf der Suche nach etwas Essbarem: Sie arbeiten an der Zukunft des Internets mit. Sie wirken zuversichtlich, unverbraucht und voller Ideale. Auch wenn man sich Ideale heute nicht mehr leisten kann. Sie tun einem irgendwie gut und irgendwie auch nicht. Sie verändern die Gegend, so wie Zalando insgesamt viele Gegenden verändert: Unabhängige Läden machen dicht, Fußgängerzonen verwaisen und Paketdienstautos parken die Straßen zu. So ist eben der Lauf der Dinge.


Übrigens wurde die große Zentrale von Zalando nicht beschmiert und es wurde auch kein „Verpisst euch Online-Teufel“ an die Häuserwand des Büros gesprüht. Schließlich brauchen ja auch Gentrifizierungs-Gegner was zum Anziehen. Oder schicke Sportschuhe, mit denen sie schnell wegrennen können. Am Ende vor sich selbst.




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the-wrong-girl
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Mag ich Mag ich nicht

2

10.05.2013 - 12:13 Uhr
the-wrong-girl

wie im wrangelkiez. als der assligste kaiser's ganz berlins renoviert wurde, rannte der ganze kiez hin. gab ja auch würstchen etc.
als ein laden, der seit jaaaaaaaaaaaaaaaaahren leer stand endlich wieder vermietet wurde und da die firma euro-gidda einen supermarkt aufgemacht hat, tauchten die flugzettel auf: euro gidda macht die kleinen läden im kiez kaputt.

zum kotzen.
ich bin ja in lichtenberg aufgewachsen und kann eine gentrifizierung nur befürworten, ich wollte auch schon eine "gentrifiziert lichtenberg aktionswoche" starten. aber keiner will mitmachen :(

KasusKnacktus
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Mag ich Mag ich nicht

0

10.05.2013 - 17:11 Uhr
KasusKnacktus

haben wir hier in Köln auch, und alle wollen ihre schmuddeligen, graffitibeschmierten Rußziegelmauern nicht modernisieren lassen, schon der teils noch vorhandenen Einschusslöcher aus dem Frühjahr 1945 drin...

jurette_
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0

10.05.2013 - 21:42 Uhr
jurette_

KasusKnacktus sagte:
[link=http://jetzt.sueddeutsche.de/jetztlightb...
]http://jetzt.sueddeutsche.de/jetztlightb...

Wo ist das denn genau?

aufklaerungsfantasie
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Mag ich Mag ich nicht

1

10.05.2013 - 21:55 Uhr
aufklaerungsfantasie

tja, der primitve mensch-affe. ob in der stadt, auf dem dorf, oder national. diejenigen, die schon länger da sind, glauben die älteren und damit gültigeren rechte zu haben. mit demselben argument gab es genozide. alle kulturen und nationen weltweit gründen sich auf genozide. da ist das mit der gentrifizierung nichts anderes. alles scheiße. die recichen und die armen. beide scheiße. alle. wenn mal wer nen schritt weiter denken könnte, über den kleinen tellerrand..

fettesmaedchen
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Mag ich Mag ich nicht

0

10.05.2013 - 22:46 Uhr
fettesmaedchen

"Und jeder geht mit dieser Angst anders um.

Manche gehen in die innere Emigration, andere schreien ihre Wut raus. Und wieder andere greifen zu noch drastischeren Mitteln. "

Und manche gehen halt einfach mal arbeiten anstatt nur ewig nach dem BGE zu schreien. So wie ich (hihi).

octopussy
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Mag ich Mag ich nicht

-2

11.05.2013 - 08:54 Uhr
octopussy

puuuuuuh. schwierig schwierig schwierig. Aber allein seit S-Bahnhof Ostkreuz zur Ufo-Station geworden ist, sieht das halt schon mal ganz anders aus. Die ersten kleinen Anfänge vor ein paar Jahren waren OK. Ein paar kleine Hostels, paar kleine Cafés...
Dass die dumpfen Sprühereien manchmal auch gegen die Falschen gehen: schlichtweg doof. Dennoch wehre ich mich, die Gentrifikation im großen Stil als normale Stadtentwicklung zu bezeichnen.

queen_without_a_country
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Mag ich Mag ich nicht

0

11.05.2013 - 09:02 Uhr
queen_without_a_country

octopussy sagte:
puuuuuuh. schwierig schwierig schwierig. Aber allein seit S-Bahnhof Ostkreuz zur Ufo-Station geworden ist, sieht das halt schon mal ganz anders aus. Die ersten kleinen Anfänge vor ein paar Jahren waren OK. Ein paar kleine Hostels, paar kleine Cafés...
Dass die dumpfen Sprühereien manchmal auch gegen die Falschen gehen: schlichtweg doof. Dennoch wehre ich mich, die Gentrifikation im großen Stil als normale Stadtentwicklung zu bezeichnen.


was wäre denn normale Stadtentwicklung?

octopussy
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Mag ich Mag ich nicht

-2

11.05.2013 - 09:14 Uhr
octopussy

@queen_without_a_country: Gentrifizierung ist in meinen Augen: erst stehen alte Gebäude leer, werdendann abgerissen, dann neue hochgezogen und dann 3-fache Mieten. Oder auch in bestehenden Mietverträgen mit alten Ladenbesitzern die Mieten so anheben, dass sie die Segel streichen müssen. Ein Lebensraum wird geschaffen, der die ursprüngliche nicht so wohlverdienende Bevölkerung des Viertels vertreibt.
Normale Stadtentwicklung ist für mich als Idealist, wenn kleine eigenständige Läden einziehen, sich ins Viertel einbringen, die Nachbarn kennenlernen. Wenn Häuser sanft saniert werden und bezahlbare Mieten verlangt werden.

Montrose
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Mag ich Mag ich nicht

7

11.05.2013 - 09:39 Uhr
Montrose

octopussy sagte:
Normale Stadtentwicklung ist für mich als Idealist, wenn kleine eigenständige Läden einziehen, sich ins Viertel einbringen, die Nachbarn kennenlernen. Wenn Häuser sanft saniert werden und bezahlbare Mieten verlangt werden.

Das interessante ist doch, dass Gentrifizierung nicht damit beginnt, dass Zara, McDonalds, Zalando dort einziehen. Sie beginnt auch nicht dann, wenn Ölscheichs, neureiche Russen oder steuerflüchtige Griechen Lofts zum Geldanlegen und Leerstehenlassen kaufen. Denn wenn das passiert, ist das Viertel schon lange totgentrifiziert und wartet schon wieder auf den Verfall.
Nein, sie beginnt exakt dann, wenn Studenten, Künstler ... aufgrund des billigen Wohnraums hinziehen. Und die Hartz4-Empfänger, Arbeiter, Rentner, kleinen Angestellten etc. unter Druck setzen, die bisher dort wohnten.
Und diese Pilotgentrifizierer sind ja diejenigen, die am aggressivsten ihren Kiez gegen Gentrifizierung verteidigen, der eigentlich gar nicht ihnen gehört, da sie ja die ersten Entwickler sind. Sie verteidigen also ihren Status gegen die nächsten Gentrifizierer, die nur wegen ihnen überhaupt kommen und genauso recht oder unrecht haben wie sie, dort hinzuziehen. Im Grunde irgendwie spießig;-)
Und ansonsten: Wer jemals ein altes Haus saniert hat, weiß, was das kostet. Und weiß vor allem danach, warum er es gemacht hat. Sanierung und niedrige Mieten schließen sich aus, es sei denn, man macht das als öffentliche Aufgabe. Wie München z.B., das Sozialwohnungen bewusst in hippen Vierteln platziert. Aber dafür muss man öffentliches Geld haben und richtig nutzen. Aber wir reden ja hier über Berlin;-)

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