Als Du zu weinen beginnst hat der letzte Kiosk längst geschlossen.
Text: loki-
Den letzten Sommernagellack an ihren Füßen entfernte sie nie. Dann konnte sie sehen, wie der Sommer immer tiefer in die Vergangenheit rückt. Nur noch kleine rote Fragmente am großen Zeh übrig waren. Bis er ganz weg ist, ist vielleicht Frühling, zumindest ein bisschen.
Ich habe gerade Fußnägel geschnitten.
Draußen stürmt es. Der Wind peitscht den Regen an mein Zimmerfenster. Ich habe kalte Füße. Vielleicht ist die Heizung schon ausgesprungen. Nachts wird nicht geheizt. Als es Anfang der Woche gefroren hat, bin ich in der Nacht zum Montag dreimal aufgewacht, weil ich so gefroren habe. Ich nehme noch ein Bad.
Gestern habe ich mich mit Tyron auf dem Campus getroffen. Dort liefen scharenweise pummelige Mädchen in Lackleggings herum. Andere trugen Miniröcke und Tops mit vielversprechenden Ausschnitten. Sie mögen es, ihr Fleisch zur Schau zu stellen, sie haben viel davon. Vielleicht frieren sie daher nicht. Es ist aber nicht nur so, dass sie pralle Schenkel haben, nein sie haben auch Brüste. Tyron war in Begleitung, eine Studentin, die er kannte, ich aber nicht. Es war jedenfalls für den Abend eine Party an der Uni angesagt. Mir wurde erzählt, dass dort dreimal die Woche Party sei. Die Musik sei manchmal etwas cheesy, das heißt, es läuft mitunter über weite Strecken schlechte Chartmusik, hat mir das Mädchen erklärt, die quer durch die Mensa brüllte, ihr ExFreund habe Sex mit einer Anderen, während sie mir kurz zuvor noch erläuterte, er sei der Grund dafür, warum sie keinen Austausch nach Amerika machen könne. Aber es gibt Wodka für nen Euro. Manchmal auch Gin. Ich sollte den Barkeeper fragen. Sie wollte jedenfalls erst einmal dorthin, deswegen sind wir, das heißt Tyron, Ben und ich, ohne sie und ihre Freundin aufgebrochen, mit der sie anschleißend eine lange Unterhaltung über Lipgloss führte. Versteht mich nicht falsch, ich fand sie sympathisch. So halbwegs immerhin. Auf der Party waren viele Menschen, sie waren alle betrunken und der Boden war mit einer Brühe aus Alkohol und Asche bedeckt, was die Gastgeberin aber dennoch nicht davon abhielt barfuss herumzuflitzen. Sie ist ein nettes, verrücktes Mädchen aus Tyrons Fotokurs. Ihr Name ist Liz. Lisa, eigentlich, erklärte sie mir kurz, mit einem Grinsen – verlegen oder lediglich debil, was das angeht, war ich mir dabei nicht sicher. Zunächst standen wir bei einer Truppe Jungs, von denen der eine aussah wie einer von der Jackass-Bande. Kein Kompliment, oder? Ich kann nicht sagen, ob er dort einen Doppelgänger hat oder ob er einfach wie die Summe dieser Typen aussah, er war jedenfalls klein, hatte schon ganz kleine Augen vom Alkohol oder was auch immer und hat sehr viel gelacht. Dabei hatte er mit faszinierender, kurzatmiger Regelmäßigkeit seinen Kopf in den Nacken geschmissen. Später saß ich dann mit einer kleinen Gruppe von Leuten auf der Treppe, die waren alle sehr nett und anständig. Doch alle fünf Minuten kam ein fettes, kleines Mädchen an und wollte Ecstasy verkaufen. Sie hatte riesengroße Brüste, die größten Brüste des Abends, über die sich ein knallbuntes Mickey Mouse Shirt spannte. Sie war ziemlich nervig und hatte eine piepsige, hohe Stimme. Wir sind dann irgendwann in Richtung Innenstadt aufgebrochen, die Bar neben dem Cuba, so wurde es mir beschrieben und wir, das sind ein Haufen Menschen, an deren Gesichter ich mich zwar noch schemenhaft erinnere, aber nicht mehr an deren Namen. Auf dem Weg versuchten Liz und ich eine zwei Liter Plastikflasche englischen Cidre auszutrinken, der wie abgestandene Apfelschorle ohne Kohlensäure schmeckte. Die ‚Bar’ war ein dreistöckiges, schmales Haus mit einer Art Kneipe im Erdgeschoss, einem Raucherbereich im zweiten Stock und einer Tanzfläche im Dritten. Die Musik war elektronisch. Tanzbar für ein paar Lieder. Kurz vor 7 bin ich dann los. Zu Hause lief Tetris an der Wand, Ben und ein Unbekannter hingen tief in ihren Sesseln. Ich habe noch ein Bier in der Küche getrunken und dabei den übriggebliebenen Brokolli aufgegessen.
Den ganzen Tag über hatte ich geschlafen. Vorhin habe ich gebadet und dabei endlich mal wieder Sartre weitergelesen. Ganze fünfunddreißig Seiten. Beim Blick in die Wanne, dem verfärbten Wasser mit den Bademittelchen, staune ich kurz. Dieses seichte türkisblau. Meine Gedanken spulen rückwärts. Bis zu Badewasser in England. Dort kann man das viele Chlor im Wasser ohne Mühe riechen und schmecken, dass es das Heim- zum Schwimmbad verfärben würde, damit hatte ich damals aber kein Stück mit gerechnet.
Ich sollte früher nach dem Schwimmen im Freibad immer duschen, um das Chlor vom Körper zu waschen. Das können sich die englischen Kinder wohl sparen, geht es mir durch den Kopf.
Ich denke an die Tage in London. An Deine Worte, die sich tief eingraviert haben in mein Gedächtnis, wie ein Schwur, ein bedeutsames Gelöbnis.
Die Tage werden wieder länger, ich warte auf das endgültige Ende des Winters. Auf das Aufblühen, den Beginn des Frühlings. Meinen. Unseren.
©.
‚Den letzten Sommernagellack an meinen Füßen entferne ich nie. Dann kann ich sehen, wie der Sommer immer tiefer in die Vergangenheit rückt. Nur noch kleine rote Fragmente am großen Zeh übrig sind. Bis er ganz weg ist, ist vielleicht schon Frühling, zumindest ein bisschen.’
Neue Texte zum Label 'Jules':
Textoptionen