Liebeale
Die Liebe ist nicht Yoko und John, die Liebe ist nicht Tauben füttern im Park.Mo war sehr, sehr groß und Lara war sehr klein. Mo hatte rote Haare und Sommersprossen und sah ein bisschen aus wie der irische Zwilling von Bastian Schweinsteiger. Als ich ihm das im Halbrausch mal so über den Vodkabecher geschrien habe, fand er das gar nicht lustig. Mit Lara konnte man immer prima lachen, manchmal auch über Mo. Lara lachte ziemlich laut und grunzte am Ende. Mo und Lara waren ein schönes Paar, das sagten viele. Einmal hatte Lara Geburtstag, wir standen alle in der Küche, zählten die letzten Sekunden runter und versuchten die Geburtstagskerzen anzuzünden. Lara stand in der Mitte, um sie ein großer Kreis aus Freunden, Kuchen und Geschenken. „3...2...1...“. Bei der Null hatte Mo sie im Arm, in mitten dieses Freudeskuchen-Geschenkekreises, er hielt sie so fest, dass sie im Hohlkreuz stand, den Kopf im Nacken, Nasenspitzen aneinander. So standen sie eine kleine lange Weile, bis die Kerzen auf den Kuchen tropften. Um den Hals hatte sie die Kette mit dem „M“.
Manchmal kann man die Liebe sehen. Man muss ziemlich lange schauen, bis man so was mal sieht, Paare sind da nämlich sehr scheu. Zumindest die, die einen solchen Moment zustande bringen (der ausgedehnte Zungenkuss gehört da nicht dazu). Für einen Unbeteiligten löst das Miterleben eines solchen Paarmomentes je nach Lebensphase meist genau zwei Dinge aus: Tiefe, tiefe Übelkeit oder ein kleines ,Pling‘ im Kopf. Das Pling im Kopf ist schlimmer, denn die Übelkeit vergeht gleichzeitig mit dem Liebeskummer, das Pling aber, das bleibt. Das gleiche Geräusch macht das Gehirn auch in Liebesfilmen oder Romanen, wenn wir glauben, wir hätten die Liebe verstanden. Wenn X zum Beispiel Y die Haare wäscht oder oder für sie durch die Wüste läuft. Oder wenn alte Pärchen gebückt und Händchen haltend durch die Straßen laufen. Oder wenn B. zu A. „Arschloch!“ sagt und sie dann beide grinsen müssen. Pling, Pling. Es braucht jahrelange Arbeit, bis so ein Pling endlich verstummt. Dann vergessen wir das Pling, geht ja auch ganz gut ohne. Und dann eines Tages beim WG-Frühstück schenkt der A. der B. ganz selbstverständlich seine Brötchenhälfte, nicht die flache doofe, sondern die gute mit den vielen Körnern, obwohl er sie viel lieber mag. Schon ist es wieder da.
Was das Pling so schwierig macht, ist, dass es uns immer auch etwas sagen will. Uns nicht in Ruhe lässt. Und flüstert: „Das ist die Liebe. Das möchtest du auch.“
Wenn wir sie dann haben, sind wir ganz schön aufgeschmissen. Denn wir sind nicht nur Rentner, die gebückt durch Parks spazieren und nicht auf jedes „Arschloch!“ folgt ein Grinsen, manchmal knallt auch nur die Tür. Wenn wir dann verheult auf der anderen Seite stehen, kommt es wieder, unser Pling. Wedelt mit Bildern vor unserem Kopf herum. Romeo und Julia. John und Yoko. A. und B. beim Frühstück. Und am schlimmsten: Ihr beide vor zwei Wochen. Alle glücklich.
Ein paar Tage nach ihrem Geburtstag saßen wir bei Lara auf dem Balkon. Ihr war nicht so nach lachen. Sie hatte die Kette mit dem „M“ um den Hals und erzählte. Erzählte von Mo und von ihr und von den Dingen, von denen man sonst nicht erzählt. Am Ende waren wir beide still. Ich sah die beiden in der Küche, als Mo sie so fest hielt, dass sich ihre Füße fast vom Boden lösten. In meinem Kopf verzerrte sich das Bild, aber es sah auf einmal richtig aus. Da war kein perfektes Paar, da war ein Paar, das durch die gleiche Scheiße waten musste, wie alle anderen, das es aber trotzdem noch probierte. Die Liebe ist kein perfektes Bild im Kopf, sondern oft genau das Gegenteil.
Die Liebe ist nicht Yoko und John, die Liebe ist nicht Tauben füttern im Park, die Liebe ist, was passiert, wenn das Geräusch im Kopf der Realität Platz macht und man trotzdem noch da sein möchte. Dann hat man großes, großes Glück gehabt.
Und eines Tages, beim Frühstück, schenkt uns jemand seine Brötchenhälfte, die doofe flache ohne Körner. Und auf einmal macht es
nichts.

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gut. echt.
chrinamu sagte:
Ich mag übrigens die untere Brötchenhälfte lieber.
Ich auch. Und in DIESEM Fall dürfte sogar schon eine Ecke abgebissen sein ...
12.04.2012 - 08:12 Uhr
alter_hund
chrinamu sagte:
Ich mag übrigens die untere Brötchenhälfte lieber.
Ich auch. Und in DIESEM Fall dürfte sogar schon eine Ecke abgebissen sein ...








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10.02.2012 - 00:30 Uhr
TextTrulla