Rücken an Rücken
Sie kniet auf dem Boden und klaubt Scherben auf.Mit zitternden Händen, die so scharf und spitz sind wie das eben zerborstene Porzellan. Und auch genauso weiß.
"Jede Scherbe ein Stern" denkt sie. Rafft ihr Kleid und sammelt die Sterne darin. Jeder Stern ein Wunsch.
Ihr ist kalt. Sie wickelt sich enger in ihren Schal. Sucht seinen Blick. Seinen Mund. Seine zur Vorsicht mahnenden Worte.
Sie steckt ihre Hände in seine Taschen und drängt sich an ihn. Will, dass er sie wie immer in die Arme nimmt und in den Schlaf wiegt. Will, dass er wieder die große Wolldecke über sie ausbreitet und sich neben sie legt.
Er sieht sie auf sich zukommen. Auf dünnen Beinen. Mit winzigen Schritten. Wie ein Vogel hüpft sie. Mit langen Haaren. Einzelne Strähnen leuchten im Licht.
Sie kommt näher. Sein Mund malt ihren Namen. Seine Augen blicken durch die blasse Haut. Er riecht den zarten Flaum in ihrem Nacken. Und will sie küssen. Die Strähnen stören. Er versucht sie hinter ihr Ohr zu klemmen. Seine Hände sind rau. Er will ihr Gesicht nicht berühren.
Zwei Jahre und er hat nie ihr Gesicht berührt.
Laut pocht ihr Herz gegen die Matratze. Schlägt schnell unter ihren Rippen und in die weißen Laken.
Sie hat Angst, dass er das Klopfen hört. Fürchtet, er würde seine Hände von ihrem warmen Bauch nehmen.
Sie lauscht seinem leisen Atem in ihrem Nacken. Spürt die leichte Gänsehaut.
Ihr ist heiß, sie hat Durst.
Vorsichtig schält sie sich aus der Decke, unter der sie jetzt seit zwei Jahren schläft. Den Weg in die Küche findet sie mühelos. Auch wenn das Zimmer in eine tiefe Schwärze getaucht ist.
Er mag die Sterne nicht.
Er wacht auf. Hört das leise Klirren ihrer Armreifen. Er mag das. Einen Augenblick noch hält er die Augen geschlossen. Dann dreht er sich auf den Rücken und blickt sie an.
Wie er ihr Gesicht liebt. Am Morgen. Das zerdrückte Haar. Ihren nackten Körper neben seinem."Frei sein" nennt er das.
"Ich bin frei!" sagt er zu ihr. "Ich weiß" lächelt sie und er legt seinen Kopf in ihre Hände. Fragt sich, ob sie wohl auch seine Gedanken hält.
Vielleicht waren sie eingeschlafen und träumten.
- Dieses strahlende Blau 01.03.2012
- Joanna 05.02.2012
- Klangprobe 16.01.2012
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21.04.2012 - 20:31 Uhr
Loseyan