04.03.2006 - 22:36 Uhr

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You have been the one for me

Text: tiamaria

Hinter mir liegt eine Nacht, wie ein ganzes Leben, kein schönes Leben. Ich fühle mich so leer geweint, als habe mein Körper keine Flüssigkeit mehr in sich. Vielleicht verdickt sich das Blut gerade zu einem dicken Klumpen, wandert zum völlig lädierten Herzen und läßt es endlich zerspringen. Der Fernseher läuft ununterbrochen, hat er schon die ganze Nacht gemacht und ich habe mich am beschissensten Fernsehprogramm der Welt entlang gehangelt, als sei es das rettende Seil, das mich über den Abgrund führt. Irgendwann war es draußen hell, jetzt bin ich schon seit gefühlten drei Tagen wach und es ist erst 8:45 Uhr. Zu früh, um jemanden anzurufen. Zu früh, um vor die Tür zu gehen, ohne über alkoholisierte Karnevalsleichen zu fallen, die mir zeigen, wieviel Spaß ich hätte haben können, wenn mein Leben nicht gerade ein Katastrophe wäre. Ich zappe mich gelangweilt durch Soaps und TV-Dokumentationen, bis mir ein Lied auf dem Klingeltonshopppingkanal Viva das Herz zerreißt. "Beautiful Dawn...". James Blunt. Bitte nicht jetzt. Und schon ist es da. Schon sehe ich uns auf Samui, am Bophut Beach, bei diesem schmuddeligen Strandrestaurant mit den räudigen Straßenhunden unter dem Tisch. Und einem verrückten, dicken Kellner, der als einziger Englisch kann, während uns die zahnlose Köchin immer nur aus dem Hintergrund vielsagend anlächelt. Uns seltsame Farangs, die mit erwartungsvollen Mienen da sitzen und darauf warten, ob sich die Prophezeiungen aus der Lose-Bibel erfüllen. Und sie erfüllen sich mit großartigem, köstlichen Essen. Noch nie geschmeckte Gewürze tanzten auf unseren Zungen Tango und füllten unsere Augen und Nasen mit Wasser. Im Hintergrund läuft - obligatorisch - der Fernseher, stumm, ein Dracula-Film. Das Meer rauscht heute nicht, es ist fast still und plätschert leise und harmlos, wie ein kleines Bächlein. Und dann kommt im Radio James Blunt. Wie an fast jedem Strand an diesem November 2005 in Thailand. Beautiful dawn - lights up the shore for me. There is nothing else in the world, I´d rather wake up and see (with you). Beautiful dawn - I´m just chasing time again. Das Lied verfolgt uns und wir beschließen, das theatralische Jammern gemeinsam zu hassen. Aber heimlich trifft es mich doch mitten ins Herz und die Tränen in meinen Augen sind nicht mehr allein auf die kleinen, roten Chilischoten zurück zu führen. Wir lachen über unsere laufenden Nasen und die einsetzende Schnappatmung. Unter unseren Stühlen schlafen friedlich die zerzausten Hunde, ein tiefes Schnarchen begleitet uns beim Essen. Wir sind die einzigen Gäste. Ich bin glücklich. James Blunts Gejuchze weicht mein Herz so sehr auf, dass ich für einen Augenblick glaube, an diesem Ort sterben zu können. Jetzt. Mit diesen unbekümmerten, freundlichen Menschen. Ohne den Gedanken an Karriere, Job, Geld, Altersvorsorge, Terrorismus, Zukunft und marode Wirtschaft. Ich möchte spontan meine Trendklamotten gegen die schlichten, blumenbedruckten Wickelröcke der Thais eintauschen, zwei braungebrannte Kinder bekommen, die am Strand spielen können, während ich dickbäuchigen, schwitzenden Touristen kleine Kunstwerke aus Speisen serviere, die mein Liebster in der Küche gezaubert hat. Ich möchte jeden Morgen vom Rauschen oder Donnern des Meeres geweckt werden und mit einem Blick auf den Horizont wissen, ob es heiß oder noch heißer werden wird. Ich möchte auf meinem Fußrücken nie wieder etwas anderes spüren, als den Zehensteg meiner Flipflops. Ich möchte mich um Kinder und Arbeit gleichzeitig kümmern können, ohne eines davon zu vernachlässigen, möchte beim Leben arbeiten und nicht auf ein kurzes Wochenende oder vier Wochen Urlaub im Jahr zu hecheln. Ich möchte jeden Tag so leben, als wäre es der letzte. Für törichte vier Minuten sitze ich an diesem kleinen, nicht einmal ausgesprochen schönen Strand und lebe so gerne, dass ich am Liebsten dem Mann, den ich liebe, der mir gerade gegenüber sitzt, einen Heiratsantrag machen würde. Weil er so zufrieden und glücklich ist, sich ganz auf das Essen und mich konzentriert und voll und ganz angekommen zu sein scheint. Weil er nicht mit einem Auge nach der nächsten Herausforderung schielt oder mehr möchte. Weil er zufrieden mit dem ist, was er hat. Und ich auch. Vielleicht hätte ich mich von James Blunts' Stimme einlullen lassen sollen, vielleicht hätte ich mich ohne Nachdenken einfach treiben lassen sollen. Beautiful dawn - You´re just blowing my mind again. Thought I was born to endless night, until you shine. Will you be my shoulder when I´m gray and older? Promise me tomorrow starts with you, Getting high; running wild among all the stars above. Sometimes it´s hard to believe you remember me. Ich hätte ihn fragen sollen, ob er mein Mann werden möchte und sein Leben mit mir teilen will. Das hätte ich tun sollen, ganz ohne Nachdenken, ob er nein sagen könnte, ob er wirklich der Richtige ist, ob es einen einfacheren und unkomplizierteren Mann geben könnte, ob er mich je verletzten und betrügen könnte, wie er es bei anderen Frauen mal gemacht hat. Ob er mich wirklich ein Leben lang würde lieben könnte, wie ich ihn liebe und ob er Kinder mit mir haben wollte. Ob er jemals lernen könnte, meine Kritik an ihm zu ertragen, ohne gleich unsere Liebe in Frage zu stellen. Ob er je bei mir ankommen könnte, wie er es in diesem Augenblick ist. Aber ich habe es nicht getan. Nicht die persische, herzverwöhnte Seite an mir hat gewonnen. Nicht der Teil in mir, der weiß, dass er die große Liebe ist und ich für ihn und er für mich bestimmt ist. Nicht der Teil in mir, der weiß, dass ich dankbar sein sollte, dass er es ist, der für mich bestimmt ist, der Mann, den ich seit drei Jahren unumwunden ansehen kann, ohne mich daran gewöhnt zu haben. In dessen Augen ich jeden Tag eine neue Farbe entdecke. Der mich dafür liebt, dass ich manchmal ein albernes, tierverrücktes kleines Mädchen sein möchte und nicht erwachsen werden mag. Jemand, für den Genuss und Leidenschaft zum Leben gehören, auch wenn er es im Moment auf Essen und Kuscheln beschränkt. Die Seite in mir, die auf unsere Liebe vertraut und darauf baut, dass wir irgendwann die Leidenschaft wieder finden können. Gewonnen hat die deutsche Seite. Endlich ein Krieg, den die Deutschen auch mal gewinnen, zwar nicht haushoch und euphorisch, sondern still und deprimiert. Gewonnen hat das Nachdenken über die Zukunft, gewonnen haben die "ja - abers" und die vielen Vorbehalte, die meine und seine Vorgeschichte mit sich bringen. Gewonnen hat die ewige Suche nach dem Perfekten. Gewonnen hat meine total gestörte Seite, die so besessen darauf wartet, dass er mich verletzt und betrügt, dass sie es fast herbei redet. Weil sie glaubt, ich habe mit all den Fehlern, die ich früher gemacht habe, ein Glücklichsein nicht verdient. Sondern ein ewig liebloses Leben. Denn ich habe mal dazu beigetragen, eine langjährige Beziehung mit einer Affäre zu zerstören. Ein ewig liebloses Leben mit einer zudem unerklärlichen Sehnsucht nach dem Baby, was ich nicht bekommen habe, weil ich es von diesem Mann damals nicht haben wollte. Und jetzt dazu verdammt bin, das Gefühl zu ertragen, einen Mann zu haben, der mit mir keines möchte. Gewonnen hat die Seite, die jetzt fatalistisch darauf wartet, dass die Katastrophe passiert, anstatt dafür zu sorgen, dass ich glücklich werde. Du bist Deutschland. Ich habe also dagesessen und nichts gesagt und in seinen Augen weitere Farben gesucht. Ich habe das Lied an mir abperlen lassen, die Tränen auf die Chillischoten geschoben und gewartet, bis die Heftigkeit meiner Liebe langsam nach läßt, wie das Brennen der Schärfe auf meinen Lippen. Ich hätte doch riskiert, dass er nein sagt. Und jetzt sitze ich hier und wünsche mir, ich wäre dieses Risiko eingegangen, vielleicht hätte er nein gesagt, aber er hätte gewusst, wie es um uns steht. Wie es in mir aussieht. Vielleicht wäre dann seine Liebe für mich nicht einfach so weggeflossen, wie es jetzt scheint. Ich habe furchtbare Angst, dass es diesen Moment nie wieder geben wird und alles verloren ist. Goodbye my lover. Goodbye my friend. You have been the one. You have been the one for me.


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2 Kommentare

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octopussy
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Mag ich Mag ich nicht

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04.03.2006 - 22:49 Uhr
octopussy

scheint irgendwie, als sei thailand ein schicksalsland, was die liebe anbelangt. dort steht und faellt sie...

libelle
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Mag ich Mag ich nicht

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05.03.2006 - 13:19 Uhr
libelle

das letzte lied am schluss gibt einem noch den rest....


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