Über das Tätowiertwerden
Ich kann durchaus nachvollziehen, daß manche Leute die Sache mit dem tätowieren nicht verstehen können.
Schließlich sind Schmerzen zu erwarten, teilweise große. Dazu eine unsägliche Sauerei aus Tinte, Blut und Wundsutsch. Anschließend lästige Pflege mit schmierigen Schmieren an unerreichbaren Stellen. Und die Hölle: Juckreiz.
Manche können nicht verstehen, daß man sich freiwillig so einer Tortur aussetzt. Manche finden alleine die Idee abstoßend Farbe mit Nadeln unter die Haut zu bugsieren. Manche haben Bedenken und Ängste ganz praktischer Art wie Krankheiten und die Zusammensetzung der Tinte. Fair enough.

Wer sich freiwillig Wunden zufügen läßt, kann nicht ganz ‚normal’ sein habe ich auch schon gehört. Beim Frisör erregte sich neulich ein älterer Gast darüber, daß er das einfach nicht verstehen könnte, diese „Tätowiration“. Ob die Frisörin wohl auch so was hätte? Sein Ton ließ dabei vermuten die nächste Frage wäre "Ist das ansteckend?"
Ganz unabhängig von Ängsten und Sorgen wundert es mich, daß viele zuerst über Schmerzen reden. Ich muß sagen, daß ich nicht hauptsächlich darüber nachgedacht habe das es weh tun würde. Ich dachte daran, welche Bilder an welchen Stellen entstehen sollten. Und danach war der Schmerz nicht das was mir in der Erinnerung blieb, sondern der Tag als Ganzes.
Der sollte besonders sein. Mit besonderen Leuten und gutem Futter und Photos, viel Zeit und guter Musik. Als der Termin mit Donna Tinta und Photofee Amy koordiniert war plante ich ausgiebig und mit viel Vorfreude: Die Wohnung polieren, tolle Dinge für das gemeinsame Frühstück einkaufen, den Arbeitsplatz herrichten und die Musik aussuchen.
Natürlich tut die Sache weh, das steht außer Frage. Das das Schmerzempfinden bei jedem Menschen anders ist, allerdings auch. Es gibt also keinen Grund diese Tatsache zu diskutieren, es ist völlig klar, das es weh tut. Es gibt schlimme Stellen, es gibt harmlose. Manchmal wollte ich schreien, manchmal einschlafen.
Es ist schön wenn man danach ein bisschen frei hat, damit man nicht schon während der Folienphase ins Büro muß. Auch wenn die Fettige-T-Shirt-Phase danach nicht wirklich angenehmer ist, vor allem wenn man seinen einbalsamierten Rücken den ganzen Tag in einen Bürostuhl drücken muß. Wirklich nervtötend wird es wenn die Juck-und-Krümel-Phase dazukommt, in der sich die Haut schält wie bei einem Sonnenbrand und man einfach nicht und auf keinen Fall kratzen darf. Meine Methode: Mehr Salbe drauf. Alles für die Kunst.

Und warum tut man sich das an?
Ganz ehrlich- in bestimmten, wenigen Momenten frage ich mich das auch. Das sind die, in denen einen kein Film und keine Musik mehr von dem Gefühl ablenken kann mit einem Schreinerhobel massiert zu werden.
Wenn mein Fuß anfängt auf dem Boden herumzuklopfen, als wolle er abschlagen, wie man es beim Judo macht wenn der angesetzte Griff nicht mehr auszuhalten ist. Wenn sich mein Gesicht im Kissen vergräbt und meine Stimmbänder ungefragt gequälte Laute produzieren.
Wie man das bloß aushält? Ganz einfach: Man tut es. Wenn ich Tips geben müsste wären das 3 Dinge: Atmung, Entspannung, Ablenkung. Das hilft sogar wenn es sich anfühlt als würde die Donna mit einem Dremel ungepolstert auf meinen Wirbeln rumeiern und die Vibration bis in die Schädeldecke zieht.
Aber auch der Geruch von Arztseife und Heilsalbe am Morgen ist irgendwann verflogen. Wenn nach ein paar Wochen alle Farben so sind wie sie gedacht waren, wenn man endlich wieder vernünftig sitzen kann, wenn man ein T-shirt auch mal 2 Tage tragen kann weil man keinen sagenhaften, mit Tinten- und Hautfragmenten durchsetzten Schmierfilm auf der Innenseite hinterlässt und wenn man zufällig einen Blick erhascht auf die Zeichnung- dann freue zumindest ich mir jedesmal einen Ast.
Spätestens dann denke ich kaum noch an Schmerzen oder nervige Pflege. Dann denke ich nur noch daran wie phantastisch das Ganze aussieht, wie gut mir diese Stelle an mir gefällt. Wieviel Arbeit dieses Kunstwerk war und wie gut es gelungen ist. Und daran ein deckendes Shirt beim nächsten Elternbesuch zu tragen.
Am besten gefiel mir noch der halb jammernde Kommentar meiner Schwester als ich stolz meine neu gefärbten Schultern präsentierte: „Schön gemacht ist das ja... aber das geht ja nie wieder weg!“ Endlich mal jemand, der die gesamte Situation erfasst hat.

(Photos (c) by http://www.sleepingevil.deviantart.com/)
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Und wie bist Du auf das Motiv gekommen?
Das Motiv war immer da, ich liebe diese rieseigen schwarzen Rabenkrähen sehr. Elegante Flieger, schlaue Köpfchen und alles in allem einfach sehr... schwarz.









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08.02.2013 - 15:22 Uhr
apollyon
Du hast Dir aber auch echt die schmerzvollste Stelle ausgesucht. Schulter ist aua!
Aber es hält Dein Leben lang. Es gibt Zahnarztbehandlungen, die sind schmerzhafter und halten nicht so lange.
Ach, und irgendwann musst Du es Deinen Eltern doch sowieso "beichten."