Eine Nacht
Es tat weh, wenn er über Bordsteine fuhr, ich saß auf dem Gepäckträger eines Fahrrads eines Mannes, dessen Namen ich nicht einmal wusste. Ich war mir sicher, dass sein Name wunderschön sein musste, weil er dunkle Locken hatte und vielleicht Spanier war oder Italiener. Ich war so betrunken, dass ich mich konzentrieren musste, um nicht vom Fahrrad zu fallen. Wir fuhren an einer Pferdekoppel vorbei und ich war wieder mal erstaunt über diese Stadt, die so fließend in Land überging, auf dem fast kein Haus mehr stand, um dann wieder zu Stadt zu werden. Wir fuhren in dieses Studentendorf, das ich so fürchterlich fand, hier wohnten Studenten in winzig kleinen Häusern, jeweils zu dritt, die Häuser waren viereckig und sahen aus, als könnte man sie komplett bei Ikea kaufen, auf einen LKW laden und dann einfach aufstellen. Ich erzählte das dem Typen auf dem Fahrrad und der sagte: „Schweden ist mehr als Ikea.“ und er sagte das mit ernstem Unterton in der Stimme, den ich unangemessen übertrieben fand und lachte. Von Nahem sahen die Häuschen nicht mehr ganz so klein aus und sie hatten große Fenster. Der Mann hieß Nicolas und sagte „Välkommen“, fragte, ob ich Kaffee wolle und ich sagte „Nej“. Er fing an zu erzählen, dass er den besten Kaffee der Stadt hier hätte, er sei nämlich Schweizer, habe seine Kindheit in der italienischen Schweiz verbracht und von dort bringe ihm seine Mutter den Kaffee immer mit. Nicolas sagte, dass der Kaffee so gut wäre, dass man ihn im Kühlschrank aufbewahren müsse und dass das niemand verstand. Ich sagte, dass ich das verstehen würde. Ich hätte mir lieber gewünscht, wir hätten nicht soviel geredet und gleich geknutscht, ich hatte mehr Lust, die schweigsame Unbekannte zu sein, als ein nettes Mädchen, aber das hatte ich noch nie fertig gebracht. „Es ist wie ein verdammter Vertrag in dieser verdammten Studenten-Stadt“, hatte Moa Stunden vorher gesagt. „Man steigt mit ins Auto, mit aufs Fahrrad, was weiß denn ich wohin. Wenn man mitgeht, dann kommt es auch dazu.“ „Wozu?“, hatte ich gefragt. „Na zum Ficken.“, hatte sie gelacht und ich hatte auch gelacht, weil die Musik so schlecht war, dass man auch ruhig lachen konnte, nur weil jemand „ficken“ sagte. Moa und ich hatten drei Runden Kniffel gespielt, bevor wir uns betrunken genug fühlten, um auf die Party zu gehen. Im Sommer hatte ich beschlossen, nicht mehr auf Partys zu gehen, die man unbetrunken nicht aushält, aber diesen Vorsatz habe ich schnell wieder über Bord geworfen, weil das Leben zu kurz ist, um langweilig zu sein. Moa sagte, sie würde gerne alles mitnehmen, jede Party, jeden Mann, jedes Land und jeden Moment. Moa sagte oft Dinge, die man ohne zu zögern an die Wand schreiben würde, so frei und unabhängig klangen die Sätze aus ihrem Mund. Es war fast Frühling, ich war zu Besuch hier und ich war vor allem hier, um meine letzte Beziehung zu begraben. Ich wollte sie vergessen und Moa hatte gesagt, dass das super wäre hier in der Stadt, hier würde man den letzten Glauben an die Liebe in nur wenigen Stunden aus seinem Gehirn löschen können. „Und aus dem Herzen?“, hatte ich gefragt, sie hatte mich mitleidig angesehen. „Aus dem Herzen löschen geht grundsätzlich nie.“ Und ich fand sie schlau, obwohl das keine Erkenntnis war, auf die ich nicht hätte selbst kommen können. Ich war draußen gestanden und hatte geraucht, als Nicolas kam und mich ansprach. Er wollte eine Zigarette haben und versprach mir dafür, gleich zwei Bier zu kaufen. Ich nickte. Er sah gut aus. Ich ging zu Moa und fragte sie, ob sie nicht auch fände, dass er wahnsinnig schön sei. Sie lachte, grinste ihm ins Gesicht, nickte mir verschwörerisch zu und sagte später auf der Mädchentoilette, als sie sich den Lippenstift nachzog: „Er sieht aus, als wäre er auf der Suche. Als wäre er noch längst nicht angekommen, würde nach irgend etwas suchen und es irgendwie nicht finden.“ „Und wie sehe ich aus?“, fragte ich. Moa lachte und sagte: „Ungefähr genau so.“ Nicolas küsste beschissen, ich fragte mich, ob er vielleicht beschissen küsste, weil ich ihn nicht liebte. Auf den Fensterbänken standen lustige kleine Häuser, weiße Modelle und als ich genauer heran ging, stellte ich fest, dass sie aus Zuckerwürfeln gebaut waren. „Bist du...?“, fragte ich. „Architekt!“, sagte er. Über seinem Bett hing ein großes Foto, das im Park Güell aufgenommen war und den Blick auf Barcelona zeigte, diese bunte große Stadt von oben. Ich schaute es an und sagte: „Egal wann man über die Ramblas in Barcelona läuft, es sind immer genau gleich viele Menschen unterwegs, drei Uhr nachts, acht Uhr morgens, zwei Uhr mittags, um sechs Uhr abends.“ Nicolas lachte und erzählte, er hätte die letzten zwei Jahre dort verbracht und sei jetzt hier, um sein Studium endlich abzuschließen, um dann wieder zu verschwinden. „Barcelona, das ist genau meine Stadt. Ich brauche das Gefühl, direkt am Puls der Zeit zu wohnen.“ Ich dachte an eine durchzechte Nacht im letzten Sommer mit meinem Freund in Barcelona. Wir waren Essen in einem Restaurant, das in einem Keller war, wir kamen spät abends dorthin, wie man uns geraten hatte, der Keller war brechend voll und es war laut, man verstand sein eigenes Wort nicht und so saßen wir in dem Keller, brüllten uns über den Tisch hinweg an, verstanden immer die falschen Dinge, mussten alles ständig wieder holen und deshalb war eigentlich alles wie immer. Wir warteten zwei Stunden auf unsere Tapas und tranken Bier mit Limettenscheiben, danach gingen wir trinken, ich war betrunken und mein Freund rief durch die Nacht, dass er mich liebt. Ich rief gar nichts, mir war schlecht und bevor wir den ersten Club erreichte hatte ich mich schon zweimal im Gebüsch übergeben. Im Club trafen wir Freunde von uns, die gerade ihr Auslandsstudium in Barcelona verbrachten und mir den ganzen Abend ins Ohr brüllten, was wir uns noch unbedingt ansehen müssten in dieser Stadt. Am nächsten Tag fuhren wir zum Park Güell, ich hatte fürchterliche Kopfschmerzen, es war fürchterlich heiß und dort oben wurde meinem Freund die Digitalkamera aus der Hosentasche geklaut, ohne, dass er es merkte. Wir merkten es erst, als wir die Stadt von oben fotografieren wollten. Deshalb gibt es keine Urlaubsbilder von dieser Reise, die Speicherkarte war fast voll gewesen mit Bildern von Verliebten. Von uns und dieser riesengroßen bunten Stadt. Am selben Tag reisten wir ab. Ich nickte und küsste Nicolas. Wir fingen wieder an, Bier zu trinken. Er hatte spanisches Bier zu Hause und ich wusste langsam, was Moa vielleicht gemeint hat, als sie sagte, Nicolas sehe aus, wie jemand, der irgend etwas sucht. Er suchte wahrscheinlich genau so verzweifelt wie ich nach einem Zuhause. Er war hin und hergerissen zwischen zwei Welten, irgendwann sagte er: „Es wäre auch schöner, wir hätten uns in Barcelona kennen gelernt.“ Ich fragte nicht warum, ich konnte es mir denken. Alles, was hier geschah hatte keinen Wert, es war mehr zweckmäßig. Ich dachte an meinen Zweck, die wahnsinnige Idee, als Moa mich einlud, um mich abzulenken von dieser ganzen Psychogeschichte, wie sie es nannte. Ich vermisste Moa plötzlich, ich wäre gern bei ihr in dieser Nacht. Seltsam, dachte ich, wie sich zwei Menschen treffen, zwei wildfremde Menschen sich treffen, in einer Stadt irgendwo, es ist egal wo und wahrscheinlich auch fast egal wer man ist. Jeder hat einen Haufen von Geschichten in sich, Erlebnisse, Werte, Wünsche und Träume, jeder für sich. Und dann teilt man eine Nacht, als würde man sich kennen. Nicolas fing an, mir Dinge zu erzählen, von denen ich sicher war, dass sie nicht viele Menschen, die ihn kennen, wissen. Er wirkte nicht wie jemand, der gern alles von sich preisgibt. Aber bei mir schien ihn das nicht zu stören, mir erzählte er. „Ich war mit einer Frau zusammen, die sah fast aus wie du. Wahrscheinlich habe ich dich deshalb angesprochen. Ich glaube ich bin auf der Suche nach einem Ersatz für sie, bisher hab ich keinen gefunden. Sie war Spanierin, wir wohnten ein halbes Jahr zusammen in einer Wohnung. Ich kam zweimal nach Hause und fand sie mit anderen Männern im Bett vor, in unserem Bett. Wir versuchten eine Art offene Beziehung, aber ich war schrecklich eifersüchtig, ich konnte nicht ertragen, nicht mehr zu wissen, wo sie ist, wo sie sich rumtreibt, mit wem und wie es ihr geht. Wenn man liebt, dann teilt man nicht, das ist nichts anderes, als sich selbst zu belügen.“ Ich dachte daran, dass wir uns genau so selbst belügen. Zwei Menschen bauen sich für eine Nacht eine Art Vertrautheit auf, um nicht alleine zu sein, vielleicht, um Sex zu haben, begehrt zu werden, aber vielleicht auch oft, um einfach nicht alleine schlafen zu müssen. Ich wusste, dass ich niemals Nicolas' Nachnamen erfahren würde, ich wollte ihn nicht wissen und in ein paar Monaten oder spätestens Jahren würde ich die Nacht vielleicht völlig vergessen haben. Nicolas zeigte mir eine Dokumentation über ein Projekt einer Firma, für die er in Barcelona gearbeitet hatte. Die Dokumentation hieß „Vom Konzept zum fertigen Bauwerk“ oder so ähnlich. Ich kann mich nur noch an den Anfang erinnern und dann weiß ich nicht, wer zuerst einschlief. Als ich aufwachte schien die Sonne zum Fenster herein, aber ich wusste, dass es draußen kalt ist. Nicolas schlief noch und zu meiner Überraschung war er mindestens genau so schön wie ich ihn im Rauschzustand gefunden hatte. Es war seltsam, in einem fremden Bett aufzuwachen, in einer fremden Wohnung, fremde Arme um meinen Körper geschlungen. Das erst was ich sah war Nicolas und das zweite waren die Zuckerstückchenmodelle auf den Fensterbänken. Ich beschloss heute ans Meer zu fahren, mit Moa oder ohne Moa, ohne Nicolas, vielleicht allein. Dann wachte Nicolas auf und ich küsste das erste Mal einen Mann, der nicht die Zähne geputzt hatte, den ich nicht liebte. Dann schliefen wir miteinander, sonst hätte das alles keinen Sinn ergeben und wir lachten dabei und das war schön und einfach. Wir redeten nicht viel miteinander und tranken den Kaffee schweigend auf dem Bett sitzend, irgendwie hatten wir die Reihenfolge völlig durcheinander gebracht. Wenig später lief ich nach Hause durch die ganze Stadt, ich wollte nicht Bus fahren mit verschmierter Schminke im Gesicht, viel zu hohen Schuhen für einen Sonntag Mittag und einem verrutschen roten Kleid. Ich fühlte mich allein, wie man sich eben alleine fühlen muss, wenn man einen Menschen verlässt und sich sicher ist, dass man ihn nie mehr wiedersehen wird. Wir hatten Telefonnummern ausgetauscht und ich hatte so getan, als hätte ich seine in mein Telefonbuch gespeichert, hatte sie aber sofort gelöscht. Solche Dinge tue ich nicht gern, weil sie mich daran erinnern, wie egal ich vielleicht anderen Menschen sein könnte, von denen ich gern gehabt hätte, dass sie mich anrufen. Dieses Alleinsein hatte etwas Beruhigendes. Aber Nicolas würde ich nie mehr sehen wollen, weil er mich immer an meinen Liebeskummer erinnern würde. Ich schaute nicht auf den Straßennamen und nicht auf die Hausnummer, ich lief immer gerade aus, bis ich an eine Kirche kam und endlich wusste, wo ich mich befinde. Wenig später saß ich in ein Handtuch gewickelt in Moas kleiner Wohnung, Moa kämmte mir die Haare und fragte mich nach Nicolas aus. Sie fragte: „Wie war seine Wohnung?“ und ich erzählte von den Zuckerstückmodellen und den großen Fenstern. Sie fragte: „Hat er gut geküsst?“ Ich schüttelte den Kopf, kicherte und sagte: „Nein, fürchterlich.“ Und Moa kicherte auch und sie goss mir Kaffee nach und löste mir eine Aspirin-Tablette in einem Glas Wasser auf. Dann gingen wir an den Strand und wir rannten durch den nassen Sand und ich fror fürchterlich, aber ich war so glücklich, wie schon lange nicht mehr. „Weißt du, diese Stunde hier am Strand ist mehr wert als die letzten drei Monate!“, rief ich Moa zu, die am Wasser stand und aufs Meer blickte. Als ich am Abend neben Moa im Bett einschlief, dachte ich daran, dass es einige gute Dinge auf der Welt gibt, für die es keine deutsche Bezeichnung gibt.- Was ich wirklich vermisse vor 11 Std.
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08.05.2009 - 21:56 Uhr
_Puenkt