Too sexy for the Führerbunker! (1)
„Raaaabe!“, Marie steht in der Küchentüre, die Arme bis zu den Ellenbogen triefen leuchtend rot, sie fuchtelt mit den Händen, feine rote Spritzer verteilen sich auf dem weißen Lack der Türe, ich stolpere fast über meine eigenen Füße, ahne furchtbares, sie wird sich verletzt haben, das sieht nach Amputation aus, ich renne in die Küche. Marie entsteint Kirschen, „Der Kernbehälter ist voll, kannst du den mal ausleeren? Ich tropfe alles voll!“, ich nicke, eine Strähne hat sich aus ihrem Kopftuch gelöst, es gibt Frauen, die sehen sogar mit Tuch um die Haare schön aus, gelöste Strähne auf nackter heller Haut; ich blicke schnell auf die Kirschkerne. „Neiiiiin! Nicht in den Biomüll! Ich brauch die Kerne noch! Nimm die Schüssel!“ Ich bin eine Marionette, nein besser ein Plüschtierchen, tue wie mir geheißen, „Danke!“, das ist das neu, sie lächelt und drückt ihre Lippen auf meine, warm und kirschig, Marie eben. „Meinst du Jean-Pierre spricht Französisch?“, Marie baumelt mit den Beinen, während im Küchenofen der Tortenboden bäckt. Ich zucke mit den Schultern. „Aber er ist doch Franzose?“ Sie macht große Augen und einen Schmollmund, ein dünner Träger rutscht von ihrer Schulter, sie muss dort irgendwo einen versteckten Muskel haben, unsichtbar, einen Muskel den andere Frauen nicht haben. Ich gebe zu, ich habe das oft heimlich geübt, dieses wie zufällige herunterrutschen eines Trägers, aber ich habe es nie geschafft. Nur sie beherrscht es, keine Regung, und plötzlich rutscht der Träger, unschuldig, im selben Moment geht der Blick von unten nach oben, aufreizend. „Er ist Kanadier!“, sage ich, mit rauer Stimme, Marie schenkt Rotwein ein und trinkt selbst Kirschwasser, irgendwer muss ja probieren ob es gut ist, hat sie gesagt, „Ja spricht er dann Französisch oder Englisch?“, sie will es wissen und ich bin versucht schon wieder mit den Schultern zu zucken. „Vermutlich beides. Ist ja auch egal, er will ja sein Deutsch verbessern.“, sie nickt. Marie ist erleichtert, sie kann ja kein französisch, also sprechen, sie zwinkert und lacht ein bisschen vulgär, ihre Finger streichen über meinen Nacken. Jean-Pierre soll heute Mittag kommen, er will seine Semesterferien oder was auch immer hier verbringen. Er bekommt das Gästezimmer, also Maries Zimmer, sie schläft dann bei mir. Ein mieser Trick meinerseits könnte man sagen, ein Akt der Gastfreundschaft, sage ich. In der Küche kämpft Marie mit der Sahne und Jochen Distelmeier sagt ein Gedicht auf. „I’m too sexy for the Führerbunker“ hat Marie aufgeschnappt und macht gerade ein Lied daraus, während ich mich frage, warum wir Schwarzwälderkirschtorte für Jean-Pierre backen müssen, wo der Schwarzwald tausend Kilometer von uns entfernt ruht. Das wäre genauso, als hätten wir ein Oktoberfest veranstaltet. „Keine schlechte Idee“, sagt Marie, „aber eine Schwarzwälderkirschtorte macht deutlich weniger Arbeit!“ Um vier klingelt es an der Türe, Marie stürmt los, singt, reißt die Türe auf „I’m too sexy for the Führerbunker!“ gröhlend, die Apokalypse hat einen neuen Namen, der Kanadier verwirrt: „Hi, I’m Jean-Pierre“, ich das Chaos lichten wollend, zeige auf die tanzende Marie zwischen uns: „Hello Jean-Pierre, her name is Mary…“ und sie schreit „And this is Rabe!“ Später in der Küche, Jean-Pierre bewundert unsere Aufgewecktheit, schwenkt ein Wörterbuch, Marie zeigt darauf und meint „If you say Sprachführer, she’ll kill you, it’s better to say: Wörterbuch!“, Jean-P. wie Marie ihn brüderlich nennt - also Schooooon-Pii – mümmelt in der Schwarzwälderkirschtorte – „What a wonderful cake!“ – und traut sich dann doch nach dem Warum zu ragen. „Because Sprachführer is influenced by the Nazis!“ quietscht Marie und ich bemühe mich zu erklären „Führer kommt in diesem Fall nicht vom Verb führen, sondern von Führer, die Amtsbezeichnung für Hitler.“ „So you say Sprachhitler?“ Jean-P. ist fassungslos. Ich schüttele verzweifelt den Kopf und trete Marie auf den Fuß, sie nickt begeistert, ich warte auf den sich öffnenden Boden. Niemand hat Erbarmen, nichts passiert, Jean-P. bleibt keine Zeit zum Stirnrunzel mehr, Marie füttert ihn mit Schwarwälterkirschtorte.
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ich möchte mit dir zu führerbunkerliedern polonaise tanzen!
heirate mich!
und rabe und marie können einem selbst den langweiligsten freitagnachmittag versüßen (auch wenn marie mich ein bisschen wahnsinnig macht).
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29.09.2006 - 15:43 Uhr
DieDani
wobei ich nichts gegen schwarzwälder kirschtorte habe :)
schööner text. ich musste ein paar mal lachen.
und viel spaß mit schoooon-pii