Sternschanze
Ich glaube, der Fahrer ist ein wenig enttäuscht, dass niemand mit ihm reden möchte. Wir sitzen innerlich müde auf unseren Plätzen, durch strenge Gurte an unbequeme Sitzpolster gekettet, und denken gemeinsam über Zukunft nach. Jeder für sich. Ein paar Minuten lang fahren wir in der Mitte der Fahrbahn, gleiten über die hypnotisierend gleichmäßig unterbrochene Linie zwischen den Spuren dahin. Ich wundere mich ein wenig, stelle mir vor, dass der Kleinbus bloß ein paar Momente der Entspannung brauchte. Tief ein- und noch etwas tiefer ausgeatmet hat, sich dabei leicht verbreiternd. Absolute Ruhe in der exakten Mitte zwischen den äußeren Linien vermutend. Ich wundere mich nicht mehr, als wir schließlich doch irgendwann links überholt werden und man sich mit einem angedeuteten Bremsmanöver beschwert.
Da niemand mit ihm redet, hat der Fahrer das Radio laut aufgedreht. In die zunehmende Dunkelheit hinein werden wir über die gegenwärtige Krise informiert, aus soziologischer Sicht. Die Krise gehe viele Wege, tönt es, aber mit keinem davon aus sich heraus. Die Krise als geschlossenes System, denke ich, und beobachte eine Florfliege, die aufgeregt die Innenseite der Windschutzscheibe entlangschwirrt. Aus dem Innenraum des Wagens gibt es keinen Ausweg. Sie muss sich in diese Lage gebracht haben, als wir auf dem Rasthof standen, ein kleines Abendbrot oder eine Zigarette oder auch nur die vielversprechende Frische eines im Entstehen sich befindenden Jahres genießend, das vielleicht einmal Sommer sein wird, für eine Weile. Durch weit geöffnete Türen bahnte sich das seufzende Geräusch vorbeireisender Fahrzeuge seinen Weg in das Innere, kroch über den Boden, schlich über Gepäck und Sitze und zog am Lenkrad vorbei wieder in die Freiheit. Ich glaube, ich habe sie gespürt, die Freiheit. Ich konnte sie nur nicht orten, hinter den Bäumen, über den Feldern, auf dem Asphalt unter einem verblassend blauen Himmel.
Die Fliege, irgendwann landete sie auf dem Boden, zwischen Fahrersitz und Tür. Nachdem der Fahrer sie dort genervt fallen ließ, zerdrückt zwischen Daumen und Windschutzscheibe. Und vielleicht liegt sie dort immer noch. Kein Weg nach draußen.
Ich dachte über Zukunft nach und kam nicht weiter, da war der Tag schon fast vollständig dunkel. Nebenan schlief man oder zerbrach sich selbst den Kopf. Mein Fräulein Liebling, dachte ich leise, nahm ihre Hand und versuchte zu entspannen. Früher kam es vor, dass ich mich zu Hause beim besten Willen nicht konzentrieren konnte. Dann nahm ich meine Hausaufgaben und fuhr mit ihnen U-Bahn. Mit etwas Glück war nicht so viel los und ich ging niemandem auf die Nerven, links das Mathematikbuch, rechts ein paar Notizen und Formeln und auf dem Schoß die zu bearbeitende Rechenaufgabe. Ich begann Mathematik zu mögen. Aber die Baustellen und der ständige Schienenersatzverkehr störten das Vergnügen immer wieder aufs Neue.
Ab und zu merke ich, wie sie mir fehlt. Die auf hypnotische Weise beruhigende Anspannung, die reine Konzentration auf die Logik des Problems. Wenn innerlich alles laut wird, ein Gedanke in einer Ecke des Bewusstseins explodiert und damit eine Kettenreaktion in Gang setzt. Schließlich ungeahnte Energien Licht ins Dunkel bringen. Und wenn man dann um eine Erkenntnis reicher wieder aufwacht und feststellt, dass es einen Moment lang völlig egal war, ob sich die Welt außerhalb seiner selbst weitergedreht hat, und wenn ja, in welche Richtung. Ich fühlte mich unverhofft lebendig.
Mit der Zeit haben sich weitere, auf ihre Art irgendwie noch bessere Formen von Lebendigkeit in mein Leben geschlichen. Deshalb war ich ein wenig überrascht, als ich gestern auf der Hinfahrt zu dem Schluss kam, dass durch eine durchgezogene Linie darstellbare Sterne mit n Zacken sich auf x Weisen zeichnen lassen, wobei x=(n-1)/2-1. Ich hatte, während unbemerkt die etwas nördlicher werdende Landschaft an mir vorüberzog, in meinem Notizheft kleine Skizzen gekritzelt und Zahlen notiert, und als ich Unregelmäßigkeiten beobachtete, stellte ich fest, dass diese Formel nur gilt, wenn es sich bei n um ungerade Primzahlen handelt.
In meinem Kopf schwirren die Gedanken wie eine in all ihrer Begrenztheit unendliche Menge ungerader Primzahlen umher, stoßen vereinzelt in hilflosen Fluchtversuchen gegen die Windschutzscheibe und fallen noch vereinzelter zu Boden. Ich kann versuchen, sie zu ganzen Sätzen zu ordnen, aber am Ende fehlt doch der rote Faden. Ich glaube, ich brauche ein neues Notizheft, mit leeren Seiten für vielleicht noch wirrere Gedanken. Und ich werde weiter versuchen, eineindeutige Formeln zu finden, an deren Möglichkeit nicht mal ich selbst glaube. Es wird mich entspannen.
Ich habe seit kurz hinter Stolpe immer noch keine Lösung gefunden. Ungerade Primzahlen sind wohl eine zu ungewöhnliche Menge, als dass sie sich durch einen symbolischen Buchstaben beschreiben ließen. Aber als wir auf die Ringbahn warten, hat sich die Erde weitergedreht, in Hamburg mindestens genauso schnell wie hier. Ich habe andere Formen von Lebendigkeit kennengelernt, und als ich nicht aufgepasst hatte, muss ich mich wohl ein bisschen verliebt haben. Wir werden sehen.
- Myopie 22.01.2013
- Glück 11.04.2012
- Ohne null und ohne dreizehn 02.04.2012
- Buddha has left the building 15.02.2012
- Unser Schweigen 23.01.2012
was für ein wunderbarer Satz!
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24.04.2013 - 17:59 Uhr
gartenfrau
;-)