30.12.2011 - 00:24 Uhr

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Glück tut weh...

Text: panzerjunge


Da liegt sie neben mir. Den Kopf voller Träume. Schläft wie ein Kind. Tief, fest, friedlich. 
Zuhause sagt sie, wacht sie beim kleinsten Geräusch auf, selbst wenn ihr fetter Nachbar nur nach hause kommt oder sich nachts auf dem Klo seinen kleinen Schwanz wäscht. Hier nicht. In meinem Bett schlummert sie, träumt sie. Mein Bett ist jetzt ihr Bett, sagt sie mein Bett ist ihr Lieblingsplatz.


Ich bin doppelt so alt wie sie, meine Tochter sagt, es sei als hätte sie plötzlich eine grosse Schwester, wenn sie so zusammen Musik hören oder Schminktips austauschen und sich Geschichten erzählen. Sie hört der Kleinen zu, sie mag sie und umgekehrt. 
Zum ersten Mal seit langer Zeit hab ich keine Rückenschmerzen mehr, meine kaputte Hüfte tut nicht mehr weh, meine Haut wird wieder glatt und weich. Mit jedem Tag platzt ein Knoten der vergangenen sechs Jahre. Die Trennung ist jetzt acht Monate her. Acht Monate habe ich versucht zur Frau meines Herzens zurückzukommen, sie noch mal zu sehen, ein letztes Mal mit ihr zu sprechen. Aber von ihrer Seite nur ein kategorisches ,nein!‘. Jetzt endlich hab ich losgelassen, mich auf was Neues eingelassen, mich fallen lassen.
 
Sie, die nun neben mir schläft, zeigt mir die Welt neu. Jeder Tag birgt eine Überraschung und ich kann wieder Lachen, wenn auch ohne Zuversicht. Ich tue Dinge wieder einfach so, ohne nachzudenken, lasse mich treiben, so wie sie es will, weil sie es sich wünscht. Und mit jedem Schritt entdecke ich wieder wie Glück funktioniert, wie es sich anschleicht und lauert. Aber dieses Glück tut weh, wenn es einen so überfällt, festhält und gefangen nimmt. Dieses Glück, dass zu erlauben mir so schwer fällt und das mir zeigt, was ich entbehrt und verloren habe. Immer wieder ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass alles wieder einfach ist und leicht, aber die Schönheit sticht, bleibt unvollkommen, belegt mit angerauter Vergangenheit. Sie ist schön, wunderschön. Sie will mich, braucht mich, geniesst mich. Jeden Tag, jede Stunde, jede Sekunde. Und ich geniesse Sie. Jeden Tag, jede Stunde, jede Sekunde, bis die Erinnerung und der Schmerz alles wieder bannt. 


Während meine Tochter ,Das Supertalent‘ im Fernsehen anschaut, lächelt sie und strickt. Ich muss schmunzeln, bin nicht mehr weit weg vor dem Computer wie früher, als ich mich zudröhnen musste um zu ertragen, dass die Liebe meines Lebens mich weder berühren noch küssen wollte, dass sie mich nicht begehren konnte. Diesmal bin ich mittendrin zwischen meinen beiden Frauen und lese Bücher. Zum ersten Mal weine ich, weil irgendwelche Teenies vor Eltern mit feuchten Augen ihre Engelsstimmen ausbreiten. Sie sieht mich an dabei, ohne Vorwurf, ohne Angst, einfach mit ihren weichen Augen und lächelt. Ich lächle zurück, mein Töchterchen im Arm und ich habe keine Fragen mehr.

Mitten in der Nacht wache ich auf. Es ist wie jede Nacht zwischen vier und sechs. Wieder hatte ich diesen Traum und wieder weine ich, diesmal vor Schmerz: Die Liebe meines Lebens schaute vorbei mit unserem gemeinsamen Kind. Das, was wir nicht zu kriegen bereit waren. 
 
„Keine Zeit, kein Geld, zu wenig Sex und die schlimmen Erinnerungen an all diejenigen, die nicht verstanden hatten, dass meine Tochter die Nummer eins in meinem Leben ist und bleiben muss.“ 
Zumindest waren das damals meine Argumente. Ihre nicht. Sie sagte nur : 
„Eigentlich ist es mir noch zu früh dafür und wenn ich so sehe, was alle Paare um mich herum für ein Theater haben, dann will ich es jetzt auch noch nicht!“. 
 
Damals wollte ich das glauben, die Lüge einfach nicht hören und schon gar nicht verstehen. Ich hatte sie gesehen, in ihr Inneres geblickt. Ich habe es gesehen dieses versteckte Tier. Ich hatte begriffen, welche Stärke in ihr schlummert und wie gross diese wilde Schönheit war, die in ihr wartete. War der Käfig zu dick, in dem es steckte? Das Schloss zu stark um es zu knacken? Sie hatte den Schlüssel verlegt, versteckt, weggeworfen. Bin ich weggelaufen, weil die Wächter vor der Türe zu stark schienen und ich mir zu schwach vorkam? Oder war es einfach nur Bequemlichkeit? Ich weiss es nicht!Ich hab an sie geglaubt. Immer wieder.


Inzwischen sind die Umstände andere. Ich hab einen sicheren Job, meine Tochter wünscht sich ein Geschwisterchen und meine früheren Beziehungen hab ich alle erledigt, innen wie Aussen. Nur die Liebe meines Lebens ist weg, gegangen, müde, leergekämpft, enttäuscht. Was bleibt ist die Sehnsucht nach ihr, nach ihrer Liebe, nach Familie, nach diesem Tier in ihr, das ich nur so kurz gesehen und so sehr gesucht habe, das Tier was freizulassen wir nicht geschafft haben. 


Das letzte Mal, dass ich sie sah, lachte sie glücklich, tanzte, war zufrieden. Als sie mich sah war ihr Blick voller lustloser Müdigkeit, so als wollte sie sagen, dass der nächste Aufstieg einfach zu steil ist um ihn noch geniessen zu können und die Aussicht oben ganz sicher nicht diese abartige Anstrengung rechtfertigen kann. Da war kein Leuchten mehr und keine Freude, als sie mich sah.


Ich weiss, sie wird jemand Neues finden, den, der ihr all das beschert, was sie sich gewünscht hat. Er wird sich nicht mit ihr betrinken wollen, sie nicht zur Besinnungslosigkeit ficken wollen, nicht mit ihr in der Wildnis schlafen wollen, er wird nicht einfach alles stehen und liegen lassen um sie zu sehen und nicht weinen, wenn sie erst früh am morgen nach durchzechter Nacht nach hause kommt. Er wird sich nicht mit ihr anlegen, wenn sie mies gelaunt in der Tür steht, es ihr überlassen die Wohnung in Schuss zu halten und genug Geld nach hause bringen um zweimal im Jahr in Urlaub zu fahren und einmal im Jahr zu ihrer Familie. Er wird nicht wollen, dass sie nachdenkt, warum ihr Vieles so schwer fällt und er wird sie zu hause halten, wo sie dann als Herrin über ihre gemeinsame Welt wacht. Aber er wird mit ihr Babys haben, er wird sich für sie fügen und wahrscheinlich ihr Tier im Käfig lassen. Er wird also einfach akzeptieren was sie ist. 
Ich werde dann immer noch auf dem Balkon in der Sonne sitzen, einen Whiskey trinken und mein Liedchen pfeifen, vielleicht ab und zu meinen Schwanz in der Hand halten oder meiner Tochter zuschauen, wie sie für ihr Theater übt. Und vielleicht werde ich dann irgendwann auch nicht mehr weinen.
Und wieder seh ich sie an, die neben mir liegt, kuschle mich an sie und weine mich in den Schlaf zurück. Dort kann ich ihr wenigstens noch begegnen, der letzten Liebe meines Lebens.






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10 Kommentare

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131111
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Mag ich Mag ich nicht

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29.12.2011 - 20:47 Uhr
131111

.

octopussy
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Mag ich Mag ich nicht

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30.12.2011 - 17:10 Uhr
octopussy

tut gut, das zu lesen.

air_kaviar
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Mag ich Mag ich nicht

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04.01.2012 - 14:09 Uhr
air_kaviar

ach, ein neuer text von dir.

erdbeerrosenblau
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Mag ich Mag ich nicht

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04.01.2012 - 14:26 Uhr
erdbeerrosenblau

das hat mich berührt!

aturi
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Mag ich Mag ich nicht

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05.01.2012 - 00:22 Uhr
aturi

düstere text, aber das zeigt, dass dein herz am leben ist.

phili
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Mag ich Mag ich nicht

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07.01.2012 - 16:35 Uhr
phili

wenn du schreibst, erinnert es mich daran, was für mich jetzt.de war - ein quell an Worten die in ihrer Intensität so viel bewegen können

panzerjunge
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Mag ich Mag ich nicht

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07.01.2012 - 20:13 Uhr
panzerjunge

Es tut gut zu merken, dass es nicht absurd ist so zu empfinden. Danke!

PenelopeM
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Mag ich Mag ich nicht

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08.01.2012 - 14:18 Uhr
PenelopeM

das berrührt.

und das letzte photo finde ich besonders klasse.

sonnenbluemle
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Mag ich Mag ich nicht

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08.01.2012 - 20:03 Uhr
sonnenbluemle

berührt.

_lilu_
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Mag ich Mag ich nicht

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29.01.2012 - 23:17 Uhr
_lilu_

was ein emotionaler text. schön.


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