Einsamkeit _oder_ Zurück in der Zukunft
.Ähm ... Ich weiß es nicht. Ganz ehrlich. Ich weiß es nicht. Meine Vergangenheit ist ... Ich kann dazu eigentlich nichts sagen. Meine jetzige Vergangenheit, so wie ich sie erzählen könnte ... Puh ... Das einzige, was ich wirklich weiß, aber selbst da ist dann wieder der Punkt, dass ich gar nicht genau weiß, warum ich ausgerechnet das weiß, ist, dass sie sich ständig verändert. Ich kann mich dann zwar nie an die Vergangenheit erinnern, an die ich mich vermutlich vorher erinnert haben werde, aber ich spüre doch instinktiv, dass da plötzlich etwas ... da ist etwas passiert, das kann ich in Worten nicht wiedergeben. Es gibt nur noch ganz wenig Konstantes in meinem Kopf. Der beste Weg mit all dem umzugehen, ist, das einfach hinzunehmen. Sonst wird man bescheuert. Das Dumme ist: Mit dem „einfach hinnehmen" habe ich es nicht so.
Vorgestern, das glaube ich zumindest, das ist zumindest das, was mir meine Erinnerung heute erzählt – also vorgestern jedenfalls kam jemand auf mich zu und wollte ein Autogramm haben. Im Moment sieht meine Vergangenheit so aus, dass ich Science-Fiction-Autor war und vermutlich in der Gegenwart auch noch bin. Ich habe mir Geschichten ausgedacht. Einen Hirnfick nach dem anderen. „Haha, das wird ja eh nie passieren, aber ich spinn mal ein bisschen rum und denk mir total abgefahrene Scheiße aus"-Texte. Die Welt, in der wir heute leben, wäre mir damals, also ungefähr 50 Jahren später als jetzt, im Traum nicht eingefallen. Aber Fakt ist wohl auch, dass ich es schon deswegen nicht geschrieben hätte, weil es voller logischer Fehler ist. Wieso kann jemand 50 Jahre bevor ich einen Roman geschrieben haben werde, damit auf mich zu kommen und ein Autogramm von mir wollen? Ich weiß nicht, wie das alles – also das alles hier, alles! - überhaupt noch funktionieren kann und es ist so verdammt schwierig Aussagen darüber zu treffen, aber ... ich weiß nicht ... wahrscheinlich weil ich dieses Science-Fiction-Autoren-Gedöns in mir habe, will ich immer und immer wieder versuchen es irgendwie greifbar zu machen, es irgendwie festzuhalten, es irgendwie ... Nur wenn nichts mehr wirklich Sinn macht und gestern schon alles ganz anders sein könnte ...
Diese ganzen Zeitbegriffe – das ist alles so hinfällig geworden. Und die Zeitformen im Prinzip ja auch. Man lebt ja nur noch jetzt und versucht sich selbst davon abzuhalten, komplett durchzudrehen, weil man das alles einfach nicht mehr packt. Man sieht diese Menschen. Und es sind nicht wenig. Menschen, die daran kaputt gegangen sind, die es in den Wahnsinn getrieben hat, die nur noch orientierungslos herumirren, die sich wahrscheinlich noch viel mehr den Kopf zerbrochen haben als ich. Ich versuche es so gering wie möglich zu halten und ich habe vielleicht auch das Glück, dass ich noch einigermaßen damit fertig werde, weil ich mich eh schon lange mit solchen Geschichten auseinander gesetzt habe, also gewissermaßen trainiert bin im Umgang mit absurden Situationen. Ich glaube, ich kann diesen ganzen Hirnfick bis zu einem gewissen Punkt noch besser ertragen. Aber wie sehr mich das nun wirklich schützt oder nicht ...
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Mein jetziger Freund und ich, wir haben den Maschinen abgeschworen. Wir leben im Jahr 1907, oder dem was davon übrig ist. Die Zeitrechnung ist sowieso nur noch Mittel zum Zweck. Sie existiert zwar noch symbolisch und zur Orientierung, aber ernst zu nehmen, im Sinne irgendeiner historischen Verbindlichkeit, ist sie nicht mehr. Zumal auch die Formulierungen „nach Christus" oder „vor Christus" nur noch lächerlich wirken, nachdem sich nun wirklich jeder höchstselbst davon überzeugen kann, dass die Geschichten aus der Bibel eben nichts weiter als Geschichten sind. Die überhasteten Versuche der Kirche doch noch schnell die Vergangenheit zu fälschen, sind in nullkommanix aufgeflogen und haben ihr Übriges getan. Inzwischen gibt es nicht einmal mehr eine Kirche. Und obwohl das alles so nah sein könnte, wirkt es doch schon wieder so weit weg. Das Jahr 1907 hat nichts mehr mit dem Jahr 1907 zu tun, das ich früher in Geschichtsbüchern kennen gelernt habe. Aber daran störe ich mich schon lange nicht mehr. Wichtig ist, dass ich mit meinem jetzigen Freund hier lebe und dass wir uns haben. Natürlich, ein gewisses Restrisiko bleibt bestehen. Irgendjemand könnte verhindern, dass wir uns getroffen haben oder dass die Eltern von einem von uns beiden sich getroffen haben oder die Großeltern oder die Urgroßeltern oder sonst was. Wir sind ja trotzdem nicht frei von den Auswirkungen, wenn andere diese Dinger benutzen und man kann ja immer nicht so blöde denken, wie es dann gekommen sein wird. Aber mit diesem Restrisiko haben wir zu leben gelernt. Es ist ja im Grunde auch nicht wirklich anders als früher im Jahr 2034 oder so. Damals war eben das Restrisiko, dass eine Person, die einem nahe steht, auf der Straße von einem Auto angefahren wird oder von der Leiter fällt und sich das Genick bricht oder dass sonst was passiert. Abgesehen davon, dass das zwar heute auch alles noch passieren kann, ist das Risiko, dass wir uns eines Tages verlieren werden, weil irgendwer in unserer Vergangenheit herumgepfuscht hat, auch nicht viel beängstigender. Es kann genauso jeden Tag passieren, wie jeden Tag nicht passieren. Wir laufen halt mit der gleichen „Ach-uns-passiert-sowas-schon-nicht"-Einstellung herum, wie damals, bevor es die Maschinen gab. Das ist immer noch besser, als sich wegen irgendwas verrückt zu machen, was noch gar nicht passiert ist.
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Ich weiß nicht, wie alt ich bin. Das Jahr 1994 ist mein Geburtsjahr. Ich habs mir mal angeschaut, aber ich glaube, da sah dann auch schon alles ganz anders aus, als noch bei meiner Geburt und ich glaube auch, dass sich die Erinnerung an meinen Besuch im Jahr 1994 seitdem immer wieder verändert hat. Irgendwann habe ich aufgehört die Zeit zu zählen, die ich lebe. Was willst du zählen, wenn du ständig unterwegs bist? Gestern war der 3. März 1689, heute ist der 31. November im Jahre 405 vor Christus und morgen geht's ab zum 16. August 1977. Was willst du da zählen? Und woher willst du überhaupt wissen, was „gestern", „heute" und „morgen" noch bedeuten soll, nur weil es zwischendurch mal dunkel wird und du dich zum Schlafen hinlegst? Keine Ahnung. Ich habe inzwischen einen leichten grauen Haaransatz, werde wohl also die 30 schon überschritten haben. Wie viele Jahre ich jetzt schon auf der Suche bin, weiß ich nicht. Aber ich komme immer wieder zurück ins Jahr 1898, weil hier ein Haus steht, für das ich einen Schlüssel habe. Allerdings hat das gestern erste, feine Risse bekommen. Ein Zeichen dafür, dass es demnächst wohl einstürzt, weil irgendwer die Bauteile nicht produziert haben wird, die jetzt noch da sind und für Stabilität sorgen. Ich wollte aber auch so weiter.
Ich muss weiter. Die Chancen sind so verfickt gering, das weiß ich auch, aber ... Nur mal schnell Kippen holen, hieß das früher. Bei uns war es ähnlich, nur dass keiner von uns es wollte. Ich musste mal kurz ins Jahr 1267 und sie wollte mal kurz ins Jahr 912. „Nur mal so rumgucken", sagte sie. Das wars. Wir haben uns geliebt. Wirklich und aufrichtig geliebt. Ich wollte nie heiraten, Kinder, dieses ganze Zeugs halt, was so gesellschaftlich als guter und richtiger Lebensweg galt und sie war da genauso wie ich. Aber zusammen ... Sie mit mir und ich mit ihr – da konnten wirs uns dann doch irgendwie vorstellen. Völlig bescheuert eigentlich. Wir haben uns lange gegenseitig damit aufgezogen und es als Quatsch abgetan. Aber eigentlich war klar, dass es letztendlich doch darauf hinauslaufen musste. Und als sie dann tatsächlich schwanger wurde ... Gott, jedes Mal, wenn ich das so reflektiere, klingt das so, als ob wir einfach nur mit der Zeit zu ganz normalen Spießern geworden sind. Aber so war es nicht ... Aber das sagt auch jeder, der sich sein Spießertum nicht eingestehen will ... Drauf geschissen. Letztendlich: Es waren wahnsinnig große und tolle Gefühle und es war die schönste Zeit meines Lebens und ich schlafe immer noch damit ein und wache immer noch damit auf. Blabla, große Liebe, kitschiges Gesülze, alles scheißegal, ich muss diese Frau wieder finden! Jacke über. Tür zu. Los geht's.
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Mein jetziger Freund und ich, wir haben uns auch schon manches Mal überlegt, ob wir nicht doch noch ein Stück zurück gehen sollten. Aber die Gefahr, dass wir uns unterwegs verlieren, ist uns einfach zu groß. Wir werden es jetzt hier aushalten, solange es geht und wenn es nicht mehr geht, dann sterben wir eben. Man merkt halt schon so langsam, wie alles zur Neige geht. Man erzählt sich, dass die dreißiger Jahre wohl auch schon ziemlich ausgestorben sein sollen. Ein paar Nazis hielten sich zwar hartnäckig, die gerne noch weiter zweiter Weltkrieg spielen wollten, aber den spielen sie wohl inzwischen auch ziemlich allein. Als wir uns hier eingerichtet haben, war das für damalige Zeiten noch ein friedliches kleines Dorf, aber es wird immer voller. Nicht dass die Leute dann hier tatsächlich sesshaft werden würden, so wie wir, aber trotzdem merkt man wie es insgesamt immer mehr werden, die hier Station machen. Und da alles, was sich bis zum 21. Jahrhundert hin an Industrien entwickelt hatte, einfach verschwunden ist, weil die Arbeitsbedingungen schlichtweg unmöglich sind, ist wieder Jagd und Ackerbau und Viehzucht angesagt. Zumindest so weit das möglich ist. Wir sind zwar im Prinzip vom Wissensstand viel weiter, aber es gibt keinen mehr, der wirklich noch irgendwas im großen Stil produziert. Das ist so ein ganz merkwürdiger Teufelskreis. Es hängt halt immer davon ab, was früher produziert wurde und da sich aber die Maschinen auch in früheren Dekaden immer weiter etablieren und immer mehr Menschen ihre Arbeit Arbeit sein lassen, um mal ein bisschen in der Zeit herum zu reisen, wird eben auch früher nicht mehr so viel produziert. Bevor das bei uns mit den Maschinen so richtig losging, war ich in einer großen Schneiderei beschäftigt. Dann merkte man plötzlich, wie wir immer weniger Leute wurden und plötzlich verschwanden auch Gegenstände aus dem Betrieb, ganze Nähmaschinen teilweise, weil die die früher unsere Nähmaschinen produziert haben, auch am Herumreisen waren. Neben den Leuten, die sowieso schon am Herumreisen waren, wurden andere arbeitslos und begannen plötzlich auch mit dem Herumreisen. Was sollten sie auch sonst tun, sie hatten ja Zeit und am Anfang klingt es natürlich immer spannend, wenn man hört, dass man in der Zeit herumreisen kann.
Damals gab es auch noch Massenmedien, beziehungsweise es gab überhaupt noch Medien und man beschäftigte sich mit der Problematik und von daher weiß ich, dass es schnell ein globales Problem wurde und dass es auch Experten gab, die genau eine solche Entwicklung voraus gesagt haben, wie wir sie jetzt wohl erleben. Nur mit dem Unterschied, dass wir sie nicht wirklich erleben, weil keiner mehr den Überblick hat, keiner betreibt Studien, keiner veröffentlicht Ergebnisse. Wo denn auch, wie denn auch? Aber die Vermutungen gingen jedenfalls in die Richtung, dass sich mit diesem Zeitreisephänomen die Dinge zurückentwickeln werden. Und Regierungen gibt es natürlich auch nicht mehr. Denn wer will denn hier bitte noch was wie regieren? Die einzige Macht geht von diesem Konzern aus, der die Maschinen produziert. Der hat zwar teilweise auch mit den Problemen zu kämpfen, die er selbst geschaffen hat, aber die Nachfrage ist halt so ungemein groß. Und je weiter sich die Menschen in der Zeitrechnung zurückziehen, umso mehr werden es ja auch. Dieser Konzern soll sich mit seiner Produktion schon mal vorsorglich am Weitesten zurückgezogen haben, ins Jahr irgendwastausend vor Christus. Da sind sie wohl relativ sicher vor Mitarbeiter- und Werkzeugschwund. Aber wahrscheinlich wird's auch die irgendwann mal so richtig erwischen und dann ... Irgendwie hab ich das Gefühl, dass das alles auf eine riesige Katastrophe zusteuert.
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Trotzdem. Wenn ich geliebt habe, dann war es immer aufrichtig. Immer mit allem, was ich hatte. Bevor ich nicht an diesem Punkt war, habe ich es auch nie Liebe genannt und wäre auch nie auf die Idee gekommen, jemandem das weiß zu machen. Keine Frau, die ich jemals aufrichtig geliebt habe, wird mir jemals wieder egal sein können, völlig unabhängig davon, wie unglücklich oder hässlich es auseinander gegangen ist. Das rede ich mir nicht ein. Ich weiß es, weil ich es lebe. Ich weiß es, weil ich über lange Zeiträume hinweg erfahren habe, dass ich so ticke. Und gerade bei ihr wiegt es am schwersten, eben weil es nicht hässlich auseinander gegangen ist. Weil es nichts gibt, was ich ihr verzeihen können müsste, sondern einfach nur ... es war ein riesiges Scheißpech und wir haben uns geliebt und waren noch lange nicht fertig miteinander und sie war schwanger und ... das lässt mich nicht los. Das lässt mich alles nicht los. Ich kann da nicht ... Ich weiß nicht ... Es geht nicht ...
Das war damals eine Zeit, in der alles noch nicht ganz so chaotisch war wie heute. Sicher, diese Frau hab ich nie wieder gefunden seitdem, aber es gab trotzdem noch ein paar Bezugspersonen, ein paar Freunde, die ich noch erreichen, an die ich mich wenden konnte. Das Schlimme ist: Sie haben es nicht besser gemacht. Die gleichen Personen, die uns früher Komplimente gemacht haben, was für ein tolles Paar wir doch seien und die schon für eine mögliche Hochzeit Blumenstrauß bei Fuß gestanden hätten, drehten auf einmal alles um. Hielten mich dazu an, sie zu vergessen. Erzählten mir, ich sollte mich doch jetzt ohne sie viel freier fühlen und stellten so seltsame Fragen, ob diese Frau es denn wirklich wert sei, dass ich mir da so einen Kopf drum mache. Und außerdem sollte ich doch auch mal wieder nach vorne schauen, denn da draußen, da zauberten sie ja dann in ihren Überlegungen immer eine hypothetische Andere aus dem Hut, mit der es dann bestimmt in genau dem Punkt, in dem es bei der letzten Frau irgendwie scheiterte, viiiiieeeel besser klappt. Und letztlich ... Wer wisse schon, ob sie das nicht mit Absicht getan hätte und von wem sich die „Schlampe" jetzt aushalten ließe. Ja, das Wort „Schlampe" fiel. Da war für mich Schluss. Von den eigenen Freunden, nicht nur meinen, sondern ja schließlich auch von ihren eigenen Freunden solche Ratschläge zu bekommen ... Das hat mich nicht aufgebaut. Das hat mich wütend gemacht. Auf diese „Freunde" konnte ich verzichten. Auf diese Frau – nicht.
Aber das setzte sich fort: Ich habe unterwegs in all den Jahren viele Leute getroffen, mich mit vielen Menschen unterhalten, viele Schicksale erfahren und in 90% der Fälle waren das ganz ähnliche Geschichten wie meine. Sie konnten alle nicht loslassen, sie hatten alle irgendwo irgendwen verloren und befanden sich auf einer endlosen, verzweifelten Suche. Aber erzählte ich ihnen meine Geschichte, so wiegelten sie ab. Es sei nicht gut, diesem in der Vergangenheit Erlebten nachzutrauern, sie wüssten das aus eigener Erfahrung und ich solle nun nach vorne schauen und versuchen einen Cut zu machen, bevor es zu spät ist. ... „vergessen", „nach vorne schauen", „egal" – da werden die Ideale von der einen großen Liebe, mit denen man sonst an allen Ecken und Enden zugeschissen wird, ganz plötzlich und ganz unauffällig über Bord geworfen. Wie ich immer kotzen möchte bei dieser Doppelmoral ... Nicht ein einziger hat gesagt: „Ich kann dich verstehen. Mach dein Ding. Ich wünsche dir viel Glück." Nicht ein einziger. Und wenn ich es gesagt habe, haben sie nur schmerzlich aufgeheult und sind abgezogen, frei nach dem Motto: „Meinen Schmerz versteht sowieso keiner und du schon gar nicht!". Einer. Einer hat mir danach mal fest die Hand gedrückt, mich dann noch in den Arm genommen und „Danke!" gesagt. Das werde ich nie vergessen. Aber sonst ...
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Antonia fuhr mit dem Rad zu Freunden. Unsere Nachbarn fanden es tags darauf am Fuß der Klippen. Die Bremsen fehlten, als wären nie welche dranmontiert worden. Antonia haben wir nie gefunden. Ich war fertig mit der Welt. Am nächsten Tag klopfte es dann an der Tür. Wie der Blitz fegte ich durchs Haus und riss sie auf. Ich hätte alles dafür gegeben, hätte dort mein Kind gestanden oder wenigstens jemand, der mir eine Auskunft hätte geben können. Stattdessen stand dort ein großer breitschultriger Mann und blickte mich gleichermaßen erschrocken, enttäuscht, neugierig und treu an. Das konnte ich gerade noch erkennen, bevor mir die Tränen in die Augen schossen. Tränen des Schmerzes oder Tränen der Hoffnung – ich weiß es nicht, jedenfalls war ich schneller gelaufen, als sie in mir aufkommen konnten. Ich überschüttete ihn mit Fragen nach Antonia und dieser große Mann antwortete nur verschüchtert etwas mit „Ja, ja, Antonia ..." und so packte ich ihn bei den Armen und zog ihn mit ins Haus. Wir redeten lange aneinander vorbei, bis wir das Missverständnis bemerkten. Er wusste nichts von meiner Antonia und ich wusste nichts von seiner Antonia. Er war auf der Suche nach seiner Frau, früher hätte sie in diesem Haus einmal gewohnt, das wusste er noch aus ihren Erzählungen und von alten Photos, die sie ihm mal gezeigt hatte. Aber irgendwann hatten sie sich eben verloren. Eines Morgens wachte er auf und sie war weg. Einfach so. Und seitdem suchte er nach ihr. Wir redeten lange und es wurde sehr spät, aber es war uns egal, denn trotz der Enttäuschung auf beiden Seiten merkte wohl jeder von uns unabhängig voneinander, wie gut das tat und wie nötig wir das hatten. Als wir dann doch zu müde waren, um weiter zu reden, führte ich ihn ins Gästezimmer und legte mich bald darauf auch schlafen. Aber am nächsten Tag, wie ich ihn da so verschlafen im Flur stehen sah, da musste ich ihn einfach umarmen. Reden ist schön und gut, aber manchmal braucht man eben auch Halt, den Worte nicht bieten können. Und ich merkte, dass es ihm ähnlich ging und wie dankbar er es annahm. Er küsste mich auf die Stirn, streichelte mir übers Haar und begann plötzlich zu weinen. Eine völlig fremder Mann und eine völlig fremde Frau. Aber es blieb dabei.
Klingt wahrscheinlich nicht nach der ganz großen Liebesgeschichte, aber manchmal laufen die Dinge eben so. Er hat mich auch schon ein paar Mal gefragt, ob wir nicht heiraten wollen. Ich will nicht. Bei dem Thema verstehe ich keinen Spaß.
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Ich habe eine Spur. Und eigentlich bin ich komplett durch den Wind, aber zwinge mich gerade ruhig zu bleiben und das Ganze einigermaßen vernünftig anzugehen. Ich bin jetzt im Jahr 1902 und habe einen verblichenen Zettel gefunden. Er hing an unserem Baum, der Baum in dessen Krone wir immer gestiegen sind, weil man von dort aus die beste Sicht über die Landschaft hatte. Einmal haben wir sogar versucht dort miteinander zu schlafen. Es war unwürdig, aber wir haben viel gelacht dabei. Es ist ein Zettel von ihr, ganz klar, es ist ihre Handschrift, aber viel entziffern kann ich nicht mehr. Meinen Namen erkenne ich und das reicht mir fürs erste auch. Sie sucht nach mir. Oder hat nach mir gesucht. Aber zumindest hat sie mich nicht aufgegeben, sie hat mich nicht vergessen und sie hat mich nicht verlassen. Junge, bin ich durch. Ich muss mich erstmal setzen und versuchen tief und gleichmäßig zu atmen. So kurz vorm Ziel, da sollte ich jetzt bloß keinen unüberlegten Scheiß machen, der mich dann vielleicht wieder weiter davon wegbringt. Erstmal was trinken. Und dann noch mal genau auf den Zettel schauen. Mist, da ist wirklich nicht viel mehr zu erkennen. Ich muss wohl noch ein kleines Stück zurück reisen. Ein halbes Jahr früher sieht das Ganze schon deutlicher aus. Jetzt weiß ich, wo ich hin muss.
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Als Anton plötzlich wieder vor mir stand. Ich wusste überhaupt nicht mehr ... Gut, dass Antonia mit dabei war, sonst wären wir wahrscheinlich wie die Tiere übereinander hergefallen. Er ist jetzt ein bisschen älter und hat ein paar graue Härchen, aber scheiße, macht ihn das attraktiv ... Mein Herz will sich gar nicht wieder beruhigen ... Aber es fühlt sich gut an ... Es fühlt sich endlich wieder gut an.
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Heute habe ich Klara endlich wiedergefunden! Und ich habe zum ersten Mal meine Tochter in die Arme schließen können! Ich glaube, jetzt wird alles
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