Und taeglich staunt der foreigner - das Leben als Expat in Indien (Teil 1)
Wir gehen nach Indien.Als Expats. Ein Angebot der Firma meiner Frau. Fuer drei Jahre. Bitte...als was, Ex...? Als Entsandter. Aha. Ok.
China hatten wir zwar auch diskutiert, aber schnell verworfen. Indien kannten wir beide, meine Frau und ich. Vom Reisen.
Ja, wir hatten beide sogar mal ein Semester dort studiert.
Sie in Bangalore, ich in Delhi.
Dort wuerde man wenigstens Englisch sprechen.
Ausserdem eine Demokratie.
Und fuer unsere Kleinen sei es auch besser.
Ich als Vater gehe mal in Elternzeit.
Und meine Frau Caroline macht den Manager-Job, als Chefin von 45 Mitarbeitern. Ungewoehnlich wie ein Sadhu auf dem Muenchner Marienplatz, aber interessante Konstellation.
Mal was Anderes, nicht so spiessig.
Schon deshalb erschien es interessant. Machen wir.
Den Rest, also Indien, meinten wir zu kennen.
Was ist ein Expat? Ich definiere: Eine meistens gut ausgebildete Fachkraft, die von einem international taetigen Unternehmen, bei dem sie bescheaftigt ist, fuer einen Zeitraum von ein bis drei Jahren an eine auslaendische Zweigstelle entsandt wird. Ein Expat will aber weder in die Kultur seines Gastlandes eintauchen, noch dessen Staatsbuergerschaft. Nein, er hat ein Rueckflugticket, fest gebucht. Er ist also im Gegensatz zum klassischen Auswanderer, der das Land seiner Wahl als neues Hematland ansieht und dort oft prekaer selbstaendig taetig ist, vielmehr materiell gut abgesichert.
Ein moderner Nomade der Globalisierung.
Er geht oft dorthin, wo andere oft weg wollen.
Unsere neue Heimat hiess Vadodara, im Nordwesten Indiens.
1,5 Millionen Einwohner.
Was fuer indische Verhaeltnisse nicht viel ist.
Eher das, was man in Deutschland eine mittelgrosse Stadt nennt. Erste Informationen: Erdbeben sind haeufig, Ueberflutungen auch. Der Ministerpraesident des Landes hat Einreiseverbot in der EU und der USA. Er soll Unruhen zwischen Hindus und Moslems angezettelt haben, bei denen 2003 viele Menschen ums Leben kamen.
Toll.
Das Leben in Deutschland kann ja so langweilig sein.
Man muss halt halt nur aufpassen, sagen wir uns.
Im Oktober 2008 ist Caroline dann schon mal vorgeflogen, ein Haus fuer uns suchen, eine Schule, Kindergarten, Auto kaufen - was man als Familie eben so braucht. Ein paar Wochen spaeter bin ich mit unserem Aeltesten nachgereist fuer zwei Wochen, Haueser angucken, uns schon mal vertraut machen. Die endgueltige Uebersiedlung dann im Maerz 2009.
Papa macht ne Auszeit, Caroline erfuellt sich ihren Traum.
Und alles kam tatsaechlich wie geplant.
Erst mal.
Caroline hatte ein grosses Haus mit Gartenoption gefunden, Auto gekauft, auch Schule und Kindi paletti.
Fuer mich war der Treppenabstieg die Flughafengangway hinab aufs offene Rollfeld in der neuen Welt schon rein klimatisch eine erste Grenzerfahrung. Von 3 Grad in Frankfurt zu 45 Grad in Ahmedabad, dem wahrscheinlich haesslichsten internationalen Flughafen der Welt, 100 km entfernt von unserem neuen Wohnort. So schnell im meinem Leben hatte ich noch nie Jacke und Sweatshirt ausgezogen.
Der Geruch war aber der selbe wie frueher.
Wer einmal in Indien war, erkennt es immer wieder, auch blind.
Wie die fruehere DDR, die ja auch so ein einmaliges Geruchsprofil hatte.
Die Kinds in allem cool.
Unser neues Zuhause in einer sogenannten "gated commuity", mit Mauer und Stacheldraht drumrum. Am Eingangsgate uniformierte security gards, die regeln, wer rein darf und wer nicht.
Im Haus selbst aller Fenster massiv vergittert.
Stark gewoehnungsbeduerftig.
Dafuer die beiden riesigen glaesernen Verandatueren nicht. Bestechende Sicherheitslogik.
Ab jetzt wuerden wir Dienstpersonal haben, nicht mehr nur ein einziges laeppisches Au Pair wie bisher in Deutschland. Einen Fahrer, einen Gaertner, eine Haushilfe, spaeter noch eine Nanny.
Grosses Aufatmen bei mir: Papa muss nicht den Hausmann spielen, nicht wischen, nicht buegeln. Den ganzen Albtraum.
Hat endlich mal Zeit fuer sich, zum Schreiben, Lesen, fuer die Kunst. Caroline sei Dank, 1000 Dank. Was fuer ein Frau.
Die Kids haben einen praesenten und entspannten Vater.
Und das alles in Indien!
Fast alles ein bisschen so wie bei Tania Blixen. Fast.
Auch wenn hier keine Antilopen in der Steppe vor der Haustuer grasen, sondern allenfalls Kuehe im Plastikmuell auf der Strasse, deren Exotik wiederum allein die unglaubliche Anzahl der Schlagloecher ausmacht. Aber frueher war eben frueher und heute ist heute.
Und Tania Blixen trank auch noch keine Cola aus der Plastikflasche.
Wir leben uns ein.
Ich lege bei ueber 40 Grad einen Bambusgarten an, komme tatsaechlich endlich zum Schreiben und Lesen und warte auf den Container aus Hamburg mit unseren Sachen.
Lange Wochen im Provisorium.
Die Kids gehen halbtags in Vorschule und Kindi, Caroline geht volltags arbeiten und noch ein paar Stunden mehr.
Jede Woche jettet sie irgendwo in Indien rum. Muss zum Kunden.
Ich beneide sie nicht.
Die dunklen Wolken, die ueber unserem exotischen Leben langsam aufzogen, schieben langsam heran, erst fast nicht zu bemerken. Was ich bemerkte, war ein Ansteigen der Temperatur auf 46 Grad. Die Wetterchronisten werden spaeter sagen, es sei der heisseste Sommer gewesen, den man in Indien bis dato jemals registriert habe. Outdoor-Aktivitaeten verbieten sich da von selbst.
Problematisch wurde das aber erst, als die Kids ab Mai hier in ihre zweimonatigen Sommerferien gingen. Kein Kind der Welt moechte nach der Schule bei 46 Grad "draussen spielen".
(In Deutschland haben Saunalandschaften eigene Raueme fuer diesen Temperaturbereich).
Waere das anders und wuerde ich das womoeglich fordern, muesste man mich als Vater voellig zu Recht wegen Verletzung der Fuersorgepflicht zur Rechenschaft ziehen. Wenn nicht wegen Schlimmerem.
Also alle AC's im Haus auf Hochtouren und acht Wochen lang die taeglich brennendere Frage: Was mache ich denn heute mit den Kindern? Paedagogisch sinnvoll soll es ja sein.
Ich will jetzt hier nicht naher in Details gehen.
Nur so viel: Kinder wollen und brauchen Bewegung.
Wenn sie die nicht kriegen, aus welchen Gruenden auch immer, wirds schwierig.
Und das war es.
Ein Tag kann lang sein.
Sehr lang.
Es waren die laengsten Tage meines Lebens als Vater.
Und ich habe gelernt: Man kann in in acht Wochen um acht Jahre altern.
Die naechsten dunklen Wolken waren noch dichter.
Ich dachte, man koenne lernen, auch als individualisierter, meinetwegen auch spleeniger Europaer mit Hauspersonal zu leben. Doch nichts schwerer als das, vor allem in Indien.
Da es nicht englisch spricht und wir nicht Gujarati, sind Missverstaendnisse vorprogrammiert.
Unsere "maid", zustaendig fuer Sauberkeit, hatte deutlich andere Vorstellungen zu diesem Thema als Caroline oder ich, die hier eher noch einem made in Germany anhingen. Dafuer war sie aber die restliche Zeit, in der sie bei uns arbeitete, wegen unserer Kritik beleidigt.
Auch unsere Nanny, diemal sogar Englisch sprechend, die wir zu einem fuer indische Verhaeltnisse geradezu fuerstlichem Gehalt einstellten, wusste meist nicht so recht, was von ihr erwartet wurde. Sie verbrachte deshalb zunehmend Zeit mit Manikuere und Pedikuere. Darueber belehrt, dass dies aus unserer Sicht - bei aller Toleranz - eigentlich nicht zu ihrem Aufgabengebiet gehoere, kam es bald zu einer engen Fraternisierung der so Kritisierten, die schon bald Zuege von Mobbing gegen den boesen foreigner annahm.
"Foreigner" sind in Indien alle, die nicht indisch sind und angeblich viel Geld haben. Leichte Beute, koennte man sagen, wenn man nicht indophil veranlagt ist, wie wir es mal waren. Zum Glueck habe ich nie verstanden. was sie sich unter vielsagenden Blicken in meiner Gegenwart erzaehlten.
Gujarati ist eine schwere Sprache. Finde ich.
Als ich beide entliess, fuehlte ich mich erstmals wieder halbwegs wohl in unserer eisgekuehlten Enklave.
Zwischenzeitlich hatte der Monsun eingesetzt.
Wie seit Menschengedenken stets Mitte Juni in dieser Region. Diesmal waren die dunken Wolken sehr real.
Mit Folgen.
(Ende Teil 1, wird fortgesetzt)









