28.03.2012 - 20:08 Uhr

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Frau K.

Text: molicana

Ich lebte 19 Jahre lang, den Großteil meines Lebens, Wand an Wand mit Frau K. Doch selten sprach ich mit meiner Nachbarin, nie betrat ich ihr Haus. Eines Tages geschah es doch:

Wie kommts, dass ich das Haus 2a
immer nur von außen sah.
über meine Nachbarin weiß ich nur, sie ist klein
und wohnt seit 25 Jahren allein.
Bis ich sie einst traf, am Gehweg, beim Kehren,
bot ihr meine Hilfe, in allen Ehren,
sie erzählte: die Igel kamen dieses Jahr noch nicht,
letztes Jahr schrieb sie darüber ein Gedicht.
Gedichte, schreiben sie? Fragte ich interessiert,
ist die 91-jährige Frau denn noch kein Stück verwirrt?
Wir verabredeten uns, in einer halben Stund,
und ich kehrte schnell, mit offenem Mund.
Das Klingeln dann musste vergebens sein,
mich brachte vielmehr ein Anruf hinein.
In die nahe, doch so neue Welt,
in der laut Besitzerin nur die Liebe zählt.
Es wirkt wie ein gewöhnliches Reihenhaus,
doch entpuppt sich beim Betreten als sinnlicher Schmaus.
Im Eingang stehen flauschige Hausschuh bereit,
für all die gern geladenen Leut.
Mit weich und warm gebetteten Füßen,
geht es durch die Tür zur süßen,
Farbenpracht, wie selten gesehen,
rosa, grün, blau verzaubernd schön.
Man weiß nicht wo man hinschaun soll,
denn es ist einfach alles toll.
Unbändig viel zu sehen.
Vor Erschlagenheit wollt ich fast wieder gehn.
Böden, Tische, Schränke voller
Puppen, Plüschtiere, Gläser, Teller,
Verzierungen, Bordüren, Fell, Gesticktes, 
Bastelwerk, Malerei, Schachteln, Gestricktes
samtene, schillernde, verzierte Gardinen,
aus Ebenholz geschnitzte, antike Vitrinen,
die Böden mit dreifacher Schicht Teppich belegt,
kein Staubkorn, als würde jeden Tag gefegt.
Im warmen, wohligen Duft von Parfüm
ist auch ein Hauch alternden Möbeln mit drin.
Das riecht man subtil nur, wenn man lange sitzt,
und die Besitzerin schnell mal ans Telefon hetzt.
Dann schweift der Blick über Geburtstagsschilder,
auf dem Wohnzimmertisch auch Familienbilder
aus guten, schlechten Lebensepochen,
beim Spazieren, Spielen, Heiraten, Kochen.
Durch Augen, Ohren, Nase dringt eine Philosophie,
die ich in Gedanken an das Haus vergessen werd nie:
Wenn mancherman wüsste, was manchnerman wär,
tat manchermann manchem mehr Ehr.


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