29.11.2010 - 18:30 Uhr

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Das Treffen

Text: miss_moneypenny

Die Parkbahn fährt unter dichten Bäumen hinter die Seebühne, auf der gerade eine Gruppe kleiner Nachwuchsballerinas einen Tanz zu einem Walzer von Strauß aufführt. Es ist ein lauer Sommerabend und obwohl das Thermometer an meinem Schlüsselbund 25 Grad anzeigt, fröstelt es mich ein wenig. Ihr sitzt mir gegenüber, Jan auf deinem Schoß. Ich ziehe den Reißverschluss meines Kapuzenpullis ganz nach oben. Ihr seht so glücklich aus. Jan strampelt aufgeregt, du versuchst ihn auf deinem Schoß zu halten, als er aufgeregt da! da! brüllt und will, dass du ihm alle Bäume, alle Blätter, alle Insekten benennst, die an seinen Augen vorbeiziehen. Du verstehst ihn und kommst gar nicht hinterher mit deinen Erklärungen. Schon hat er wieder was anderes gesehen, brüllt in einem fragenden Tonfall immer wieder sein da! und schaut dich erwartungsvoll grinsend an. Du lachst und küsst ihn auf seinen fast noch kahlen Kopf durch den er eher noch aussieht wie ein Baby, als wie ein 14 Monate altes Kleinkind.

Später wandern wir zu viert durch die Rosengärten, am Florian vorbei zum Sonnensegel, unter der eine Band alte Hits von Supertramp spielt. Du, deine Mutter, Jan und ich. Du steuerst den Buggy und hältst immer wieder an, um ihm seine Mütze wieder auf zu setzen, ihm etwas zu trinken zu geben oder einfach zu streicheln und anzusehen. Dich so mit ihm zu sehen macht mich glücklich.

Dort angekommen lachen und erzählen wir viel, während Jan sich grinsend und plappernd an den Stühlen entlang hangelt und mit dem dicken Windelpo zur Musik wackelt, kurz los lässt und klatscht. Einen Moment bin ich mit meinen Gedanken woanders, weiß ja, dass er gut aufgehoben ist bei Euch, und schließe die Augen. Ich frage mich warum das alles so lange dauern musste, bis wir uns alle endlich wieder getroffen haben. Dann auch noch ausgerechnet hier im Westfalenpark, an diesem zentralen Ort meiner Kindheit. Ewig nicht hier gewesen.

Als ich die Augen wieder öffne, zieht Uroma Jan gerade zwischen den Stühlen hervor. Er klemmte fest, kam nicht mehr weiter und brüllte deshalb gegen die Musik an. Sie ist sofort zur Stelle und hebt Jan ganz leicht in ihre Arme, als sei sie noch eine junge Frau und keine alte Dame, die schon fünf Kinder durch Babyzeit, Kleinkindjahre und Schulzeit begleitet hat. Sie dreht sich mit ihm im Kreis, singt wohl ein Lied für ihn. Ich kann es nicht hören, weil die Musik so laut ist. Jan lacht und senkt seinen Kopf, um mit seiner Nase ihre Nase zu berühren. Seine Art von Kuss.

Dann bringt sie ihn zu dir. Du setzt dir ihn auf die Schultern, so wie du das bei mir vor 30 Jahren auch oft getan hast. Jan hält sich an deinen dunkelblonden Haaren fest und juchzt vor Freude. Du beginnst mit Jan auf den Schultern durch die leeren Stuhlreihen zu rennen, hin und her, immer schneller. Erst jetzt fällt mir auf, dass wir die einzigen Zuschauer hier sind. Irgendwas anderes ist auch komisch, aber ich kann es nicht benennen. Es ist nur ein Gefühl.

Das heute war einer der schönsten Tage der letzten Wochen, Monate, Jahre. So entspannt und so viel gelacht haben wir alle schon lange nicht mehr. Ich frage mich echt, warum ich Jan dir und Oma so lange vorenthalten habe. Er ist schon über ein Jahr alt und erst heute habt ihr euren ersten Enkel und dritten Urenkel zum ersten Mal überhaupt gesehen. Hätte ich gewusst wie schön dieses Treffen werden würde, wäre ich doch schon viel eher mal wieder nach Dortmund gefahren. Ich verstehe das irgendwie nicht. Ich war doch letztens erst in Dortmund bei meiner Cousine. Warum bin ich dann nicht auch einfach mal bei Euch vorbei gefahren? Ich bin doch ständig bei meiner Cousine.

Jan weint. Ich schlage die Augen auf und sehe, wie er mit seinem Schlafsack in seinem Bett steht. Die Lampe ist an, er hat wieder gegen den Lichtschalter gehauen, den er inzwischen von seinem Bett aus recht gut erreichen kann. Total verschlafen sieht er aus, mit Knautschfalten auf der Stirn. Er zeigt auf mich und ruft verzweifelt Mamamamamama. Ich werfe einen Blick auf die Uhr neben meinem Bett 16:28h. Shit, wir haben fast 3 Stunden geschlafen. Die Nacht heute wird sicher katastrophal. Ich hebe ihn aus seinem Bett. Draußen regnet es, der Herbst ist längst da. Es ist kalt im Schlafzimmer. Während ich mit Jan auf dem Arm durch die Wohnung in Richtung Wickeltisch laufe, denke ich über das eben Erlebte, Geträumte nach. Du hättest inzwischen ganz sicher eine Glatze oder wärst zumindest sehr grau. Ich kann mich dir alt gar nicht vorstellen. Für mich wirst du bis ans Ende aller Tage jung sein. Der Typ auf dem Fahrrad und mit der Sporttasche über der Schulter, der auch wenn er lächelt irgendwie immer ein wenig melancholisch wirkt. Oft frage ich mich, ob du eigentlich überhaupt glücklich warst in deinem Leben. Ob du noch glücklich wärst, wenn der Krebs dich nicht vor 11 Jahren an einem grauen Herbsttag in seine starken Arme genommen und dich von uns weggetragen hätte. Ich frage mich, ob Oma noch hier wäre, hätte sie nicht ihre beiden Söhne überleben müssen.

Jan hat sich wieder beruhigt. Er liegt auf dem Wickeltisch und grinst mich breit an. Jan wird nie wissen wie die Welt von deinen Schultern aus aussah. Nie wird er mit seiner Uroma die Lieder singen, die sie mit mir gesungen hat, als ich noch ein Kind war. Er wird euch immer wieder mal in meinen Fotoalben sehen und dann weiterblättern. Oma wäre auf jeden Fall ganz verrückt nach ihm und du erst.

Ich kann mir nicht helfen, aber irgendwie sehe ich dich manchmal in seinem Lächeln.





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