Was wird denn das junger Mann?
"Was wird denn das junger Mann?" Ich drehe meinen Kopf und blicke und blicke in ein speckiges Gesicht. Der Typ ist vielleicht grad mal zwei Jahre älter als ichJunger Mann?, denke ich. Aber er hat recht. Er sieht so was von älter aus. In seiner Uniform. Mit dem Bäuchlein. Dem Schnauzer unter der Polizistennase. Dem haarigen Leberfleck auf der Wange. Der Schirmmütze. Tragen die diese Dinger also tatsächlich noch?, denke ich. Ich lächle und sehe wieder geradeaus. „Hey!“ ruft der Typ. „Ich hab Dich was gefragt.“ Ach ja, denke ich. Stimmt ja. ‚Was wird denn das junger Mann’ war die Frage. Eine gute Frage eigentlich. Was wird das? Köln, Studieren, die ganze Chose eben: ‚Ich und das Leben.’ „Weiß nicht“, sage ich. Ich blicke ihn wieder an. „...was das wird.“ Er kommt vorsichtig näher. „Alles in Ordnung mit Ihnen?“ Der Satz klingt wie aus einem Lehrbuch für Polizisten. Seite 237. Psychologische Schulung. Zeigen Sie Verständnis. Seien Sie Mensch. Zeigen Sie Ihrem Gegenüber, dass Sie auf seiner Seite sind. Schaffen Sie Nähe. Die schafft er. Zentimeter um Zentimeter. Immer näher kommt er. Langsam. Ganz langsam. Vermeiden Sie ruckartige Bewegungen. Schaffen Sie mit allen Mitteln eine reizfreie Atmosphäre. Achten Sie auf Ihre Stimme. Ihren Blick. Ihre Bewegungen. Er ist kaum noch eine Armlänge von mir entfernt. „Machen Sie sich nicht unglücklich. Mann.“ Noch ein Schritt. Zugriff: Greifen Sie energisch und konsequent durch. Zeigen Sie, dass Sie die Lage unter Kontrolle haben. Mit einem schnellen Schritt ist er bei mir. Er greift mit beiden Händen meinen Arm und hält ihn fest. Sehr fest. Jetzt bin ich doch irritiert. Mit großen Augen blicke ich auf den Leberfleck in seinem Gesicht. Wirklich unglaublich viele Haare. Die Augen über dem Leberfleck blicken ebenso irritiert zurück. Sein Griff lockert sich. „Sie wollten gar nicht springen?“, stammelt er. „Springen?, frage ich. „Da rein?“ Ich löse meinen Blick von ihm und sehe auf den Rhein. Schwarz und kalt rauscht das Wasser unter unseren Füßen vorüber. Kleine Blasen schlagen auf den Wellen. „Viel zu kalt“, sage ich und blicke ihm wieder in die Augen. Er lässt mich los. Sein Schultern sacken nach unten. Die Arme hängen durch. Sein Bauch hängt über den Gürtel. Er tritt einen Schritt zurück. Sieht mich an. Lächelt. „Sie müssen schon entschuldigen“, sagt er. „Wissen Sie, wir sind angerufen worden. Weil Sie hier so rumstehen mitten in der Nacht. Und aufs Wasser starren. Die Nachbarn“ sagt er und zeigt mit dem Finger auf ein paar Häuser hinter mir. Die Fenster sind erleuchtet. Schatten bewegen sich auf einem Balkon. Sie blicken in unsere Richtung. Ich sehe rüber zu den Häusern und lächle Ihnen zu. Ich hebe die Hand und winke. „Entschuldigen Sie bitte nochmals“ sagt der Polizist mit dem Leberfleck. „Wissen Sie, so was kommt schon ab und an vor hier. Vielleicht gehen Sie einfach nach Haus, O.K.“ Ich drehe mich wieder zu ihm und lächle immer noch. „O.K.“, sage ich und gehe. Hinter mir schlägt die Tür des Polizeiwagens zu. Der Fahrer startet und der Wagen fährt an mir vorbei. Die roten Schlussleuchten verschwimmen im Dunkel der verregneten Winternacht. Die Schatten verschwinden von den Fenstern. Ich beschleunige meinen Schritt. Renne plötzlich. Dann drehe ich mich mitten im Lauf nach rechts, wuchte einen Fuß aufs Brückengeländer, hole mit dem anderen Schwung und drücke mich mit voller Kraft ab. Meine Haut ist rot vor Kälte Schmerzen, meine Lippen blau, als ich meine nassen Kleider von meinem Körper reiße und in die Ecke des Badezimmers schleudere. Nackt stehe ich vorm Spiegel und blicke mich an. Kein Leberfleck, denke ich und lache mir ins Gesicht.
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grüßer
19.12.2002 - 11:17 Uhr
menander-de-lubac
umso grüßer
ich hoffe von dir liest man nochmal mehr.
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16.12.2002 - 01:47 Uhr
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