01.03.2012 - 17:47 Uhr

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L hat´s nicht geschafft

Text: mandelkrokant

Manchmal weiß ich überhaupt nicht, wie man das eigentlich aushalten kann. Wie man weiterleben kann, obwohl soviel fehlt.

Es ist ein Freitag und er heißt 16. Oktober. Draußen ist es kalt, so kalt, dass man schon beginnt Winterkleidung zu improvisieren. Das Internet bietet keine spannenden Abwechslungen, aber um etwas zu erleben, rauszugehen, fehlt die Motivation. Bis der Anruf kommt.
Ich weiß nicht mehr, wie spät es war, aber es war schon dunkel. Die Bahnen hier in Pankow fahren nur noch mäßig oft.

„Du musst sofort vorbeikommen. Egal, was du tust, hör auf und komm sofort vorbei. Ich meine es ernst, sofort.“

Gut, dann eben doch aufstehen. Während ich die Wohnung verlasse, ahne ich noch nicht, dass ich mich die nächsten drei Tage nicht einmal mehr umziehen werde. Ich rätsele, was wohl so wichtig, interessant, ja und vielleicht sogar lustig und spannend ist, dass er so sehr darauf besteht, dass ich jetzt sofort vorbeikomme. Ich habe kein schlechtes Bauchgefühl, ich bin nur neugierig.
Als ich ankomme, sehen mich alle seltsam an. So verstört. M ist da und A auch. Nein, nach einer witzigen Party sieht das hier nicht aus. Wir sind in Cs Wohnung und N, dieser große Mensch, der immer so laut und fröhlich ist, wirkt, als hätte man ihn gegen einen Androiden ausgetauscht. Er sagt, ich solle mich setzen, wäre besser so. Noch immer, weiß ich nichts, aber ich beginne langsam etwas zu ahnen und überlege für einen kurzen Augenblick einfach schnell hier wegzurennen, dann werde ich nämlich nie erfahren, was los ist und alles bleibt gut. Ich setze mich auf´s Sofa und blicke ihn erwartungsvoll an.

„B und L hatten einen Unfall, L hat´s nicht geschafft. B liegt noch im Krankenhaus und ist schwer verletzt. F ist bei ihr.“

Dein Ernst? Ist das jetzt der Satz, der alles zusammenfallen lässt? Einfach so „L hat´s nicht geschafft“? Ich blicke mich um und sehe matte und bleiche Gesichter, die mich anstarren. Sie erwarten eine Reaktion. Oh, ja. Natürlich. Ich krame innerlich kurz in meiner Emotionskommode und versuche die richtige Schublade zu öffnen. Da finde ich sie, sie ist ziemlich versteckt. Darauf steht „Tod eines geliebten Menschen“, ich öffne sie und ziehe ein paar Karten heraus. Ich entscheide mich für „Weinen“, „Unverständnis“, „Entsetzen“ und „Ratlosigkeit“. Das kann bei Bedarf noch erweitert werden, sollte aber für den Anfang reichen.
Ein paar Tränen verlassen meine Augen, aber der große Kloß im Hals, dieser innere Druck, wie beim richtigen Heulen bleibt aus. Ich gucke verwundert alle um mich herum an und bereue, dass ich mich vorhin gegen das Wegrennen entschieden habe. Ich nehme eine Zigarette, glaube ich, und zünde sie an. Ab jetzt beginnt das Überfluten. In meinem Kopf sind alle Luken geöffnet und jeglicher Seelendreck, der sich in den letzten 20 Jahren angesammelt hat, beschließt zurückzukehren und sich seinen Platz wiederzuerobern, um möglichst lange direkt vor meinen Augen zu schweben, sobald ich sie schließe.
Es geht alles sehr schnell. Wir telefonieren und erreichen fast alle, sie kommen vorbei. Etwas anderes lassen wir nicht zu, keiner soll es am Telefon erfahren. Js Zimmer wird zu „dem Zimmer“ und jeder, der neu ist muss dort herein, alleine, zu zweit, egal. Ich sehe jeden Menschen an, der dort reingeht, sehe die ängstlichen Blicke, bevor sie die Tür schließen und die Zerstörung, sobald sie wieder zurückkommen. Jeder erfährt es persönlich. Der Android erzählt es an diesem Abend, in dieser Nacht immer und immer und immer und immer und immer wieder und mit jedem Mal verliert es an Wert.

Keiner versteht, was los ist und ich schwanke zwischen Küche und Cs Zimmer hin und her, trinke seltsame Sachen und rauche ein paar Zigaretten zuviel. So macht man das doch, oder? So verhält man sich, hat mir Hollywood erklärt. Du musst jetzt abstürzen und dich ein bisschen ruinieren, den Schmerz wegtrinken oder wegrauchen oder wegfeiern. Irgendwas musst du jetzt auf jeden Fall tun, was deinem Leben gefährlich werden könnte, was dich demjenigen, der nicht mehr ist, näher bringt. So macht man das doch.
Wir sind ziemlich gut darin, wir üben schon seit Jahren. Am Lagerfeuer oder im Lohmeturm. Wir üben uns darin, unseren körperlichen Verfall zu beschleunigen, weil das Leben so eben manchmal mehr Spaß macht und man am nächsten Tag wieder schmerzlich daran erinnert wird, dass es noch da ist und augenscheinlich auch noch ein paar Jahre zu bleiben gedenkt.

Ich stehe vor der Emotionskommode und bin mit all den Karten, die ich in der Schublade „Tod eines geliebten Menschen“ finde, nicht sehr zufrieden. Ich entscheide mich einfach noch eine große Portion „Weinen“ zu nehmen, das ist nie falsch. Aber vieles darin sagt mir nicht zu. „Niedergeschlagenheit“, zu undefiniert, „Depression“, passt gerade nicht, es gibt zuviel zu organisieren, „starr vor Schock“, sicher, aber auch das ist gerade nicht behilflich. Also versuche ich eine Schublade zu finden, die mir vielleicht das geben kann, was ich suche. Dabei bemerke ich, dass ich keine Schublade habe, die groß genug ist, um das zu beinhalten, was wirklich los ist.

Ich besitze keine Schublade, in der eine „nicht zu definierende, völlig unfassbare, absolut einmalige, vielleicht immerwährende, dich sicher ein Leben lang irgendwie begleitende Leere“-Karte steht. Mein Hirn hat die Überflutung halbwegs überstanden, musste allerdings wegen Überfüllung mit schlechten Gefühlen schließen.

Alles, was nach dieser Nacht passiert ist Geschichte.

Der Unfall war unser Dresden ´45. Danach liegen überall die Überreste dessen, was wir einmal aufgebaut haben, wir kleben und sammeln und restaurieren, aber die Einschusslöcher in den Häuserwänden, die unpassenden neuen Steine, die zwischen den alten, halb zerstörten stecken fallen jedem auf, wenn er ein bisschen näher kommt. Sie sind da und sie bleiben da und jeder Versuch sie zu zu spachteln misslingt, weil kein Mörtel so richtig halten will und früher oder später wieder lose wird und bröckelt.

Manchmal weiß ich überhaupt nicht, wie man das eigentlich aushalten kann. Wie man weiterleben kann, obwohl soviel fehlt.

 



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6 Kommentare

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tuladoesthehula
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Mag ich Mag ich nicht

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01.03.2012 - 20:11 Uhr
tuladoesthehula

sehr rührend, sehr traurig

Piek
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Mag ich Mag ich nicht

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01.03.2012 - 22:19 Uhr
Piek

keine schublade, die das beinhaltet, nein.

purzelmeier
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Mag ich Mag ich nicht

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01.03.2012 - 23:14 Uhr
purzelmeier

Sehr schön, das eigene Verzweifeln an der Unfähigkeit zu Trauern (die eigentlich genau das ist: Trauern) beschrieben. Toll!

panzerjunge
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Mag ich Mag ich nicht

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07.03.2012 - 17:16 Uhr
panzerjunge

Arme...ruf an wenn du willst.

mandelkrokant
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Mag ich Mag ich nicht

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09.03.2012 - 00:20 Uhr
mandelkrokant

ist schon zwei jahre her...damals 2009. seitdem. tja. seitdem ist alles eben anders.

reene
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Mag ich Mag ich nicht

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13.03.2012 - 18:26 Uhr
reene

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