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Leben

| 25.05.2009 16:45  

Der Patient

Es war Abend. Ines hatte sich für 19 Uhr angekündigt, weshalb Kellmann gegen zehn vor sieben in sein Arbeitzimmer ging. Im Fernsehen war ohnehin nichts Sehenswertes gelaufen. Und eine gute halbe Stunde im Arbeitszimmer herumzusitzen, um sich Ines mit ein wenig Restwürde zu präsentieren? Was soll’s, das war er mittlerweile gewohnt.

Anfangs hatte er es noch auf ihr kindisches Gemüt geschoben, dass sie immer provozieren musste, durch Verspätungen oder indem sie ihm irgendwelche Spitznamen gab. Doch während sich Kellmann mit Ines Unpünktlichkeit allmählich zu arrangieren wusste, verhielt es sich mit der Spitznamenssache gerade umgekehrt. Je länger Kellmann Ines kannte, um so deutlicher wurde ihm die volle, direkt monströs anmutende Tragweite ihrer Ansprechpraxis bewusst. Nicht dass er ihr zugetraut hätte damit eine bewusste Strategie zu verfolgen. Aber einmal jenseits von Ines beschränkten intentionalen Fähigkeiten betrachtet, war bald offensichtlich, dass die Sache mit den Spitznamen eine äußerst perfide Sache war. Ines betrieb damit nämliche eine kontinuierliche Inbesitznahme. Sie eroberte sich mit ihren alternierenden Spitznamen die Deutungshoheit über Kellmann, vollzog einen schleichenden Akt der Aneignung, hinter der sich natürlich zwingend auch eine Enteignung Kellmanns verbarg. War man von Ines erst einmal mit einem Spitznamen bedacht, entfaltete dieser bald seine verheerende Wirkung. Wobei Kellmann nicht mit Sicherheit sagen konnte, ob dabei der jeweilige Name überhaupt die entscheidenden Rolle spielte, oder ob nicht vielmehr das besitzergreifende Fürwort, das Ines den Namen immer voranstellte, das entscheidenden war.

Den ersten Monat ihre Bekanntschaft nannte Ines Kellmann ihre Mäuschen. Er hätte schon damals entschiedenen Widerstand leisten sollen. Er hätte so deutlich, wie nur irgend möglich machen müssen, dass er niemanden Mäuschen, geschweige denn das von Ines zu sein gedenkt. Aber nein, Kellmann ließ sich von seiner Gutmütigkeit leiten, wehrte sich folglich nur zaghaft und ohne den nötigen Ernst. Er gefiel sich sogar darin, noch Witze zu reißen:

- Du willst wohl meine Autorität den Katzen gegenüber untergraben," rief er: Willst sie gegen mich aufhetzen. Setzt wohl auf ihr primitive Raubtiernatur. Doch nicht mit mir, meine Liebe, da musst du schon früher aufstehen! Ich habe dein perfides Mordkomplott längst durchschaut!

Kellmann sah Ines grinsen und sich selbst laut auflachen. Ein Lachen das ihm heute nur noch unsagbar dämlich erschien. Damals wäre vielleicht noch ein Entkommen möglich gewesen. Später, als ihm das Lachen endlich im Hals stecken blieb, war es schon zu spät. Auf das Mäuschen folgte ein Spätzchen, dann mein kleiner Nager, dann mein Dörrpfläumchen, dann mein Blähbauchlein usw. usf. War die Maschinerie erst einmal in Gang gebracht, gab es kein Entkommen. Insofern war es sinnlos sich ausgerechnet über seinen neuestens Spitznamen dermaßen aufzuregen. Und doch brachte es Kellmann fast zur Weißglut, als sich Ines mit verschränkten Armen im Türstock aufbaute und fragte:

- Na, wie geht es unserem Patienten heute? Hat er denn irgendwelche Beschwerden? Und hat er auch brav seine Medikamente geschluckt?

- Natürlich Frau Doktor alles wie sie es verordnet haben, ätzte Kellmann: Auch wenn sie sich den Doktortitel nur angeheiratet haben. Wie hieß noch mal der werte Gatte – Gott hab ihn selige. Mengele, wenn ich mich recht erinnere, nicht war?

Kellmann genoss den kleinen Triumph Ines aus der Reserve gelockt zu haben, weshalb sie ihn Kellmann genannt hatte und nicht mehr ihren Patienten, bei ihrer ernsthaften, ohne Hohn auskommenden Replik. Nun musterte sie ihn argwöhnisch. Kellmann spürte ihren Blick im Nacken, den zu ignorieren er nur ein paar Minuten lang im Stande war. Also brachte er mit einen Schupser den Bürosessel zum Drehen und begann Ines zurück zu musterten. Ines trug einen langen, luftig leichten Leinenrock, darüber ein gut sitzendes, monochromes, schnörkelloses Top. Bei aller Feindschaft musste Kellmann doch zugeben, dass sie sich zu kleiden wusste. Wenn sie doch nur einmal ruhig dastehen könnte und nicht immer herumwuseln müsste und herumfuhrwerken in ihrer polternden, unerträglichen Art. Wenn sie doch nur einmal dastehen und still sein könnte, ihrem losen Mundwerk Einhalt gebietend. Ja dann ... Ines stand noch immer im Türstock, sagte nichts, nur der Argwohn war allmählich verschwunden und sie fixierte Kellmann nun mit einem fast schon wahrherzigen Blick.

Wie er wieder dasitzt, dachte Ines. Wie Kellmann förmlich in seinem Sessel eingebettet war und darin geradezu versank. Jedes Mal wenn sie vorbei kam, saß er in diesem Bürostuhl, als wäre er mit ihm verwachsen, so als wäre er an diesen Rollstuhl gefesselt, weshalb man am liebsten im Stil eines amerikanischen Fernsehprediger und Wunderheilers Halleluja rufen mochte, wenn er sich dann doch einmal bequemte, aufzustehen. Vielleicht nur deshalb hatte Ines begonnen Kellmann Patient zu nennen, zumal er ihr ja seinen Vornamen vorenthielt. Sie kannte ihn nur anhand seiner Postadresse. Er hatte ihn ihr niemals angeboten, ihn ihr, soweit sie sich erinnern konnte, nicht einmal genannt. Kellmann hatte wirklich mehr als eine unangenehme Eigenschaft, dachte Ines. Was aber noch fatale war, er schien diese Eigenarten wie seinen Augapfel zu hüten, kultivierte sie, statt sie zu bekämpfen und wenn sie dann doch einmal kurz von ihm abfielen, wie bleischwere, in ihrer Hässlichkeit direkt entstellend wirkende Kleidungstücke, schien er nicht den Hauch einer Befreiung zu empfinden, sondern nur eine verstörend abgrundtiefe Scham. Ines wusste, dass sich Kellmann wohl nie ihres Mitleids würdig erweisen würde. Dennoch rührte es sie manchmal, wie er sich hinter jeder Abscheulichkeit verschanzen musste, wie er sich umhüllte mit charakterlichen Schwächen und unsagbar hässlicher Kleidung, damit nur ja niemand erkennen konnte, dass er ein durchaus annehmbarere Mensch war, und sogar ein durchschnittlich attraktiver Mann.

Kellmann betrachtet Ines, die sich immer noch nicht bewegt. Die nicht, "also was ist jetzt" sagte, ihn nicht zum Kochen aufforderte, die weder "Hopp hopp" rief, noch: "Nun komm schon, husch husch!" Die einfach nur dastand, als würde sie nachdenken. Und die ihn derart fixierte, dass man meinen hätte können, er, Kellmann, sei es, über den sie sich Gedanken machte. Ines sah ihn an, als sei er nicht nur ihr Spielzeug, als wäre sie in der Lage ihn als ein Gegenüber zu betrachten, als sei es möglich, dass sie ihn nicht nur als Objekt ihrer Manipulationen sah, sondern als jemanden, an dem ihr etwas lag. Das könnte Wirkung zeigen, befürchten Kellmann, fatale kaum unter Kontrolle zu bringende Konesequenzen. Und kaum war eine solche Befürchtung aufgekommen, ertappte er sich auch schon dabei, Ines in völlig unangebrachter Weise zu verkennen. Er sah ihre eher robuste Gestalt vor Kraft strotzen, und zwar von einer vielleicht wohlgesinnten, nicht rein zerstörerischen Kraft. Er begann Ines, eine, wenn auch herbe Art von Schönheit anzudichten. Er meinte anhand ihrer Augen, der Mundwinkeln, oder der Nüstern ihrer etwas unförmigen Nase, eine Art von Wohlwollen feststellen zu könne, sie schien eine Form von Wärme auszustrahlen, oder eine Art Licht das alles verklärte. So, dachte Kellmann, muss ich eine Fata Morgana anfühlen. So muss eine Vision wirken oder die Wahnvorstellungen eines außer Kontrolle geratenen Psychodrogenrausches.

- Was stehst du denn da so herum, fragte Kellmann: Kommt sie rein und begafft mich, als wäre ich die neueste Sensation des hiesigen Zoos.

- Also entschuldige mal, wer hat denn wohl wen angerufen, entgegnete Ines.

Du Dummkopf, dachte Kellmann, war ja klar, dass sie das gegen dich verwenden würde. Hättest das teure Bio-Rinderfilet besser vergammeln lassen sollen. Geschieht dir ganz recht, du Mäuschen, du Blähbäuchlein und Patient.


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Kommentare
garconne 25.05.2009 | 17:27
Irgendwie hätte ich jetzt gerne gewusst wie es weitergeht...

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gelbesschaf 26.05.2009 | 21:08
Ines geht gar nicht. ..
Toller Text!

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EloiseMigraine 27.08.2009 | 18:15
sehr, sehr gut!

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