Bob
An Deinem Geburtstag – und Du würdest mir zustimmen, dass es keinen besseren Zeitpunkt für echte Aufrichtigkeit gibt - muss ich Dir gestehen, dass ich Dich nie wirklich verstanden habe. Es gab sogar Zeiten, da konnte ich Dich kaum ertragen. Mein Bruder und ich nannten Dich Gießkanne, wusstest Du das? Nach dem trötenden, furzenden Geräusch, das entsteht wenn man unter hohem Druck in einen Gießkannenhals bläst. „Papaaa.“, nölten wir, „Nicht schooon wieder! Mach doch die Gießkanne weg!“ Wir wohnten zwischenzeitlich zu viert in einer Zwei-Zimmerwohnung, mit Dir aber fühlte es sich enger an als ohnehin schon. Ich erinnere mich an heiße Sommer, in denen wir regungslos im Dunkel unserer Wohnung ausharrten und ich den Sonnenstaub beobachtete, der erstarrt im gleißenden Licht der Fenster hing, und die schrillen Töne Deiner Mundharmonika die warme Luft füllten, bis sie zu platzen drohte.
Im Leben meines Vaters kamst Du vor uns, chronologisch betrachtet. Du wurdest ein Teil von ihm, bevor wir es wurden und der Soundtrack unseres Lebens war geschrieben, ob wir ihn nun mochten oder nicht. Deine Stimme raschelte von unserem Plattenspieler, später in unromantisch guter Tonqualität vom CD-Spieler oder wurde von Harald, dem Gitarrenmann unter der großen Linde gespielt, deren Blätter mit dem hohen Gras ein Zelt bildeten und wo die Männer ihre Joints rauchten. Das Gefühl, das Du ihnen gabst, war der rettende Anker in ihrer Angepasstheit. Ich sah es in ihren Augen, hörte es in ihren Gesprächen, Du warst die Herzrhythmusmassage einer vergangenen Jugend. Du warst der Traum ihrer Generation und wir, ihre Kinder, lernten Dich zu schätzen, lernten die Momente lieben, die Du schufst, die Berührungen, die Nähe, die Freuden unserer Eltern.
Erinnerungen an meine Kindheit sind Erinnerungen an Dich. Damals noch im Kassettenfach wurden es endlose Fahrten mit Dir in unserem Seat Marbella hin zu Orten, die ich nie vergessen werde, weil Du mich nie ließest. „Sara“ ist der versteckte Campingplatz im Buchenwald an der Steilküste‘ 94, der lichtgescheckte Waldboden und die Donnerkeile, die ich nie fand, alle anderen aber schon. „Just like a woman“ sind, wie sollte es anders sein, die Tränen meiner Mutter, ist ihr Wüten, ihr Flehen, ist das Ende meiner Eltern. Ich werde Dich nie einfach nur hören können. Ich werde nie ehrlich antworten können, ob ich Deine Musik tatsächlich mag, weil ich es nicht wissen kann. Denn wenn ich sagen müsste, woher ich komme und es Zeit für eine pathetische Antwort wäre, würde ich sagen, dass meine Herkunft aus Deiner Musik gemacht wurde, deine Lieder sind die Bausteine, sind die Farben, ist dieses wirre Gefühl, das Heimat ausmacht. Du bist der Strohteppich, in dem ich hundert Playmobilschwerter verlor, die Spinne mit dem fehlenden Bein, die in unserer Küche lebte, Du bist die verzweigten Linien auf den Händen meines Vaters beim stundenlangen Spielen von Commander Keen.
Jetzt begegnest Du mir im Feuilleton jeder verdammten Zeitung in unerträglich umständlich, stolpernden Artikeln, die erklären wollen, was Dich so besonders macht. Die Bedeutungsschwere dieser Erklärungen machen mich unglücklich, weil sie nie greifen, nie erfassen können was Du für uns bist. Wahrscheinlich sind es die Erkärungen unserer Eltern, jener 1. Generation Bob, die in Deinen Liedern den Widerstand liebten, die immer ein bisschen klingen – verzeih – als hätten sie zu viel in Deinen verqueren, undurchsichtigen Büchern gelesen. Für uns Kinder aber bist Du das Abbild unserer glücklichen Eltern. Du bist die Erinnerung an die seligste Zeit unseres Lebens, die Gießkanne mit den schönsten aller Lieder.
- Offener Brief an Herrn Oberbürgermeister Ude 29.03.2012
- Der schleichende Tod 18.03.2012
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23.05.2011 - 19:32 Uhr
transworld
bob dylan war mein erster und einziger held! neben corto maltese natuerlich ;)
den satz mag ich.
und den:
"dieses wirre Gefühl, das Heimat ausmacht."
und mehr.
*.
wäre meine mutter kein ddr-kind, wäre es mir sicher ebenso ergangen wie dir.
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23.05.2011 - 18:16 Uhr
MsAufziehvogel