Zustand oder Letzte Inventur vor der Apokalypse
Text: hoch21
in prinzessinen (69)
Und manchmal verliert man Menschen. Passiert. Der Rand einer Regenwolke zieht vorbei. In der Innenstadt wird Regen fallen, auf meine Straße fallen nur ein paar Tropfen. Ha! Der Wein sitzt mir albern in den Schläfen. Vorbei an dem lauten Haus, ausgeräumt von Kammerjägern, frisch renoviert von lauten Bauarbeitern und mich drei Monate jeden Morgen um den Ausschlaf gebracht. Die Haustür ist noch ausgehängt, ich könnte einen Blick riskieren. Lächeln. Womöglich lauert der Zusammenbruch schon hinter diesem Lächeln, ich weiß es nicht, aber ich weiß, dass es mich nicht mehr kümmert, nicht heute. Links vorbei an schon wieder herumstehendem Sperrmüll, Sofa, Fernseher, Couchtisch, Puppen und Koffer. Vielleicht ist das die letzte Inventur vor der Apokalypse. Hm, guter Buchtitel. Herbstlaub, Pappbecher, Mann mit Hund, Renault Clio. Es ist noch nicht kühl genug für Herbst, ich schwitze in meiner gefütterten Jacke. Und wie er im Zimmer steht und zu mir sagt, dass ich wohl verstehen werde, dass er erzählen wird, dass er sich getrennt hätte. Ja, das war wichtig. Hätte ich Superkräfte, ich würde die Arme ausbreiten und in schlenderndem Gang die Häuser auf meinem Weg verwüsten, die Fenster würden zu den Wellenbewegungen meiner Finger splittern und zerspringen, die Fassaden würden von unsichtbaren Klauen unter Grollen aufgerissen, sie würden bröckeln und fallen, die Autos würden knirschend verblühen, ihr Lack würde Blasen schlagen und der Asphalt würde hinter mir knittern wie Papier, und mit gelassenem Blick würde ich gen Innenstadt ziehen wie diese Regenwolke. Ich biege nach links ab. Zebrastreifen, Autobahnauffahrt, Kiosk mit Jugendlichen davor, ich erwidere ihre Blicke entschlossen. Ich summe Klee: Mein Geheimnis bewahrt sich selbst. Getränkemarkt, müllgefüllte Vogelbeerenbüsche, ein Parkscheinautomat. Sonnenuntergang jenseits des RWE-Towers, ein roter Himmel, verdeckt von dunklen Wolken wie Ekzemen. Heute bei Britt – Der Talk um Eins: Laß mich, Du Fotze, ich bin gern eine Baustelle! Kichern. Das Rauschen der A40, der Geruch von Smog, modriger Erde und Abendessen. Irgendwo Rockmusik aus einem Fenster, Hupen und Lachen. Warten an der Ampel, neben mir ein Mann im Trainingsanzug, sieht gut aus, ein bisschen abgewrackt vielleicht. Eigentlich ging es mir nie besser, ich werde geliebt, kann schreiben, habe Sex, genug Geld für Wein und noch einmal abgenommen. Eine gelbe Straßenbahn fährt vorbei, gleichgültig durch die Scheiben starrende Gesichter. Weiter entfernt Donner. Meine Hose vibriert. Eine SMS: Denk an den Merlot. Bist Du schon unterwegs? Mach hin, ich bin geil! Jep, so ist das Leben. Oder wie der Franzose sagen würde: Sellerie!
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26.09.2010 - 15:36 Uhr
melancholieunduebermut