Gentlefication. Und Bohème aus Stahlbeton.
Es ist so. Der wichtigste Schlüssel in unserem Haus ist der für den Aufzug. Der Aufzug ist zigmal sicherer als meine Wohnung. Sonst könnte ja das ganze Viertel einfach bei uns im Haus rumfahren. Dieses Viertel! Schließlich auch nicht mehr das, was es mal war. Schwabing sterbe, das kann man schon länger lesen. Das ganze Lebensgefühl der Zwanziger Jahre: unwiederbringlich verloren. Wobei - in unserem Haus fühlt man sich noch Bohème, ab und zu. Schließlich hatte der Bau von Anbeginn einen zweifelhaften Ruf. Prostitution, Mord und Totschlag. Ergo: Bohème. Aus Stahlbeton. Vor Kurzem stand in einer hiesigen Zeitung ein großer Bericht über Gated Communities. Mitten in München. Wo sich die Reichen und Neureichen vor den gewöhnlichen Münchnern versteckten. Unser Aufzug kam in dem Artikel nicht vor, doch allerlei Beispiele, die mich an abgesperrte Hinterhöfe, Gegensprechanlagen, Conciergen und sonstiges schweres Geschütz der Abschottung denken ließen. Unweit von hier soll aber nun Ernst entstehen. Ein Flyer in meinem Briefkasten preist den Bau einer Compact Community für finanzielle Highperformer, denen und deren gebetenen Gästen man zu Zeiten der sozialen Kälte Geborgenheit garantiere. Endlich. Geborgen in Schwabing. Im Herz des mondänen Künstlerviertels (sterbend), zwischen Thomas Mann (tot), wunderschönen Studentinnen (das steht da so) und Bohème (das sind wir, siehe oben). Tagsüber könne man mit Blick auf die Feldherrenhalle Visionäres schaffen (!), abends habe man auf der streng privaten Freiheitsplaza die Möglichkeit, die pulsierende City in Cinemascope zu genießen. Selbstverständlich ohne, dass einem diese je zu nahe käme. Weder Thomas Mann noch die wunderschönen Studentinnen. Doch: man weiß als Bauorganisation natürlich um die eigene soziale Verantwortung im urbanen Setting. Das umliegende Viertel habe die Möglichkeit, hier Arbeitsplätze vorzufinden, als Mitarbeiter könne man im geplanten Objekt auch erschwinglich im Souterrain wohnen. So könne die angestammte Bevölkerung im gewohnten Umfeld bleiben und im Sinne des Workflows pünktlich zur nahen Arbeit erscheinen. Das Ganze nennt sich Gentlefication - sanfte Aufwertung. Nun die Einladung. Zum Kick-Off des Münchner Büros der Baufirma. Ein Glas Spumante unter dem Motto "Schnäppchen und Häppchen". Ich bin mir nicht sicher: bin ich eingeladen als angenommene finanzielle Highperformerin? Schnäppchen Quadratmeterpreis ab 9.995 Euro? (Man beachte: allein für die spirituelle Zen-Yoga-Zone sind über 80 Quadratmeter im Grundriss vorgesehen. Ganz nach Albert Einstein, nach dem Glück sich auch nach Quadratmetern bemesse Fragen Sie mich nicht - Sie sind der Physiker.) Als wunderschöne Studentin, die vielleicht einen Job im Souterrain braucht? Oder eingeladen als schnöde, angestammte Spumantebanausin, einmal mit Häppchen abzuspeisen? Und: darf ich das Viertel mitbringen oder muss die Stadt draußen bleiben? Vielleicht ist es neuer Schick, was da wachsen soll. Oder zumindest eleganter als die Sprache des Werbeflyers. Und wer weiß: eventuell führt das zu einer Öffnung unseres Aufzuges. Wenn gegenüber highperformende Spießer wohnen, die denken, man müsse das Viertel aufwerten obwohl es uns schon gibt - dann muss die hiesige Bohème natürlich offensiver werden. Mit Stahlbeton gegen die gepriesene Leichtigkeit des Steins. Irgendwo muss es ja noch sein, dieses Schwabing. Oder. Falls Sie mal Aufzug fahren wollen, sind Sie jedenfalls gerne mein gebetener Gast. Sonst stirbt des wirklich, des Schwabing. Nachtrag. Nach genauerem Hinsehen bin ich wohl dem Hochglanz aufgesessen. Wahrscheinlich wird keiner bauen oder mir das Souterrain anbieten. Seltsam, dass ich es erstmal nicht so abwegig fand. Macht aber nix. Sie dürfen mich gerne belächeln. Der gesamte Text findet sich hier. Hoffnungsfroh, Ihre Naiv-Kugel.- Ein Fall für Cheick. Letztes Warten. 01.03.2012
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Und du so: Alles. Die wunderschöne Häppchenbanausin mit dem Viertel im Blut und sicher dem Willen, elitär zu sein.
Macht aber nix. Belächeln erlaubt. Der gesamte Text findet sich hier.
Hoffnungsfroh,
Eure Naiv-Kugel.
und bei dem da
internetseite sagte:
Durch dieses Konzept einer nachhaltigen Immobilienbewirtschaftung schonen wir die Ressource Bevölkerung und ermöglichen es ihr im gewohnten Umfeld zu verbleiben.
frag ich mich ernsthaft, ob sich da nicht jemand einen scherz erlaubt hat.
aaaber, liebe glitzer, welch freude wieder von dir zu lesen!
Klingt wie ne Drohung...
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22.05.2012 - 17:59 Uhr
marquez