07.05.2013 - 00:01 Uhr

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Wenn du nichts mehr weißt

Text: felini


Es gibt Situationen im Leben, die besonders sind. Besonders, weil sie ein Gefühl von Glück und Traurigkeit gleichzeitig auslösen.
Vor ein paar Wochen war ich in Krefeld unterwegs und hatte noch etwas Zeit, bis meine Bahn nach Hause kam. Also beschloss ich, mir einen Kaffee zu holen. Nur leider fehlte mir das nötige Kleingeld und der Bankautomat im Bahnhof wollte fünf Euro von mir, um Geld abzuheben. Leider konnte ich in der Bäckerei auch nicht mit Karte bezahlen, also schien der Kaffee auf einmal sehr fern. Da begegnete ich einer alten Frau, schätzungsweise 75 Jahre alt, mit Krückstock und einem schönen, grauen Hut, der mit Perlen bestickt war. Sie fragte mich, ob ich wüsste, wo das "Seidencarré" sei. Ein betreutes Wohnen. Da ich nicht aus Krefeld komme, antwortete ich "nein, tut mir leid. Aber ich könnte andere Leute fragen, ob sie Ihnen helfen können." Die alte Frau nickte und sagte "ok, ich gehe solange noch einmal raus und gucke, ob ich mich an irgendetwas erinnern kann." Ich lief zur Bäckerei und fragte nach. "Nein, ich weiß auch nicht wo es ist, aber mein Kollege könnte im Internet nachgucken," sagte ein Mädchen, ungefähr so alt wie ich. In der Zeit lief ich zu der Frau nach draußen. Sie redete gerade mit einem Taxifahrer und fragte ihn, ob er ihr helfen könnte. "Ja, da vorne links, vorbei an der Sparkasse", sagte er in gebrochenem Deutsch. Die Frau bedankte sich und machte sich auf den Weg. Als ich wieder bei der Bäckerei ankam, sagte das Mädchen, das "Seidencarré" sei auf der anderen Seite des Bahnhofausgangs. Sie hätten im Internet nachgeschaut. Wieder lief ich zu der Frau, die schon einige Meter gegangen war. "Der Weg ist falsch. Sie müssen in eine andere Richtung," sagte ich schon fast außer Puste. "Och nein, jetzt laufen sie mir auch noch hinterher," meinte die Frau sichtlich berührt und folgte mir in den Bahnhof zu der Bäckerei. "Wissen Sie, ich habe Demenz," erklärte sie mir. "Ich bin in Krefeld aufgewachsen, hier zur Schule gegangen und jetzt weiß ich nichts mehr". Im Bahnhof erklärte ihr das Mädchen den richtigen Weg und die Dame bedankte sich vielmals. "Das ist wirklich toll von Ihnen, vielen vielen Dank!" Ich sah ihr noch einige Minuten nach, ob sie auch den richtigen Weg gehen würde und spürte, wie meine Augen langsam feucht wurden. "Alles ok mit dir?," fragte mich das Mädchen. "Ja klar, ich fand das einfach nur gerade zu krass", antwortete ich. Sie fragte mich auch, warum ich der Frau geholfen hätte. "Ich finde das nicht selbstverständlich", meinte sie erstaunt und schenkte mir einen Kaffee und einen Donut. "Mein Chef meint, das ist ok so. Er findet es auch gut, dass du ihr geholfen hast." Aber wie hätte die alte Frau sonst nach Hause finden sollen? Sie hat keine Familie mehr. Mit gemischten Gefühlen stieg ich in die Bahn ein. Traurig, weil ich gesehen hatte, was die Krankheit mit einem machen kann und glücklich, weil ich den Kaffee doch noch bekommen hatte.


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2 Kommentare
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mas
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Mag ich Mag ich nicht

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30.11.2012 - 03:57 Uhr
mas

Rührender Text, wie schön!

himberry
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Mag ich Mag ich nicht

0

06.05.2013 - 23:34 Uhr
himberry

* schön!

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