02.05.2013 - 08:00 Uhr

0 366 Über Twitter weiterempfehlen

Auf's Geld pfeifen? - Der Selbstverwirklichungsticker

Text: feline-gerstenberg - Foto: tannjuska / photocase.com

Der Philosoph Alan Watts fordert seine Studenten auf, bei ihrer Lebensplanung nicht ans Geld zu denken, sondern einfach zu machen, worauf sie wirklich Lust haben. Ziehen wir doch mal Bilanz: Wie viel Selbstverwirklichung hat in deinem Leben Platz?

Eine gute Freundin von mir hat mit 15 Jahren mal gesagt, dass sie sterben möchte, wenn sie Mitte zwanzig ist. Schließlich sei es besser, ein kurzes, schönes Leben gehabt zu haben, als ein langes unglückliches, bei dem es nur darum ging, irgendwie Geld zu verdienen. Mich hat dieser Satz sehr traurig gemacht. Ich konnte sie nicht verstehen.  

Auch der bereits verstorbene englische Religionsphilosoph Alan Watts propagierte, das Geld Geld sein zu lassen. Seinen Studenten, die ihn kurz vor ihrem Uni-Abschluss fragten, wie es nach dem Studium weitergehen sollte, pflegte er zu fragen: "Was, wenn Geld keine Rolle spielen würde?" Er rief dazu auf, sich nicht zu sehr aufs Geld zu konzentrieren: „If you say that getting money is the most important thing, you will spend your life completely wasting your time. You will do things you don’t like in order to get money in order to go on living.“ Deshalb sollte man seine Leidenschaft kennen und sie ausleben.  



Seine Vorstellung klingt natürlich großartig. Einfach das zu tun, was man möchte, ohne sich darum zu kümmern, ob einen das auch finanziell überleben lässt. Arbeit ist in unserem Wertesystem ja längst nicht mehr nur die Tätigkeit, die uns das Bankkonto füllt. Arbeit ist Selbstverwirklichung - zumindest in der Idealvorstellung. In der Realität sieht es leider oft anders aus. Was einem Spaß macht, bringt nicht notwendigerweise genug Geld ein.

Alan Watts malte sich die Welt schön, ganz nach dem Pippi-Langstrumpf-Motto, „Ich mach, was mir gefällt“. Seine Worte wurden und werden immer wieder mit pathetischen Bildern unterlegt und begeistert auf Youtube geteilt.

Patricia Cammarata, die den Blog „das Nuf“ betreibt, hat sich darüber jetzt ziemlich aufgeregt. Sie widerspricht Watts' These, hält es für unrealistisch und weltfremd, das Geld einfach Geld sein zu lassen. Sie hat einen Job, Kinder, ein Haus und ist eigentlich ganz glücklich, auch wenn die Hausarbeit manchmal weniger sein könnte und die Kinder öfters mal anstrengend sind. Aber sie schreibt: „Ich mache im Schnitt eine Stunde am Tag Dinge, auf die ich wirklich Lust habe. Die anderen 23 Stunden mache ich Dinge, die ich machen muss.“ 

Nur eine Stunde ist mit Tätigkeiten gefüllt, die sie gerne macht? Klingt traurig. Aber viellieicht ist das ja eine ziemlich realistische Zahl. Wahrscheinlich können wirklich nicht sonderlich viele behaupten, die meiste Zeit ihres Lebens mit Dingen zu verbringen, die ihnen uneingeschränkt Spaß machen. Vor allem im Berufsleben muss man oft Kompromisse schließen. Der Freiberufler muss Aufträge annehmen, die ihn langweilen, aber lukrativ sind, damit er Dinge vorantreiben kann, die ihm wirklich am Herzen liegen, aber nichts abwerfen. Der Angestellte übernimmt nervige Aufgaben, damit ihn der Chef das nächste Mal als Ausgleich berücksichtigt, wenn das Superprojekt auf den Bahamas betreut werden muss.

Wie sieht die Bilanz bei dir aus? Wie viel Zeit verbringst du mit Dingen, die du tun willst, und wie viel mit Dingen, die du tun musst? Wie viel Prozent deiner Arbeit ist Selbstverwirklichung, wie viel davon Kohle scheffeln?


Neue Magazin-Texte:

Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem donnerstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!

Textoptionen
Mehr Texte von
feline-gerstenberg
Mehr Texte zum Label
jetztticker
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
366 Kommentare
Für diese Funktion musst du eingeloggt sein.

Alle Kommentare anzeigen

WeiterhinEnte
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

02.05.2013 - 08:10 Uhr
WeiterhinEnte

(wie ist das jetzt mit dem Apostroph, wenn es mehr als einen Buchstaben ersetzt?)
(ich kann nur 'alte Rechtschreibung')

romagna
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

02.05.2013 - 08:17 Uhr
romagna

Guten Morgen! Na, da sind wir beide heute wohl die ersten....Möchtest du eine Tasse Kaffee, liebe Ente?

alcofribas
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

6

02.05.2013 - 08:25 Uhr
alcofribas

Aufs Geld pfeifen - gerne, nur sehen das mein Vermieter, mein Arbeitgeber, mein Wirt, die Kassenfrau im Supermarkt und nicht zuletzt der Staat anders.

apollyon
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

2

02.05.2013 - 08:26 Uhr
apollyon

*wartet auf die Erwiderung von @merete zu watts These.*

romagna
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

02.05.2013 - 08:26 Uhr
romagna

alcofribas sagte:
Aufs Geld pfeifen - gerne, nur sehen das mein Vermieter, mein Arbeitgeber, mein Wirt, die Kassenfrau im Supermarkt und nicht zuletzt der Staat anders.


*stimmt eifrig zu und stellt sich in die Ecke zu alcofribas*

alcofribas
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

3

02.05.2013 - 08:29 Uhr
alcofribas

vom ideologischen Gedöns mal abgesehen, wie soll das praktisch funktionieren? Hat iTunes eine Adresse, an die ich Schweinehälften schicken kann?

Oder ist das mehr so die Eso-Schiene "arbeite, als bräuchtest du kein Geld, tanze, als ob niemand dir zusieht"?

Dann lern ich nämlich lieber den Laternen-Maß-Artikel auswendig.

romagna
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

1

02.05.2013 - 08:30 Uhr
romagna

...ausserdem: ich habe es schon einmal versucht, auf das Geld zu pfeifen und beruflich meiner Leidenschaft zu frönen....Resultat: hat gerade mal etwa 2 Jahre geklappt - eher weniger als mehr, dann bin ich unsanft auf dem Boden der Realität angekommen, mit einigen Verstauchungen, und musste letztendlich erkennen, das funktioniert leider nicht...

WeiterhinEnte
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

02.05.2013 - 08:31 Uhr
WeiterhinEnte

@Thema: Ich kann das nicht so klar trennen ..vieles, was mir Freude macht, möchte ich nicht ständig machen müssen (und macht mir auch nicht immer Spaß), und manches, was ich machen muß, macht mir mittlerweile Spaß. Meistens. Ziemlich oft auf jeden Fall.
Das Ganze oszilliert, will ich sagen.

alcofribas
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

02.05.2013 - 08:34 Uhr
alcofribas

romagna sagte:
beruflich meiner Leidenschaft zu frönen...


die da wäre? wenn ich so neugierig sein darf?

WeiterhinEnte
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

02.05.2013 - 08:52 Uhr
WeiterhinEnte

(wenn's grad eh lahm ist, bitte eine Erklärung: warum hat der Schweizer Kommentator am Dienstag wiederholt gesagt, Real würden 3 Tore reichen, um ins Finale zu kommen? )

Weiter Seite 1 2 3 ... 37

Alle Kommentare anzeigen

Jetzt-Mitglied

feline-gerstenberg offline

feline-gerstenberg

ist jetzt-Mitarbeiterin
19 Jahre und dabei seit: 01.03.2013