Torben und Thorsten
Text: deine_Eltern_sind_auf_einem_Tenni…
'Warum? Warum, verdammte Scheiße, wohne ich im vierten Stock?' Paul stellte sich diese Frage zum wiederholten Mal und zum wiederholten Mal konnte er keine befriedigende Antwort darauf finden. Die Schlaufen der Plastiktüten schnitten in seine Handflächen und er ärgerte sich wie nach jedem Einkauf, dass er wieder einmal nicht daran gedacht hatte, einen Rucksack mitzunehmen. Die anderen Einkäufer, die ihre soeben erstandenen Waren nicht in ein Auto luden, sondern sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem Fahrrad transportieren mussten, hatten IMMER einen Rucksack dabei. Nur Paul nicht. Er musste jedes Mal aufs Neue gelbe E-Center-Plastiktüten kaufen. 'Jetzt krieg ich bestimmt wieder Wadenkrämpfe heute Nacht!'
Im vierten Stock angekommen, er tastete gerade in seiner Jackentasche nach dem Wohnungsschlüssel, öffnete sich die Tür seines Nachbarn Spliff. Spliff war natürlich nicht sein richtiger Name, auf dem Schild über seiner Klingel stand der Name Bierbüsse, kein Vorname. Paul kannte seinen Vornamen nicht, er hatte auch nie danach gefragt, Spliffs wahrer Vorname war nie ein Thema gewesen zwischen ihnen. Als er eingezogen war, hatte Spliff bei ihm geklingelt, sich als Spliff vorgestellt und ihm einen Citrus-Toilettenduftstein und eine kleine Biene Maja Gießkanne geschenkt.
„Na Paul, warste einkaufen?“ Paul drehte sich grinsend um. „Sieht fast so aus, ne.“ „Ha, dacht ichs mir doch.“ 'Ui Spliff, du bist ja ganz schön auf Zack heute!' Spliff hatte eine ausgeprägte Schwäche für T-Shirts mit aufgedruckten Sprüchen. Auch heute hatte er wieder ein besonders schönes Exemplar ausgewählt. WENN ICH DU WÄRE, WÄRE ICH LIEBER ICH stand da in großen giftgrünen Lettern auf schwarzem Grund. „Schickes T-Shirt!“ Spliff nickte stolz. „Hab ich neu. Wie geht’s Mirek?“ Spliff erkundigte sich immer nach Mireks Wohlbefinden, wenn er Paul traf. Wenn er gefragt wurde, warum er sich dafür interessiere, behauptete er, er empfinde eine spirituelle Verbindung mit dem Tier. Paul kam diese Begegnung zwischen Mensch und Tier „auf einer ganz anderen Ebene, weißte“ gerade Recht, so hatte er wenigstens einen verlässlichen Pfleger für seine Rennmaus, wenn er sich einmal nicht selbst darum kümmern konnte. „Gut, denk ich. Heute Morgen gings ihm jedenfalls noch blendend. Hab ihm nen Maiskolben besorgt.“ „Da freut er sich bestimmt.“ Spliff angelte mit seinem Fuss nach seinem Hausschuh, den er im Laufe der Gesprächs verloren hatte. Dabei stützte er sich mit der Hand an der Hauswand ab, gleich unter dem Schild mit der Aufschrift „Ihr könnt euch gleich wieder verpissen, ich kaufe nichts an der Tür“, das er wie er schon mehrmals betont hatte, selbst angefertigt hatte.
„Du, Paul, ich hab mir mal Gedanken gemacht…“ 'Na da bin ich ja mal gespannt. 'An Spliffs Tonfall hatte Paul schon erkannt, was jetzt folgen würde: eine Verschwörungstheorie à la Spliff. Das war nichts Außergewöhnliches; Spliff empfand nicht nur große Zuneigung gegenüber Spruch-T-Shirts und mongolischen Rennmäusen, sondern er verbrachte auch einen Großteil seiner Zeit damit, sich Gedanken zu machen über das Leben. Insbesondere über die Gefahren, die der Bevölkerung von Seiten der Regierung drohten. „Also, is dir mal aufgefallen in letzter Zeit, dass die Kinder immer dicker werden? Erst gestern wieder als ich spazieren gegangen bin, um mal wieder richtig den Kopf frei zu kriegen…“ 'Kopf freikriegen?' „Da bin ich an einer Schule vorbeigelaufen, war wohl gerade große Pause oder so. Jedenfalls war da so ne Gruppe von Kindern, das waren voll die Schwabbelbacken. Ohne Witz mal, ihre Eltern würden vielleicht sagen „Ja, der Justin, der ist stabil gebaut, aber der wächst ja noch. Ein bisschen Babyspeck in dem Alter, das ist doch ganz normal!“, aber hey, ICH sage dir, diese Kinder waren fett! Die sahen aus, als hätten sie Daunenjacken an, aber das hatten sie nicht, die waren einfach nur dick!“ Paul wusste, dass Spliff ihn nicht gehen lassen würde, ehe er sich nicht zu seiner Theorie geäußert hatte. Deshalb wollte er die Sache ein bisschen abkürzen. „Ok Spliff, ich glaube, ich kann dir soweit folgen, die Kinder waren also dick…“ „Ja dick, haha, fett waren die!“ Diese Aussage untermalte er anschaulich mit einer Geste, die unterstreichen sollte, wie dick die Bäuche der Kinder waren. „Gut, jetzt kommt der Punkt, Paul. Jetzt wird’s interessant. Jetzt kommt Spliffi ins Spiel. Hast du dir schon jemals Gedanken gemacht, WARUM die Kinder immer dicker werden?“ 'Nein hab ich nicht!' „Nein, hab ich nicht!“ „Siehst du, genau das ist es. Keiner denkt drüber nach, deshalb können die ihren dunklen Machenschaften ungehindert nachgehen!“ Paul tat ihm stirnrunzelnd den Gefallen: „Wer denn? Und was für dunkle Machenschaften?“ 'Lass mich raten, die Regierung?' „Na, die Regierung natürlich! Aber die haben ihre Rechnung ohne Spliffi gemacht. Spliffi kommt hinter alles!“ „Du bist schon echt ein toller Typ, Spliff! Aber jetzt sag halt mal, warum werden denn die Kinder jetzt immer dicker?“ „Das ist ein genau durchdachter Plan, gar nicht so leicht, das zu durchschauen. Ok, ich erklärs dir, wenn du alleine nicht drauf kommst. Die machen das wegen der Jugendkriminalität!“ „Wegen der Jugendkriminalität?“ Paul war ehrlich überrascht. „Das musst du mir jetzt aber echt mal näher erklären!“ „Nichts lieber als das…“
Spliff holte tief Luft bevor er fortfuhr: „Is doch ganz klar, die wollen damit die Jugendkriminalität bekämpfen. Ich bin drauf gekommen, als ich die Schwabbelkinder beobachtet hab. Einer von diesen dicken Jungs, nennen wir ihn Torben, der Einfachheit halber, hat einem anderen dicken Jungen, Thorsten, den Turnbeutel weggenommen. Da hat Thorsten gerufen „Ey, gib mir meinen Turnbeutel zurück“ und Torben hat zurück gerufen „Hol ihn dir doch!“ Dann ist Thorsten hinter Torben hergelaufen, aber nur ungefähr zwanzig Meter, dann waren beide knallrot im Gesicht und haben sich schnaufend auf den Boden gesetzt und Torben hat Thorsten freiwillig seinen Turnbeutel zurückgegeben. Verstehst du jetzt?“ Paul verstand nicht. „Überleg doch mal, wenn die Kinder alle so dick sind wie Thorsten und Torben, dann wird die Jugendkriminalität drastisch abnehmen. Zu fett zum Leute überfallen, zu faul zum Ladendiebstahl.“ Spliff sah in triumphierend an. „Na? Was sagst du jetzt?“ „Interessanter Ansatz, aber hast du nicht von dunklen Machenschaften gesprochen? Wenn die Regierung gegen Jugendkriminalität vorgeht - lassen wir mal außer Betracht, welche Mittel sie anwendet - dann ist das doch durchaus positiv zu bewerten.“ „Ja klar, aber hast du mal an die Folgen für die dicken Kinder gedacht? Die tragen durch diese Politik ja gesundheitliche Schäden davon. Herzverfettung und so. Aber darauf wird keine Rücksicht genommen.“ „Hm, aber wie kommt es dann, dass ich ständig in der Zeitung lese, wie sich Politiker öffentlich Gedanken darüber machen, wie man Kinder wieder zu mehr Sport und besserer Ernährung bewegen kann? Wie passt das ins Bild, Spliff?“ Paul rechnete fest damit, dass Spliff auch dafür eine Erklärung parat hatte. Seine Theorien waren zweifellos paranoid, aber immer bis ins kleinste Detail durchdacht. „Ha, der Schein von der um die Bürger besorgten Regierung muss doch aufrechterhalten werden, sonst bricht ja das ganze System zusammen! Das ist alles nur Show.“ Zum Ende seines Vortrages hin, hatte Spliff sich immer mehr in Rage geredet. Seine Stimme überschlug sich jetzt fast. Beruhigend strich er sich mit der Hand über den Bauch. „Hinter den Kulissen kooperieren die ganz eng mit McDonald’s und Coca Cola. Was glaubst du, warum es in jedem Scheißkaff in Deutschland eine McDonald’s Filiale gibt? Mann, die sind staatlich subventioniert!“ „Aha, plötzlich macht alles Sinn! Und darauf bist du gestern einfach so gekommen? Mensch Spliff, du Teufelskerl, du wirst noch eines Tages die Nation retten!“ „Oh Paul, du denkst wohl, ich merke nicht, dass du mich nicht ernst nimmst. Du täuscht dich. Aber eines Tages wirst du einsehen, dass ich Recht hatte. Du wirst denken „Mein alter Nachbar, der Spliff, der hat das schon immer gewusst, der hat die ganze Chose durchschaut, von Anfang an.“ Jawohl, so wird das laufen…Und Sinn machen sagt man nicht, Paul, das ist schlechtes Deutsch!“ Paul lachte kurz auf und sagte dann: „Ach Spliff, du bist schon der Beste! Wir sehen uns!“
Daraufhin zog sich Spliff zufrieden nickend in seine Wohnung zurück. Vorher streifte er jedoch noch seine Schuhe an der Fußmatte vor seiner Tür ab. Das war eine Angewohnheit von ihm. Vor dem Betreten einer Wohnung erstmal die Schuhe abputzen; auch wenn es die eigene Wohnung ist und man Gesundheitslatschen trägt. Paul beneidete ihn von Herzen um die besagte Fußmatte. Auch wenn er Spliff um sonst nichts beneidete, um diese Fußmatte beneidete er ihn. Sie war grün und mit weißem Filz waren darauf die Linien eines Fußballfeldes dargestellt. Paul hatte sich schon öfter überlegt, ob er nachts aus seiner Wohnung schleichen und die Fußmatte entwenden sollte. Andererseits musste man bedenken, dass Spliff ja sein Nachbar war und er aus diesem Grund die Fußmatte nicht zweckgemäß verwenden konnte, wenn nicht er oder Spliff auszogen. Außerdem war Spliff auch sein Freund und er wollte ihn nicht bestehlen und vor allem wollte er nicht riskieren, dass er die Fußmatte in seiner Wohnung fand, wenn er wieder einmal kam um Mirek zu füttern und „deepe Gespräche“ mit ihm, also Mirek, zu führen. Das waren die Hauptgründe, warum er diesen Gedanken wieder verworfen hatte.
Paul schloss seine Wohnungstür auf, er hatte endlich seinen Schlüsselbund aus der Jackentasche gefischt. Er war in Gedanken versunken. Gespräche mit Spliff verstörten ihn.