17.09.2005 - 15:32 Uhr

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Mojim Druzjam (Für meine Freunde...)

Text: cleine_claudi

in memoriam Viktor

Am trüben Morgen dieses langen grauen Tages im Mai haben sie ihn gefunden. Gerade zwanzig geworden. Erlegen, ...unterlegen dem tückischen Kitzel, sein Leben aufzuspritzen. Ein einziges Mal... Seitdem kriecht dieses lange Grau manchmal zwischen sie und macht sie still. Nicht für lange, denn sie sind jung und das Leben ist stärker als die dumpfe, leise Traurigkeit, die nach den Tränen kam - Tränen um den Freund, der fehlt. Langsam weichen sie, die lähmende Sprachlosigkeit und der Schmerz des schleppenden Begreifens. Sie tauchen aus ihm herauf, stehen wieder am Ufer, fast wie früher... Katja ist endlich wiedergekommen, heute, zum ersten Mal ohne ihn, der zu ihr gehörte. Als sie an der offenen Tür des Klubraums vorbei geht, verstummen sie drinnen. Nur ein zaghaftes "Hallo Katinka" weht ihr verloren hinterher. Sie kommt auf mich zu, lehnt wortlos ihren Kopf an meine Wange. Ich bin froh darüber, auch, weil ich so den Blick ihrer großen, dunklen Augen nicht ertragen muss, die immer noch verzweifelt nach dem Warum fragen, mir das quälende Gefühl geben, versagt und etwas wichtiges nicht getan zu haben. Jede hört den Atem und das Schlucken der anderen, das weh tut im Hals, weh tut, wie das Schweigen. Als ich sie auf meinen Schoß ziehe, ganz nah zu mir, strömen endlich die Worte hervor, herüber und hinüber, unaufhaltsam jetzt, flüsternd, hastig, schluchzend...lächelnd...in der vertrauten Muttersprache - manches geht nur so zu sagen. Über den Jungen mit der russischen Seele. Wie er war, wovon er träumte, was von ihm bleibt. Es ist eine Befreiung, ist wie das Aufwachen aus einer dunklen Betäubung... Viktor – der Sturkopf, der Rebell und Poet. So stark und so verletzlich war er: Ein junger Baum, entwurzelt, ungefragt in fremde Erde verpflanzt, gegen die er sich wehrte. Ebenso wie gegen die Hoffnung der Familie, im Land ihrer Vorfahren das Glück zu finden. Wie gegen die Menschen, deren Sprache er nicht verstand und bei denen er sich nicht willkommen fühlte, es bei vielen wohl auch nicht war. Erst hilflos, dann trotzig und stolz kehrte er störrisch den RUSSEN hervor, den sie in ihm sahen, forderte sie heraus, durch jede Geste, durch Flüche von slawischem Klang. Er verweigerte sich ihrem ihm so fremden Leben, zog mit seinen Gefährten durch ihre Straßen und zerschlug ihre kleine enge Welt in klirrende Scherben. Am schönsten waren die Tage, in denen er jeden Sommer zurück war in der altvertrauten Weite fern im Osten. In dem kleinen Dorf mit der ungepflasterten Straße, die er mit dem Rad und den Freunden entlang jagte, hinein in die stillen Wiesentäler und die schweren Wogen der Kornfelder, an den morschen Steg des gewundenen Flüsschens oder ins nahe Städtchen. Dort kannte er alles: die niedrigen verfallenden Häuser mit den ausgeblichenen, bröckelnden Schnitzereien der Holzrahmen und die bunten Kopftücher der Marktfrauen am Bahnhof, an dem nur ein einziges Gleis vorbeiführt. Er liebte das Zwiebeltürmchen der kleinen Kirche und den dünnen hohen Ton seiner Glocke. Dort war er glücklich. Von dort kehrte er zurück, bis unter die Haarwurzeln angefüllt mit Melodien und Versen, die er und seine Gitarre uns hören ließen, mal schwermütig und traurig, wie die Erinnerung an die Heimat, mal überquellend von Unruhe und Aufbegehren. Doch seit kurzem waren da andere Töne und Worte, leise noch und fragend, zweifelnd und lauschend, doch immer wacher und klarer. Die Zeit drehte sich um: quälende Tage schrumpften zu dürstend suchenden Stunden, winzige Augenblicke wuchsen dem entgegen, was gelebt werden wollte. Da gab es ein Mädchen, dem er zärtliche kleine Gedichte schrieb, das den Trotz und die Härte aus seinem Gesicht wischte und ihm von ihrem Lächeln abgab. Da waren neue Freunde, die ihn mochten, wie er war, die seine Träume verstanden und sein Herz tragen halfen. In diesem Sommer wollte er hier bleiben, wollte beginnen, einen neuen Traum zu leben, wollte seine Leidenschaft, an schnellen Wagen zu schrauben, zum Beruf machen. Der Vertrag war schon unterschrieben. Er machte sich bereit, hier daheim zu sein. Und sein Name begann, ihm recht zu geben: Viktor - der Sieger. Auch über sich selbst... beinahe... Es dämmert schon. Sie stürmen herein: "Katja...Katjuscha, v Sadik... in den Garten, komm!" Sie fassen sie bei den Händen und ziehen sie mit sich. Viel später folge ich ihnen. Da sitzen sie, auf den Steinen am Feuer, die Saiten der Gitarre klingen leise. Es ist eines seiner Lieblingslieder, Vyssotskijs "Mojim Druzjam" (Für meine Freunde). Und ich weiß, er ist dort, unter ihnen... Und sie wissen es auch.


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WieJetztAber
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Mag ich Mag ich nicht

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17.09.2005 - 18:53 Uhr
WieJetztAber

wie niederschmetternd! aber du schreibst es ja: das leben ist stärker!

leonkitten
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Mag ich Mag ich nicht

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18.09.2005 - 13:06 Uhr
leonkitten

ein großartiger text.

glassonion
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Mag ich Mag ich nicht

0

18.09.2005 - 13:10 Uhr
glassonion

sehr emotional -

dennoch sehr gut geschrieben. Punkt.

Feelia
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Mag ich Mag ich nicht

0

18.09.2005 - 15:34 Uhr
Feelia

Er verweigerte sich ihrem ihm so fremden Leben, zog mit seinen Gefährten durch ihre Straßen und zerschlug ihre kleine enge Welt in klirrende Scherben.
lauter schöne sätze,...
dieser text ging mir nah.
gut.

john_doa
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Mag ich Mag ich nicht

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18.09.2005 - 16:38 Uhr
john_doa

*

Onne
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Mag ich Mag ich nicht

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18.09.2005 - 21:55 Uhr
Onne

oh man das geht unter die haut aber hallo.pao.....

gelegenheitsfee
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Mag ich Mag ich nicht

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19.09.2005 - 00:41 Uhr
gelegenheitsfee

Ich habe gerade Gänsehaut bekommen
(und das passiert nicht oft).
Ich liebe Deinen Text.

joachimroehrig
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Mag ich Mag ich nicht

0

02.05.2006 - 17:52 Uhr
joachimroehrig

Schließe mich der Fee an. Der Zufallsbutton findet immer beeindruckende Texte/Gefühle. Stark!

tomanic
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Mag ich Mag ich nicht

0

18.06.2006 - 13:15 Uhr
tomanic

"quälende Tage schrumpften zu dürstend suchenden Stunden, winzige Augenblicke wuchsen dem entgegen, was gelebt werden wollte" ...du beschreibst diese Situation unglaublich einfühlsam und schön*

fliwatuet
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Mag ich Mag ich nicht

0

27.06.2006 - 22:45 Uhr
fliwatuet

hmmmmmmmmmmm

nu hab ichs dreimal gelesen......aber so ganz noch immer nicht verstanden....

kann aber auch die uhrzeit.....
oder die hitze............
oder der mangelnde intellekt sein


oder eine kombination davon...

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...dass ich unter meinen Füßen immer noch
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