22.04.2009 - 05:26 Uhr

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Half the world away

Text: camila_cienfuegos

Manchmal hat man schlechte Tage. Manchmal werden daraus schlechte Wochen und Monate und bevor man sich's versieht hatte man ein Scheißjahr. Es war ein Jahr des ziellosen Herumruderns von einer Enttäuschung zur nächsten, ein Pudding aus leichter bis mittelschwerer Depression, gespickt mit einer kleinen Katastrophe hier und da. Freundschaften gingen vor die Hunde, amouröse Erwartungen wurden nicht erfüllt und ich musste erfahren, wie es ist, wenn jemand der stets Teil deines Lebens war einfach so wegstirbt. Manche Menschen bleiben in solchen Situationen gelassen und standhaft, erzählen sich selbst was vom Silberstreifen am Horizont und ergreifen vernünftige Maßnahmen, um ihre Probleme zu konfrontieren. Andere versumpfen völlig oder greifen zu Medikamenten, um das Gehirn am um-sich-selbst-drehen zu hindern. Und wenn man überhaupt keine Verantwortung übernehmen will, kann man auch einfach abhauen. So kommt es, dass ich nun schon seit einigen Monaten in Mexico City lebe. Ein drastischer Ortswechsel ist im Grunde auch nichts anderes, als ein Psychopharmaka, er behandelt die Symptome, nicht das Problem an sich. Trotzdem tut es gut, sich von einem riesigen Monster von Stadt benebeln und treiben zu lassen. Mein Leben hier ist ein Paralleluniversum zu Berlin. Es ist lauter, bunter, aufregender und gefährlicher. Meine Freunde hier sind sozusagen aufpolierte Ausgabe meiner Freunde dort. Man kriegt sie ohne Nebeneffekte, denn man kennt weder ihre Familiengeschichte, noch hat man ihre letzten 5 gescheiterten Beziehungen hautnah miterlebt. Viele sind selbst nur für eine begrenzte Zeit hier und daher in permanenter Feier- und Entdeckerlaune, Im Grunde laufen wir alle Hand in Hand vor dem wirklichen Leben weg. Wir haben viel gemeinsam und doch nichts, denn jeder hat einen großen Tei von sich dort gelassen, wo er herkam. Ich glaube fast, ich habe ein Lebenskonzept gefunden. Wenn man mindestens alle zwei Jahre den Wohnort, besser noch das Land, wechselt, teilt man das Leben in kleine, höchst überschaubare Einheiten ein. Jeder neue Ort nimmt einen erstmal so sehr in Anspruch, dass man einfach keine Zeit hat, an das zu denken, was mit dem großen Ganzen nicht stimmt. Und gerade wenn man sich eingelebt hat und die Zweifel zu schleichen beginnen, gemeinsam mit der Routine, ist es wieder Zeit, die Koffer zu packen. So ein Lebensstil hat auch den Nebeneffekt, wie eine immer wiederkehrende Entgiftungskur für zwischenmenschliche Beziehungen zu wirken, denn nur die wirklich guten Beziehungen können sowas überleben, die übrigen werden mit schöner Regelmäßigkeit ausgefiltert. Und bei den guten muss man sich wegen räumlichen Abstands und Zeitverschiebung auf das wesentliche, soll heissen das positive konzentrieren, kleine Alltagsärgernisse fallen einfach weg. Und irgendwie hofft man ja auch, irgendwann irgendwo da draußen die Lösung zu finden, etwas das einen vervollkomnet und damit den Gedanken an Heimkehr etwas weniger abschreckend werden lässt.


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6 Kommentare

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alcofribas
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Mag ich Mag ich nicht

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22.04.2009 - 08:20 Uhr
alcofribas

das sehe ich ganz und gar nicht so. du nimmst dich immer mit.

und wenn mit den tollen neuen menschen probleme auftauchen, zieht die karawane weiter??

camila_cienfuegos
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Mag ich Mag ich nicht

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22.04.2009 - 16:50 Uhr
camila_cienfuegos

Ganz und gar nicht, das ist kein ernstgemeintes Lebenskonzept. Es geht eher um die Überlegung, warum alles plötzlich so viel unkomplizierter ist, wenn man an für eine begrenzte Zeit an einem fremden Ort ist. Ich zumindest, und viele Menschen die ich hier kennengelernt haben sagen, dass es ihnen hier leichter fällt, neues auszuprobieren, dass sie schneller Freundschaften schliessen, Weil sie eben einen Teil von sich zurücklassen, den mit den ernsthaften Problemen, Denn mit denen wendet man sich immer noch lieber an die Leute "von früher", die einen besser kennn, Natürlich möchte ich auf ernsthafte, lange Beziehungen nicht verzichten aber manchmal tut es sehr gut für eine begrenzte Zeit aus allem rauszukommen, um sich selbst neu zu definieren. Ist wahrscheinlich missverständlich, weil ich selbst gerade so konfus im Kopf bin...;-)

Glasherz
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Mag ich Mag ich nicht

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23.04.2009 - 04:42 Uhr
Glasherz

oh ja - das kann ich nur zu gut nachfühlen. (nur ausdrücken könnte ich es nicht so treffend. dieses gefühl...)

*

alcofribas
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Mag ich Mag ich nicht

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23.04.2009 - 08:24 Uhr
alcofribas

"manchmal tut es sehr gut für eine begrenzte Zeit aus allem rauszukommen, um sich selbst neu zu definieren"

ja, aber so wie ich dich verstanden habe, ist das "rauskommen" bei dir ja nicht die ausnahme, sondern die regel, das macht mich ein wenig stutzig.

louisalou
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Mag ich Mag ich nicht

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29.04.2009 - 13:19 Uhr
louisalou

@alcofribas: wieso macht dich das stutzig?sie muss doch klarkommen, und das tut sie m.E. nach!

alcofribas
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Mag ich Mag ich nicht

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29.04.2009 - 23:39 Uhr
alcofribas

louisalou sagte:
@alcofribas: wieso macht dich das stutzig?sie muss doch klarkommen, und das tut sie m.E. nach!


nunja, meiner einschätzung nach tut sie das nicht. aber, so what? zumindest ist das kein konzept, das ich teile


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