19.02.2012 - 23:35 Uhr

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Am liebsten würde ich heimlich in dein Getränk spucken

Text: Schallplattenkind

Ich beginne, mich selbst zu riechen. Seit Tagen habe ich das Haus nicht verlassen, rede mit keinem ein Wort, liege paralysiert auf dem Sofa herum, bestelle zweimal am Tag etwas vom Chinesen um die Ecke und trage dasselbe T-Shirt. Immer wenn ich in den Spiegel blicke und Angst davor habe, dass die Mundwinkel nie wieder nach oben zeigen, die roten, verquollenen Augen nie wieder abschwellen und die fettigen Haare ausgewrungen bald als Butterschmalzersatz zum Fleisch Braten taugen werden, sehe ich da James Dean auf meiner Brust prangen. Das Shirt hattest du schon mit 16, als wir beide noch jung und fast unverwundbar waren. In der Mitte deiner Zwanziger trugst du es immer noch ab und, nur war es nicht mehr in der Lage, dein dezent anwachsendes Übergewicht und gleichgültiges Desinteresse mir gegenüber zu kaschieren.

Ich erinnere mich noch an den kalten,  trostlosen Januarnachmittag, an dem du das T-Shirt auszogst und in der Garage eures Hauses in Haidhausen für mich verstecktest. In meinem Briefkasten fand ich einen Zettel: ‚Es liegt in dem Regal hinter den Fahrrädern und riecht nach mir, habe es extra zwei Wochen nicht gewaschen. Wenn du es über dein Seitenschläferkissen ziehst, kannst du nachts sicher durchschlafen.‘

Natürlich konnte ich nicht durchschlafen, entweder lag ich stundenlang wach, glückselig und ungläubig, dass wir uns -nach all den Jahren quälender Unsicherheit, nach ewigem und auszehrendem Hin und Her, nach kaum beschreibbarem Gefühlschaos und unzähligen Unaufrichtigkeiten gegenüber dir, mir und deiner Freundin- endlich zusammengerauft und zueinander gefunden hatten. Oder ich schreckte hoch, weil du, bevorzugt in den frühen Morgenstunden, anriefst, um mich liebevoll mit ‚Ostschlampe‘ zu begrüßen und mir zu sagen, wie sehr ich dir fehlte.

                                                  ***

                                               



                                 Foto via fuckyouverymuch.dk

Ich habe dich geliebt und gehasst gleichzeitig, du warst mein bester Freund und mein größter Feind, ich hab dir ver- und nicht über den Weg getraut, war absolutely into you und angewidert von dir und deiner Art.

Damals in der 8. Klasse im Skilager. Am letzten Tag mussten wir beide die Berghütte bewachen, du, weil du vom heimlich-coolen Besäufnis mit Erdbeerlimes und Sangria am Vortag einen Kater hattest, ich, weil ich ein blaues Auge und eine aufgeschrammte Wange hatte und zu dumm zum Carven war. Während sich die anderen also im Schneegestöber herumtrieben, saßen wir gelangweilt im Aufenthaltsraum der Selbstversorgerhütte, du machtest dich über meine Unsportlichkeit lustig, ich mich über dein angekotztes T-Shirt. Wir schauten alte Folgen von Baywatch, weil sich auf dem alten Röhrenfernseher kein anderes Programm als ORF1 programmieren ließ, du bewundertest den Arsch von Pamela und meine Intelligenz, brachtest mir Schafkopfen bei und trankst, als du von der Toilette zurück kamst, mit einem Zug die Cola aus, in die ich während deiner Abwesenheit gespuckt hatte.

Unsere Abiturfeier. Ich trug eine blitzblaue Perücke und ein farblich passendes Lurex-Glitzer-Kleid, war ratzevoll und kurz davor, mit dem Bauerntölpel respektive Schulsprecher mit dem breiten Grinsen rumzuknutschen. Im letzten Moment rettete ich mich durch inflationäres Erbrechen in die hübsch bepflanzten Blumenkübel vor der Mehrzweckhalle davor, der grausamen Schulzeit ein noch grausameres Ende zu bereiten. Im selben Moment trafst du ein, die adrett gekleidete Freundin am Arm, die stolze Familie im Schlepptau. In deinem Anzug sahst du komischerweise unfassbar gut aus. Während das Mädchen mit den blauen Kuhaugen dich von unten herauf anhimmelnd anblickte, blicktest du genervt in die Ferne, der Mund verkniffen, und nutztest die erste Gelegenheit, dich ihres Einsflussbereichs zu entziehen. Schweigend und nachdenklich saßt du am Steuer und sammeltest mich am Wegrand auf. Gemeinsam fuhren wir zum nächsten Fast-Food-Restaurant in der oberbayerischen Provinz und feierten, nachdem du mein neuerliches Erbrechen in den nagelneuen Karren deiner Eltern mit einem gleichgültigen Achselzucken abgetan und mir wortlos dein Einstecktuch zum Mund Abwischen gereicht hattest, unseren neuen Lebensabschnitt mit Pommes und Chicken Nuggets. Wenig später trafen deine grölenden Freunde ein, die auf dem Weg zur nächsten Großraumdisco einen Abstecher zum Pinkeln gemacht hatten. Als ich von der Toilette zurück kam, warst du weg.

Im dritten Semester an der Uni. Du hattest nach dem ersten Jahr Studienort und -fach gewechselt und plötzlich waren wir Kommilitonen. Wie die beiden alten Kerle aus der Muppet Show -vielleicht etwas hübscher und definitiv intelligenter- saßen wir während unserer gemeinsamen Vorlesungen auf der Empore im AudiMax, teilten uns Butterbrezn und Kaba und beobachteten mit hochgezogener Stirn und spöttisch verzogenen Mundwinkeln unsere Kommilitonen, die unserer Meinung nach ohnehin nicht bis Drei zählen konnten. Ab und an machte ich mich über deine unstudierte Freundin lustig, die mittlerweile eine bodenständige Ausbildung abgeschlossen hatte und gemeinsam mit dir in eine Wohnung gezogen war und du mokiertest dich über meine Bindungsunfähigkeit und den unsteten Lebenswandel. Die Prüfung am Ende des Semesters gaben wir nach 30 Minuten ab, danach verschwanden wir auf der Behinderten-Toilette im ersten Stock, weil stilvoll und durchdacht schon immer genau unser Ding war.

Der eine, viel zu warme Frühsommernachmittag am Flaucher, das erste Wiedersehen nach diesem wirklich ernsten Streit.  Auf meinem Handtuch lagen wir auf den spitzen Kieselsteinen am Ufer, unser Bier kühlte sich stellvertretend für uns sein Gemüt in der Isar und während du mir erzähltest, dass du dir nicht vorstellen könntest, jemals eine andere zu heiraten als deine Freundin, strichst du mit einem Grashalm über meinen nackten Bauch und glotztest meine Brüste an. Dann planten wir unseren gemeinsamen Urlaub, du und ich, ein klappriges Auto, Wind im Haar, Sonnenbrillendruckstellen auf der Nase und unendlich weite, idyllisch von der Sonnne beschienene Landstraßen irgendwo im Nirgendwo.

Der Tag im Spätsommer, an dem deine Freundin, der ich bis dahin die Geduld und Leidensfähigkeit des Dalai Lama sowie eine gehörige Portion Naivität sowie Liebe zu dir zugerechnet hatte, endlich einen Schlussstrich zog. Du kamst unerwartet früh zurück von einer Reise und vor der Tür zu eurer gemeinsamen Wohnung stand neben deinen Schuhen plötzlich noch ein weiteres Paar Sneakers der Größe ‚definitiv-nicht-weiblich‘. Nachdem du einmal ordentlich auf den Tisch und dem Fremdgänger in die Fresse gehauen hattest, stand wenig später ein sitzengelassenes Häufchen Elend vor meiner Tür und bat um Asyl. Die nächsten Tage verbrachte ich damit, gemeinsam mit dir das Haus nicht zu verlassen, auf dem Sofa herumzuliegen und der Dauerberieselung durch den Fernseher nur dann zu entkommen, wenn der Lieferservice zweimal am Tag Essen und Bier vorbeibrachte. Irgendwann tranken wir aus einem Glas und benutzten dasselbe Besteck und den selben Teller. Weil Geschirrspülen zu viel Alltag bedeutet hätte und weil wir ohnehin schon eins geworden waren. Wir teilten Teller und Gabel, Zahnbürste, Gedanken, Taschentücher zum Schnäuzen und Tränen Trocknen, Bett und Tisch und allen voran das Gefühl, nicht allein zu sein auf der Welt. Als das Schlimmste überstanden war und du endlich begannst, dich auch selbst zu riechen, setzte ich dich vor die Tür und du zogst zurück in deine Wohnung.

                                              ***

Gerade fehlst du mir unheimlich, so sehr, dass es tatsächlich physische Schmerzen bereitet. Die Beziehung mag zu Ende sein, die Gründe dafür sind aber irgendwie unerheblich. Ich kenne dich und wusste, worauf, und vor allem, auf welch hedonistisches Untier ich mich eingelassen hatte. Ich kann mit den Konsequenzen leben und komme irgendwann wieder klar. Aber mir fehlt jemand, an dessen Pullover ich meine Schniefnase abwischen darf, dem ich meinen Schmerz und Welt- und Selbsthass nicht erklären brauche. Jemand, der eine Antwort auf all meine ungeklärten Gefühlsfragen hat, weil er derjenige ist, der mich besser kennt als kein anderer. Der mich bemuttert und päppelt, solange mir allein der Kontakt mit der Außenwelt schwer fällt. Der mich, wenn der erste, der schlimme Schmerz vorbei ist, wieder zum Lachen bringt, indem er nachts anruft und mir beweisen möchte wie nüchtern er ist, indem er mir fehlerfrei Sprüche aufsagt wie „Verenas Vagina verlor völlig an Farbe und Form.“. Der anfängt zu klatschen, wenn ich im Theater in der ersten Reihe des Parketts rülpsen muss, weil der Prosecco, den er mir in der Pause gekauft hat, viel mehr Kohlensäure als Bier hatte und deswegen nicht magenkompatibel für mich war. Der als emotionalen Ausgleich für mich eine Fünf-Tages-Sportherapie entwickelt, mich dabei begleitet, und mir, wenn ich nach 30 Minuten Kraulen doch wieder anfange zu weinen, einfach erzählt, wie gut meine Brüste heute aussehen. Der seinen süßen Sonderschullehramt-Kommilitonen einlädt, wenn wir gemeinsam kochen, um mich abzulenken.

Du hast mir mal gesagt, dass du meine abweisende, kratzbürstige und unnahbare Art eigentlich nicht ausstehen kannst. Dass du manchmal verschwindest, wenn ich dir zu sehr auf die Nerven gefallen bin, in der Absicht, mich nie wieder zu sehen, aber schon wenn du daheim angekommen bist, nicht mehr weißt, wie du das jemals durchstehen könntest. Same here. Ich hasse dich, deine Charakterschwächen, deine ignorante und egozentrische Art. Ich hasse deine Fähigkeit, mich so sehr zu verletzen. Die Ungerührtheit, mit der du das auch tust. Deine Unfähigkeit, mir zu geben, was ich will. Aber ich kann auch nicht ohne dich. Denn irgendwie bist du meine Person.

                                         


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golden_platitudes
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Mag ich Mag ich nicht

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20.02.2012 - 07:49 Uhr
golden_platitudes

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tuladoesthehula
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Mag ich Mag ich nicht

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20.02.2012 - 17:44 Uhr
tuladoesthehula

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SamAsInSamantha
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Mag ich Mag ich nicht

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20.02.2012 - 21:44 Uhr
SamAsInSamantha

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