2. drifting

09:00 FREITAG
Die taz auf dem Sofa im Wohnzimmer, die Türen der Mitbewohner angelehnt, ich pirsche mich an die Zeitung heran, dieses fremde Stück. Kate Bush kommt wieder, steht da. Ich gehe Zähne putzen. Erste Annäherung erfolgreich absolviert.
10:14 ZIMMER
Coco Rosie mit Beautiful Boyz, gute Musik muss ich solange hören, bis ich jeden Ton kenne, bevor er gespielt wird. Im leer geräumten Zimmer hangelt sich der Song von Ecke zu Ecke, wer braucht da schon Möbel.
12:45 HALTESTELLE
I. zieht eine Grimasse, die jedem Lausbuben imponieren würde.
Ich stecke lose Haarsträhnen angespannt in die altbackene Schirmmütze meines Großvaters und fühle mich gerädert. Es ist mir gleich, dass der Bus an uns vorbei gefahren ist, den wir dank mir nicht mehr erwischt haben. Bruce Willis hätte sich heldenhaft auf diese Bestie geworfen und sie dazu gebracht anzuhalten.
Bruce Willis hätte trocken einen Mundwinkel noch oben gezogen, die Frauen im Bus souverän angeschaut und seinen Fahrschein stecken gelassen.
Heute fühle ich mich kein bisschen, wie Bruce Willis.
13:08 MENSA
Die Kohlsuppe macht mir etwas zu schaffen, sowie der Ausfall der vierstündigen Übung bei A. Dieser schlurft Gedanken versunken, mit vorgeschobenem Unterkiefer an mir vorbei und umklammert die Suppenschüssel, als wäre es der kräftige Schenkel einer betagten Frau.
17:15 RAUM 004
Tutorium. Welch ein kurioses Wort. Welch eine kuriose Angelegenheit.
Ich stelle mir vor, jemand sitzt über uns, belauscht uns, belächelt uns, kratzt sich den behäbigen Bauch, Gott vielleicht.
19:21 ZIMMER
Wieder daheim. Es dreht sich alles. Ich blättere in Hans Bemmanns „Stein und Flöte und das ist noch nicht alles.“ Wundere mich, dass ich noch blättern kann, lese „Alle wesentlichen Dinge sind einfach, wenn man sie erst einmal begriffen hat. Schwierig ist nur der Weg, den man bis dahin gehen muss.“
Kann mir nicht vorstellen, dass nur der Weg schwierig ist, dass der Weg nur schwierig ist und sonst nichts weiter. Ein Satz den man bis ins Unendliche weiterspinnen könnte.






