Tick Tack, Der Moment des Schicksals.
Wieder einmal ein ganz normaler Tag.
Ich sitze in einer kleinen Bar und schlage die Zeit tot.
Meine Gedanken schweifen im Raum umher, während mein
Blick gelangweilt über den Thresen wandert.
Auch der gelegentliche Smalltalk mit dem Barbesitzer
lockert die trostlose Stimmung nicht auf.
Wie langsam Sekunden und Minuten vergehen können.
Ja, beinahe schon quälend langsam.
Tick, Tack.Tick, Tack.
Ist das mein Leben?
Hat man irgendwann einen Punkt erreicht an dem es kein zurück mehr gibt?
Gedanken können einen quälen.
Was muss man alles falsch gemacht haben um jetzt hier zu sitzen?
Hier in dieser trostlosen kleinen Bar, in der nur Menschen zu sein scheinen,
die ihre Lebensfreude bereits verloren haben und nur mehr vor sich hinvegitieren.
Nur mehr ein Schatten seines selbst.
Wieviele verpasste Chancen die man nicht genutzt hat?
Nicht genutzt hat, als es noch nicht zu spät war!
Bin ich der einzige Mensch mit dem Gefühl, dass man in einer Aussenwelt lebt,
während rundherum das Leben abläuft?
Ein Gefühl, als wäre man vom Rest der Welt getrennt.
Inmitten von 3 Barstühlen sitzend, abgetrennt vom ganzen Rest.
Als würde einem etwas fehlen.
Nur die grünlich schimmernde Farbe meines Glases ,welches mit Wodkalemon gefüllt ist und in den Lichtstrahlen der Deckenlampe zu einem funkelnden Lichtspiel mutiert, während ich es in meiner Hand hin und her schüttle, verschafft mir ein klein wenig Halt..Ein trostloser Halt.
Doch ich habe keine Mauern an die ich mich anlehnen und festhalten könnte.
Eigentlich physikalisch unmöglich das mich ein kleines Glas halten könnte.
Eigentlich.
Ein kleiner Wandschrank, befüllt mit Gläsern umfasst direkt mein Blickfeld.
Schön aneinandergereiht.
Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte man meinen die Uhr sei stehen geblieben.
Tick,tack, Tick,tack.
Nur ein kleines blinkendes Schild verleiht dem Raum ein klein wenig Licht, welches im Sekundentakt die Farbe wechselt.
Durch das Fenster dringen nur die Lichtstrahlen einer Strassenlaterne die gelegentlich vor sich hin flackert,welches begleitet wird von dem Blaulicht eines vorbeifahrenden Krankenwagens.
Der Barkeeper kippt einen kräftigen Schluck Wodka in mein Glas, welchen ich stillschweigend annehme, so als wüsste er, wie ich mich fühle.
Wie armselig, wie traurig.
Ich weiss nicht einmal genau nach was ich suche oder was ich eigentlich will.
Nur eines weiss ich mit Sicherheit.
So will ich nicht leben.
Eine alles durchdringende Kälte überströmt meinen Körper was es mir fast unmöglich macht etwas zu fühlen.
Mit einem ohrenbetäuben Knall werde ich aus meiner Trance geweckt.
Ein aufgebrachter etwas älterer Herr stürmt durch die Eingangstür und ringt um Luft bevor er überhaupt ein Wort von sich geben kann.
„Schnell, schnell, wir brauchen Hilfe, alamiert die Rettung.
Da draussen liegt eine Frau blutüberströmt auf dem Bürgersteg.“
Alle Blicke sind nun auf diesen Mann gerichtet.
Der Barkeeper scheint sichtlich überfordert mit der Situation und sucht hektisch nach dem Schnurlostelefon hinter seiner Bar.
Ich und die anderen wenigen Gäste eilen nach draussen.
Nur wenige meter vor der Eingangstür offenbart sich das schreckliche Schauspiel.
Eine junge Frau, etwa in meinem Alter, liegt schluchzend und hilferufend auf dem Gehsteg in einem Polster aus Blut welches den Abwasserkanal hinunterläuft.
Währendessen haben sich mehrere Passanten eingefunden,welche fassungslos daneben stehen.
Die einen können den Anblick nicht ertragen und legen ihre Hand schockiert und doch zugleich schützend über ihren Mund, während sie ihren Blick von der Scene abwenden.
Wiederum andere starren staunend, kopfschüttelnd auf das ihnen bietende Scenario.
Ich wende mich ab von den anderen Passanten und sehe mir die Lage von der Nähe an.
Vor ihr knieend nehme ich ihre linke Hand in die meine.Sie zittert am ganzen Körper als hätte eine eisige Kälte Besitz von ihr ergriffen.
Mein gesenkter Blick erhebt sich fassungslos als ich ihre Stimme höre.
„Nicht loslassen,bitte lass nicht los“
In diesem Moment läuft mir ein Schauer über den Rücken den man nur schwer beschreiben kann.
Unserer Blicke treffen sich nur kurz, trotz allem hat mich noch nie in meinem Leben ein Blick derart gefesselt wie dieser.In ihren blauen Augen schimmert eine Hoffnungslosigkeit welche einen erstarren lassen könnte und trotz allem scheint es so, als würde ich ihr ein wenig Trost spenden können.
Wortlos löse ich meinen Griff von ihrer Hand um mir die Jacke ausziehen zu können und lege sie vorsichtig über sie.An ihrer Reaktion wusste ich dass sie verstanden hatte.
„ Es wird alles wieder gut, mach dir keine Sorgen.
Hilfe ist unterwegs“versuche ich ihr beruhigend zu erklären.
So sehr ich auch hoffte, dass meine Worte wahr würden, so sehr zweifelte ich doch daran.
Sie hat bereits viel Blut verloren.Hoffentlich nicht zu viel.
„Wo bleibt verdammt nochmal der Krankenwagen“schreie ich in die schaulustige Menge.
Auch wenn mir jegliches Zeitgefühl fehlte so war ich doch überzeugt davon, dass der Krankenwagen längst eingetroffen sein müsste.
Ihr Händedruck wurde stärker, womit sie mir signaliseren wollte, dass ich sie ansehen soll.
„Sterbe ich?“
Sie drückt ihre Hand fest in die meine wodurch ich ihren schwachen Puls spüren kann.
Ein langsames, kraftloses vibrieren an meiner Pulsader überschneidet sich mit meinem kräftigen schnell pumpenden Pulsschlag welcher durch meine Adern fliesst und den ich nun ebenfalls spüren kann.Ihre langen schwarzen Haare, eingefärbt in ihrem eigenen Blut flattern mit dem Wind hin und her während sie mich fragend ansieht.
„Nein du wirst nicht sterben,“
antworte ich mit einer Überzeugung als wäre es eine gegebene Tatsache.
Sanft streiche ich ihr über die rechte Wange und wische ihr die Träne vom Gesicht die sich langsam von ihrer Wange bis zu ihren Lippen bewegt, welche sich zu einem warmen lächeln formen.
„Lügner“
Ich versuche stark zu bleiben und lächle zurück. Aber es war kein normales lächeln.
Es war mehr ein lächeln, welches mit den Tränen kämpft und den Kampf schlussendlich gewonnen hat.
Mittlerweile ist endlich der Krankenwagen eingetroffen und auch die restlichen Passanten drücken ihr Unverständniss über den langen Verbleib des Rettungsdienstes aus.
„Wir sind so schnell gekommen wie nur möglich.Nicht weit entfernt von hier hat sich ein schlimmer Unfall ereignet, bei dem alle verfügbaren Einsatzkräfte erforderlich sind“
Das Blaulicht! Das Blaulicht das ich vorhin in der Bar bemerkt habe, dämmert es mir.
„Sir, treten sie bitte zur Seite!“ fordert mich einer der Sanitäter auf.
„Nein, geh nicht weg, bitte geh nicht weg“
Ich weiss selbst nicht warum ich es getan habe und so sehr mich ihr Anblick schmerzte, so bin ich doch mit dem Rettungswagen mitgefahren.
Während die Sanitäter Erste Hilfe Massnahmen ergreifen während sie auf einer Trage im bereits fahrenden Rettungsauto liegt, halte ich wieder ihre Hand.
Scheinbar achtet sie nicht auf die Ansprechversuche der Rettungskräfte und lässt jede Massnahme zur Rettung ihres Lebens unbeeindruckt über sich ergehen, während sie mich ansieht und lächelt.
Wortlos betrachten wir uns beide, unwissend wie es weiter gehen wird.
Es kann sich nur um einen Moment handeln doch fühlt er sich so an als würde ein ganzes Leben in ihm stattfinden. Ein unbeschreibliches Gefühl welches man am ehesten mit einer unglaublichen Nähe zueinander bezeichnen könnte, durchflutet den Raum.
Scheinbar wird sie immer schwächer und nur mit Mühe
und Not schafft sie es einzelne Wörter auszusprechen.
„Geh nicht,bleib hier, du musst ble.....“
„Ich geh nicht weg“unterbreche ich sie, damit sie ihre Kräfte schont.
„Ich bleibe hier bei dir, keine Angst“
Mit letzter Kraft hebt sie unsere miteinander verbundenen Hände in Richtung ihres Gesichtes.
Als meine Hand ihre Wange berührt, schliesst sie langsam ihre Augen und öffnet sie kurz darauf wieder.
Ich nehme meine andere Hand und streiche ihr vorsichtig über die andere Hälfte ihres Gesichtes.
„Danke, danke das du hier bist“
Wortlos blicke ich sie an. Dieser Blick sagt mehr als tausend Worte es jemals sagen könnten.
Er erzählt eine Geschichte. Unsere Geschichte.
Sie legt ihr Gesicht sanft in meine flache Hand und schliesst erneut ihre Augen.
Als sie sie wieder öffnet sieht sie mich noch eindringlicher und durchdringender an als je zuvor.
„Wo warst du nur mein ganzes Leben, ich hab so lange auf dich gewartet.“
Jetzt verliere auch ich den Kampf und kann die Tränen nicht mehr zurückhalten, welche synchron mit den ihren, unsere Wangen entlang gleiten.
Ich weiss es ist merkwürdig, aber ich spürte und fühlte was sie meinte.
Ich fühlte das selbe. Vielleicht war es Bestimmung. Vielleicht war es Schicksal.
Plötzlich hielt der Wagen mit einem unbarmherzigen Ruck und in sekundenschnelle öffneten bereits
wartende Ärzte die Hintertür des Rettungswagens.
Hektisch nahmen sie die Trage und rollten sie so schnell sie konnten ins Innere des Gebäudes.
Ich rannte so schnell es ging hinterher als mich an einer Schiebetür aus Metall ein Sanitäter stoppte in die die Ärzte sie hinein manövrierten.
Bevor die Tür sich ganz schloss bewegte sie noch einmal ihren Kopf in meine Richtung und warf mir einen Blick zu.
„Beruhigen sie sich, sie können da nicht rein“
Mit aller Kraft versuchte ich mich gegen die mittlerweile schon zu zweit agierenden Sanitäter zur Wehr zu setzen.
„Ich muss da rein, ich muss ihr noch etwas sagen.
Sie soll wissen das es mir genauso geht, bitte lassen sie mich zu ihr“
Trotz aller Versuche hatte ich keine Chance.
So fand ich mich mit der Situation ab und setzte mich in den Warteraum.
Es war still hier. Unheimlich still.
Nur die Uhr zählte gnadenlos jede sekunde dieses quälenden Momentes mit.
Tick Tack. Tick Tack.
Unzählige Gedanken schossen mir durch den Kopf.
Ich kannte diesen Menschen erst seit sehr kurzer Zeit und trotz allem war es so, als würde ich sie schon mein Leben lang kennen.
Mein ganzes Leben lang hatte ich auf sie gewartet. Das wusste ich, das spürte ich.
Und dann musste ich sie ausgerechnet auf diese Art und Weise kennen lernen.
Sie muss überleben, ich kann sie doch nicht gleich wieder verlieren.
Ich kann hier nicht einfach warten. Ich muss etwas unternehmen.
Meine Suche nach einem Arzt der mir Auskunft erteilen konnte, war alles was ich in Erfahrung bringen konnte, dass sie eine schwere Kopfverletzung hat.
Die Ärzte gehen davon aus das sie angefahren wurde und mit dem Kopf auf dem Asphalt aufgeschlagen ist.
Ihr Zustand sei kritisch.
Jemand hat sie also angefahren und ist einfach abgehauen.
Eine immense Wut der ich hilflos ausgeliefert bin überströmt meinen Körper, während ich mir bildlich die Scene vorstelle.
Ich greife zu meinem Handy und rufe den Barbesitzer an, damit er sich in der Umgebung erkundigen kann ob jemand etwas gesehen hat.
Nach kurz gewechselten Worten erschauderte ich als ich mein Gegenüber am anderen Ende der Leitung folgende Worte sagen höre.
„Ich kannte die Frau.
Sie kam beinahe jede Woche zu mir in die Bar und saß immer am selben Platz an dem du immer sitzt.Normalerweise kommt sie immer Mittwochs. Sie war meistens ganz ruhig und redetet nicht viel und starrte nachdenklich in die Gegend.
Warum sie heute kommen wollte, weiss ich nicht. Jedenfalls muss es wohl so gewesen sein, dass sie gerade in die Bar gehen wollte, als sie ein rasender Spinner erwischt hat, wodurch sie auf den Boden geschleudert wurde.
Es war wahrscheinlich nur eine sekunde die entscheidend war. Ansonsten würdet ihr jetzt wahrscheinlich zusammen sitzen oder euch noch immer um den Platz streiten.
Ich denke aber eher, ihr hättet euch gut verstanden. Sie trank genau wie du, immer ein Glas Wodka Bitterlemon. Einmal meinte sie, das wäre ihr kleiner Halt an dem sie sich festhalten konnte.“
Fassungslos lauschte ich seinen Worten. Wie in einen Schock verfallen, gleitete mir das Handy aus der Hand, welches mit einem lauten Knall auf den Boden aufschlug.
Ich hätte sie kennen gelernt. Heute. So oder so.
Eine sekunde die das Schicksal verändert. Eine sekunde die mein Leben verändert.
Das Leben schreibt die unbarmherzigsten Geschichten.
Dies ist meine Geschichte.
„Sir, es tut mir leid ab....
Die Stimme des Doktors vernehme ich nur noch geistesabwesend im Hintergrund, bereits wissend um den Inhalt.
Es sind einzelne Momente im Leben die alles verändern. Ein Augenblick entscheidet und du bist nie wieder der selbe Mensch wie davor.
Nur ein Moment, nur eine sekunde.
Tick Tack, Tick Tack.

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14.01.2012 - 08:43 Uhr
JuergenB