14.04.2013 - 13:07 Uhr

7 5

Sie und Er

Text: F_all

Ich betrat das Konferenzzimmer, streifte meinen blauen Mantel ab und nahm wie gewöhnlich in der zweiten Reihe links Platz. Ich konnte über die Schulter nach draußen auf Brüssels transparente, gläserne Paläste blicken. Ein Mann trat ein, ein weiterer folgte ihm, der Raum füllte sich. Der letzte positionierte sich hinter dem Pult. Vor uns zeigte sich eine Skizze des Plenarsaals, ich studierte die Sitze, es waren viele Männer, einer trug eine zarte, blaue Krawatte aus Wolle, sie glänzte schwach. Ein anderer rieb sich schläfrig die Stirn. Außen rechts gab es ein paar wenige Plätze für die Europaskeptiker. Einer von ihnen hob den Kopf und blickte mich kurz an. Seine Krawatte war gut. Sein männliches Kinn.. Ich wollte aufzeigen. Haben Sie eine Stimme? Wie klingt sie?
Ich goss mir ein Glas gekühltes Wasser aus der Flasche, die vor mir stand, ein und nahm einen Schluck.
Es fing an zu regnen, der Regen rann an den polierten Scheiben herunter, die Transparenz schwand.

Zwei Stunden später stand ich unter dem Vordach der European Comission und wartete, sah links den Bürgersteig herunter, befand mich kurz darauf unter einem Regenschirm, der sich von hinten genähert hatte.

"Welche Stimme haben Sie abgegeben?", fragte er.
"Keine. Ich spreche jetzt gerade erst mit Ihnen.", erwiderte ich.
"Sie sind seltsam.", sagte er.
"Sie nicht.", sagte ich.

Ich winkte ein Taxi heran, lief durch den Regen und zog behutsam die Tür zu.

Weg war sie. Morgen würde ich sie wiedersehen. In Gedanken an das ihre Figur umschmeichelnde Kleid, fragte ich mich, was sie morgen tragen würde. Ich beschloss sie zu einem Drink einzuladen. Ich brauchte einen Vorwand. Daher kramte ich nach der Liste der Sitzungsteilnehmer und suchte ihre Nummer.

"Ja, bitte? Ms. A. hier.. Ah, guten Abend Mr. Adam"
"Hallo Ms. Haben Sie.. Ich habe meinen Laptop vergessen. Haben Sie den Stundenplan für morgen?"
"Ich.. Ja. 07:30 Uhr Gebäude A, zweiter Aufgang...Dann.."
"Und abends?"
"18:00 Uhr letzte Besprechung im grünen Saal.."
"Es gibt eine Planergänzung."
"Achja? Woher wissen Sie das?"
"Weil ich Sie jetzt frage."
Sie stockte.
"Sie und ich in der Rue du Arts!"
Sie schmunzelte.
Er wollte mit mir ausgehen!
Sie überlegte.
"Sagen Sie mir, was ich an meinem linken Handgelenk trage und ich gehe mit Ihnen aus!"
Kurzes Schweigen.
"Einen goldenen Armreifen, geschwungen wie eine Feder."
"Sie haben mich beobachtet!"
Er lachte.
Sie sagte: "Morgen Abend, 20:00 Uhr. Ich habe nicht viel Zeit, mein Flug geht morgen früh."
Er nicke schnell.
"Ich hole Sie ab.", sagte er.
"Von wo?"
"Ich habe Sie vorhin nicht nur beobachtet, sondern auch verfolgt."

...

Seine Hände waren warm, als er meine nahm und die Linien nachfuhr, dann nahm er meinen Kopf, küsste mich auf die Lippen, seine Hände fuhren dabei durch meine Haare, wieder und wieder. Meine Hand glitt unter die Decke, ich malte darunter Kreise und dann Herzen auf das Laken.
Sie roch gut, sie war sehr zurückhaltend, bewegte sich vorsichtig. Nach dem Vorspiel war sie jedoch aufeinmal müde, genervt drehte ich mich auf die Seite und schlief ein.

Am Morgen lag sie dicht an mir, das Haar verwuschelt, die Hand ausgestreckt. Ich rückte ein Stück weg, wollte ihre Hand ergreifen, ließ es aber bleiben. Unbewusst beobachtete ich sie. Als sie aufwachte, küsste sie mich. Ihre Augen glänzten. Was hatte ich getan?
Plötzlich flüsterte er: "Wir werden uns nie wieder sehen!"
"Ich weiß.", sagte ich.
Er nickte.

Sie zog ihre Knie eng an den Körper, zog ihren Mantel an, nahm die Tasche. Sie ging einfach.

Ich zockte ein bisschen auf dem riesigen Flachbildschirm, die Minibar war okay, das Bett roch noch nach ihr, weshalb ich die Decke zusammenlegte und ein Taxi rief. Der Fahrer spielte am Radio herum, drehte ignorant lauter und zappte dann nach einer Weile durch die Sender. Hat man nicht immer die Wahl? Die graue, dunkle, stille Stadt zog an mir vorüber. Aufeinmal beugte ich mich vor und rüttelte ihn: "Kehren Sie um!"
Er zuckte zusammen. "Ändern wir die Route?", rief er die Musik übertönend.
"Ja! Machen Sie schon! Da lang!"
Der Wagen schlitterte über das nasse Pflanster. Was machte ich hier!

Sie war fast zum Greifen nah.

Ich überquerte die Empfangshalle, reihte mich zum Check-In ein, überprüfte sorgfältig, ob ich alle Wasserflaschen wegen den Sicherheitsvorkehrungen entsorgt hatte. Dann musste ich den Mantel ausziehen, auch die Schuhe, die Tasche abgeben.

Das Taxi hielt endlich, ich sprang heraus und rannte durch die große Halle zu einer Anzeigentafel. Gate A33! Ich stürmte vorbei an Cafés und Souvenirläden, an wartenden Familien und einer Stewardessgruppe.. Dann.. sah ich sie.

Sie verschwand hinter der Glaswand. Vor mir lagen die Kontrollen. Was sollte ich tun? Ich tastete nach meinem Handy in der Jacke. Kein Empfang. Wie betäubt setzte ich mich in die Empfangshalle und sah dem Regen zu, stütze erschöpft den Kopf in die Hände.

Ich verstand kein Wort der Durchsage im Hintergrund und wartete auf die Ansage in meiner Sprache. Die Menschenmenge teilte sich plötzlich fluchend. Flugverzögerung. Das Flugzeug muss erst enteist werden. Ich seufzte und ging dann in eines der Cafés in der Wartehalle. Gedankenverloren zupfte ich ein Stück von einem Schokomuffin ab.

Ich hörte mit geschlossenen Augen die Durchsage. Der Flug nach London.. Der Flug von A33.. Ich riss die Augen auf und eilte Richtung Gate.

Ein Mann rannte durch die Halle. Mit großen Schritten kam er näher, er schien hektisch, zerrte an meiner Bluse. Seine Hände zitterten, er bekam die Knöpfe nur schwer auf, schaute schüchtern in meine Augen.

Da stand sie. Hinter der Glaswand. Sie stieg aus der Dusche, schläfriger Blick, wunderschön.

Ich blieb staunend stehen, sah, wie sich ihre Lippen bewegten.

"Folgen Sie mir überall hin?"

Er lachte.

Dann umarmte ich sie, drückte sie an mich. Es war anders als in den Nächten zuvor, nach den Sitzungen. Die Frauen kamen bereitwillig mit, sie kamen und schrien und schwitzten und torkelten dann betrunken kichernd aus dem Zimmer. Ich fühlte ihre zarten Schulterblätter.

"Es tut mir leid, was ich gesagt habe. Ich möchte nicht, dass wir uns nicht wiedersehen."

Und sie lächelte.


Neue Texte zum Label 'l':
Textoptionen
Mehr Texte von
F_all
Mehr Texte zum Label
l
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
5 Kommentare
Für diese Funktion musst du eingeloggt sein.
cascalar
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

14.04.2013 - 17:48 Uhr
cascalar

trabyrzulanthrisch und gleichzeitig exucalgetrisch. ambrozynal! mithin: staunenswert. :)

Cratulp
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

17.04.2013 - 13:30 Uhr
Cratulp

Hat was von Falcos Jeanie ...

Turnover
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

18.04.2013 - 18:07 Uhr
Turnover

Dein Kommentar

OhneSpass
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

03.05.2013 - 13:19 Uhr
OhneSpass

Bis zum Ende des zweiten Absatzes hatte ich eine großartige Lektion über das Leben vermutet. Dann kamen nur Schmetterlinge. War aber auch schön.

Yngaren
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

20.05.2013 - 17:16 Uhr
Yngaren

Sehr vornehm.

Mehr lesen:

Jetzt-Mitglied

F_all unbekannt

F_all

ist jetzt-Userin
dabei seit: 20.05.2011

Hat Beiträge verfasst zu