Pilotenleben
Inzwischen Stunden her. Stunden der Tage, die nie vergehen. Und ich lese die Uhr verkehrt herum, eines der Dinge, die uns als Zeitmaschinen große Probleme bereitet. Glaube ich jedenfalls.
M. war in einer rangierten Lage und sah zwischen meinen Gedanken komisch aus, in meinem Kopf. Manchmal sah es aus, wie das Brot; was – am frühsten Morgen, wenn man es schneidet und man dabei in rangierter Position sitzt; zu bröseln beginnt und dessen Krümel wie Kastanien von einem Baum zu Boden fielen. Oder Granaten, zumindest an solchen Tagen.
Manchmal sah es aus, wie das Brot, manchmal allerdings sah es eher aus wie die gesprungene Saite einer Gitarre, die noch eben versucht hat ein Quäntchen an Ton heraus zu tönen, aber an spitzen Fingernägeln und Rost scheiterte.
Manchmal sah es aber einfach nur aus wie M.
Sie redet nicht viel, wenn sie liegt – oder sie verschweigt einfach was sie zu sagen hat. Und ich höre mit, was sie verschweigt, doch schweigt sie undeutlich. Manchmal.
Wir, also ich und M. trafen uns vor einigen Tagen, Tage der Wochen, die nie vergehen.
Ich und M., also wir unterhielten uns über eine gewisse Sache; eine solche Sache, die man Sonntags am Frühstückstisch mit den Eltern oder mit Niemand bespricht und möglichst flüstert, obwohl die Nachbarn einen sowieso nicht hören können, eventuell auch gar nicht hören wollen. Aber wir flüsterten und manchmal war uns das flüstern zu leise und wir schwiegen.
Stichfeste Konturen der Konversation begannen zu verwischen und der Frühstückstisch wurde zum Schachbrett.
Ich mochte sie nicht, wenn sie so da saß, aber irgendwie hatte es Anreiz, sie anzuschauen, insbesondere natürlich an Sonntagen, wenn Niemand da ist, außer Ihr. Nicht einmal ich.
Um die Mittagszeit nach einem vergangenen Morgen war es schon spät geworden, besonders um mich. In einem Park ohne Bäume, die sehr ausschweifende und große Blätter trugen. Der Wind schien mir, als könnte man ihn beinahe sehen und zählen, wie oft er als gestaltlose Gestalt an mir vorbeizog. Mit ihrem Haar vor meinem Gesicht. Bruchstücke von einer ganzen Sache, einem ganzen Ding oder einem ganzen Brötchen gingen mir als Worte durch den Kopf. Ich zog an meiner Zigarette und wusste nicht direkt, ob ich gut tat, daran- wo ich ihr doch vor noch wenigen Stunden versprochen hatte, aufzuhören. Sie streckte mir ihre stark violetten, mit rotem Lippenstift übertönten Lippen entgegen. „Wie sind wir hier hin gekommen“. Wie kann ich nur so eine bescheuerte Frage stellen.
Wobei ich fand, es war ganz erfrischend anzusehen, wie sie auf meine Frage rein mimisch reagierte. Sie zog eine breite Mine, die ähnlich gestaltlos wie der Wind an meinen Pupillen verloren gingen, wo ich sie doch gerne mit einer Kamera oder den Händen aufgefangen hätte. Aber das hätte der Mittag nicht gewollt, nicht dieser.
Dieses erstarrende Gefühl auf dieser Parkbank in einem Nichtpark mit keinen Bäumen mit riesigen Blättern brachte mir näher, warum ich denn hierhergekommen war und aus welchem Grund sie neben mir saß. Geschweige denn ich neben ihr.
Ich brach auf kontinuierliche Art in der Hälfte meiner Worte, die ich mühsam für sie ausgesucht hatte meinen Monolog ab, den ich nie begonnen hatte.
„Wer ist M. und was soll ich tun?“.
Seltsam ist es schon. Sie war immer mit der einen Schulter an mich geneigt und mit der anderen in die entgegengesetzte Ferne. War von und hier und zu und da. Aber manchmal wechselte sie die Seite und dann war mir ganz kalt an der Schulter, aber nur im Schatten.
Ein eisernes Gefängnis bin ich,
gefangen, eisern, gleich.
Ist nicht die Wehmut
Nicht die Angst
Die mir von der Seite weicht
Ist das Gefühl nicht, nicht
Die Wärme und Furcht
Die stetig bleibt mir bei
Gesellt sich wie ein alter Freund
aus dem Kaminfeuer herbei.
Sie war blass, zumindest schien sie blasser als ich, wenn sie so auf den Boden starrte. Zumindest auf den verdreckten, von Menschenfuß geschaffenen Pilgerpfad, der wie von Sternen gepflastert tief in meine dunklen Augen gebrannt war. Vielleicht auch in ihre.
Nach Details fragen ist hier falsch, dachte ich, also hörte ich schweigend ihrer Unterhaltung mit Niemandem zu und schwieg. Fast noch mehr als sie.
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