Lieben | 30.03.2012 21:07

Spanner wider Willen

von freitagsmachichfrei

New York City never sleeps

Urlaub in New York. Zu dritt verbrachten wir die Tage meist in einer gemieteten Loft, während wir abends das Nachtleben hineinsogen. Die Stadt, die niemals schläft, das tönte aufregend und prickelnd. Bis uns eine liebestolle Frau unseren Schlaf raubte.

New York City - die Stadt, die niemals schläft. Fragen Sie mich nicht, wie sie bei Tageslicht aussieht. Ich habe sie fast immer nur nachts gesehen. Schande über mich.
Freiheitsstatue, Saint Patrick’s Cathedral, Central Park, Carnegie Hall, Brooklyn Bridge, das Empire State Building, - schon möglich, dass es das alles gibt. Bestätigen kann ich es nicht. New York bescherte uns von Beginn weg schlaflose Zeiten voller Verfolgungswahn.

Den Anfang nahm unsere Misere in einer Disco, in die wir von einer tuntigen Irgendetwas mit theatralischen Gesten und den Worten «Vieeel Spassss, Schnuckis, hier eure Pässe zurück!», hineingelassen wurden. Wer sich hier nicht ausweisen konnte, wurde selber ausgewiesen. Nachdem wir die verschiedenen Floors inspiziert hatten, stolperte unser Jüngster in eine Frau hinein. Sie hätte mit einer gesalzenen Ohrfeige reagieren können. Tat sie aber nicht. Stattdessen umarmte sie ihn innig. Wow! Ich war überrascht, wie spontan die hiesigen Girls drauf waren. Waren sie nicht. Sie war nicht hiesig. Sie war seine Ex aus der Schweiz. Welch langweiliger Zufall. Als sich unser Jüngster aus der Umklammerung befreit hatte, murmelte er zu unserem Dritten im Bunde: «Die kannst du haben.»

Nach einem ersten Umtrunk und viel Smalltalk hatten wir erfahren, dass sie hier als Haushaltshilfe arbeitete und sich des öfteren mit anderen weiblichen Aupairs traf. Unser Jüngster nahm diese Information zum Anlass, ihr ins Ohr zu krächzen: «Yeah, wir wohnen für drei Wochen in einer grossen Loft. Wir könnten mal ne Party für euch schmeissen. Was meinst du?» Nach ein paar Bier tönte er immer wie ein Rabe mit Stimmbruch. Die Idee stiess bei allen Beteiligten auf grosses Interesse, auch bei ihrer Begleiterin aus Deutschland, die uns auf die Tanzfläche entführte.

Wir trafen die Ex unseres Jüngsten dann zwei Tage später nachts in einer Bar wieder. Ein Blinder hätte den Ausgang dieses Ausgangs vorhersagen können. Die Ex schien sich in unseren Dritten zu verlieben. Der Dritte wollte Sex. Ich wollte schlafen. Unser Jüngster krächzte nach einer weiteren Dose Bier. Gegen 02.00 Uhr trafen wir schliesslich zu viert in unserer Loft ein. Die Ex plünderte umgehend unseren Biervorrat, machte sich auf der Couch breit und gackerte munter drauf los. Ich vermutete schon, dass sie uns in dieser Nacht ein Ei legen würde.

Sex in einer Loft und schlafen gleichzeitig ist, auch wenn dies auf mehr als zwei Personen aufgeteilt wird, eine schwierige Angelegenheit. Ich verzog mich gegen 03.00 Uhr auf die Galerie, wo meine Matratze lag. Ich konnte aber wegen des Gegröhles der anderen drei in den Niederungen dieser Loft kein Auge zutun. Freund, bring es hinter dich, dachte ich. Oder besser: Schmeiss sie raus. Du würdest uns allen einen riesigen Gefallen damit erweisen. Und deiner Freundin auf der anderen Seite des Ozeans. Und deinem Hund.

Unser Jüngster schmiss sich gegen 4.00 Uhr ebenfalls auf seine Matratze auf der Galerie, stülpte die Kopfhörer über und schlief schon bald ein. Es wurde leiser. Das half aber überhaupt nichts, denn das Gemurmle der zwei Turtelnden und die leisen Geräusche, welche mein Gehirn automatisch in Bilder umwandelte, machten alles noch schlimmer. Ich war hundemüde. Aber ich hatte den «Schlafzug» definitiv verpasst. Da half auch mein Schlafanzug nichts.

Nun gab es hörbares Geknister. Ich könnte jetzt einen lückenlosen Pornobericht für Spanner verfassen, allerdings nur die Akustikvariante: Ich habe ja nicht zugeschaut. Ich fass mich lieber kurz: Ein schöner, junger Idiot, hatte schlechten Sex mit einer Bürste. Dass der Dritte den geplatzten Pariser nicht als Omen wertete, sondern als Anlass für einen Neustart, stellte meine Nerven auf eine harte Probe. Stunden später hörte ich dann endlich, wie die Tür ins Schloss und mindestens zwei Menschen ein Stein vom Herzen fiel. Ruhe kehrte ein.

Nach einer viel zu kurzen Nacht weckte uns das lofteigene Telefon gegen 11.00 Uhr. Wir drei Herren lauschten dem, was nach der Anrufbeantworteransage in verzerrtem Ton gesprochen wurde, zuerst mit Interesse, dann mit grossem Unbehagen. Die Ex wollte sich mit uns im Central Park treffen. Der Dritte reagierte nicht. Kein Interesse. Auch nicht, als diese Maschine mehrmals täglich in immer kürzeren Abständen losging und mit Getöse unser Gedöse störte. Plötzlich fühlten wir uns beobachtet und ertappt, wenn die Ex ihre Nachrichten auf dem Beantworter hinterliess. Wir hatten das Gefühl, sie sei im gleichen Raum. Und dieser wurde immer kleiner.

Wir Feiglinge versuchten Trick 17: «Dies ist der Beantworter von... wir sind im Moment auf einer mehrtägigen Reise an der Küste...» Oh Wunder. Es half. Wir genossen drei ruhige Tage. Dann ging es wieder von vorne los. «Peeep».
Sie: «Hallo zusammen, was macht ihr, wie siehts aus mit der versprochenen Party...?»
Wir: (versteckten uns unter den Kopfkissen und meldeten uns nicht.)
Das war zwar nicht fair, aber deutlich. Nicht deutlich genug für die Frau, die den Nektar der Liebe gekostet hatte.

Am 10. Tag klingelte es an der Tür. Unser Jüngster schlurfte auf den Balkon und guckte auf den Gehsteig hinunter. Er blickte in zwei bekannte Frauengesichter. Mindestens zwei Herren wurden jetzt ganz fest nervös. Wie aufgeschreckte Rebhühner rannten der Jüngste und der Dritte in der Loft herum. Schliesslich schlossen sie sich nach kurzer Besprechung im Bad ein. Und ich stand alleine da und betätigte den elektrischen Türöffner. Das nennt man dann wohl irgendwie loyal. Wohl war mir nicht bei der Sache.

Die Haustür öffnete sich. Ich hätte noch aufs Dach flüchten können, tat es aber nicht. Die Treppe knarrte. Dann pochte es. Letzte nervöse Geräusche im Bad. Ich öffnete zögerlich und begrüsste die Ex und ihre deutsche Begleiterin kühl. Naja, ich fand sie ja sowieso doof. Ich offerierte eine Cola und bot ihnen an, auf dem Sofa Platz zu nehmen. Aus dem Bad drang Gepolter, dann Gekicher. Wir drehten uns um.
Die Ex: «Wo sind die Andern?»
Ich: «Im Bad.»
Die Ex: «Was, zusammen...?»
Ich: «Ja, klar. Zwei Herren im Bad... Loriot.»
Den kannte sie nicht. Stille. Zu lange. Ich konzentrierte mich auf die Öffnung in meiner Colabüchse. Haben Sie gewusst, dass die oval ist? Also ich hatte mir die eckiger vorgestellt.

Endlich ging die Badezimmertüre auf. Aus dem Augenwinkel heraus sahen wir zwei geduckte Gestalten in die Küche humpeln. Fragezeichen auf unserer Seite. Scheppern in der Küche. Und dann gesellten sich der Dritte und der Jüngste mit einem knappen «Hallo» doch noch zu uns. Die beiden Scherzkekse hatten schwarze Sonnenbrillen im Gesicht und trugen Salatsiebe auf dem Kopf. Ich verschluckte mich fast vor Lachen. Schon fast kultverdächtig. Die Mädels fanden das doof. Die waren ja auch von der Venus. Unser Jüngster, alias Salatsieb Nummer 1, schnappte sich die Fernbedienung, worauf auch unser Dritter, alias Salatsieb Nummer 2, von unseren Gästen keine grosse Notiz mehr nahm und Dauerwerbesendungen guckte.

Der deutschen Begleiterin wurde es nun zu bunt. Sie verzog sich auf den Balkon, wohin ich ihr sogleich folgte. Die Spannung war nicht mehr auszuhalten. Sieb Nummer 1 gesellte sich zwei Minuten später zu uns, denn drinnen standen die Zeichen auf Sturm. Der Dritte und die Ex standen sich nun Auge in Sonnenbrille gegenüber. Er hatte immer noch dieses Sieb auf dem Kopf. Er wusste wohl, dass er gleich tüchtig aufs Dach bekommen würde. Den Rest habe ich nicht mehr mitbekommen. Nach gut fünf Minuten holte die frisch gebackene Doppel-Ex ihre deutsche Begleiterin vom Balkon ab und wurde fortan nicht mehr gesehen.
Ab sofort schwiegen Loft-Telefon und Beantworter. Sicherheitshalber zogen wir aber noch den Stecker.

Die Stadt, die niemals schläft, man kann sie etwa so beschreiben:
Die Häuser sind so konzipiert, dass man aufs Dach flüchten könnte. Die Geräusche innerhalb einer Wohnung halten dort, wo sie sollten, nicht an. Es gibt da vieles zu kaufen, aber Salatsiebe sind immer vergriffen. Den Telefonbeantworter lässt man dort am besten ausgeschaltet, denn die hinterlegten Nachrichten sind meist gelogen oder interessieren niemanden. Ja und die Frauen da...sind energisch und stehen nicht auf Salat. Und irgendwie dünkt es mich jetzt gerade, dass ich von den zwei Komikern noch je ein ganz grosses Bier zu Gute habe. Patrick Annen


Der Song zum Text: smokerings
http://mx3.ch/artist/outland


Svenuschenka
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03.04.2012 - 17:57 Uhr
Svenuschenka

Hahc, das ist ja großartig. Gefällt mir gut, der Text.

achDerUsername
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03.04.2012 - 23:12 Uhr
achDerUsername

sehr schöner Text!

WahnMitSinn
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17.04.2012 - 18:05 Uhr
WahnMitSinn

Ich hab Tränen in den Augen vor Lachen, du doofer Macho! ;P

freitagsmachichfrei
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09.05.2012 - 14:35 Uhr
freitagsmachichfrei

Manche Dinge sind erst im Nachhinein lustig. Wenn das mit allen doofen Dingen, die uns passieren, so ist, ....dann bin ich eigentlich ganz gespannt darauf, was noch so kommt.

Nächstes Mal poste ich noch Taschentücher zum Text dazu :-)

Foxhill
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25.06.2012 - 11:32 Uhr
Foxhill

ich hoffe die Freundin auf der anderen Seite des Ozeans hat den Dritten mittlerweile zum Ex gemacht.



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