Hässlichkeit vor
Text: magdalena-pemler  Fotos: Misfit Models, UGLY Models | 14 14 Kommentare | Redaktionsblog | Leben | 30.08.2014 22:14  


Wer nicht den gängigen Schönheitsidealen entspricht, kann immer noch als hässliches Model Geld verdienen. Marc French von Ugly Models London und Del, einer seiner erfolgreichsten Schützlinge, über den Mut zum Charakter.

"Letztens sollte ich einen psychopathischen Zahnarzt spielen", sagt Del, "das hätte ich wirklich gerne gemacht." Der Engländer ist klein, blass, hat tiefe Augenringe und große, schiefe Zähne. Seinen Lebensunterhalt verdient er als sogenanntes "hässliches" Model in Filmen und Werbespots. Er erscheint immer dann auf der Bildfläche, wenn eine Marketing-Abteilung von Perfektion und Saubermann-Image weg will. Das mit dem Zahnarzt-Spot hat dann doch nicht geklappt. Der Regisseur wollte eine andere Richtung einschlagen.

Del ist bei der Agentur Ugly Models in London unter Vertrag. Sein Agenturchef Marc French nennt seine hässlichen Models "Charaktergesichter". Sie seien in der Werbung längst keine Randfiguren mehr. Immer mehr Firmen setzen bewusst auf Originalität und witzige Geschichten statt auf Hochglanz und die immer gleichen Gesichter.



Keine wahre Schönheit: Del

Fragt man Del, ob es nicht auch ein bisschen demütigend ist, als hässliches Model gebucht zu werden, reagiert er entspannt. Er sei immer schon selbstbewusst gewesen, ein Nonkonformist. "Wenn es funktioniert, dass ich damit Geld verdiene, dann frage ich doch: Wer ist hier der Dumme? Der, der sich über mein Aussehen aufregt, oder ich, der Kapital daraus schlägt?" Die Arbeit als Charaktertyp vor der Kamera könne er jedenfalls nur empfehlen. Sie sei wesentlich entspannter als die klassische Modelarbeit. Man müsse zum Beispiel viel weniger Zeit für Make-up einplanen.

In Berlin baut der Engländer jetzt eine eigene Agentur für spezielle Models auf. Er nennt sie Misfit Models. Seinen ursprünglichen Plan, die eigene Agentur einfach Ugly Models Germany zu nennen, hat Del nicht in die Tat umgesetzt: "Ugly auf Deutsch übersetzt, ist sehr viel härter, als die englische Bedeutung des Wortes." Das Wort "misfit" ließe mehr Spielraum zur Interpretation. Richtig zufrieden ist er mit der Situation für Charaktergesichter in Deutschland noch nicht. Es überrascht ihn, wie wenige untypische Menschen hierzulande in der Werbung zu sehen sind. "In England ist es etwas völlig Alltägliches, in der Werbung ganz normale Menschen zu zeigen. In Deutschland ist man da noch zögerlich", sagt er. Er wundert sich auch über die vielen Berühmtheiten in der Werbung: "Wie soll man sich denn mit denen identifizieren?"

Dass es aber auch hier einen Markt für Charaktertypen gibt, daran zweifelt weder Marc French noch Del. In Deutschland ändert sich die Kultur gerade stark," beobachtet Del. Alles gehe immer mehr weg von dem Stereotyp blond, groß, blaue Augen hin zu Einflüssen aus anderen Kulturen, zum Beispiel aus dem Türkischen. "Da sollen und müssen auch die Protagonisten in Film und Fernsehen weg vom Bisherigen", sagt Del. Die Standardfrau von der Anzeige entspreche einfach nicht mehr dem Bild, das sich bei einem Spaziergang durch die Straßen ergibt. French mutmaßt: "Charaktergesichter sind auf Dauer immer angenehmer für die Augen als das Glatte und Perfekte. Ich denke, da liegt die Zukunft".



Agenturchef Marc French höchstpersönlich

Ugly Models London ist nach über 30 Jahren Agenturgeschichte mittlerweile am Markt etabliert. Und der Beruf als hässliches Model beliebt. Marc French erzählt gern die Geschichte einer Frau, die innerhalb von acht Jahren dreimal versucht hat, in die Agentur aufgenommen zu werden. "Die hatte dafür sogar ihren Job gekündigt", sagt er. Models, die in der Agentur geführt werden wollen, müssen in erster Linie mit sich im Reinen sein, meint French. Ugly Models hat seine Models schon in unzähligen Projekten und Filmen positioniert, etwa in Harry Potter. Und Del erinnert sich an den Anruf von Roman Polanski, der ihn in einem seiner Filme besetzen wollte. Es scheiterte nur am Führerschein. "Ich hatte keinen, hätte ihn aber für die Rolle gebraucht", erzählt er.

In Deutschland kämpft Del mit seiner Modelagentur noch gegen Anfangsschwierigkeiten. Momentan habe ich viel mehr weibliche Interessenten als männliche", sagt Del und vermutet: "Frauen sind wohl von Haus aus eher darauf getrimmt zu modeln." Die meisten der Männer, die sich bewerben, seien oft nicht flexibel genug für die projektbezogene Arbeit als Model. Als Hauptverdiener der Familie könnten sie sich diesen Job kaum erlauben.

Einen großen Wunsch bezüglich der eigenen Karriere als hässliches Model hat Del noch. Er würde gerne einmal in der "Muppet Show" auftreten. "Alle großen Stars waren dort. Ein Auftritt da würde mich richtig berühmt machen." Sollte das nicht klappen, bleibt ihm immer noch seine Agentur Misfit Models. Schließlich gehört den Charaktertypen die Zukunft. 


Quelle: http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/562950