Geheimes Gesetz (24): Die große Sockenvereinzelung
Text: friedemann-karig  Bastelei: Tvi Pham | 17 17 Kommentare | GeheimesGesetz | Leben | 02.09.2014 11:15  


In seiner Kolumne widmet sich Friedemann Karig den ungeschriebenen Regeln des Alltags. Diesmal nimmt er sich eines der größten Rätsel der Menscheitsgeschichte an - den unerklärlichen Single-Socken.




Das Geheime Gesetz der Waschmaschinen: Socken gehen zusammen hinein und kommen alleine heraus.

Jeder Wäschekorb ist zugleich ein Waisenhaus. Einzelne Socken, deren Gegenstücke verschwunden sind, fristen dort ihr einsames Dasein; solche Trennungen kommen in den besten Haushalten vor. Wer seine Fußkleider nicht mit Sicherheitsnadeln zusammensticht oder ausschließlich per Hand säubert, weiß um die Gefahren der Waschmaschine. Es ist ein Geheimes Gesetz, dass Socken zusammen dort hinein gehen und alleine heraus kommen. Und ein entsetzliches Geheimnis, warum.  

Um den Verbleib der zweiten Socke ranken sich viele Gerüchte: Wurde sie von aggressivem Waschpulver zersetzt und weggespült? Vom Partner oder Mitbewohner irrtümlicherweise oder in böser Absicht entwunden? Dermaßen verfärbt und verformt, dass man sie nicht wiedererkennt? Wohnt ein kleiner Kobold in der Trommel, der sich von Seifenlauge und Socken ernährt? Nichts genaues weiß man nicht. Niemand ist bisher auf die Idee gekommen, seine Waschmaschine auseinander zu bauen und nachzuschauen, wo der Kobold sitzt. Spurensicherung und Befragung möglicher Zeugen werden im Fall der verschwundenen zweiten Socke vernachlässigt. Die Angst, als schlechter Hausmensch, als tüdeliger Schussel zu gelten, macht viele Betroffene mundtot. Nur zerstreute Misfits und Kriminelle tragen verschiedene Socken, alle anderen kaufen nach und schweigen. Die Dunkelziffer muss enorm sein! Die meisten Deutschen besitzen oder besaßen eine oder mehrere einzelne Socken.

Und doch wurde niemals ein Sockendieb auf frischer Tat ertappt. Die Gefängnisse sind leer, die Richter arbeits- und die Politik ratlos, wie immer. Das Bermudadreieck zwischen Waschmaschine, Wäschekorb und Wäscheschrank bleibt ein Rätsel. Dabei muss man wie in anderen Fällen gesellschaftsweit organisierter Kriminalität nur fragen: Cui bono, wem nützt es? Wer profitiert davon, dass wir ständig neue Socken kaufen müssen – und wem nutzen die gebrauchten? Wie so oft ist die plausibelste Version zugleich auch die ungeheuerlichste: Gut informierten Quellen zufolge soll ein internationaler Sockenschmugglerring gemeinsame Sache machen mit der mächtigen Strumpfindustrie und ihren Handlangern, den Waschmaschinenherstellern. Durch kleine versteckte Luken an der Rückseite der Geräte werden einzelne Socken herausgesogen und die Sammelbehälter nachts von Fassadenkletterern abgeholt, oder, noch gewiefter, vom Waschmaschinen-Wartungspersonal, das sich um Kalkfilter zu kümmern vorgibt. Reichen Besitzern wird horrendes Lösegeld und lebenslange Verschwiegenheit abgepresst. Mittellose Schlucker hingegen sehen ihre Socken nie wieder. Die armen Textilien werden auf Sklavenschiffen gen Japan geschickt, wo irre Geschäftsmänner viel Geld für einzelne, getragene und nur halb gewaschene europäische Strümpfe hinblättern. Der Sockenabsatz bleibt auf hohem Niveau. Die Wirtschaft wächst. Es ergibt alles einen furchtbaren, kaltfüßigen Sinn.


Quelle: http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/562880