Streetcredibility, ausgerechnet aus Düsseldorf
Text: dennis-sand | 19 19 Kommentare | Redaktionsblog | Kultur | 28.07.2014 20:28  


Ein deutsches HipHop-Label setzt neue Maßstäbe. Warum Selfmade Records das bessere Aggro Berlin geworden ist.

Weil Authentizität noch immer ein Wert an sich ist, liegt das kreative Zentrum deutscher Sprachkunst  auf der vielzitierten Straße. In einer unscheinbaren Seitenstraße in Düsseldorf brennen zwar keine Mülltonnen, doch wer hier durch die Gassen zieht, der hat wohl das, was man im authentizitätshungrigen HipHop gut und gerne als „Straßenkredibilität“ bezeichnen könnte. Ein Wort, das das hier ansässige Label Selfmade Records zunächst konsequent durchdekliniert und dann wieder und wieder in all seinen Facetten gebrochen hat.

Von dem demnächst erscheinenden Kollabo-Album zwischen Kollegah, dem Aushängeschild von Selfmade Records, und Farid Bang wurde am Donnerstag die erste Vorab-Single "Dynamit" auf YouTube veröffentlicht. Sie brachte es aus dem Stand auf über eine Million Klicks in wenigen Stunden: Rekordniveau für Deutschrap-Dimension.

http://www.youtube.com/watch?v=Gn9bWlmGSGA

Nach sieben Jahren im Geschäft, 25 Veröffentlichungen und drei Top-Ten-Platzierungen in Folge ist es entsprechend nicht nur höchste Zeit für ein textgewordenes Dankeschön, sondern auch für einen genaueren Blick auf eine Plattenfirma, die die Maßstäbe gegenwärtig neu setzt: Das Label, mit Künstlern wie Kollegah, Favorite, den 257ers und Genetikk unter Vertrag, das Unternehmen, das einen noch jungen Casper entdeckt und hochgezogen hat, wurde 2005 von Elvir Omerbegovic und  Philipp Dammann gegründet. Dammann hatte da schon eine erste Karriere in der Szene hinter sich. Unter dem Künstlernamen Flipstar schrieb er als Teil des deutschen HipHop-Duos Creutzfeld & Jakob Geschichte. Bald widmete sich Dammann seiner neuen Karriere: Er wurde Neurochirurg. Omerbegovic übernahm Selfmade komplett und pushte das Label auf eine neue Ebene.

Omerbegovic hatte die deutsche Hip Hop-Szene zuvor lange beobachtet und war bald der Überzeugung, dass man sie professionalisieren könnte. Die Zeit, in der Selfmade-Records entstand, war derweil noch von einem ganz anderen Label dominiert, welches die Republik damals aufmischte. Aggro Berlin verkündete  eine neue deutsche Härte und erreichte damit einen für viele völlig überraschenden kommerziellen Durchbruch. Doch als das Ghetto Einzug in die Reihenhausidylle der Bürgertums fand, da war HipHop zum ersten Mal ganz nah an seinen Wurzeln. Mit Aggro Berlin schaffte es das Genre von ganz unten nach ganz oben. Bislang war die erfolgreiche deutsche Adaption der amerikanischen Musikrichtung dem Bildungsbürgertum - von den Fantastischen Vier bis Fettes Brot - vorenthalten. Von einigen, kommerziell zu vernachlässigenden Ausnahmen mal abgesehen. „Die Musik wurde elitär von oben an die Masse weitergegeben. Was wir gerade versuchen, ist von ganz unten in die Elite zu stoßen“, sagte Aggro-Mitgründer Specter damals in einem Interview.





Selfmade Records führt diesen Gedanken nun mit umgekehrten Vorzeichen fort. Intelligente Rapper bedienen sich der Stilmittel der Straße, um die breite Masse zu erreichen: Die ganz unten, die ganz oben und die, die irgendwo dazwischen stehen. Kollegah zum Beispiel greift dabei sowohl die Codes und Stilmittel der HipHop-Szene auf, aber zugleich gut und gerne auch auf bildungsbürgerliches Kulturgut zurück. So interpretierte er Goethes Erlkönig etwa mit der Line: „Ey wer kommt bei Nacht und Wind durch die Stadt gefahren? Es ist der King mit acht Zylindern und 'ner Slut im Arm!“

Auch die Marketingstrategien folgen dem Erfolgskonzept von Aggro Berlin, die erstmals die Stereotypisierung der Künstler etablierten. Sido, ein dauerkiffender Slacker als Sinnbild der Null-Bock-Generation, Bushido, das Klischeebild des ghettoaffinen Kleinkriminellen, und Fler, das deutsche White-Trash-Äquivalent zu Eminem, aufgefüllt mit schwarz-rot-goldener Nationalsymbolik. Bei Selfmade übernimmt derweil Kollegah die selbstherbeistilisierte Rolle als Boss, eines wahlweise Drogen oder Nutten vertickenden omnipotenten Player mit viel Geld, schönem Leben und einem latenten Hang zu Gewalt. Favorite spielt die Rolle des Anarcho, Caspar war der Punker unter den Rappern, der Emo-Spitter, das Duo Genetikk fungiert als Feigenblatt für die eher klassisch geprägten HipHop-Hörer mit Oldschool Beats und WuTang-Mystik-Anleihen. Und der mittelfristig wohl (zumindest aus kommerzieller Perspektive) erfolgsversprechendste Act, die 257ers, positionieren sich zwischen gehobenem Atzen-Sound und sozialverträglicherem Deichkind-Gefeiere: Helden des Schulhofs und Stimmungskanonen auf jeder Vorabiparty unterlegt mit elektronischen Beats. Was alle Künstler auf dem Label eint ist eine brillante Technik. „Sie müssen jung, hungrig und originell sein“, fasst Omerbegovic zusammen.

Hungrig und originell ist das Label auch sieben Jahre nach dem Start noch. Und es bleibt bissig. „Deutscher Rap wird immer dann gerne gesehen, wenn er freundlich daher kommt“, sagt der Labelchef und setzt dennoch auf Battlerap statt Schmusekurs. Im Battle verhandeln die Künstler gewaltfrei und nur basierend auf ihren Rap-Skills ihr symbolische Kapital und ihr Standing: „Das einzige krumme Ding, was Du drehst, ist deine Oma beim Walzer“, heißt es in einem weiteren Kollegah-Track. Weil gute Reime und gute Geschichten nicht immer der vielbeschworenen Authentizität gleichkommen, gewann mit dem Aufsteig von Selfmade auch ein alter Begriff neue Schlagkraft: Image-Rap. Rapper, die von Dingen berichten, die sie nie erlebt haben. Der Vorwurf kommt immer dann gerne, wenn vergessen wird, das Musik in aller erster Linie eins ist: Kunst. Und der hat sich Selfmade nicht nur gewidmet, das Label und seine Interpreten haben sie auf lyrischer Ebene perfektioniert. Und wer die echte Straßenkredibilität will, der soll, wie es Kool Savas einmal gesagt hat, doch einfach vor die Tür gehen.


Quelle: http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/561552