"Ihr gebt uns Daten, wir geben euch Dates"
Text: lars-weisbrod  Illustration: Tuong Vi Pham | 16 16 Kommentare | jetztgedruckt | Sex | 25.10.2014 13:11  


Die Plattform OkCupid verleiht dem Online-Dating endlich Magie und Charme. Ihr Geheimnis lautet: Mathematik statt Psychologie.

Unter den großen Internet- und Digitalisierungsphänomenen da draußen gibt es einen schon etwas älteren Klassiker: Online-Dating. „Längst entbehrt Online-Dating jeden Beigeschmacks des Anrüchigen“, brachte es ein Artikel in der Zeit auf den Punkt, „es wird in weiten Teilen der Gesellschaft als effizientes Verfahren geschätzt und genutzt.“ Das Vorurteil, dass man bei eDarling oder ElitePartner nur die Loser vom Dienst kennenlernen kann, pflegt schon länger kaum einer mehr. Wirklich cool geworden ist Online-Daten aber auch nicht. Singlebörsen – allein, dass dieses Wort tatsächlich noch benutzt wird, sagt eigentlich schon viel – sind imagemäßig immer noch das Gegenteil von Twitter und Tumblr und dem Rest. Social Media hat es geschafft, digitalem sozialen Erleben die Aura des Avantgardistischen zu geben. Online-Dating ist irgendwo auf der Biederkeitsstufe von E-Mail stecken geblieben: Effizientes Verfahren halt, keine große digitale Revolution. Um das digitale Kennenlernen des Partners herum hat sich bisher keine eigene Magie entwickelt, die in Konkurrenz zu dem treten könnte, was wir an der analogen Variante so schätzen: „Schicksalhaftigkeit, Unberechenbarkeit, Zauber der Intuition“, die Bulletpoints der romantischen Liebe, die der Zeit-Artikel aufzählt.





Die Website, die diese große Lücke zwischen Singlebörse und digitaler Revolution endlich schließen kann, heißt OkCupid.com. 2004 in den USA gegründet, ist sie dort schon länger eine der wichtigsten Dating-Seiten. Mittlerweile gewinnt OkCupid aber auch hierzulande immer mehr Zulauf: Im letzten Jahr ist die Zahl der Nutzer dem Unternehmen zufolge um 100 Prozent auf ungefähr 70 000 nach oben geschnellt. Mittlerweile kann man auch als Berliner, Kölner oder Münchner bei OkCupid genug Menschen kennenlernen, die für mehr als eine transatlantische Brieffreundschaft infrage kommen. Und es dürfte wohl auch in Deutschland vor allem ein ganz bestimmtes Publikum sein, das man antrifft. OkCupid revolutioniert das Prinzip der Dating-Website, weil es sie anschlussfähig macht für die Welt der digitalen Boheme. Schon dem Design der Website merkt man das an: Nicht als topseriöse, pärchenbebilderte Seite kommt sie daher, sondern im flapsigen Stil und Ton der ewigen Web-2.0-Betaversion. Und: Man kann sie kostenlos nutzen.

Auf den ersten Blick unterscheidet sich OkCupid nicht von anderen Dating-Seiten: Man soll Fragebögen ausfüllen, dann werden einem andere Mitglieder vorgeschlagen, die man anschreiben möge. Die Fragen aber sind keinem von Psychologen erarbeiteten Test entnommen, sondern im Crowdsourcing-Verfahren entstanden: Man findet einen quasi-unendlichen Pool von Vorschlägen, die andere Nutzer eingereicht haben. Das gibt OkCupid schon ein Suchtpotenzial, bevor man überhaupt den ersten flirty Nachrichtenaustausch angefangen hat: Man kann Tage damit verbringen, sich durch das Frageangebot zu klicken und immer wieder Perlen darin zu finden: Man soll sich das perfekte Gespräch mit seinem idealen Partner vorstellen – würde man sich Geschichten erzählen? Diskutieren? Übereinstimmen? Oder Pläne schmieden? Charmante Fragen, zu denen man sich gern Gedanken macht, statt sterile paartherapeutische Angaben.

Das ist aber nur die Oberfläche. Dass die Seite in die Avantgardeliga für Netzaffine aufgestiegen ist, hat seinen Grund im Backend: Wenn OkCupid irgendeinen festen Glauben habe, schrieb der New Yorker im vergangen Jahr, dann in die Mathematik. Oder wie es einer der Gründer, Sam Yagan, formuliert hat: „Wir glauben, dass Daten und Algorithmen der Schlüssel zu Kompatibilität sind. Die grundlegende Prämisse unserer Seite ist: Ihr gebt uns Daten, wir geben euch Dates.“ Die Idee dahinter: In der digitalen Welt steht uns auf einmal big data zur Verfügung – riesige Datenmengen, die einfach zugänglich und leicht zu verarbeiten sind.

Welche Auswirkungen das hat, kann man sich auf dem hauseigenen Statistikblog OkTrends ansehen: Bis zum Verkauf der Seite an den amerikanischen Dating-Riesen match.com Anfang dieses Jahres veröffentlichte Christian Rudder – wie Yagan ebenfalls Mitgründer und Mathematiker mit Harvard-Abschluss – dort anonymisierte Auswertungen der Datenberge, die sich auf der Seite ansammeln. Die Ergebnisse reichen von vulgärsoziologischen Pointen (iPhone-Nutzer haben mehr Sex als Android-Nutzer) bis zu wirklich hilfreichen Hinweisen: Wenn man andere User anschreibt, welche Formulierungen und Begriffe kommen gut an – und welche sollte man vermeiden?  

Auf den ersten Blick mögen die Fragen und Antworten trivial klingen – aber man muss sich nur kurz daran erinnern, wie viele Stunden, wie viele Liter Denkschweiß schon vergeudet wurden, um mit bester Küchenpsychologie zu rätseln: Wie schreib ich ihn an? Was heißt es, dass sie noch nicht zurückgeschrieben hat? OkCupid zeigt: Wir brauchen die unzuverlässige Küchenpsychologie für diese Fragen nicht mehr, wir haben jetzt big data, riesige Datenmengen, die uns echte Antworten geben können.

Vielleicht braucht es nicht einmal mehr Psychologie. Das zumindest predigen Theoretiker wie der Wired-Chefredakteur Chris Anderson schon länger: In einer Welt, in der big data verfügbar ist, würden kausale Erklärungen überflüssiger. „Wer weiß schon, warum die Leute das tun, was sie tun? Der Punkt ist, dass sie es tun – und wir es nachverfolgen und mit bisher unerreichter Genauigkeit messen können. Wenn man genug Daten hat, dann sprechen die Zahlen für sich selbst.“ Die Umsetzung dieser radikalen Idee ist OkCupid. Auf dem Blog werden auch die drei Matching-Fragen präsentiert, bei denen Übereinstimmung am meisten mit einer späteren Beziehung korreliert. Eine davon: ob man Horrorfilme mag. Es liegt keine Erklärung auf der Hand, warum ausgerechnet diese Frage – aber das wäre ja Psychologie, und die hat OkCupid hinter sich gelassen. „We’re not psychologists“, hat Yagan es einmal zusammengefasst, „we’re math guys.“

Sein Kollege Rudder (nebenberuflich übrigens Mitglied der Band Bishop Allen) hat dieses Jahr einen Buchdeal abgeschlossen, angeblich für einen Millionenbetrag: In „Dataclysm“ soll es um die ganz großen Möglichkeiten gehen, die sich angesichts der big data eröffnen. Das alles ist natürlich das Gegenteil von Schicksalhaftigkeit, Unberechenbarkeit, Zauber der Intuition. Es ist Algorithmus, Mathematik, Signifikanz. Die aber können jetzt ihren eigenen Sexappeal zeigen: Wenn die Hoffnung aufgeht, dass Zugang zu schier unendlichen Datenmengen unser Bild von der Welt und von uns selbst verändert, dann hat das nichts mehr mit biederer Effektivität zu tun. Dann hat der OkCupid-Nutzer einen Grund, sich als Teil einer Revolution zu fühlen – so wie man sich als Twitter-Nutzer als Teil einer Kommunikationsrevolution gefühlt hat.


Quelle: http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/561548