Mut zum Fehlgriff
Text: sina-pousset  Bild: Gortincoiel/photocase.com | 8 8 Kommentare | Redaktionsblog | Leben | 01.09.2014 13:21  


Onlineshops spezialisieren sich in der Weihnachtszeit darauf, das perfekte Geschenk für die Lieben ausfindig zu machen. Bei all der Geschenkeoptimierung geht eines verloren: der Fehlgriff. Schade eigentlich.

In den Händen halte ich ein flaches, weiches Paket. Auf dem Geschenkpapier tummeln sich Rentiere, ein Weihnachtsmann mit weißem Rauschebart sitzt im Schlitten und lacht. Er kann ja nicht ahnen, um was er da gewickelt wurde. Ich löse die sorgsam verklebten Tesastreifen und erhalte freien Blick auf das, was in den Augen meiner Oma gerade noch zu meinem Glück gefehlt hat: lange Unterhosen. Wie jedes Jahr. Zage Versuche von der Gegenseite, das Unterhosenglück vielleicht in Bares umzuwandeln, scheiterten erfolglos. „Damit du auch nicht frierst!“, lautet wie immer der Zusatz, mit dem sie mir sagen will: „Siehst du, ich hab mir was dabei gedacht.“. „Danke“, lautet jedes Jahr die Antwort, die nur noch nach verschlissenem Enthusiasmus klingt.  



Und auch noch selbst verpackt! Ein Fehlgriff kann Freude machen.

Keiner möchte blöde Geschenke haben oder, noch viel schlimmer: blöde Geschenke schenken. Wie unschön ist es für den Schenker, wenn sich auf dem Gesicht des Beschenkten beim Auspacken ein innerer Kampf von blankem Entsetzen und Taktgefühl abzeichnet. Mundwinkel zucken, verzerren sich, heraus kommt ein gequältes Lächeln. Sätze wie „Das wäre doch wirklich nicht nötig gewesen“, „Wie lieb von dir“, „Ach, schön“, „Wie nett“ oder auch „Hat was!“ können die weihnachtliche Besinnlichkeit schwer verletzen. Wer so vor seinem Beschenkten sitzt, der schwört sich: nie wieder. Und stürzt sich ins Gefecht. 

Seit ein paar Jahren bringt die Weihnachtszeit Experten hervor, die sich bemühen, schreckliche Geschenke in die weit entfernte Zeit zu verbannen, als am Weihnachtsbaum noch Lametta hing. Dafür sollen Shopping-Guides, Trendbarometer und Tipps sorgen, die sich auf Websites und Onlineshops finden. Das ideale Geschenk wird mit Hilfe der richtigen Klicks schnell vom Mysterium zur kalkulierbaren Größe. Das ist gut für die Wirtschaft und senkt das Stresslevel unterm Weihnachtsbaum.

Heute landet der Suchende auf Websites mit Baukastensytem. Gängige Onlineshops geben schon in der Vorweihnachtszeit Tipps, wie bestimmte Menschen mit bestimmten Neigungen zu bestimmten Preisen am besten beschenkt werden. Perfektioniert hat das System die Website www.wantful.com. Sie bietet dem völlig überforderten Schenker Geschenkeplanung in vollendeter Form – hier kann erst anhand eines virtuellen Stilchecks der Geschenketyp fehlerfrei ermittelt werden, danach wird sich systematisch durch sämtliche Interessenfelder der Menschheit geklickt. Du suchst ein Geschenk für deinen Freund A.? Aha, sagt wantful und fragt weiter: Wie gerne kocht A. auf einer Skala von 1-10? Hört A. gern Rufus Wainwright und lädt dabei Fotos auf Instagram hoch? Oder ist A. mehr so der straighte Businessman mit Hang zu technischem Gerät? Abgeglichen mit Preislimit, Anlass und Sozialgefüge (ist A. Freund? Feind? Oder Affäre?) würfelt der Dienst zwölf optimale Geschenke in einem Gutscheinheft zusammen. Daraus darf sich der Beglückte dann eines, schon statistisch als Optimum ausgewiesenes Geschenk aussuchen. Das Geschenk soll trotzdem noch von deinen Freunden abgesegnet werden, die am besten noch eine kleine Finanzspritze beisteuern? Kein Problem, dafür gibt es doch socialgift.com, ein virtueller Marktplatz, auf dem sich Freunde zum gemeinsamen Schenken zusammenschließen können. Und wer auf handverpackte Adventskalender wert legt, aber auf professionelle Unterstützung nicht verzichten will, kann sich bei der Adventskiste seinen Kalender individuell zusammenstellten lassen. Den kann man - so liest es sich in den FAQs der Seite - selbstverständlich auch für sich selbst bestellen. Da kann doch wirklich nichts mehr schiefgehen!

Irgendwie schade ist es trotzdem, wenn Socken, lange Unterhosen und selbstgestrickte Pullover mit Schneeflockenmotiv so ganz vom Gabentisch verschwinden. Fehlgriffe unterm Baum gehören einfach zu Weihnachten. Wenn der Griff ins Regal ordentlich daneben ging, dann war es wenigstens die Hand des Schenkers und nicht der Algorithmus irgendeines Onlineshops. Womit wären Keller- und Speicherräume ohne das alljährliche Sammelsurium aus Scheußlichkeiten gefüllt? Und wer beim Festtagsumtrunk die Orientierung verliert, weiß spätestens beim Blick ins Paket mit den selbstgehäkelten Topflappen, dass wirklich Weihnachten ist.


Quelle: http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/561224