Extrem missverstšndlich
Text: laura-meschede  Screenshots: Video "Ahnungslos - Was ist Extremismus?" | 11 11 Kommentare | Redaktionsblog | Macht | 02.09.2014 08:46  


"Linke fackeln Luxuskarossen ab und die Rechten kontern mit den sogenannten Dönermorden": Die Bundeszentrale für politische Bildung hat ein etwas befremdliches Erklärvideo über Extremismus veröffentlicht und nach Protest nun aus dem Netz genommen.

Lustige Hintergrundmusik und eine Zeichnung von einer Bombe mit Partyhut und Faschingströte – so beginnt das Video "Was ist Extremismus" der Fernsehreihe "Ahnungslos". "Linke fackeln Luxuskarossen ab und die Rechten kontern mit den sogenannten Dönermorden", erklärt die Stimme eines gutgelaunten Moderators. Im Folgenden wird im Plauderton der "Privatkrieg dieser Extremisten" erklärt. Sowohl Rechte als auch Linke wären heute schwerer zu erkennen, da beispielsweise die Linken "bei den häufigen Demonstrationen eine kostenlose Ganzkörperdusche genießen" und damit "ein bisschen besser riechen".





Ein Clip einer geschmacklosen Scherzguerilla? Möchte hier jemand die NSU-Morde verniedlichen? Nein, das Video kommt aus einer ganz anderen Richtung: Von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Die Behörde, die ihr 60-jähriges Jubiläum feiert, untersteht dem Innenministerium und sieht ihre Aufgabe darin, das "demokratische Bewusstsein zu festigen und die Bereitschaft zur politischen Mitarbeit zu stärken". Zu diesem Zweck veranstaltet sie Messen und und Tagungen und gibt online und gedruckt Informationsmaterialien heraus.

Wie eben die Sendung "Ahnungslos – ein Fernsehquiz mit Joko und Klaas". Die Fernsehreihe, die im November 2010 das erste Mal auf Pro7 zu sehen war, läuft inzwischen in der zweiten Staffel und funktioniert nach einem einfachen Prinzip: Die Moderatoren Joko und Klaas stellen, immer in verschiedenen Verkleidungen, ahnungslosen Passanten einfache Fragen zu politischen Themen. Pro beantworteter Frage erhalten diese einen 50 Euro-Schein. "Was ist Extremismus" ist einer von fünf Bonusclips der Sendung, die Moderatoren kommen in diesen nicht vor. Alternativ wird mithilfe von einfachen Zeichnungen ein politisches Thema erläutert, beispielsweise "Wahlen", "Respekt" oder eben "Extremismus".

Ob die gewählte Darstellung allerdings wirklich zur Stärkung des richtigen politischen Bewusstseins beiträgt, darüber scheiden sich die Geister. "Was ist Extremismus" sorgte deshalb zuletzt für erbitterte Diskussionen in Internetforen. "Realitätsverweigerung erster Güte" und "grober Schwachsinn" gehörten noch zu den harmlosesten Kommentaren, die User unter dem Video auf Youtube hinterließen. "Eigentlich ist es der Staat, der mit billiger Propaganda wie dieser sein antidemokratisches Antlitz preisgibt", schreibt xHamsterx. "Die Intention ist die geistige Verblödung des Wahlvolkes", findet Atterapravaecclesia.

Die Bundeszentrale für politische Bildung hat sich inzwischen zu den Vorwürfen geäußert. Die Intention des Videos sei offensichtlich falsch verstanden worden und insbesondere die Formulierung, die Rechten würden mit Dönermorden "kontern" missverständlich, schreiben sie auf ihrer Website. Sie nehme die Kritik sehr ernst und werde den Clip überarbeiten. Am Freitagnachmittag verschwand das Video dann fürs Erste von Youtube und ihrer Website.

Auf Nachfrage nach den Verantwortlichen reagierte die bpb ausweichend: Das Video sei für die Fernsehreihe Ahnungslos auf Arbeitsebene entstanden und auch durch die abgenommen worden, lautet die Antwort der Pressestelle. "Ironisierend und verfremdend", so bezeichnet Frank Busse, Referant des Fachbereichs "Politikferne Zielgruppen" der Bundeszentrale für politische Aufklärung, die gewollte Stoßrichtung des Videos. Natürlich habe man die NSU-Morde nicht verharmlosen wollen. Vielmehr habe man auf diese Art und Weise Menschen erreichen wollen, die bisher nicht mit politischer Bildung in Kontakt gekommen seien. Und dafür seien nun einmal auch die Stilmittel Satire, Ironie und Comedy notwendig. "Wenn, dann machen wir uns über die lustig, die aus unserer Sicht zu falschen politischen und extremistischen Anschauungen kommen. Aber sicher nicht über die Opfer."

http://www.youtube.com/watch?v=5PdHHiUq-1Y

Das Video ist inzwischen bei Youtube wieder einsehbar. Ein Benutzer namens xHamsterx lud es am Freitag, nur wenige Stunden nach seiner Entfernung, wieder auf der Onlineplattform hoch. Sein Kommentar dazu: "Damit die Welt weiterhin erfährt, was dort für geistige Brandstifter in den Büros sitzen..."


Quelle: http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/561148