Geheimes Gesetz (20): Der Schrecken alter Fotos
Text: friedemann-karig | 12 12 Kommentare | GeheimesGesetz | Leben | 22.07.2014 22:59  


In seiner Kolumne widmet sich Friedemann Karig den ungeschriebenen Regeln des Alltags. In dieser Folge wagt er sich in die Untiefen von Fotoalben und alten Festplatten, um zu ergründen, warum früher alles so schlimm aussah.

Das Gesetz: Auf alten Fotos sieht man immer maximal bescheuert aus.




Alte Fotos tun weh. Wie jung man war, damals! Und wie sehr die verflossenen Jahre schmerzen, wenn sie auf Bildern festgehalten sind. Damals trübten keine Narben oder Falten das Antlitz. Kein Ernst des Lebens grub sich in von Arbeit und Verantwortung müde Züge. Stattdessen blitzten staunende Blicke, große Gesten und Posen. Ständig lag man sich in den Armen. Ach, was für Zeiten! Doch die erste Wehmut weicht einem anderen Schmerz.

Wenn man genauer hinschaut, fragt man sich: Wer sind all diese schlimm aussehenden Menschen? Der eine hatte Hamsterbacken, die andere schlechte Haut, keiner Stil; grausame Jeans-Schnitte, Bartmoden, Farbkombinationen – aus der heutigen Perspektive allesamt inakzeptabel. Und am schlimmsten findet man sich selbst, mit dieser damals schon nicht modischen Frisur, dem hässlichen Pulli, den albernen Grimassen. Es ist Geheimes Gesetz: Man sieht furchtbar aus auf alten Fotos.  

Unmengen solcher Aufnahmen tummeln sich auf ausrangierten Festplatten, seit Digitalkameras zum Hausstand gehören wie Suppenteller. In heutigen Foto-Handy-Zeiten steigert sich die Anzahl der Schnappschüsse noch, und die „Immer-am-Mann“-Verfügbarkeit der Geräte bannt in ewige Pixel, was früher höchstens in verschämter Erinnerung überlebte. Nicht auszudenken, welche visuellen Vermächtnisse man in einigen Jahren ertragen muss, wenn man heute schon kaum aushalten kann, wie man bei der Abi-Feier rumlief. Das ist vielleicht das Bitterste: Ausgerechnet in Momenten der größten Triumphe sieht man hinterher am miesesten aus. Der Anzug zu groß, das Kleid zu eng – man bleibt für die Ewigkeit blass, statt lebensphasengemäß einer goldenen Zukunft entgegen zu leuchten.

Wo Kinderbilder schnell ein langgezogenes „süüüß!“ provozieren oder man kaum errät, wer wer ist, weil sich seitdem Physiognomie und Mimik stark verändert haben, schneiden Fotos aus der Adoleszenz, also aus dem Alter, ab dem man sich Outfit und Auftritt selbst versauen konnte, tief in die eigene Identitätskonstruktion. Denn damals hielt man sich für cool; die seitdem vergangenen Jahre beweisen das Gegenteil. Selbst die natürlich Schönen sehen auf alten Fotos seltsam uninspirierend aus. Und man staunt, wie man sich damals in sie verknallen konnte. Gewinnen können nur die Freaks, die zeitlebens Exzentrik über Ästhetik stellten und deren Experimente mit Kopfbedeckungen und Motto-Shirts im Nachhinein nicht viel sinnloser erscheinen als damals. Vermutlich ist es besser so. Wer auf die harte Tour lernt, dass „18 ´till I die“ auch lebenslange Lächerlichkeit bedeutet hätte, kann besser loslassen. Verlorene Jugend schmerzt weniger, wenn sie so doof aussieht, wie sie auf alten Fotos eben aussieht. „Das geht gar nicht!“ ruft man, wenn ein besonders peinliches Foto von damals auftaucht, „mach das weg!“ Und meint eigentlich nicht das Bild, sondern das Altern.


Quelle: http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/560938