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| 20.05.2013 16:32
Mein letzter Schultag war, zumindest für eine Weile, der beste Tag in meinem Leben. Er bedeutete aber auch: Die fünf, sechs Leute in der Klasse, die ich am meisten mochte, mit denen ich jede Pause verbrachte und die ohne Zögern die Lateinhausaufgaben abschreiben durften, die waren plötzlich nicht mehr jeden Tag da. Ebenso die beste Freundin, neben der ich in jedem gemeinsamen Fach saß und die mich als einzige auf dem Klo heulen sehen durfte. In den letzten Sommerferien nach diesem letzten Schultag war es noch einfach, sich am See oder zum Eisessen zu verabreden. Erst jede Woche, dann ein Mal im Monat – bis wir uns irgendwie nur noch ein Mal im Jahr trafen, und das auch erst nach mindestens drei Terminverschiebungen.
Auch, wenn mich das nur wenig tröstet, so geht es vielen Schulfreundschaften. Viele zerbrechen aus dem einfachen Grund, dass man zu weit auseinander wohnt und sich einfach zu selten sieht. „Innerhalb von sieben Jahren geht die Hälfte aller Freundschaften auseinander, weil wir das Interesse verlieren, sie nicht mehr wichtig sind“, sagt Dr. Wolfgang Krüger, Dipl.-Psychologe und Autor des Buches „Wie man Freunde fürs Leben gewinnt: Vom Glück einer besonderen Beziehung“.
Wolfgang Krüger hat aber auch gute Nachrichten: „Grundsätzlich ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass aus Freundschaften, die in der Schule entstehen, lebenslange Bindungen werden.“ Der Psychologe erklärt sich das so: „Über viele Jahre hinweg teilt man regelmäßig die gleichen Sorgen, man ärgert sich über Klassenlehrer und teilt die Angst vor Klausuren. Diese Bindungen sind manchmal ähnlich intensiv wie bei Geschwistern.“ So viel Zeit wie in der Schule verbringt man im späteren Leben nicht mehr mit seinen Freunden. „Darum sind die Freundschaften, die später entstehen, weniger prägend“, sagt Wolfgang Krüger.
Ob man allerdings eine intensive Beziehung aufrecht erhält, hängt für ihn davon ab, ob man sich weiter sieht und in der gleichen Stadt lebt. Und auch davon, wie stark die Bindung ist. „Eine Herzensfreundschaft, in der man alles über sich erzählen kann, hat die größte ‚Überlebensrate‘“, sagt Wolfgang Krüger, „sogar, wenn man sich nur ein oder zwei Mal im Jahr sieht, aber dafür mailt, simst oder telefoniert. Wenn man sich schon sehr lange und gut kennt, kann der technische den direkten Kontakt ein bisschen ersetzen, Facebook macht es leichter, in Kontakt zu bleiben.“ Aber: „Beim Augenkontakt erleben wir viel besser, wie es dem anderen geht. Wir wollen auch Freunde haben, denen wir spontan erzählen können, dass der Chef schwierig ist und die Freundin rumzickt, und ein Bier trinken gehen. Für solche Themen taugen Emails eben doch nicht,“ sagt er und nennt das den „seelischen Puls“, den der andere spüren muss: „Dazu ist ein regelmäßiger, echter Kontakt wichtig.“
Und wenn man sich nur selten sieht? Auch dann können Freundschaften halten. „Es ist sinnvoll, wenn man sich mindestens ein Mal im Jahr sieht“, sagt Wolfgang Krüger. Sonst besteht die Gefahr, dass man ein Klassenfoto braucht, um sich an die Mitschüler zu erinnern. „Gut ist es, wenn man sich an einem festen Tag im Jahr trifft“, rät der Psychologe, „das kann ein Ritual wie ein Weihnachtstreffen oder der ‚Tag der offenen Tür’ an der alten Schule sein.“
Klassentreffen findet Wolfgang Krüger weniger geeignet, um Freundschaften zu pflegen. Wichtiger sind Gemeinsamkeiten und ein gegenseitiges Interesse für das, was den anderen beschäftigt. Dazu soll man sich drei Fragen stellen: „Denke ich manchmal an den Freund und habe das Gefühl, das muss ich ihm sagen? Träume ich von ihm? Könnte ich mit ihm auch gemeinsam schweigen? Kann man das alles mit ja beantworten, ist eine tiefe Bindung entstanden, die jeden Umzug überstehen wird. Ansonsten werden neue Lebensereignisse und Herausforderungen fast immer die alten Bindungen ‚überwuchern‘, sodass sie oft keine Rolle mehr spielen. Oder es bleibt eine sogenannte ‚Jahresfreundschaft‘: Man trifft sich ein Mal im Jahr, tauscht Neuigkeiten aus, fühlt sich vertraut und sieht sich dann in einem Jahr wieder.“
Das ist auch der Grund, aus dem man bei Klassentreffen gleich wieder das Gefühl der Vertrautheit hat. Und bei jedem anderen Treffen, ob virtuell oder analog, hoffentlich auch.
Kathrin Hollmer, 24, ist froh, dass sie ihrer Lieblingsfreundin aus der Schule immer noch alles erzählen kann, auch wenn sie sich fast nie „analog“ zu Gesicht bekommen.
Quelle: http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/560530