Bei den Vor(wellen)reitern
Text: christian-helten  Fotos: chrstian-helten; O'Neill | 4 4 Kommentare | Redaktionsblog | Leben | 24.04.2014 14:37  


Surfen ist längst keine Randsportart mehr, sondern ein massentaugliches Spektakel für eine vor allem junge Zielgruppe. Viele Dinge, die Surfen zu dem gemacht haben, was es heute ist, sind in Santa Cruz passiert. Aber die Surfhauptstadt hat auch dunkle Seiten.




Dreißig Sekunden weniger, und Jason Collins hätte einen der besten Momente seiner Karriere erlebt. Er hat schon zwei gute Wellen gesurft und liegt in Führung – gegen Kelly Slater, den elfmaligen Weltmeister, lebendes Maß aller Dinge in diesem Sport. Es ist die zweite Runde des „Cold Water Classic“-Contests in Santa Cruz, Kalifornien. Die Weltelite macht für eine Woche Halt in der Kleinstadt zwei Stunden südlich von San Francisco. Jason Collins ist hier aufgewachsen, die Welle namens „Steamer Lane“, in der er heute gegen den Weltmeister antritt, ist sein Spielplatz, seit er denken kann. Sie bricht an etwa zehn Meter hohen Klippen entlang, als hätte derjenige, der diese Küste geformt hat, eine natürliche Tribüne schaffen wollen. Heute ist diese Tribüne voller Menschen, es müssen Tausende sein, die an diesem Sonntagmorgen hierhergekommen sind – Stadionatmosphäre um 7 Uhr früh. Santa Cruz ist eins surfverrücktes Städtchen. Jedes zweite Auto hier transportiert Surfbretter auf dem Dach, wer keines hat, klemmt sich das Brett unter den Arm und fährt mit dem Fahrrad oder dem Skateboard an die Küste. Einheimische Surfer wie Jason Collins prangen auf den Titelseiten der Lokalzeitungen. Wenn er eine Welle surft, bejubeln und beklatschen sie jedes seiner Manöver. Doch dann, 30 Sekunden bevor die Zeit abläuft und die Menge seinen Sieg über den Weltmeister feiern kann, kommt aus dem Nichts die längste Welle des Morgens genau auf Kelly Slater zu. Er reitet sie fehlerfrei ab und gewinnt. Als Jason Collins aus dem Wasser kommt, kann er sich vor Glückwünschen trotzdem kaum retten.  

Wellenreiten ist längst kein Nischending mehr – man achte nur mal darauf, wie viele Produkte, die rein gar nichts mit Surfen zu tun haben, mit Spots und Anzeigen beworben werden, in denen junge, gutaussehende Menschen in Boardshorts und mit Surfbrettern zu sehen sind. Immer soll in diesen Spots Jugend, Freiheit und Coolness transportiert werden – selbst wenn es um ein Duschgel oder eine Versicherung geht. Die Surfindustrie selbst setzt Milliarden um, die großen Contests wie der Coldwater Classic laufen auf internationalen Sportkanälen und werden im Internet-Livestream von Millionen Menschen verfolgt. Dass es soweit kommen konnte, liegt auch an ein paar Ereignissen, die sich hier in Santa Cruz zugetragen haben. Man könnte sagen, diese Kleinstadt zwei Stunden südlich von San Francisco ist die Wiege des Massensports Surfen.  

1885 brachten drei hawaiianische Prinzen ihren Sport aufs amerikanische Festland. Sie gingen auf eine Militärschule in der Nähe von Santa Cruz und ritten in ihren Ferien zum ersten Mal Wellen an der amerikanischen Küste. 40 Jahre später zeigte der Hawaiianer Duke Kahanamoku, Goldmedaillengewinner im Schwimmen, hier seine Schwimm- und Surfshow. Es war der entscheidende Schub für den Beginn eines Booms, der bis heute anhält.  

Auf dem Cold Water Classic wird dieses Jahr ein weiterer solcher Meilenstein gefeiert: 1952, vor 60 Jahren, erfand Jack O’Neill in Santa Cruz den Neoprenanzug. Er liebte die Wellen und war es leid, das Wasser nach einer halben Stunde wieder vollkommen durchgefroren verlassen zu müssen. 14 Grad hat das Meer in Santa Cruz momentan, auch im Sommer wird es nicht viel wärmer. Die Realität hier und in vielen guten Surfregionen der Welt hat mit den Badehosen-Sommerbräune-Palmenstrand-Bildern aus den Werbespots nichts zu tun. Als Kelly Slater am Abend vor dem Contest für eine Trainingsrunde ins Wasser springt, trägt er sogar Neopren-Handschuhe. Früher betrieben die Surfer in Kalifornien allerlei Experimente, um sich warmzuhalten. Manche behalfen sich mit eingeölten Wollpullovern, Jack O’Neill schneiderte sich eine Weste aus dem Bezug eines alten Flugzeugsitzes. Wirklich tauglich war das alles nicht. Erst nachdem O’Neill das Neopren entdeckt hatte, konnte Surfen sich an allen wellenreichen Küsten der Welt ausbreiten und zu einem Massensport entwickeln. Jacks Sohn Pat O’Neill zog mit einer weiteren Idee nach: Er erfand Anfang der Siebzigerjahre die Leash, eine elastische Leine, mit der man das Brett am Fuß befestigt. Seitdem müssen Surfer keine hervorragenden Schwimmer mit sehr guter Kondition mehr sein, um ihren Brettern hinterher kraulen zu können und auch ohne Board in gefährlichen Strömungen zu bestehen.  

[plugin bildergalerielight Bild3="Steamer Lane, ein Surfspot wie ein Stadion" Bild4="Airs wie diese haben Surfer aus Santa Cruz im Surfen etabliert" Bild5="Statue am West Cliff Drive." Bild6="Das Haus des Eetsuit-Erfinders" Bild7="" Bild8="Wenn sie könnte, trüge sie auch ein Surfbrett"]

Am Tag des Finales steht Jason Collins vorne auf den Klippen von Steamer Lane. Im Wasser treten zwei Australier gegeneinander an, trotzdem sind noch mehr Zuschauer da als am Sonntagmorgen. Die Parkplätze und Seitenstraßen entlang der Küste sind überfüllt mit parkenden Autos, der West Cliff Drive an der Küste gesperrt. Neben Jason stehen ein paar Mittdreißiger mit Sonnenbrillen und Caps. Einer davon ist Daryl „Flea“ Virostko, ein bekannter Big-Wave-Surfer. Flea wohnt ein paar Straßen weiter, auch er ist hier aufgewachsen, hat seine Kindheit und Jugend mit Jason Collins verbracht – die meiste Zeit im Wasser. Die beiden sind die bekanntesten Köpfe der „Westsiders“, einer Art Gang, die die Wellen entlang des West Cliff Drives seit Jahren dominiert und unter sich aufteilt. „Man muss hier eine gewisse Aggressivität an den Tag legen“, sagt Flea. Wellen sind ein knappes Gut, und wenn Surfen so populär ist wie in Santa Cruz, kann es vorkommen, dass 100 Surfer gleichzeitig im Wasser sind und darum kämpfen. Die Westsiders haben den Ruf, dabei nicht zimperlich zu sein. „Es gibt eine Hackordnung da draußen auf dem Wasser.“ Flea deutet die Küste hinauf nach Norden. Da gebe es eine Welle, an der die Gang keine Fremden duldet. Was passieren würde, wenn ein Fremder dort rauspaddelt? „Der wäre keine Minute im Wasser. Er würde mit – sagen wir mal: deutlichen Worten wieder an Land geschickt“, sagt Flea. Widerworte gebe man dann besser nicht. „Das kann sonst ziemlich furchteinflößend werden.“  




Santa Cruz Local Daryl "Flea" Virostko.

Die Westsiders mögen nicht freundlich zu Fremden sein. Aber sie waren ersten, die hohe Airs mit Drehungen sprangen und damit eine Entwicklung in Gang setzten, deren Ergebnis bei Contests wie dem Cold Water Classic zu sehen ist: So oft es die Wellen erlauben, setzen die Surfer zu meterhohen Sprüngen an; denn dafür gibt es mittlerweile die meisten Punkte. Wieder eine Revolution made in Santa Cruz.  

Einer der Jungs neben Flea und Jason Collins trägt kurze Hosen und weiße Socken. Unter dem linken zeichnet sich ein dicker, klumpiger Ring ab. Anthony Ruffo, ehemaliger Surfprofi aus Santa Cruz, wurde im Februar wegen Drogenhandel verurteilt, erst vor ein paar Tagen durfte er das Gefängnis verlassen, wird aber immer noch mit einer elektronischen Fußfessel überwacht. Die Surfszene in Santa Cruz begann in den Neunzigern, sich mit der Drogenszene zu überschneiden. Vor allem Crystal Meth ist immer noch ein Problem. Die Westside mit ihren hübschen Häuschen bekam irgendwann den Beinamen „Methside“. Am tiefsten in den Drogensumpf geriet wohl Flea. Vor drei Jahren lieferte er sich selbst in eine Drogenentzugsklinik ein. Er war süchtig nach Crystal Meth gewesen, trank wie ein Besinnungsloser. Die Wellen vor seiner Tür interessierten ihn kaum noch. „Ich habe von 2006 bis 2008 durchgefeiert. 2007 habe ich angefangen, Meth zu nehmen. Täglich.“ Binnen kurzer Zeit war Flea von einem weltweit angesehenen Surfer, der 15-Meter-Wellen ritt und drei Mal den prestigeträchtigen Big-Wave-Contest in Mavericks eine Stunde nördlich von Santa Cruz gewonnen hatte, zu einem Drogenwrack geworden. Er war selten nüchtern, belog und verlor seine Sponsoren, häufte Schulden an, fiel im Rausch von einer Klippe und zog sich einen komplizierten Bruch zu. Nach gutem Zureden seiner Familie lieferte er sich schließlich selbst ein.  

Fleas große Big-Wave-Karriere ist jetzt vorbei, er sieht verlebt aus, sein Reichtum ist längst verbraucht. Er verdiente mal 12.000 Dollar monatlich, erzählt er einen Tag nach dem Contest an einem Strand etwas weiter nördlich. Momentan schlägt er sich mit verschiedenen Jobs durch und arbeitet an der Umsetzung eines neuen Traums: dem Fleahab. Der Name ist eine Mischung aus seinem Spitznamen und der englischen Bezeichnung für Entzugskliniken. Flea will Drogenabhängigen in seiner Stadt helfen. Neben dem normalen Entzugsprogramm sollen sie sich bei ihm täglich auspowern können. „Ich habe 17.000 Dollar bezahlt, um mein Leben zu ändern. Aber ich konnte in dieser Zeit nicht raus, das war die Hölle. Ich wollte deshalb etwas schaffen, wo Leute mit Drogenproblemen etwas tun können, das sie abends müde ins Bett fallen lässt. Das muss nicht zwangsläufig surfen sein. Fast jeder hat irgendeine Sportart gerne gehabt, bevor Alkohol und Drogen sein Leben übernommen haben.“ Momentan besucht Flea seine „Klienten“ fast täglich und nimmt sie mit an den Strand. Er hofft, bald ein Haus für sie mieten zu können, wo sie in einer drogen- und alkoholfreien Umgebung leben können und er sich täglich um sie kümmern kann.  

Flea blickt aufs Meer. Er hat etwas entdeckt, ein paar größere Wellen rollen langsam in die Bucht. „Eins..., zwei...., drei“, zählt er langsam und reckt den Hals. Es sind die ersten Wellen, die ein neuer Sturm von weit draußen auf dem Pazifik Richtung Küste geschickt hat. Spätestens morgen werde es hier gut sein, sagt Flea. Er wird schon jetzt ein bisschen ungeduldig. Er steht auf und setzt sich auf sein Fahrrad. Er wird jetzt noch an seinem Lieblingsspot vorbeifahren, dem Ort, an dem er und seine Freunde niemand anderen dulden. Die Top-Surfer ziehen nach dem Contest wieder weiter. In Santa Cruz wird der Hunger nach Wellen deswegen nicht kleiner. 


Quelle: http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/560520