Mitgenommen
Text: christian-helten  Foto: Maxime Ballesteros | 15 15 Kommentare | Leben_und_Job | Job | 30.10.2014 19:13  


Ist es Selbstaufgabe, wenn man seinem Partner beim Jobwechsel folgt? Oder einfach nur ein Zeichen von Aufgeschlossenheit?

Wenn es mal wieder regnet in Hamburg, wenn der Arbeitstag anstrengend war, wenn sich in ihr wieder das Gefühl einstellt, nicht so glücklich zu sein in dieser Stadt, dann hat Anna ein Problem: Früher konnte sie in solchen Situationen mit ihrem Freund sprechen, ihm ihr Leid klagen. Das machte das Aushalten einfacher. Jetzt geht das nicht mehr.

Schließlich war sie es, die nach Hamburg wollte, Sebastian wäre lieber in München geblieben. „Deshalb kann ich von ihm jetzt kein Mitleid erwarten“, sagt Anna. „Ich behalte meinen Stress so lange wie möglich für mich, weil ich weiß: Wenn ich mich beklage, kommt wahrscheinlich die Antwort: Du wolltest ja hierher.“ Anna und Sebastian standen vor eineinhalb Jahren vor einer Entscheidung. Sie wohnten in München, Anna bekam ein Angebot für einen Job in Hamburg. Es war nicht irgendein Job, es war ein Karrieresprung, eine Chance, die sich so schnell nicht wieder bieten würde. Oder überhaupt nicht mehr.

Anna war glücklich in München, auch ihre Arbeit dort machte ihr Spaß. Und: Sebastian wollte nicht nach Hamburg. Kein bisschen. Anna und er hatten einen großen Freundeskreis aus Arbeitskollegen und alten Schulfreunden, Annas Schwester war auch gerade nach München gezogen. Es war nach fünf Jahren gerade so richtig gemütlich geworden. Das Leben in Hamburg hingegen war ein leeres Blatt, nirgends gab es Anknüpfungspunkte. Immerhin, auf Anna wartete der neue Job, eine Herausforderung.

Die moderne Arbeitswelt ist flexibel geworden. Dass jemand seine Karriere bei dem Arbeitgeber beendet, bei dem er sie nach dem Studium oder nach der Ausbildung begonnen hat, kommt kaum noch vor. Man sammelt Auslandserfahrung, wird vom Arbeitgeber versetzt oder muss dort hinziehen, wo es gerade einen guten Job gibt. Wer weiterkommen will, muss den Job wechseln und unter Umständen auch die Stadt oder das Land. Die Entscheidung, ob man wegsoll oder nicht, ist nicht leicht zu treffen. Es gibt immer Dinge, die man zurücklassen müsste, und Ungewissheiten, die man vorher nicht abschätzen kann. Noch schwerer wird es, wenn der Partner die Konsequenzen einer Entscheidung mittragen muss.

„Diese Situationen sind vertrackt“, sagt Manfred Hassebrauck. Er ist Professor für Sozialpsychologie und erforscht vor allem Paare und Beziehungen. „Höchstwahrscheinlich wird es sich nicht vermeiden lassen, dass ein Partner unter der Entscheidung zu leiden hat – wie auch immer diese ausfällt.“ Hätte Anna das Jobangebot ausgeschlagen, hätten sie das Bedauern und der Ärger über die verpasste Chance womöglich nicht losgelassen. Vielleicht hätte sie Sebastian Vorwürfe gemacht. Aber er sagte: „Ich will nicht nach Hamburg, doch wenn du dich dafür entscheidest, komme ich mit.“ Er hat ihr die Entscheidung überlassen, ihr damit allerdings auch eine Bürde aufgeladen: Sie muss jetzt mit dem schlechten Gewissen klarkommen.





Für ein Paar kann das eine Gefahr sein. In stabilen und glücklichen Beziehungen herrsche immer ein Gleichgewicht, sagt Manfred Hassebrauck. Wenn jemand für die Karriere der Freundin Teile seines Lebens aufgibt, könne dieses Gleichgewicht ins Wanken geraten. Hassebrauck spricht von „nachteiliger Unausgewogenheit“, die das Paar wieder beseitigen müsse, durch Zugeständnisse und Entgegenkommen. Beim Umzug nach Hamburg hatten Anna und Sebastian zwei Wohnungen zur Auswahl, jeder favorisierte eine andere. Anna gab nach, genauso wie beim neuen Kühlschrank und der neuen Couch. Nachdem sie sich für Hamburg entschieden hatten, heirateten beide. Anna versprach, Sebastians Namen anzunehmen. Und falls sein Traum von einer Greencard für die USA irgendwann in Erfüllung geht, wird Anna ihm wahrscheinlich folgen. Nach San Francisco.

Conny ist mit ihrem Freund Felix ins Ausland gegangen. Seit knapp einem Jahr wohnen die beiden in Sydney, er leitet dort den Aufbau und den Betrieb einer neuen Maschine zur Papierproduktion. Ein guter Karriereschritt, Felix, 31, ist verantwortlich für eine Maschine so groß wie ein Fußballfeld. Es ist das dritte Mal, dass sein Job in der Beziehung den Wohnort vorgibt. Während seines Studiums machte Felix ein Praxissemester in Kapstadt. Conny kündigte ihre Stelle als Praxismanagerin in München und begleitete ihn. Als beide zurück in München waren, wurde schnell klar, dass Felix seine Diplomarbeit bei einem Unternehmen in der Nähe von Hamburg schreiben und dann dort eine Festanstellung bekommen würde. Conny ging mit. Zwei Jahre später fand Felix in seinem Posteingang eine Mail von einem seiner früheren Professoren: In Sydney werde jemand für die neue Maschine gesucht, ob er nicht Interesse habe. Er bewarb sich und wurde genommen. Conny ging mit.

Die ersten beiden Ortswechsel sind Conny leichtgefallen. In der Arztpraxis war sie schon längere Zeit unzufrieden, sie hatte Geld gespart, und es ging ja nur um fünf Monate. Sie besuchte in Kapstadt eine Sprachschule, die beiden bekamen dreimal Besuch, die Zeit war schnell um. Ob sie sich danach in München oder woanders einen neuen Job suchen musste, war ihr relativ egal. Und Hamburg klang spannend. Sie arbeitete erst im Büro einer großen Kinokette, danach baute sie ein eigenes Geschäft auf: Sie verschönerte gebrauchte Möbel von Flohmärkten und verkaufte sie über die Internetplattform Dawanda. „Damit hatte ich zum ersten Mal etwas gefunden, das mir richtig Spaß machte und auch noch gut lief“, erzählt Conny. Dann kam Australien. „Ich habe sehr darunter gelitten, das aufgeben zu müssen“, erinnert sich Conny. Und doch zog es sie auf die andere Seite des Planeten. Irgendwann wären die beiden sowieso ins Ausland gegangen, das war fest geplant. Der Zufall hatte nun eben schon jetzt Australien aufs Menu geschrieben. Nachdem der potenzielle Arbeitgeber Felix und Conny eine Woche nach Sydney eingeladen hatte, um ihnen Firma, Mitarbeiter und mögliche Wohngegenden zu zeigen, waren beide überzeugt.

Aber selbst wenn man es will – für denjenigen, der dem Partner folgt, ist es besonders schwer, am neuen Ort anzukommen. Vor allem, wenn man dort keine eigene Aufgabe hat, wenn nicht gleich Arbeit wartet und Kollegen, die einen nach Feierabend auf ein Bier mitnehmen. Auch das ist eine Art von Ungleichgewicht. „Ich bin froh, dass Conny ein Mensch ist, der gut viel Zeit mit sich selbst verbringen kann“, sagt Felix. „Ich hatte durch die Arbeit sofort Anschluss. Für sie war das schwieriger.“ Ihr Onlinegeschäft mit den Möbeln baut Conny in Australien zwar wieder auf. Aber es ist ein einsamer Job, die meiste Zeit verbringt sie zu Hause. Am Anfang, erzählt sie, habe sie oft den ganzen Tag mit niemandem geredet außer mit den Papageien auf dem Balkon. Viel wirft ihr Möbelgeschäft nicht ab. Ein finanzielles Problem entsteht dadurch  nicht, Felix’ Gehalt versorgt beide. Wenn sie essen gehen, holt am Ende er das Portemonnaie aus der Tasche. Es sind eher die Erwartungen von außen, die die beiden manchmal stören. Wenn Freunde oder Bekannte fragen, was Conny in Australien „jetzt eigentlich macht“, hört sie einen Unterton. Die Frage scheint stille Vorwürfe zu beinhalten, von wegen: Conny lasse sich aushalten, sei dem gut verdienenden Freund hinterhergezogen, interessiere sich nicht für eine eigene Karriere und spiele nun Hausfrau.
Mit dem Freund oder der Freundin mitzugehen kann aussehen wie Selbstaufgabe, und vielleicht stimmt es auch manchmal. Ein ungeplanter Ortswechsel kann einen aber auch weiterbringen. Sebastian hatte in München oft über seinen Job geklagt. Zu einer Kündigung hatte er sich, wie er sagt, wegen der netten Kollegen nicht durchringen können. Das Jobangebot für Anna war für ihn der Schub, den ein Mensch manchmal braucht, wenn er sich etwas nicht traut. Mittlerweile hat Sebastian in Hamburg einen Job gefunden, der ihm wirklich gefällt. Vielleicht ist es manchmal ganz gut, sich treiben zu lassen. Vielleicht ist es ganz angenehm, wenn jemand anderes das Steuer hält und einen nur ab und an fragt, ob man mit einem Kurswechsel einverstanden ist. Und derjenige, den man liebt, ist sicher nicht der schlechteste Steuermann.


Quelle: http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/560094