Der Traum von der Gleichberechtigung
Text: sina-pousset  Bild: David Dieschburg | 9 9 Kommentare | Textmarker | Macht | 20.12.2014 11:22  


Viele homosexuelle Amerikaner sind über Obamas Wiederwahl erleichtert. Doch sie warten auch in seiner zweiten Amtsperiode auf die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe

Angestrichen: Today, gay people of a certain age may feel as though they had stepped out of a lavender time machine. That’s the sensation that hit me when I watched the young man in Tempe shout down a homophobe in the name of the President-elect. Gay marriage is legal in six states and in Washington, D.C. Gays can serve in the military without hiding their sexuality. We’ve seen openly gay judges, congresspeople, mayors (including a four-term mayor of Tempe), movie stars, and talk-show hosts. Gay film and TV characters are almost annoyingly ubiquitous. The Supreme Court, which finally annulled sodomy laws in 2003, is set to begin examining the marriage issue. And the 2012 campaign has shown that Republicans no longer see the gays as a reliable wedge issue: although Mitt Romney opposes same-sex marriage, he has barely mentioned it this fall. If thirty-two people were to die today in a mass murder at a gay bar, both Obama and Romney would presumably express sympathy for the victims—more than any official in New Orleans did when, back in 1973, an arsonist set fire to the Upstairs Lounge.

Wo steht das denn?
Alex Ross ist eigentlich Musikjournalist bei The New Yorker. Für das Magazin schreibt der junge homosexuelle nach der Wahl über seine Erfahrungen in einem Land, das Obama schon ein ganzes Stück von seinen konservativen Denkmustern befreit hat. 



Der Weg zur Gleichberechtigung ist lang für homosexuelle Paare

Was steckt dahinter?
Was Alex Ross beschreibt, ist die längst überfällige liberale Wende der amerikanischen Innenpolitik, an der Barack Obama maßgeblich beteiligt war. Die USA blicken auf eine lange Tradition eines homophoben Führungsstils zurück, der Diskriminierung billigte und Homosexuellen gleiche Rechte versagte. Erstmals, so beschreibt es Ross, fühlen sich Homosexuelle durch einen Präsidenten ermutigt, Diskriminierung entgegenzutreten. Erstmals haben sie das Gefühl, dass sich wirklich etwas tut. Und das wurde auch Zeit. Die Geschichtliche der gay rights liest sich wie ein schlechter Krimi: Verfolgung, Verleumdung, Verweigerung von öffentlichen Stellen. Es war ein langer Weg bis zu Harvey Milk, dem ersten homosexuellen Bürgermeister San Franciscos, der zur Leitfigur der Schwulenbewegung wurde und am Ende für seine Überzeugung sein Leben ließ. Als Larry Speaks, der Sprecher von Ronald Reagan Anfang der Achtziger gefragt wurde, was die Meinung der Regierung zur wachsenden Zahl der Aidsopfer sei, war seine knappe Antwort: „What’s AIDS?“. Ein langer Weg.  

Doch die Wende, von der Alex Ross spricht, ging unter Obama zunächst langsam voran. Bis Mai dieses Jahres hat es gedauert, dass der Demokrat sich offiziell nicht nur für die Anerkennung der Civil Union, sonder auch für die Gleichstellung der homosexuellen Ehe ausgesprochen hat. Aber: Er ist damit der erste amerikanische Präsident in der Geschichte. Erstmals entschieden einige Staaten unter Obama nun per Volksentscheid über das Thema der same-sex marriage. Das Ergebnis: Das Ergebnis: Zu den sechs Staaten und D.C., in denen die Homo-Ehe bereits legalisiert ist, kamen Maine, Maryland und der Bundesstaat Washington hinzu. Damit haben homosexuelle Paare nun in neun von 50 Staaten und in der Hauptstadt Anrecht auf einen Trauschein. Das sind immer noch viel zu wenige, doch Obama hat damit zumindest den Diskurs geöffnet und sein Land vor eine Wahl gestellt.
Er hat sich zu einer klaren Richtung bekannt, die offensichtlich ankommt in der homosexuellen Gemeinde:
Axel Ross beschreibt in seinem Artikel eine Szene am Drive-In einer Fastfoodkette, in der sich ein junger Homosexueller gegen die schwulenfeindliche Beschimpfung „faggot“ wehrt. Er schreit seinem Gegner ins Gesicht:  “In this country, I can marry anyone I want! Because there’s CHANGE in this country now!”. Man ist stolz auf Obama und das was er verkörpert: Ein junges, liberales Amerika.

In Deutschland tut man sich mit der gesetzlichen Gleichstellung noch schwer. Seit Februar 2001 ermöglicht die eingetragene Lebenspartnerschaft Homosexuellen ein gleichwertiges Modell zur Ehe – zumindest theoretisch. Doch in der Praxis sieht es anders aus. Union und FDP streiten noch immer um Gleichstellungsfragen – jüngst zur Einführung des Ehegattensplittings. Angela Merkel hält an der Institution Ehe von Mann und Frau fest, ganz nach Tradition. Auch im Adoptionsrecht finden sich vielfach noch Hürden für homosexuelle Paare. In Frankreich hat sich der Sozialist Hollande nun erstmals vorgewagt ins Terrain der Homo-Ehe. Es war ein Wahlversprechen. Die Weichen für die Gleichberechtigung sind eigentlich gestellt, trotzdem hapert es im liberalen Europa an der Umsetzung. 

Das Engagement Obamas könnte nun auch bei uns  Anstoß geben, endlich die selbstgebauten Hürden aus dem Weg zu räumen. Nächstes Jahr wird der Bundesgerichtshof in Karlsruhe über die Frage des Ehegattensplittings entscheiden - genug Zeit für die Bundesregierung, um zu begreifen, dass Gleichberechtigung keinen Platz für Diskussionen lässt.


Quelle: http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/559970