Geheimes Gesetz (18): Instant Schuldgefühle
Text: friedemann-karig  Bastelei: Tvi Pham | 19 19 Kommentare | GeheimesGesetz | Leben | 18.04.2014 02:13  


In seiner Kolumne widmet sich Friedemann Karig den ungeschriebenen Regeln des Alltags. Diese Folge beschäftigt sich damit, warum uns der Anblick eines Polizisten sofort in Unruhe versetzt.




Das Gesetz:
Sieht man einen Ordnungshüter, fühlt man sich schuldig; ganz egal, ob man etwas ausgefressen hat oder nicht. 

Es genügt ein strenger Blick, eine Uniform, ein stummes Blaulicht – schon klopft dem braven Bürger das Herz. Unbeteiligt blickt er zu Boden, versucht unauffällig zu wirken, sich nichts anmerken zu lassen. Und das nur, weil er einen Polizisten gesehen hat. Neben vorauseilendem Gehorsam regieren vorauseilende Gewissensbisse. Man fühlt sich schuldig, ganz egal, ob man etwas ausgefressen hat oder nicht.  

Der potenzielle Delinquent fragt sich, angesichts einer routinierten Polizeistreife, schon auf 50 Meter Abstand: Wann habe ich zum letzten Mal gekifft? Wie lange kann man das in den Haaren nachweisen? Ist Kiffen überhaupt noch strafbar? Ist mein Personalausweis noch gültig? Er geht hektisch Ausreden und Verhöre im Kopf durch: War Papas alter Freund nicht Staatsanwalt? Warum habe ich keine Advocard? Wir leben doch in einem Rechtsstaat, die können mir gar nichts! Kommen die auf mich zu? Wohin flüchten? Diese Phantom-Reue entsteht unabhängig von der tatsächlichen kriminellen Energie. Denn in den allermeisten Fällen hat man nichts angestellt, nicht mal das Fahrradlicht vergessen. Doch schon ein achtlos ausgespuckter Kaugummi regt die Fantasie an: Können die mich dafür belangen? Ist es in den Gulli gefallen? Fischen die das da raus? Reicht das als Beweis? DNA-Spuren? Wie peinlich wäre ein Ruf quer über die Straße: „Sie da, stehengeblieben! Spucken Sie zu Hause auch so rum?“

Sogar in der U-Bahn erschreckt man sich vor nahenden Kontrolleuren, ungeachtet der gültigen Fahrkarte, die man einstecken hat. Was, wenn sie verschwunden wäre? Aus der Tasche gefallen? Wie beschämend solch ein Ertappen wäre, und noch dazu ohne böse Absicht! Und sogar wenn alles harmlos scheint kann man sich in Gegenwart von weisungsbefugtem Personals schwer entspannen. Bei jedem zufälligen Blick fragt man sich: Hat der Bademeister was gegen mich? Bin ich nicht vor zwanzig Jahren auch ohne Grund aus dem Schwimmbad geflogen? Welche Baderegel habe ich verletzt? Ist meine Hose durchsichtig? Ist das strafbar?  

Wenn man wider Erwarten dem Gesetz entkommt, fühlt man Trotz und Triumph: Warum überhaupt wird man verdächtigt, als unbescholtener Bürger? Jedenfalls müssen diese Einfaltspinsel früher aufstehen, um einen so gewieften Verdächtigen zu fangen! Sie haben nichts in der Hand, gar nichts! So selbstgerecht entfernt sich der Desperado vom Tatort. Ein letzter Blick über die Schulter, ob er verfolgt wird. Dann schlucken die Schatten seine Gestalt. 



Quelle: http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/559956